Efeu - Die Kulturrundschau
Kleine Schnittchen der Theorie
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.12.2024. PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel mahnt im SZ-Gespräch mit Blick auf den aktuellen Streit um eine Nahostkonflikt-Resolution, sich mehr auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede zu konzentrieren. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel attestieren der Pro-Palästina-Fraktion um Per Leo in der FAZ hingegen Eitelkeit und Narzissmus. Die Kritiker nehmen mit "Der Schnittchenkauf" an der Volksbühne endgültig Abschied von René Pollesch. Und die Filmkritiker trauern um den Regisseur Wolfgang Becker, der die "Jammerzeit" des deutschen Kino der Neunziger beendete.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.12.2024
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Literatur
PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel zeigt sich im SZ-Gespräch mit Jens-Christian Rabe ziemlich getroffen von dem Wirbel rund um die Nahostresolution des Schriftstellervereins. Den rhetorischen Furor der Per-Leo-Fraktion, der es nicht israelkritisch genug zugehen kann, erklärt er sich auch mit Enttäuschung, innerhalb des Vereins zu wenig gehört zu werden. Aber "ich lade alle Ausgetretenen ein, sich zu fragen, ob sie ihre Enttäuschung über eine Resolution höher gewichten wollen als die Menschenrechtsarbeit dieses Vereins - und als die Chance, die wir hier haben: auf ein Gespräch im gemeinsamen Vertrauen auf die Kraft des besseren Arguments." Wer beim Thema Antisemitismus empfindlich ist, ist dies "zu Recht. Aber ich frage sie auch: Wie wichtig sind deine Differenzen mit einem arabischen Schriftsteller, der wenig überraschend auf den Nahostkonflikt eine andere Sicht hat als du, und der bestimmte Begriffe und Kategorien für passend hält, die du für falsch hältst? Und sind diese Differenzen wirklich größer als eure Gemeinsamkeiten in der Ablehnung von Antisemitismus und Rassismus außerhalb unseres kleinen Vereins?" Denn "das wahre Ausmaß der Verwerfungen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft durch den 7. Oktober und den Gaza-Krieg, auch in meinem Herkunftsmilieu der türkischen Gastarbeiter, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen."
Mit großer Irritation verfolgen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die Turbulenzen beim PEN Berlin, dessen Aktivitäten in den zwei Jahren seines Bestehens eigentlich als "Erfolgsgeschichte" gewerten werden müssten. Doch was sich nun abspielt, hat "mit der Situation in Nahost wenig zu tun, vielmehr mit eigenen Befindlichkeiten, Eitelkeiten und Rechthaberei", schreiben sie in der FAZ. "Jeglicher Kompromiss wird als Verrat gewertet. Mit dem kollektiven Austritt zeigt sich ein merkwürdiges Demokratieverständnis: Ich bin Teil des demokratischen Spiels nur unter der Bedingung, dass meine Vorschläge verabschiedet werden. Sollte aber die Entscheidung anders fallen, dann steige ich aus. Der Austritt wird als 'Gebot der geistigen und moralischen Hygiene' erklärt. Am Ende des Tages geht es also doch nicht um die leidenden Kollegen in Nahost?" Darin zeigt sich die "narzisstische Ich-Bezogenheit der Verfasser des offenen Briefes. ... Die moralische Selbstüberhöhung, frei von jeglicher Selbstironie, weist satirische Züge auf."
Julia Encke kommt in der FAS auf ein pikantes Detail der Geschichte zu spechen: Gerade wurde Per Leo als Historiker "ein Forschungsprojekt zum Thema 'Konfliktstoff - Israel und Palästina an deutschen Schulen'" zugesprochen. "Angesichts der Auseinandersetzungen im PEN Berlin sowie der diffamierenden Äußerungen Per Leos in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur stellt sich allerdings die Frage, wieso ausgerechnet ein begrenzt dialogbereiter ('rote Linie') und zu selbstgerechter Herabsetzung anderer neigender Schriftsteller geeignet sein sollte, eine Idee davon zu entwickeln, wie der 'Konfliktstoff Israel und Palästina' an Schulen verhandelt werden soll."
