Efeu - Die Kulturrundschau

New York leuchtet rosig

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03.09.2024. Lars Henrik Gass verlässt nach siebenundzwanzig Jahren die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen: In der Welt spricht er über die beispiellose Hetzkampagne gegen ihn. Venedig: Der Tagesspiegel sieht in Brady Corbets Dreistünder "The Brutalist" über den Architekten László Tóth ein herausragendes "Monument des Schmerzes", der Filmdienst ist ebenfalls begeistert. Die NZZ taucht in der Albertina Wien ab in die albtraumhaften Welten des Künstlers Alfred Kubin. Die Nachtkritik freut sich, dass in Mizgin Bilmens Inszenierung von "Machbeth" in Darmstadt nicht so viel gemetzelt wird - der FR wird dafür zu viel gekreischt. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 finden Sie hier

Film

Lars Henrik Gass verlässt die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen - nach 27 Jahren und einer beispiellosen Hetzkampagne gegen ihn, weil er sich nach dem Hamas-Massaker in den Augen des Juste Milieu zu eindeutig mit den Opfern solidarisiert und gegen den Jubel auf der Berliner Sonnenallee ausgesprochen hatte. Im Welt-Gespräch hält er gegenüber Hanns-Georg Rodek Rückschau, insbesondere auf die Ereignisse des letzten Jahres. Wer sich hinter dieser konformistischen Kampagne versteckt hält, weiß er bis heute nicht, sie kommt aber "wahrscheinlich aus Deutschland. Es gibt, vor allem im Hochschulbereich, ein sehr kleines Feld von Aktivismusunternehmern, die diese Technik der Skandalisierung regelrecht professionalisiert haben. Dazu gehören die anonyme Absenderschaft und eine Prosa, die an diffuse zivilgesellschaftliche Vorstellungen von Humanität und Weltoffenheit appelliert, um einen möglichst großen Kreis von Leuten in kürzester Zeit mobilisieren zu können. Es handelt sich um antidemokratische Kräfte, die ihre partikularen Interessen durchsetzen wollen, indem sie Ressentiments bewirtschaften."

Erinnert an die Textur des Kinos der Fünfziger: "The Brutalist" von Brady Corbet

Schnitt zum Lido, wo sich bei den Filmfestspielen mit Brady Corbets Dreistünder "The Brutalist" über den Architekten László Tóth (gespielt von Adrien Brody) im Besonderen, über die Schoah und Antisemitismus im Allgemeinen ein erster Favorit abzeichnet. Der Film löste mit seinen "schrundigen, rauschhaft-sinnlichen, mitunter albtraumhaft eingetrübten Bildern" im Festivalgeschehen "eine Art Erdbeben" aus, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Er ist "ein Monument des Schmerzes. In ihrer Wucht stehen Corbets Bilder Lászlós Bauten in nichts nach."

Corbet ist in sieben Jahren Arbeit "ein schwergewichtiges Künstlerdrama" gelungen, schreibt Felicitas Kleiner im Filmdienst - und zwar "um einen Mann, der zwar dem europäischen Faschismus entkommen ist, nun aber mit dem (US-)Kapitalismus konfrontiert ist, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Der Film wurde analog im historischen VistaVision-Format gedreht. Die Bildtextur und eine besondere Farbstimmung verleihen 'The Brutalist" eine ganz besondere, ans Kino der 1950er-Jahre erinnernde Atmosphäre." Tim Caspar Boehme ist in der taz auch, aber nicht ganz so begeistert: Ob all der erzählerische Aufwand "nötig ist, bleibt unklar, doch landet" der Film "mit diesem Höhenflug mit einigem Vorsprung vor seinen bisherigen Mitstreitern um den Goldenen Löwen". Eine weitere Kritik gibts bei monopol.

Tilda Swinton und Julianne Moore in "The Room Next Door": Die Lebenserfahrenheit von Frauen um die 60.

Mit "The Room Next Door" präsentiert Venedig auch den ersten englischsprachigen Film von Pedro Almodóvar. Basierend auf Sigrid Nunez' Roman "Was dir fehlt" erzählt der Film von zwei Freundinnen - gespielt von Tilda Swinton und Julianne Moore -, die sich nach vielen Jahrzehnten in New York wiederbegegnen. Trotz aller Tragik des Stoffs: "Die Wangen bleiben trocken in diesem stilsicheren Melodram", schreibt Valerie Dirk im Standard. "Das künstliche Setting, in das der Spanier seine Figuren setzt, und die Art und Weise, wie diese zwei Frauen miteinander kommunizieren, sind mehr raffinierte Charakterstudie denn Trauerspiel. Das liegt auch an der abgeklärten Lebenserfahrenheit der beiden Protagonistinnen, beides erfolgreiche, berufstätige und alleinstehende Frauen um die 60. ... Almodóvar inszeniert das als raffiniertes amerikanisches Melodram, frei nach Douglas Sirk, ein bisschen Woody Allen ist auch dabei. Die Skyline von New York leuchtet rosig, die Schneeflocken schweben federleicht vom Himmel, die Büsche rascheln sanft im Takt der klassischen Filmmusik."

