Efeu - Die Kulturrundschau

Fast nur Rasanz

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12.08.2024. Die Jungle World erinnert an den antislawischen Rassismus, den Joseph Conrad erleiden musste. Die NZZ erklärt der Grünen Jugend in Hessen: Fontane war Antisemit, aber er war nicht die Hamas von Brandenburg. Eine begeisterte FAZ empfiehlt Philipp von Steinaeckers Aufnahme von Mahlers Neunter mit historischen Instrumenten. Die SZ feiert eine Bielefelder Ausstellung mit digitaler Kunst und hybrider Malerei. Zeit online trauert jetzt schon um den lungenkranken David Lynch. Die Kunstkritiker trauern um den Ausstellungsmacher Kasper König.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2024 finden Sie hier

Musik

Die Musikkritiker begeistern sich für Philipp von Steinaeckers Projekt, Mahler auf historischen (oder den historischen Vorbildern sorgfältig nachgestellten) Instrumenten einzuspielen. Als erster Beleg dieses Vorhabens liegt nun Mahlers Neunte vor. Die Aufnahme "ist ein Ereignis", schwärmt Clemens Haustein in der FAZ: Frei seien die historischen Instrumente "noch vom bewusst erhöhten Widerstand, den die modernen Instrumente dem Spieler bieten mit dem Ziel größerer klanglicher Durchschlagskraft. Auch die Angleichung in der Klangfarbe, die mit dieser Entwicklung einherging (und die gewünscht war für einen möglichst homogenen Orchesterklang), fällt bei dieser Aufnahme weg - mit umwerfender Wirkung besonders in den beiden Scherzo-Sätzen dieser Symphonie. Von modernen Orchestern und Dirigenten gerne totgeklopft im verzweifelten Versuch, Mahlers abgründigen Humor zu treffen, sind sie nun Bilder von überbordender Klangfantasie, überraschend durch immer neue Farb- und Geräuschkombinationen."

NZZ-Kritiker Michael Stallknecht weiß nach dieser Aufnahme, was Mahler mit seiner Anmerkung "etwas täppisch und sehr derb" zum zweiten Satz der Neunten gemeint hat: In dieser Aufnahme "geht es zu wie auf dem Münchner Oktoberfest, wenn schräge Volksmusik-Nachmittage ab dem fünften Liter Bier zur Orgie ausarten. Alles kreischt und kreist und tobt, die Klarinetten schrillen, das Cello taumelt dazwischen, eine einsame Posaune versucht auch ihr Glück. Steinaeckers radikale Sicht auf ein vermeintlich längst klassisch gewordenes Werk hat bereits viel Aufsehen erregt. Tatsächlich könnte diese Interpretation zu den wenigen gehören, die man einmal richtungsweisend nennen wird." Einen kleinen Einblick bietet dieser Werbefilm:



Weitere Artikel: Silvia Silko war für den Tagesspiegel beim Øya-Festival in Oslo. Robin Passon berichtet in der FAZ vom Menuhin-Festival in Gstaad. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Gitarristen Pat Metheny zum 70. Geburtstag

Besprochen werden ein Mahler-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons bei den Salzburger Festspielen (Standard), der Briefwechsel zwischen Richard Wagner und seiner ersten Ehefrau Minna Planer (online nachgereicht von der NZZ), eines von Adeles zehn Konzerten in München (NZZ), das Auftaktkonzert des Berliner Festivals Young Euro Classic mit dem Jovem Orquestra Portuguesa (Tsp), ein Konzert des Baritons Georg Nigl mit Alexander Gergelyfi am Clavichord (Standard), Lucas Debargues Aufnahme von Gabriel Faurés sämtlichen Klavierwerken (FAZ) und ein Album von Brigitte Calls Me Baby, die zwar aus Chicago kommen, aber trotzdem Britpop nach Morrissey-Facon spielen: "Da brate mir doch einer einen Storch", ruft da auch Standard-Popspezialist Christian Schachinger.

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Literatur

Joseph Conrad, 1904.
Udo Wolter erinnert in der Jungle World mit einem großen Longread an Joseph Conrad, der vor 100 Jahren gestorben ist. 1857 wurde der Schriftsteller in der ukrainischen Stadt Berdytschiw geboren, weshalb er überhaupt erst mit 20 seinen Weg in die englische Sprache fand. Entsprechend "wenig Beachtung findet Conrad als scharfsinniger Kritiker russischer Herrschaftsansprüche, mit denen er nicht zuletzt durch seine osteuropäische Herkunft von Kindesbeinen an konfrontiert war. ... Zwar gilt Conrad als einer der schärfsten zeitgenössischen Kritiker von Kolonialismus und Imperialismus innerhalb Europas, zugleich aber auch als 'Vorläufer westlicher Wahrnehmungen der Dritten Welt' (Edward Said). ... Über der Kritik an Conrads 'eurozentrischem' Blick verdrängt die postkoloniale Rezeption seine bitteren Erfahrungen mit Russlands imperial-kolonialistischer Herrschaft, mit Verbannung und Exil. Dies hat sicher mit den generellen Schwierigkeiten von auf Hautfarbe fixierten postmodernen Rassismustheorien zu tun, den gegen 'Weiße' gerichteten antislawischen Rassismus wahrzunehmen - den Conrad in England zweifellos erfahren hat."

