Efeu - Die Kulturrundschau
Hellwacher Spott
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2025. In Stas Zhyrkovs Shakespeare-Inszenierung "Future Macbeth" am Berliner Ensemble bleibt der Mensch als "wahrhaft gewaltiges Wesen" zurück - die Nachtkritik fragt: Was bleibt dann von der Kunst? Der Produzent und ehemalige Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz fordert in der SZ "weniger Gießkanne, mehr Bestenförderung" für die Filmbranche. Bald steht ein schwedisches Sommerhaus auf dem Mond, freut sich die SZ außerdem mit Blick auf ein Projekt des Künstlers Mikael Genberg. In Los Angeles ist ein wichtiges Arnold-Schönberg-Archiv verbrannt, meldet Slipped Disc.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.01.2025
finden Sie hier
Bühne

Ein "Lehrstück über die zeitlose Bestialität des Menschen" bekommt nachtkritiker Michael Wolf am Berliner Ensemble mit Stas Zhyrkovs Inszenierung "Future Macbeth" zu sehen. Der Shakespeare-König wird von Schauspieler "Fabian Mair Mitterer als schwacher Kindskopf" angelegt, erzählt Wolf, "nicht einmal seinen Hosenschlitz kann er alleine schließen. Und nun soll er den König töten, nun soll er ein 'Held' werden, wie die Umstehenden fordern?" Pavlo Arie und Regisseur Stas Zhyrkov "fegen Moral, Normen und Ideale leichthin von der Bühne und lassen den Menschen als wahrhaft gewaltiges Wesen zurück. 'Irgendwo tötet gerade jemand jemanden', ruft das Ensemble chorisch in den Saal hinein. 'Es geschieht mit einer Geschwindigkeit von einer Person pro Minute. Bis zum Ende dieser Vorstellung werden noch Dutzende Menschen getötet worden sein.'" Gut aufgelegte Schauspieler sieht der Kritiker hier allemal, eine interessante Frage wird jedoch ausgelassen, findet er: "Wie ist Kunst denkbar in einer Welt voller Gewalt, Trieb und Hass?"
Einige gute Antworten auf eine aus den Fugen geratene Welt findet SZ-Kritiker Peter Laudenbach in dem Stück: "Macbeth hat andere Interessen, lieber würde er wahlweise mit seinem Kriegerkumpel Banquo (Magdalena Gräslund) ins Bett gehen oder mit Duncan (Elias Nuriel Kohl) herumknutschen - Killertragödien waren auch schon mal heteronormativer. Kein Wunder, dass die umwerfende Antonia Siems ihrer Lady Macbeth hellwachen Spott schenkt: Die Frau ist entschieden zu klug, zu gut gelaunt und zu schräg, um den ganzen Königsmörder-Quatsch ernst nehmen zu können."
Besprochen werden außerdem Anna Stiepanis Inszenierung von Maria Milisavljevićs Stück "Staubfrau" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik) und Jessica Glauses Inszenierung von Olga Bachs Stück "Im Ferienlager" am Schauspielhaus Stuttgart (nachtkritik).
Architektur

© Archiv der Avantgarden - Egidio Marzona, SKD, Foto: Herbert Boswank
Ganz begeistert ist FAZ-Kritiker Bernhard Schulz von der Ausstellung "Welten bauen. Visionäre Architektur im 20. Jahrhundert" im Dresdner Archiv der Avantgarden, das wieder einmal zeigt, dass es "unabdingbar notwendig" ist, so Schulz: "Im Strom der Achtundsechziger finden sich in Wien die Kollektive von Coop Himmelb(l)au und Haus-Rucker-Co zusammen. Von Letzteren stammt die kugelrunde Wohn-Blase, die sich während der legendären Documenta 5 aus dem Kasseler Fridericianum herausstülpte, Zimmerpalmen inbegriffen. In England ist es die Gruppe Archigram um die gleichnamige, pop-bunte Zeitschrift, die sich an allgegenwärtigen Raumfahrt-Visionen orientierte und Städte ersann, die als 'Plug-in Cities' aus zusammensteckbaren Teilen bestehen oder als 'Walking Cities' über die Landschaft hinwegwandern sollten. In Japan verfolgten die Metabolisten einen vergleichbaren, aus den Naturwissenschaften abgeleiteten Ansatz des Stoffwechsels von Architektur und ihrer Umgebung."