Tobias Kniebe von der SZ sah in diesem Film "keine Studie über New Yorker Intellektuelle und ihren Umgang mit der Welt, es ist eine Studie über Almodóvar-Figuren und ihren Umgang mit dem Tod. Und wie das bei großen Regisseuren eben so ist - diese Anverwandlung gelingt nicht nur, sie entfaltet bald einen eigenen, somnambulen Sog. ... Dies ist eine große Choreografie, eine Meditation, Almodóvars eigenes Nachdenken über den Tod, zu dem auch die finalen Worte von James Joyces 'The Dead' gehören. Diesseits und Jenseits sind längst verknüpft, als der finale Schnee zu fallen beginnt." Außerdem: Andreas Scheiner resümiert in der NZZ die letzten Tage mit Filmen mit Brad Pitt und George Clooney, Angelina Jolie und Nicole Kidman.

Weitere Artikel fernab vom Lido: Immo von Fallois erinnert in der Berliner Zeitung an das in der DDR sehr populäre, nach der Wende aber in Vergessenheit geratene Schauspielpaar Kati und Jürgen Frohriep. Karina Urbach erinnert in der taz an den Wien-Filmklassiker "Der dritte Mann" und dessen Drehbuchautor, den Schriftsteller Graham Greene.
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Literatur

Dirk Knipphals erzählt in der taz von der melancholischen Stimmung beim Sommerfest des Verlag Matthes & Seitz am vergangenen Sonntag, in das um 18 Uhr die Wahlergebnisse aus Thüringen und Sachsen platzten: "Das Leuchten dieses Tages und die schlimmen Balken - man brachte die Gegenwarten nicht zusammen." In Polen diskutiert man darüber, ob der Schriftsteller Jerzy Ficowski seine Übertragungen von Gedichten und Liedern der polnischen Roma paternalistisch verfälscht habe, berichtet Gerhard Gnauck in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Katja Oskamps "Die vorletzte Frau" (online nachgereicht von der Zeit), der Sammelband "Nun wird es hell und du gehst raus" mit ausgewählten Gedichten von Jürgen Theobaldy (taz), Andrew O'Hagans "Caledonian Road" (TA), eine Neuausgabe von Arnold Zweigs "De Vriendt kehrt heim" (FR), Micha Lewinskys Romandebüt "Sobald wir angekommen sind" (NZZ), Petra Hartliebs Kriminalroman "Freunderlwirtschaft" (Jungle World), Keanu Reeves' und China Miévilles "Das Buch Anderswo" (FAZ) und Katja Lange-Müllers "Unser Ole" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Thüringen

Architektur

Visualisierung des Schweizer Pavillons, Expo 2025. Visualisierung Play-Time Barcelona / Manuel Herz Architekten

"Seifenblasen", "Froschlaich", der von Architekt Manuel Herz gestaltete Schweizer Beitrag für die Expo 2025 in Osaka weckt vielfältige Assoziationen bei NZZ-Kritiker Ulf Meyer. Einerseits ist es natürlich das Ziel der "milchigen Ausstellungsblasen", aufzufallen, vor allem steht aber der ökologische Fußabdruck im Vordergrund: "Herz wählte eine doppelschalige Hülle aus ETFE-Folien, die an einem Traggerüst befestigt sind, das nach Abbau der Ausstellung zu Möbeln weiterverarbeitet wird. Die Membranen sind transluzent und erinnern, wenn sie von innen beleuchtet sind, an Froschlaich. Die Themen Rückbau, geringer Materialeinsatz und Weiterverwendung, die den Schweizer Architekturbeitrag prägen werden, bestimmen derzeit den Diskurs in der Bauindustrie. Der Schweizer Entwurf orientiert sich zugleich auch an der Geschichte. Gestalterisch knüpft er an die Expo 1970 an, die ebenfalls in Osaka abgehalten wurde. Damals waren Kugelarchitekturen in Mode. Der damalige Pavillon der Schweiz, ein Werk von Willi Walter, war eine Stahlkonstruktion, getragen von einer einzelnen Stütze und verkleidet mit 60 000 spiegelnden Aluminiumplatten, die den Himmel reflektierten."
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Musik