Sehr verrätselt blicken Bernhard Malkmus, Ludwig Fischer und Jan Röhnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ auf den Umstand, dass im englischsprachigen Ausland "Nature Writing" ein so ehrenwertes wie erfolgreiches Genre der Gegenwartsliteratur ist, wohingegen in Deutschland diesbezüglich das große Achselzucken herrscht. Das Klima ist zwar durchaus Thema, doch "insgesamt herrscht eine erschreckende Lebenskälte: Tiere sind Seltenheit, Wildtiere praktisch abwesend, Pflanzen und andere Naturerscheinungen allenfalls Kulisse. Ausnahmen wie Esther Kinsky" oder "Wulf Kirsten ... bestätigen die Regel. Die bestürzende Leere unserer ausgeräumten Landschaften, die fortschreitende Zerstörung der Böden, die erbarmungslose Artenausrottung um uns - die zeitgenössische Literatur schweigt sich dazu aristokratisch aus. Menschen leben in der Gegenwartsliteratur in allen möglichen Räumen, auf allen fünf Kontinenten, im Weltraum gar, nur nicht in der Natur. Die Biosphäre als ihre eigene Heimat - das klingt ihr pathetisch und ewiggestrig. Dabei ist sie die einzige Zukunft, die wir haben."
Weitere Artikel: Der in Berlin lebende, guatemalische Schriftsteller Eduardo Halfon denkt in der NZZ darüber nach, was es heißt als Schriftsteller in der jüdischen Tradition zu stehen. Theo Stemmler erinnert in der FAZ an den vor hundert Jahren geborenen, französischen Schriftsteller Michel Tournier. In "Bilder und Zeiten" dokumentiert die FAZ die Laudatio des Schriftstellers Michael Kleeberg zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises an den Lyriker Wilhelm Bartsch. Der aktuelle Run auf Barbourjacken macht Christian Krachts Debütroman "Faserland" von 1995 wieder schlagartig aktuell, schreibt Marc Reichwein in der WamS.
Außerdem empfehlen wir "25 Bücher, um das Jahr 2025 zu verstehen" - die Perlentaucher wünschen viel Freude beim Stöbern und Lesen!
Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (taz, FAZ, FAS), Samantha Harveys mit dem Booker Prize ausgezeichneter Astronauten-Roman "Umlaufbahnen" (Welt), Serhij Zhadans Lyrikband "Chronik des eigenen Atems" (FR), Enrico Palandris Debütroman "Lichter auf der Piazza Maggiore" (taz), Tatjana Tönsmeyers Studie "Unter deutscher Besatzung. Europa 1939 - 1945" (taz), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Eva Rottmanns "Fucking fucking schön" (taz), der Band "Trinken wie ein Dichter. 99 Drinks mit Jane Austen, Ernest Hemingway & Co." (NZZ), Friederike Mayröckers "Gesammelte Gedichte 2004-2021" (WamS) und Monika Rincks Lyrikband "Höllenfahrt & Entenstaat" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Mit großer Irritation verfolgen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die Turbulenzen beim PEN Berlin, dessen Aktivitäten in den zwei Jahren seines Bestehens eigentlich als "Erfolgsgeschichte" gewerten werden müssten. Doch was sich nun abspielt, hat "mit der Situation in Nahost wenig zu tun, vielmehr mit eigenen Befindlichkeiten, Eitelkeiten und Rechthaberei", schreiben sie in der FAZ. "Jeglicher Kompromiss wird als Verrat gewertet. Mit dem kollektiven Austritt zeigt sich ein merkwürdiges Demokratieverständnis: Ich bin Teil des demokratischen Spiels nur unter der Bedingung, dass meine Vorschläge verabschiedet werden. Sollte aber die Entscheidung anders fallen, dann steige ich aus. Der Austritt wird als 'Gebot der geistigen und moralischen Hygiene' erklärt. Am Ende des Tages geht es also doch nicht um die leidenden Kollegen in Nahost?" Darin zeigt sich die "narzisstische Ich-Bezogenheit der Verfasser des offenen Briefes. ... Die moralische Selbstüberhöhung, frei von jeglicher Selbstironie, weist satirische Züge auf."
Julia Encke kommt in der FAS auf ein pikantes Detail der Geschichte zu spechen: Gerade wurde Per Leo als Historiker "ein Forschungsprojekt zum Thema 'Konfliktstoff - Israel und Palästina an deutschen Schulen'" zugesprochen. "Angesichts der Auseinandersetzungen im PEN Berlin sowie der diffamierenden Äußerungen Per Leos in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur stellt sich allerdings die Frage, wieso ausgerechnet ein begrenzt dialogbereiter ('rote Linie') und zu selbstgerechter Herabsetzung anderer neigender Schriftsteller geeignet sein sollte, eine Idee davon zu entwickeln, wie der 'Konfliktstoff Israel und Palästina' an Schulen verhandelt werden soll."