Musik
Der Klassik-Nachrichtendienst Slipped Disc bringt bittere Nachrichten aus Los Angeles: Belmont Music Publisher, das Musikverlagshaus für die Pflege und Archivierung des Werks von Arnold Schönberg, ist laut Larry Schönberg, dem Sohn des Komponisten, den Flammen zum Opfer gefallen: "Das gesamte Inventar von Verkaufs- und Verleihmaterial - das einige Manuskripte, originale Kompositionen und Druckmaterialen enthält - ist im Feuer verloren gegangen."
"Nicht nur das Wirtschaftsdenken des Westens und seine Wissenschaft, sondern auch und vielleicht vor allem die westliche Musik zeichnet sich durch eine universale Anziehungskraft aus", schreibt der Philosoph Otfried Höffe, online nachgereicht, in der NZZ angesichts des Erfolgs der Klassik insbesondere auch in den asiatischen Ländern. Mit der "kulturellen Dominanz des Westens, die vor Jahrzehnten ein Grund gewesen sein mag", sei das heute nicht mehr zu erklären: "Kolonialismus und Imperialismus sind glücklicherweise überwunden. Die Gründe müssen in der Musik selbst liegen. Zum Beispiel darin, dass in Opern und Liedern - etwa in Franz Schuberts "Winterreise" - allgemein menschliche und damit kulturunabhängige Fragen Antworten finden, in der Sprache der Musik. ... Die Gefühlswelten, die sich in der Musik ausdrücken, die Stimmungen und Leidenschaften sind so vielfältig wie die der Menschen. Dank dem Genie großer Komponisten erreichen sie eine zwingende, eindringliche Form. Und dies in einer Sprache, die auch deshalb fast universell verständlich ist, weil sie offen ist."
Weitere Artikel: In der NZZ wundert sich Rüdiger Görner (online vom Samstag nachgereicht), warum es 2024 so still um Gustav Holst geblieben ist, der letztes Jahr 150 Jahre alt geworden wäre und mit seiner Suite "Die Planeten" unter anderem John Williams' Soundtrack von "Star Wars" stark geprägt hat - sich auf diesen Einfluss aber nicht reduzieren lässt. Karl Fluch (Standard) und Edo Reents (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Soulsanger Sam Moore, den man als die Hälfte von Sam & Dave kennt.
Besprochen werden eine 70 CDs und 56 Alben umfassende Werkschau Udo Jürgens ("Er ist ein Klassiker", schwärmt Markus Barth in der FAZ), ein Konzert von Tarwater in Berlin (taz), ein Auftritt von Alligatoah in Wien (Presse), eine Neueinspielung von Johann Adolph Hasses barockem Oratorium "Serpentes ignei in deserto" (FAZ), Gabriel Duponts Pianoaufnahme "La Maison dans les Dunes. Giuseppe Taccogna" (FAZ) und das neue Album von Joan as Police Woman, das FAZ-Kritiker Thomas Thiel "in eine Welt entschweben" lässt, "in der das Ich eine lockende Insel ist".
"Nicht nur das Wirtschaftsdenken des Westens und seine Wissenschaft, sondern auch und vielleicht vor allem die westliche Musik zeichnet sich durch eine universale Anziehungskraft aus", schreibt der Philosoph Otfried Höffe, online nachgereicht, in der NZZ angesichts des Erfolgs der Klassik insbesondere auch in den asiatischen Ländern. Mit der "kulturellen Dominanz des Westens, die vor Jahrzehnten ein Grund gewesen sein mag", sei das heute nicht mehr zu erklären: "Kolonialismus und Imperialismus sind glücklicherweise überwunden. Die Gründe müssen in der Musik selbst liegen. Zum Beispiel darin, dass in Opern und Liedern - etwa in Franz Schuberts "Winterreise" - allgemein menschliche und damit kulturunabhängige Fragen Antworten finden, in der Sprache der Musik. ... Die Gefühlswelten, die sich in der Musik ausdrücken, die Stimmungen und Leidenschaften sind so vielfältig wie die der Menschen. Dank dem Genie großer Komponisten erreichen sie eine zwingende, eindringliche Form. Und dies in einer Sprache, die auch deshalb fast universell verständlich ist, weil sie offen ist."