Um den Dirigenten Klaus Mäkelä ist derzeit kaum ein Herumkommen - der gerade mal 28-jährige Finne ist aktuell der Shooting-Star der Klassikszene (unsere Resümees). Beim Gastspiel mit dem Oslo Philharmonic beim Musikfest Berlin beweist er "einmal mehr, dass er wirklich der beste Dirigent seiner Generation ist", jubelt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Mit einer in jeder Hinsicht überwältigenden Aufführung von Dmitri Schostakowitschs fünfter Sinfonie vermag er das Publikum in einen kollektiven Rauschzustand zu versetzen. ... Schnell, grell, brutal: Mäkelä beschönigt nichts, eröffnet die Möglichkeit, die Partitur politisch zu hören, als Ringen des Individuums um persönliche Freiheit in den Zeiten von Stalins Terrorregime. Da berührt es zutiefst, wenn sich nach endlosen Brutalitäten im Kopfsatz das Flötensoloin zartester Verletzlichkeit erhebt. Und der Dirigent vermag die Intensität noch zu steigern, im Allegretto erreicht sie Gänsehaut-Grade. Überwältigend auch, wie bei ihm das Finale aus dem Ende des langsamen dritten Satzes förmlich herausplatzt, wie er sich aus dem brachialen Prestissimo zwischendurch hineinfallen lässt in eine Passage des Verlorenseins, der bittersten Einsamkeit." Eine Aufzeichnung des Konzerts zum Nachhören soll es ab 6. September hier in der Mediathek des Festivals geben.

Weiteres: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Musikfestival "Arcus Temporum" in der Benediktinerabtei Pannonhalma in Ungarn und von dessen Programmschwerpunkt mit Musik des Anfang des Jahres verstorbenen Komponisten Péter Eötvös. Besprochen werden die Leipziger Ausstellung "Die Stimmen der Frauen" über die Frauen in der Bach-Familie (taz) und das neue Album der Berliner Band Kafvka (taz).
Archiv: Musik

Bühne

"Macbeth" am Staatstheater Darmstadt © Nils Heck

Gemordet wird in Mizgin Bilmens Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" am Staatstheater Darmstadt erfreulich wenig, findet Nachtkritiker Michael Laages. Die doch zahlreichen Gemetzel überlässt die Regisseurin lieber der Fantasie des Publikum: "Stattdessen wird in den wuchtigen Raum-Visionen von Sabine Mäder vorgeführt, wie fundamental die Welt insgesamt aus den Fugen ist - erst hebt sich der Bühnenboden in die Höhe und erweist sich an der Unterseite als Spiegel, mit dessen Hilfe wir, das Publikum, hinab schauen können in die Höllen der immerzu feuerähnlich in Orange ausgeleuchteten Unterwelt. Ganze Flächen und monumentale Segmente der großen Darmstädter Bühne werden hinauf und hinab gefahren, und dabei zerbricht auch die Tafel des Festmahls zur Königskrönung." Das sind "starke Bilder und prägende Momente" - Laages ist zufrieden.

In der FR sieht Judith von Sternburg die Aufführung kritischer. So überdreht kommt ihr das Ganze am Anfang daher, dass sie sich fragt, ob es sich nicht um eine "Parodie auf das Regietheater" handelt. Dann wird es aber besser: "Mit einer ernsten Ansprache Banquos wendet sich das Blatt. Es wird weit weniger gekreischt, Lady Macbeth sitzt auch mal still und spricht mit einer 'Puppe', die sie aus ihrem Königinnenmantel geformt hat, Macbeth, Niklas Herzberg, scheint mittlerweile resigniert, ist schon ein geschlagener Mann. Die Tafel, an der die Macbeths feiern wollten, bricht und bröselt wie ein Eisberg, stürzt in Zeitlupe in die Grube."

Außerdem: Im Nachtkritik-Interview mit Michael Wolf, erklärt der Dramatiker Wolfram Lotz seine sehr abstrakte Vision von einem "dialogischen" Theater der Zukunft.
Archiv: Bühne

Kunst

Die "hellsichtige Décadence" des Künstlers Alfred Kubin passten perfekt in seine Zeit, meint NZZ-Kritiker Paul Jandl, der Kubins Werke in der Wiener Albertina bewundert: Die "Untergangsstimmung" der Jahrhundertwende spiegelt sich in den abgründigen Zeichnungen wider, so Jandl, aber auch Traumata seiner Kindheit, die im zarten Alter von 19 in einen Selbstmordversuch mündeten. Später, berichtet der Kritiker, schöpfte Kubin künstlerische Inspiration aus psychischen Delirien, den von ihm so benannten "'Wunderräuschen'. Er wildert in den 'stillen Gründen der Traumnatur', und was dabei herauskommt, ist den eigenen Traumata nachgezeichnet. Phantasmagorien des Todes, der Angst und des Ekels entstehen auf kleinformatigem Papier. Die Mütter gebären rittlings über dem Grab, die Totenbraut trägt Weiß, und rätselhafte Tiergestalten und Schlangen bevölkern eine phallische Welt. Es sind monströse Welten, die sich aus dem Inneren von Alfred Kubin nach außen stülpen. In entschärfterer Form hat das etwas grotesk Komisches, aber meist ist es tödlicher Ernst."

Besprochen wird die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Sehnsuchtsorte. Kreidefelsen auf Rügen & Greifswalder Hafen" im Pommerschen Landesmuseum Greifswald (FAZ) und die Ausstellung "Survival in the 21st Century" in den Deichtorhallen in Hamburg (taz).
Archiv: Kunst