Efeu - Die Kulturrundschau
Es sind dunkle Welten
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11.10.2024. Die Zeitungen sind sehr zufrieden mit dem Literatur-Nobelpreis für die Südkoreanerin Han Kang: Schön, dass man in Stockholm mal wieder über den westlichen Tellerrand hinausblickt, freut sich der Tagesspiegel. Die FR bestaunt in der Frankfurter Schirn grenzsprengende Werke mit Puppenaugen, Vulven und Tierkrallen, die die Italienerin Carol Rama seit den Dreißigern schuf. Die FAZ lässt Haydns "Schöpfung" mit Melly Still in Köln als Schattenspiel vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Und dezeen bewundert das Flüchtlings-Wellnesscenter, das der südafrikanische Architekt Sumayya Vally in Kenia schaffen will.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.10.2024
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Literatur

Die Kritiker sind sehr zufrieden mit dem Literaturnobelpreis für die südkoreanische Autorin Han Kang, die in Deutschland seit ihrem mit dem International-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "Die Vegetarierin" auch einem breiteren Lesepublikum bekannt ist. Dennoch ist die Entscheidung der Schwedischen Akademie "eine kleine Überraschung", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Sie "hat anders als der nicht ganz unerwartete Literaturnobelpreis vergangenes Jahr für den Norweger Jon Fosse auch etwas Belebendes, Erfrischendes". In unserem Online-Buchladen Eichendorff21 finden Sie einen Büchertisch mit allen auf Deutsch lieferbaren Büchern von Han Kang.

"Genau dafür, für so ein leises, eindringliches, niemals von selbst auftrumpfendes literarisches Werk, wurde einstmals der Nobelpreis erfunden", jubelt Volker Weidermann in der Zeit: "In ihren fünf bislang auf Deutsch erschienenen Romanen unternimmt Han Kang nicht weniger, als unsere Normalität, die Gewohnheiten der Welt, in der wir leben, radikal infrage zu stellen." Tazlerin Julia Hubernagel bestätigt: "Es sind dunkle Welten, die Han Kang aufschließt". Sie "interessiert sich für die vertrackte Beziehung zwischen dem Bewussten und Unbewussten, zwischen Körper und Geist. Doch es schlägt sich selten nieder in ihrer Sprache, das Transzendente, in ihren genauen, nüchternen Sätzen. Vielleicht ist das Terrain auch bloß zu weit, um es mit Wörtern richtig abzustecken."
Es ist der erste Literaturnobelpreis für Südkorea. Das fügt sich ein in die "koreanische Welle", die seit Jahren in der Kultur zu beobachten ist, schreiben Hoo Nam Seelmann und Andreas Breitenstein in der NZZ: "Ob Filme ('Parasite') oder Serien ('Squid Game'), K-Pop oder K-Rap ('Gangnam Style' von Psy), Comics oder Kunst, Mode, Design oder Kulinarik - die südkoreanische Kultur ist global stilbildend geworden." Taz-Korrespondent Fabian Kretschmer bietet ein Stimmungsbild aus Südkorea, wo die Nachricht völlig überraschend kam und die Websiten führender Online-Buchhändler unter dem Ansturm zusammenbrachen: "Die Euphorie war sofort allgegenwärtig zu spüren." Aber in ihrer Heimat ist sie nicht nur beliebt, schreibt Michael Wurmitzer im Standard. "Ihre Bücher haben Han Kang in den 2010er-Jahren auf eine schwarze Liste von tausenden regierungskritischen Künstlern gebracht."
Tom Müller hat Han Kang in Deutschland für den Aufbau Verlag entdeckt. Den Tipp hatte er von seinem englischen Kollegen Max Porter, erzählt er im Gespräch auf FAZ.net. "Viele deutsche Verlage hatten sie schon geprüft und abgelehnt." Weitere Würdigungen Han Kangs in FR und Welt. The White Review hat 2016 mit Han Kang gesprochen.
Besprochen werden unter anderem Lisa Marie Presleys postume Memoiren (NZZ) und Domenico Müllensiefens "Schnall dich an, es geht los" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