Weitere Artikel: In der NZZ wundert sich Rüdiger Görner (online vom Samstag nachgereicht), warum es 2024 so still um Gustav Holst geblieben ist, der letztes Jahr 150 Jahre alt geworden wäre und mit seiner Suite "Die Planeten" unter anderem John Williams' Soundtrack von "Star Wars" stark geprägt hat - sich auf diesen Einfluss aber nicht reduzieren lässt. Karl Fluch (Standard) und Edo Reents (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Soulsanger Sam Moore, den man als die Hälfte von Sam & Dave kennt.
Besprochen werden eine 70 CDs und 56 Alben umfassende Werkschau Udo Jürgens ("Er ist ein Klassiker", schwärmt Markus Barth in der FAZ), ein Konzert von Tarwater in Berlin (taz), ein Auftritt von Alligatoah in Wien (Presse), eine Neueinspielung von Johann Adolph Hasses barockem Oratorium "Serpentes ignei in deserto" (FAZ), Gabriel Duponts Pianoaufnahme "La Maison dans les Dunes. Giuseppe Taccogna" (FAZ) und das neue Album von Joan as Police Woman, das FAZ-Kritiker Thomas Thiel "in eine Welt entschweben" lässt, "in der das Ich eine lockende Insel ist".
Literatur
Im Dlf unterhält sich Dirk Fuhrig ausführlich mit François Zimeray, dem Anwalt des inhaftierten algerischen Schriftstellers Boualem Sansal (mehr hier): Eine Anklageschrift mit konkreten Vorwürfen gibt es auch weiterhin nicht, erfahren wir - und Zimeray wird auch weiterhin nicht zu seinem Mandanten vorgelassen. Mara Delius zeigt sich im online nachgereichten Kommentar aus der WamS irritiert davon, dass das Auswärtige Amt den Vorschlag Israels abgelehnt hat, bei der Frankfurter Buchmesse mit gemeinsamen Aktivitäten 60 Jahre gemeinsame diplomatische Beziehungen zu feiern: "Angesichts des Nichthandelns der Politik wäre es wohl an der Zeit, Israel möglichst bald zum Gastland der Buchmesse zu machen." Im Bücherpodcast der FAZ spricht Elena Witzeck mit Tijan Sila über dessen Roman "Radio Sarajevo". René Aguigah spricht im Dlf Kultur mit Josef Vogl ausführlich über Gilles Deleuze und dessen Texte über Literatur. Elke Schlinsog erinnert im Literaturfeature für Dlf Kultur an die Gedichte von Mascha Kaléko.
Besprochen werden unter anderem Daniel Glattauers "In einem Zug" (FR), Katja Lewinas "Was ist schon für immer" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrich Stadlers "Der ewige Verschwinder. Eine Kulturgeschichte des Flohs" (NZZ) und Marlen Hobracks "Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Combrink über Max Kommerells "Erinnerte Landschaften":
"Man meint, jetzt müßte müd die See sein,
Die große See, an deren Rand
Der dunkle Ball des Lichtes stand ..."
Besprochen werden unter anderem Daniel Glattauers "In einem Zug" (FR), Katja Lewinas "Was ist schon für immer" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrich Stadlers "Der ewige Verschwinder. Eine Kulturgeschichte des Flohs" (NZZ) und Marlen Hobracks "Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Combrink über Max Kommerells "Erinnerte Landschaften":
"Man meint, jetzt müßte müd die See sein,
Die große See, an deren Rand
Der dunkle Ball des Lichtes stand ..."
Film
Die deutsche Filmbranche schaut zu sehr auf die Fördergelder, um überlebensfähig zu bleiben, doch "ohne außergewöhnliche Geschichten und mutige Visionen" wird sie "unsichtbar und irrelevant", warnt der Produzent und ehemalige Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz in der SZ. Denn: "Bei einem Angebot von vielen Hundert Filmen jedes Jahr sind es gerade einmal zwei Dutzend, die das Publikum in relevantem Umfang erreichen, an den Kinokassen oder durch Erfolge bei internationalen Festivals oder durch innovative neue gestalterische Ansätze. ... Zu viele Filme ohne Relevanz, zu viel Durchschnitt, die dem deutschen Kino weder zu mehr Qualität noch zu mehr Wirtschaftlichkeit verhelfen. Die Überproduktion verwässert die sowieso nicht ausreichenden Finanzierungsquellen und führt dazu, dass ein großer Teil des Publikums das Interesse an deutschen Produktionen verloren hat. ... Weniger Gießkanne, mehr Bestenförderung - das sollte der Weg sein."