Sehr verrätselt blicken Bernhard Malkmus, Ludwig Fischer und Jan Röhnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ auf den Umstand, dass im englischsprachigen Ausland "Nature Writing" ein so ehrenwertes wie erfolgreiches Genre der Gegenwartsliteratur ist, wohingegen in Deutschland diesbezüglich das große Achselzucken herrscht. Das Klima ist zwar durchaus Thema, doch "insgesamt herrscht eine erschreckende Lebenskälte: Tiere sind Seltenheit, Wildtiere praktisch abwesend, Pflanzen und andere Naturerscheinungen allenfalls Kulisse. Ausnahmen wie Esther Kinsky" oder "Wulf Kirsten ... bestätigen die Regel. Die bestürzende Leere unserer ausgeräumten Landschaften, die fortschreitende Zerstörung der Böden, die erbarmungslose Artenausrottung um uns - die zeitgenössische Literatur schweigt sich dazu aristokratisch aus. Menschen leben in der Gegenwartsliteratur in allen möglichen Räumen, auf allen fünf Kontinenten, im Weltraum gar, nur nicht in der Natur. Die Biosphäre als ihre eigene Heimat - das klingt ihr pathetisch und ewiggestrig. Dabei ist sie die einzige Zukunft, die wir haben."
Weitere Artikel: Der in Berlin lebende, guatemalische Schriftsteller Eduardo Halfon denkt in der NZZ darüber nach, was es heißt als Schriftsteller in der jüdischen Tradition zu stehen. Theo Stemmler erinnert in der FAZ an den vor hundert Jahren geborenen, französischen Schriftsteller Michel Tournier. In "Bilder und Zeiten" dokumentiert die FAZ die Laudatio des Schriftstellers Michael Kleeberg zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises an den Lyriker Wilhelm Bartsch. Der aktuelle Run auf Barbourjacken macht Christian Krachts Debütroman "Faserland" von 1995 wieder schlagartig aktuell, schreibt Marc Reichwein in der WamS.
Außerdem empfehlen wir "25 Bücher, um das Jahr 2025 zu verstehen" - die Perlentaucher wünschen viel Freude beim Stöbern und Lesen!
Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (taz, FAZ, FAS), Samantha Harveys mit dem Booker Prize ausgezeichneter Astronauten-Roman "Umlaufbahnen" (Welt), Serhij Zhadans Lyrikband "Chronik des eigenen Atems" (FR), Enrico Palandris Debütroman "Lichter auf der Piazza Maggiore" (taz), Tatjana Tönsmeyers Studie "Unter deutscher Besatzung. Europa 1939 - 1945" (taz), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Eva Rottmanns "Fucking fucking schön" (taz), der Band "Trinken wie ein Dichter. 99 Drinks mit Jane Austen, Ernest Hemingway & Co." (NZZ), Friederike Mayröckers "Gesammelte Gedichte 2004-2021" (WamS) und Monika Rincks Lyrikband "Höllenfahrt & Entenstaat" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Mit schwerem Herzen nimmt SZ-Kritiker Peter Laudenbach mit dem Stück "Schnittchenkauf" noch einmal Abschied von René Pollesch und von seiner ganz eigenen Art, Theater zu machen. Da Pollesch das Nachspielen seiner Stücke verboten hat, wird es wohl das letzte Mal sein, dass man einen seiner Texte auf der Bühne sieht. Das Stück ist dann auch kein wirkliches Stück, sondern eine Art "Essay-Manifest", in dem Pollesch über das Theater und die Welt nachdenkt: "Franz Beil im Kunstfellkostüm einer Riesenratte macht sich einen Spaß daraus, Polleschs Gedanken-Pirouetten zu berlinern. Milan Peschel staunt mit vorgetäuschter Begriffsstutzigkeit, und Kathrin Angerer führt vor, was ein Diven-Auftritt sein kann: 'Was für eine Bruchbude! Was für ein Dreckloch!' Martin Wuttke geht einem endgültigen Text, einem Text, der alle anderen Texte abschaffen wird, auf den Grund: 'Endstation Meinung'. Danach sieht man zwar nicht unbedingt klarer, das aber auf das Beschwingteste."