FR-Kritikerin Lisa Berins wähnt sich in einer Gruppenausstellung italienischer Kunst, so genre- und stilübergreifend ist das Werk der Italienerin Carol Rama, das die Frankfurter Schirn nun in einer Retrospektive präsentiert. Ob Bricolagen mit Puppenaugen und Tierkrallen, Muster aus Autoreifen oder monochrome Bilder mit Reis - alle Arbeiten verbindet stets das Grenzsprengende, stellt Berins fest: "Ihre Themen sind höchst persönlich, ja, intim. Schon ihre erste Werkgruppe ist dabei in Motivik und Stilistik derart unangepasst, dass man es noch heute schwer hat, sie in eine Schublade zu stecken. Die Aquarell-Serie, die sie 1936 begann, zeigt: nackte Frauen, häufig mit antik-göttlichem Haarkranz, die einem die Vulva entgegenhalten oder gerade beim Verrichten eines Geschäfts sind, Zungen, die sich aus Mündern schlängeln, Gebisse und weitere, isolierte Körperteile und Prothesen, masturbierende nackte Männer. Würde man diese Aquarelle erotisch nennen? Oder sind sie obszön? Sind sie ein feministischer Kommentar? Ein autobiografischer Ausdruck? Eine gewollte Provokation?"

Gleich vier Ausstellungen gönnt Antwerpen dem belgischen Maler James Ensor zum 75. Todestag, staunt Dorothea Zwirner im Tagesspiegel: Das Königliche Museum der Schönen Künste feiert ihn als "Postmodernisten avant la lettre", das Museum Plantin-Moretus konzentriert sich auf den "experimentellen Grafiker", das Fotomuseum präsentiert Ensor als Referenz für die Maskeraden der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman und im Modemuseum wird der Künstler als Inspirator für Modeschöpfer und Maskenbildner betrachtet. Tonangebend ist dabei die Ausstellung im Königlichen Museum, die Ensor auch jenseits seiner "Vorliebe für das Makabre, Morbide und Groteske" zeigt, so Zwirner.
Weitere Artikel: Propalästinensische Demonstranten haben in der Londoner National Gallery Picassos Gemälde "Mutterschaft" attackiert und mit einem Poster überklebt, dass eine weinende Mutter aus Gaza mit verletztem Kind zeigt, meldet Len Sander in der Berliner Zeitung. Niklas Maak gratuliert dem Fotografen Thomas Struth in der FAZ zum Siebzigsten. Nachrufe auf die Künstlerin und Schriftstellerin Anita Albus schreiben Stefan Trinks in der FAZ und Antje Weber in der SZ.
Besprochen werden die Alison Knowles-Retrospektive im Museum Wiesbaden (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Schlaraffenland" im Dortmunder Kunstverein (taz).
Film
Stefan Grund hat sich für die Welt mit dem Regisseur Matthias Glasner getroffen, der mit "Der Informant" eine neue Krimi-Miniserie für die ARD gedreht hat (Besprechungen finden sich in der FAZ und in der Berliner Zeitung). Thomas Kroll erzählt im Filmdienst von seiner Arbeit in der kirchlichen Jury beim Filmfestival San Sebastián. In der SZ gratuliert Harald Hordych Liselotte Pulver zum 95. Geburtstag.
Besprochen werden Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" (SZ, mehr dazu bereits hier), Alfonso Cuaróns Apple-Serie "Disclaimer" (FAZ), Natalie Erika James' Rape-Revenge-Film "Apartment 7A" (Freitag), Ngo The Chaus Verfilmung von Carstens Henns "Der Buchspazierer" (FAZ) und Harald Friedls Dokumentarfilm "24 Stunden" über eine rumänische Pflegerin in Niederösterreich (Standard).
Besprochen werden Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" (SZ, mehr dazu bereits hier), Alfonso Cuaróns Apple-Serie "Disclaimer" (FAZ), Natalie Erika James' Rape-Revenge-Film "Apartment 7A" (Freitag), Ngo The Chaus Verfilmung von Carstens Henns "Der Buchspazierer" (FAZ) und Harald Friedls Dokumentarfilm "24 Stunden" über eine rumänische Pflegerin in Niederösterreich (Standard).
Bühne