Unmittelbar vor Donald Trumps Antritt zu seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident wirkt Fred Zinnemanns Westernklassiker "High Noon" auf Oliver Schwehm (FAZ) geradezu "prophetisch": Der Film erzählt vom "spektakulären Comeback eines Gesetzlosen - und während sich die Dorfgemeinschaft sowie das Kinopublikum noch fragen, wie es sein kann, dass Miller plötzlich wieder auf freiem Fuß ist, bangen sie schon in Echtzeit seiner Ankunft mit dem Zug um 12 Uhr mittags entgegen. Der Film ... zeigt detailliert, wie unter dem Drohpotential von Miller und seiner Bande die mühsam errungene Ordnung und damit die Zivilisation von innen heraus zu zerbröckeln beginnen." Und "es ist ein trauriger Paradigmenwechsel, dass der amerikanische Präsident nun nicht mehr mit dem Sheriff identifiziert wird, sondern mit dem Schurken, der in dem Film mit folgenden Worten charakterisiert wird: 'He was always wild and kind of crazy. He'll probably make trouble.'"
Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem polnischen Regisseur Patryk Verga über dessen Groteske "Putin", vor der Barbara Schweizerhof in der taz eindringlich warnt (mehr zu dem Film hier). Hanns-Georg Rodek versucht sich in der Welt an einer traurigen ersten Bilanz, welche legendären Hollywood-Schauplätze bei den verheerenden Bränden in Los Angeles bislang zerstört wurden. Valerie Dirk porträtiert im Standard den Schauspieler Kieran Culkin. Besprochen werden Tim Fehlbaums "September 5" (Standard, unsere Kritik) und eine Netflix-Dokuserie über den US-Krawalltalker Jerry Springer (BLZ).
Unmittelbar vor Donald Trumps Antritt zu seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident wirkt Fred Zinnemanns Westernklassiker "High Noon" auf Oliver Schwehm (FAZ) geradezu "prophetisch": Der Film erzählt vom "spektakulären Comeback eines Gesetzlosen - und während sich die Dorfgemeinschaft sowie das Kinopublikum noch fragen, wie es sein kann, dass Miller plötzlich wieder auf freiem Fuß ist, bangen sie schon in Echtzeit seiner Ankunft mit dem Zug um 12 Uhr mittags entgegen. Der Film ... zeigt detailliert, wie unter dem Drohpotential von Miller und seiner Bande die mühsam errungene Ordnung und damit die Zivilisation von innen heraus zu zerbröckeln beginnen." Und "es ist ein trauriger Paradigmenwechsel, dass der amerikanische Präsident nun nicht mehr mit dem Sheriff identifiziert wird, sondern mit dem Schurken, der in dem Film mit folgenden Worten charakterisiert wird: 'He was always wild and kind of crazy. He'll probably make trouble.'"
Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem polnischen Regisseur Patryk Verga über dessen Groteske "Putin", vor der Barbara Schweizerhof in der taz eindringlich warnt (mehr zu dem Film hier). Hanns-Georg Rodek versucht sich in der Welt an einer traurigen ersten Bilanz, welche legendären Hollywood-Schauplätze bei den verheerenden Bränden in Los Angeles bislang zerstört wurden. Valerie Dirk porträtiert im Standard den Schauspieler Kieran Culkin. Besprochen werden Tim Fehlbaums "September 5" (Standard, unsere Kritik) und eine Netflix-Dokuserie über den US-Krawalltalker Jerry Springer (BLZ).
Kunst

Weiteres: In der Berliner Zeitung bespricht Ingeborg Ruthe das Buch "Der Mensch in der Skulptur - Figurative Kunst der Gegenwart" der Kunstkritikerin Helga Meister ("kurzweilig, voller Anekdoten und kompetenter Analysen", findet die Kritikerin). Besprochen wird die Ausstellung "Who, Me?" mit Werken von Adrian Piper in der Kunsthalle Portikus in Frankfurt am Main (taz).
Kommentieren