"Am Ende ist das vielleicht die beste Metapher für das, was Pollesch uns zurücklässt", meint Simon Strauß in der FAZ, "Kleine Schnittchen der Theorie, über die herzhaft gelacht werden darf. Es ist ein Text voller Theorie-Pirouetten und Reflexionsreflexen, der von jener Pollesch-typischen Aseptik geprägt ist, die, statt Kritik herauszufordern, zu Koreferaten ermuntert. Entweder man hört weg oder man wird Teil dieses Volleyballturniers der Worte." Nachtkritiker Janis El-Bira bescheinigt diesem Abend einen "bis zur Albernheit reichenden Witz" und "flirrenden Rhythmus".
Ivana Sokola merkt diesem Abend trotz allem an, dass das Genie Pollesch dahinter fehlt, wie sie auf Zeit Online schreibt, dafür wird sie mitgenommen auf ein "zärtliches Wohin mit in eine seltsame Zukunft". Jakob Hayner bespricht das Stück für die Welt.
Außerdem: Außerdem: Im wochentaz-Interview unterhält sich die Theater- und Opernregisseurin Pınar Karabulut mit Sophia Zessnik über ihre Anfänge am Theater, Sexismus-Erfahrungen während ihrer Karriere und die Berliner Sparpläne. Besprochen werden Arnaud Bernards Inszenierung von Umberto Giordanos Oper "Fedora" am Grand Théatre Genève (FAZ), Thomas Köcks Inszenierung von "proteus 2481" nach Aischylos an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), Helgard Haugs Inszenierung von "Ever Given. Eine Kipp-Punkt-Revue" am Volkstheater Wien (nachtkritik) und Kerem Hillels Inszenierung seines Stücks "Three Steps Orfeo" im TD Berlin (Tsp).
Film
Der Filmregisseur Wolfgang Becker ist tot. Mit der in späten Neunzigern gemeinsam mit Dani Levy und Tom Tykwer gegründeten Produktionsfirma "X Filme" erneuerte er um 2000 das deutsche Kino. "Good Bye Lenin" von 2003 zog nicht nur in Deutschland ein Millionenpublikum. "Becker besaß ein Gespür fürs richtige Timing und wusste, dass eine Pointe am besten trifft, wenn sie auf kollektive Gefühle zielt", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Mit ihm kehrte ein Hauch vom Lubitsch-Touch ins deutsche Kino zurück." Er "galt als detailversessener Perfektionist. Künstlerische Kompromisse wollte er eher nicht machen." Erst 2015 kehrte er daher mit der Kehlmann-Verfilmung "Ich und Kaminski" ins Kino zurück. "Zuletzt hat Becker noch seinen Film 'Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße' über eine Massenflucht aus Ost-Berlin abgedreht, nach dem Buch von Maxim Leo."
David Steinitz erinnert in der SZ an die Aufbruchstimmung, die mit "X Filme" auf einmal im deutschen Kino herrschte: "Anfang, Mitte der Neunzigerjahre hatte laut Becker eine 'Jammerzeit' im deutschen Kino geherrscht, immer dieselben Geschichten, dieselben Gesichter - und dieselben schlechten Marktanteile für deutsche Filme. Becker und Konsorten wollten mit einer Firma dagegenhalten, die 'mehr als die Summe unserer Einzelteile' sein sollte." So entstand "nicht weniger als ein kleines Kinowunder. ... Neben Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (das Drehbuch hatte er gemeinsam mit Tom Tykwer geschrieben) bildeten Tykwers "Lola rennt", Dani Levys "Alles auf Zucker!" und schließlich Beckers "Good Bye, Lenin!" das Fundament einer neuen, selbstbewussten Autorenfilm-Ära im deutschen Kino."
Weiteres: Kamil Moll durchforstet mit Löwenherz für den Filmdienst das weite Feld der "komischen Filme aus Deutschland, die sich auf aktuelle gesellschaftliche Probleme stürzen". In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel Eva Mattes zum 70. Geburtstag. Und der Filmdienst kürt die 20 besten Serien des Jahres.
Besprochen werden Robert Zemeckis' "Here" (FAZ, mehr dazu hier und dort), Galder Gaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (SZ, FD) und der von Jan Böhmermann produzierte und geschriebene ZDF-Film "Hallo, Spencer - Der Film" (Zeit Online). Dirk von Lowtzow hat darin einen Auftritt mit den Quietsch Boys.