Paul Jandl verdreht in der NZZ genervt die Augen über ein Ultimatum, das die Grüne Jugend Hessen der Stadt Frankfurt gestellt hat: Bis zum 7. Oktober - dem ersten Jahrestag des antisemitischen Massakers der Hamas in Israel - soll die Stadt eine nach Theodor Fontane benannte Straße umbenennen. "Was Fontane, der Dichter des 19. Jahrhunderts, mit der propalästinensischen Terrororganisation Hamas zu tun hat, ist für die Aktivisten klar: Beide sind antisemitisch. Diese behauptete Analogie ist lächerlich." Zwar hat auch Jandl nicht den geringsten Zweifel an Fontanes Antisemitismus, für den er zahlreiche Belege anführt. Aber "nein, Theodor Fontane war nicht die Hamas von Brandenburg. Er war ein Schriftsteller und obendrein auch antisemitisch. Das kann man wissen, ohne gleich seinen ganzen Ruhm samt Straßenschild abzuräumen."

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Weitere Artikel: Mia Eidlhuber hat für den Standard den Schriftsteller und Landwirt Reinhard Kaiser-Mühlecker auf dessen Bauernhof besucht. Im Standard spricht Didier Eribon mit Barbarba Machui über sein aktuelles Buch "Eine Arbeiterin". Peter Urban-Halle schreibt in der NZZ über Leben und Werk von Tove Ditlevsen, "eine der ambivalentesten Figuren der dänischen Literatur". In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Holger Kreitling über die Navy-Zeit des späteren Beatpoeten Lawrence Ferlinghetti.

Besprochen werden unter anderem Nora Bossongs "Reichskanzlerplatz" (FR, online nachgereicht von der FAZ), Theresia Töglhofers "Tatendrang" (Standard), Anna Katharina Fröhlichs Erzählung "Die Yacht" (taz), Cynthia Zarins "Inverno" (online nachgereicht von der Zeit), Alexander Schimmelbuschs "Karma" (online nachgereicht von der Zeit), Bogdan Staschinskis "Erinnerungen eines KGB-Agenten. Kontexte des Mordes an Stepan Bandera und Lew Rebet" (NZZ), Maxim Leos "Wir werden jung sein" (Standard) und Elke Heidenreichs "Altern" (Standard). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Robert Schöller über Walther von der Vogelweides "Ein Kreuzlied":

"Oh weh! Wie viel Ehrenhaftes sich aus deutschen Ländern in die Fremde begibt.
Verstand und Kühnheit, dazu Silber und Gold ..."
Archiv: Literatur

Kunst

Charlotte Johannesson, Untitled, 1981 - 1985, Digitale Computergrafiken (Diashow mit 15 Bildern), Dimensionen variabel, Courtesy die Künstlerin und Hollybush Gardens Gallery, © Charlotte Johannesson


Einige Pionierinnen der digitalen Kunst lernt SZ-Kritiker Alexander Menden in der Gruppenausstellung "Zwischen Pixel und Pigment" im Marta Herford und in der Kunsthalle Bielefeld: Zum Beispiel die schwedische Künstlerin Charlotte Johannesson. Ursprünglich Weberin, kaufte sie sich 1978 das frühe Apple-Modell "II Plus", "brachte sich selbst das Programmieren bei und codierte ihre Entwürfe Pixel für Pixel", erzählt Menden. Die Ausstellung zeigt "zeigt hybride Malerei in der Schnittmenge zwischen digitaler und analoger Welt. Oder, wie Kuratorin Ann Kristin Kreisel es umschreibt, eine 'hierarchielose Verschmelzung' beider. Es scheint einen Wunsch zu geben, das Konkrete der traditionellen Kunstproduktionsformen zu erhalten, ohne auf jene Technik verzichten zu müssen, die uns ständig umgibt. ... Ein weiteres frühes Beispiel ist neben Johannesson die Ungarin Vera Molnár, die im vergangenen Jahr mit 99 Jahren starb. Sie entwickelte schon in den Fünfzigern händisch Algorithmen, indem sie geometrische Formen nach von ihr selbst festgesetzten Regeln malte. "

Bernhard Heckler besucht für die SZ den norwegischen Künstler Jan Hakon Erichsen, der mit seinen Videos auf Instagram ein Star wurde - ironischerweise: "Jan Hakon Erichsen, ein 46-jähriger, mittelgroßer Mann mit Glatze, der sagt, er wolle in seinen Videos als möglichst neutrale Projektionsfläche eines mittelalten Durchschnittstypen auftreten, ist die menschgewordene Gegenthese zu allen gängigen Vorstellungen davon, wie man in sozialen Medien zum Star wird. Seine Videos brauchen kein großes Budget. Sie sind seltsam. Und sehr lustig. ... Erichsen baut für seine Videos Holzkonstruktionen, oft mit Seilzügen oder Gummielementen, die ihre Funktion nur im Zusammenspiel mit Erichsens Körper erfüllen können. Ihre Funktion, das ist meistens: Obst und Gemüse möglichst komisch durch den Raum zu schießen oder mit dem Körper des Künstlers kollidieren zu lassen. Die Performance-Videos treffen oft genau den Punkt zwischen Albernheit und Melancholie, der guten Humor ausmacht. Wobei, sagen wir lieber: der große Kunst ausmacht."