Für die FAZ hat sich Patrick Bahners beide Stücke zur Eröffnung der Saison an der Oper Köln angesehen, noch mehr als Roland Schwabs Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" scheint ihn allerdings Melly Stills Inszenierung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" fasziniert zu haben. Denn das, was der Musikkritiker Karl Friedrich Zelter bereits 1802 als "höheres Schattenspiel" beschrieb, das am "inneren Auge" des Konzertbesuchers vorbeizieht, bringt Still hervorragend auf die Bühne, so Bahners: "Sie bietet in mehrfacher Hinsicht ein Schattenspiel. Auch nach der Erschaffung des Lichts bleibt die Bühne über die längste Zeit düster. Auf der Rückwand zeichnen sich Wolkenformationen ab, Konstellationen von Grauwerten, Chiffren eines Gekräusels, das sich der Entzifferung entzieht. Den Erzählerfiguren aus dem festangestellten Ensemble der himmlischen Heerscharen hat die Regisseurin ein wuseliges Gefolge von Tänzern beigesellt, das die klaren Linien der pantomimischen Hauptaktionen der Urweltgeschichte durchkreuzt und verwischt."
Weitere Artikel: Winfried Tobias, Natalie Driemeyer, Thomas Keller und Jutta Brinkschulte bilden ab Sommer 2025 das neue Leitungsteam des Berliner Grips-Theaters, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Nachtkritiker Vincent Koch resümiert die desaströse finanzielle Situation am Europäischen Zentrum der Künste HELLERAU in Dresden, das gegen ein existenzbedrohendes Minus von 1,1 Millionen Euro kämpft.
Besprochen werden außerdem FX Mayrs Inszenierung von Nele Stuhlers Stück "Und Oder Oder Oder Oder Und Und Beziehungsweise Und Oder Beziehungsweise Oder Und Beziehungsweise Einfach Und" in München (FAZ), der Auftakt des "Spy on me"-Festivals im Berliner Hebbel am Ufer (Berliner Zeitung), Taylor Macs Performance "Bark of Millions. A Parade Trance Extravaganza for the Living Library of the Deviant Theme" bei den Berliner Festspielen (nachtkritik), Thom Luz' Stück "Tourist Trap" in der Kaserne Basel (nachtkritik) und Armin Fuhres Buch "Sextropolis" über die Tänzerin Anita Berber und das wilde Berlin der Zwanzigerjahre (Berliner Zeitung).
Musik
Mit "Wir Waren Hier" ist dem Ex-Stuttgarter und nunmehr Berliner Noiserocktrio Die Nerven "ein ausgesprochen tolles Album" gelungen, schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. Es geht um die Angst, also "ein ausgesprochenes Scheißgefühl ... Der Gesang bildet den Versuch der Versprachlichung dessen, was das Subjekt umtreibt oder auch quält, die Soundwand aus Schall und Druck bildet die tragende Struktur oder auch die Couch, auf der das alles sein und hörbar werden darf. Die Struktur bleibt lebendig, auch wenn das Subjekt immer wieder singend darauf insistiert, dass es kurz davor ist, der Welt abhanden zu kommen ('Und ich fühl mich so fremd / Weiß nicht, wie man es nennt'). Nur Therapeutin oder Therapeut sind abwesend."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Stefan Hochgesand mit Kid Simius über den Berliner Club Watergate, der demnächst schließt. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des finnischen Komponisten und Dirigenten Leif Segerstam.
Besprochen werden das neue Album von Joan As Police Woman (Standard), die Arte-Doku-Serie "DJ Mehdi" (TA), der von Geoffrey Norris herausgegebene Band "Sergei Rachmaninoff spricht" (FAZ) und das neue Album von The Waeve (taz).
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Architektur

Im Nordwesten Kenias beherbergt die Stadt Kakuma etwa 285.000 Flüchtlinge, was sie laut der Kreativ-Plattform To.org zu einer der größten Flüchtlingssiedlungen der Welt macht. Gemeinsam mit dem südafrikanischen Architekten Sumayya Vally plant To.org dort daher ein geometrisches Wellness- und Fitnesscenter mit dem Namen Regenerate Kakuma, das auch Bildungs- und kulturelle Einrichtungen enthalten und von den Termiten-Hügeln inspiriert sein soll, weiß Amy Peacock bei dezeen: "Vally und To.org entwarfen gemeinsam ein quadratisches Gebäude mit einem Stufendach und dicken Wänden, das aus lokalem Stein aus der Turkana-Region gebaut wird. Geometrische Aussparungen im Dach bilden Lichtschächte, die den Innenraum mit natürlichem Licht erfüllen. (...) Es wird ein Fitnessstudio, einen Fitnessraum im Freien mit einem Basketballplatz, eine Meditationshalle und einen Agroforstplatz enthalten, der darauf abzielt, landwirtschaftliche Fähigkeiten in der Gemeinde aufzubauen und frische Produkte zu liefern."
Weitere Artikel: In der NZZ gratuliert Ulf Meyer dem amerikanischen Architekten Richard Meier zum neunzigsten Geburtstag.
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