David Steinitz erinnert in der SZ an die Aufbruchstimmung, die mit "X Filme" auf einmal im deutschen Kino herrschte: "Anfang, Mitte der Neunzigerjahre hatte laut Becker eine 'Jammerzeit' im deutschen Kino geherrscht, immer dieselben Geschichten, dieselben Gesichter - und dieselben schlechten Marktanteile für deutsche Filme. Becker und Konsorten wollten mit einer Firma dagegenhalten, die 'mehr als die Summe unserer Einzelteile' sein sollte." So entstand "nicht weniger als ein kleines Kinowunder. ... Neben Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (das Drehbuch hatte er gemeinsam mit Tom Tykwer geschrieben) bildeten Tykwers "Lola rennt", Dani Levys "Alles auf Zucker!" und schließlich Beckers "Good Bye, Lenin!" das Fundament einer neuen, selbstbewussten Autorenfilm-Ära im deutschen Kino."
Weiteres: Kamil Moll durchforstet mit Löwenherz für den Filmdienst das weite Feld der "komischen Filme aus Deutschland, die sich auf aktuelle gesellschaftliche Probleme stürzen". In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel Eva Mattes zum 70. Geburtstag. Und der Filmdienst kürt die 20 besten Serien des Jahres.
Besprochen werden Robert Zemeckis' "Here" (FAZ, mehr dazu hier und dort), Galder Gaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (SZ, FD) und der von Jan Böhmermann produzierte und geschriebene ZDF-Film "Hallo, Spencer - Der Film" (Zeit Online). Dirk von Lowtzow hat darin einen Auftritt mit den Quietsch Boys.
Musik
In einem epischen Longread für "Bilder und Zeiten" der FAZ würdigt Jan Brachmann den im Sommer verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm. Auf die Verkrustungstendenzen der Neuen Musik, die vor der Welt und ihren Abgründen in die völlige Abstraktion floh, reagierte Rihm früh. Er "hatte erkannt, dass die Bemühungen um eine 'Reinheit der Tonkunst', durch ein politisches Trauma motiviert, zum Ende einer Kunst führen würden, die Menschen berühren kann. Rihm aber wollte berühren und berührt werden. So wurde seine Musik von den Siebzigerjahren an wahrgenommen als Einspruch des Subjekts gegen die Vorherrschaft der Verfahren, Technologien und gegen eine Geschichtsphilosophie des Materials. Doch dieses Subjekt, das sich in seiner Musik artikuliert, ist gerade nicht jenes 'Ich denke, also bin ich' von René Descartes, das seine Methoden der Welterfassung jenseits von Körper, Sprache und Geschichte gebiert. Rihms musikalisches Subjekt ist ohne Körper, Sprache und Geschichte nicht denkbar."
Weitere Artikel: Ist ja schön und gut, dass die GEMA OpenAI verklagt und am Ende für die allermeisten Musiker und Komponisten ein paar Kaffee-Euro herausspringen, findet Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne, aber das ändert alles nichts daran, dass "Arrangeur*innen, Produzent*innen und ausübende Musiker*innen" zugunsten von "Komponist*innen, Textdichter*innen und Musikverleger*innen" auch weiterhin vom Urheberrecht quasi nichts haben, wiewohl sie Atmosphäre und Anmutung eines Songs oft viel maßgeblicher prägen. Jan Brachmann spricht für die FAZ mit dem Bach-Forscher und Juristen Meinolf Brüser, der der Ansicht ist, dass Bach seine "Kunst der Fuge" durchaus bewusst unvollendet gelassen hat und zwar "als Dokument religiöser Radikalisierung gegen den Selbstvervollkommnungsdiskurs der Aufklärung". Die Zeit hat August Modersohns Gespräch mit dem Rapper Trettmann online nachgereicht. Für die SZ porträtiert Jakob Biazza den auf TikTok groß gewordenen Popstar Nina Chuba. Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi sieht nach einem Online-Konzert, das sie ohne Kopftuch und schulterfrei absolviert hat, Repressionen durch das Regime von Teheran entgegen, meldet der Standard. Hier das Konzert:
Besprochen werden Fritzi Ernsts neues Album "Jo-Jo" (taz), Soap & Skins Album "Torso" (SZ, mehr dazu bereits hier) und ein Konzert von Marion Cotillard in Frankfurt (FR).