Hier gibt er den Tagliatelle-Tester:

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Zum Tod des Ausstellungsmachers Kasper König schreiben Birgit Rieger im Tagesspiegel, Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung, Michael Hesse in der FR, Britta Peters in der taz, Peter Richter in der SZ, Hans-Joachim Müller in der Welt und Georg Imdahl in der FAZ.
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Cesare" mit Federico Fiori (Lepido), Margherita Maria Sala (Cornelia), Arianna Vendittelli. Foto: Birgit Gufler


In der SZ ist Reinhard J. Brembeck hingerissen von Geminiano Giacomellis Barockoper "(Julius) Caesar in Ägypten", die Ottavio Dantone, Cembalist und neuer Leiter die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, inszenierte: "In drei Stunden Spielzeit feuert der Komponist 25 Arien ab, eine virtuoser und temposüchtiger als die andere. Das sind alles Virtuosenstücke der Extraklasse, für Stimmen so komponiert, wie es zeitgleich in Venedig Antonio Vivaldi mit seinen Geigenkonzerten tat. Giacomelli kennt fast nur Rasanz. Das überrumpelt den Hörer, macht ihn atemlos erregt, ist aber dramaturgisch bedingt. Schließlich erzählt der 'Cesare' von einer Extremsituation ... Ottavio Dantone, Jahrgang 1960, ist von der Erscheinung her alles andere als ein geschniegelter Pultstar, sondern ein Musikarbeiter, aber mit enorm viel Inspiration und Leidenschaft. Er tritt auf, verkriecht sich gleich hinter dem Cembalo. Dann bringt er federleicht die Musiker dazu, aberwitzig Virtuoses selbstverständlich nebensächlich zu spielen. Das macht nur staunen."
Archiv: Bühne

Film

Dass David Lynch kürzlich via Twitter und einem Interview in der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound der Öffentlichkeit mitteilte, an einem Lungenemphysem erkrankt zu sein und kaum mehr in der Lage ist, seine Villa auf den Hollywood Hills zu verlassen, konnte angesichts des erheblichen Tabakkonsums, den der Regisseur quasi zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, kaum überraschen. Schockiert hat es die Filmwelt dennoch: Mit weiteren Filmen oder einer weiteren "Twin Peaks"-Staffel ist wahrscheinlich nicht mehr zu rechnen. Daniel Moersener schreibt auf Zeit Online daher schon einmal einen Nachruf zu Lebzeiten und gräbt sich nochmal tief ein in Lynchs morbid-kryptische Filmwelten, die seit jeher zu ambitionierten Deutungen provoziert haben. Doch "wäre an David Lynch nicht auch hochzuhalten und zu erinnern, dass das Geheimnis, das Sichtbare und all ihre komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse in seinen Filmen vor allem auf eines abzielen - nämlich auf rare Momente der Verzauberung einer entzauberten Welt? Momente, in denen das Geheimnis ein Geheimnis bleiben darf, weil alle es bereits kennen. Momente, in denen man sich nicht zu entscheiden braucht, zwischen Tränen, blauem Samt oder blauem Rauch. Die Dinge und das Kino ein wenig rätselhafter zurückzulassen, als man sie vorgefunden hatte, das ist Lynchs großes Verdienst."

Vor kurzem ist David Lynchs neues, gemeinsam mit Chrystabell aufgenommenes Album "Cellophane Memories" erschienen. Ein Musikvideo dazu erinnert an David Lynchs allererste Kurzfilme:



Weitere Artikel: Im Filmdienst erinnert Leo Geisler an Michael Manns Frühwerk "The Thief" mit James Caan. Wenn Timothée Chalamet für seine Darstellung von Bob Dylan in "A Complete Unknown" keinen Oscar bekommen sollte, dann gelingt ihm dies ja vielleicht mit einer Darstellung von Wolfgang Niedecken, ulkt Daniel Gerhardt auf Zeit Online. Nathalie Mayroth (taz) und Jakob Thaller (Standard) gratulieren Shah Rukh Khan zur Auszeichnung fürs Lebenswerk beim Filmfestival Locarno. Katrin Nussmayr staunt in der Presse über den Hollywood-Erfolg von Ryan Reynolds und Blake Lively.

Besprochen werden Viggo Mortensens Western "The Dead Don't Hurt" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und die beliebtesten Kurzfilme von Karl Valentin als Kino-Wiederaufführung (taz).
Archiv: Film