Weitere Artikel: Ist ja schön und gut, dass die GEMA OpenAI verklagt und am Ende für die allermeisten Musiker und Komponisten ein paar Kaffee-Euro herausspringen, findet Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne, aber das ändert alles nichts daran, dass "Arrangeur*innen, Produzent*innen und ausübende Musiker*innen" zugunsten von "Komponist*innen, Textdichter*innen und Musikverleger*innen" auch weiterhin vom Urheberrecht quasi nichts haben, wiewohl sie Atmosphäre und Anmutung eines Songs oft viel maßgeblicher prägen. Jan Brachmann spricht für die FAZ mit dem Bach-Forscher und Juristen Meinolf Brüser, der der Ansicht ist, dass Bach seine "Kunst der Fuge" durchaus bewusst unvollendet gelassen hat und zwar "als Dokument religiöser Radikalisierung gegen den Selbstvervollkommnungsdiskurs der Aufklärung". Die Zeit hat August Modersohns Gespräch mit dem Rapper Trettmann online nachgereicht. Für die SZ porträtiert Jakob Biazza den auf TikTok groß gewordenen Popstar Nina Chuba. Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi sieht nach einem Online-Konzert, das sie ohne Kopftuch und schulterfrei absolviert hat, Repressionen durch das Regime von Teheran entgegen, meldet der Standard. Hier das Konzert:
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Design
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Matthieu Blazy wird künftig als Kreativdirektor bei Chanel tätig sein. Es ist "die mit Abstand beste Wahl", jubelt Silke Wichert in der SZ. "Die letzten drei Jahre hat der Mann bei Bottega Veneta das seltene Kunststück vollbracht, dass seine Kollektionen von Kritikern wie Einkäufern abgefeiert wurden, tatsächlich aber auch bei den Kunden ankamen. Diese geflochtenen Taschen mit goldenem, astähnlichem Henkel: sein Werk. Das Flanellhemd, das Kate Moss trug, aber gar kein Flanell, sondern Leder war: ebenfalls er. Die halbe Garderobe von Julianne Moore im gerade laufenden Film 'The Room Next Door': dito. Nicht umsonst gehörte Bottega Veneta im luxuslahmen Jahr 2024 zu den wenigen Marken, die noch zulegen konnten." Und nahbar ist er auch noch: "Würde er nach seinen Schauen nicht leibhaftig über den Teppich rennen und danach so erhellende wie amüsante Backstage-Interviews geben, man würde sagen, so einen Typen, in dieser überdrehten Branche - den gibt's doch gar nicht! Den hätten sie nur gern."
Kunst

Was uns Fotografien von Autobahnen über die Deutsche Einheit erzählen können, kann Stefan Trinks in einer Ausstellung zu deutscher Kunst im Harvard Art Museum beobachten, wie er in Bilder und Zeiten der FAZ schildert. Der "Blick von außen" sieht hier einiges, was sonst verborgen bleibt, findet Trinks. Besonders fasziniert ihn die Fotoserie "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" des thüringischen Fotografen Hans Christian Schink, für Trinks der "Caspar David Friedrich der Lichtbildnerei": "Häufig in monumentalen Formaten wie 178 mal 211 Zentimeter zeigen die Fotografien die nach der Wende zur Erschließung des (zumindest infrastrukturell) Wilden Ostens gebauten Autobahnen in einzigartiger Weise: Auf 'A 38, Brücke Schkortleben (1)' von 1999 beispielsweise fährt der Blick auf der rechten Hälfte des Bildes buchstäblich gegen die Breitseite eines der massiven Betonpfeiler des aufgestelzten Autobahnviadukts in Hellgrau und seiner deutlich dunkleren Straßendeckelung, während dem vertikal aufragenden Pfeiler auf der Linken kein Gegengewicht entspricht: Dort ist nichts als grüne Wiese vor wie immer bei Schink wolkenlosem Himmel über niederländisch tief abgesenktem Horizont, ein kleiner Weiler und grellgelbe Rapsfelder im Hintergrund - eine im Übrigen neue Farbe auf ostdeutschen Fluren nach 1989."
Außerdem: Ursula Kastler nimmt für die NZZ eines der letzten Selbstporträts des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte unter die Lupe. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Caillebotte. Peindre les hommes" im Musée d'Orsay in Paris (NZZ).
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