Efeu - Die Kulturrundschau
Verdoppelte Einsamkeit
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31.07.2024. Die pure Verzauberung erlebt eine hingerissene SZ beim diesjährigen, von Simone Young herausragend dirigierten, "Ring" in Bayreuth. "Shahid"-Regisseurin Narges Kalhor erklärt der taz, was es mit dem von ihr entwickelten Cinemigrante auf sich hat. Die taz lässt sich außerdem in einer Yoko Ono-Ausstellung in London auffordern, Schamhaare zu rauchen und auf Gemälde zu treten. Die SZ belegt Düsseldorf angesichts des drohenden Abrisses einer Günter-Fruhtrunk-Fassade mit dem F-Wort.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.07.2024
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Bühne

Lizenz: CC BY-SA 3.0
Keineswegs nur aus feministischen Motiven wird in Bayreuth Simone Young beklatscht: Als erste Frau, die bei den Wagner-Festspielen den "Ring" dirigiert, leistet sie schlichtweg hervorragende Arbeit, findet Clemens Haustein in der FAZ: "Das Finale des ersten 'Walküre'-Aktes gerät zum musikalischen Triumph, an dem nicht zuletzt Simone Young ihren Teil hat (...). Sie stellt die Gesanglichkeit von Wagners Orchesterpart in den Vordergrund, gestaltet weite Bögen, hält ein straffes Erzähltempo aufrecht und bringt doch jene Stellen zu ihrem Recht, an denen das Geschehen zur Ruhe kommt. Völlig frei vom Gift der Demagogie ist der Klang des Festspielorchesters unter ihren Händen, die Art, wie Young das Singende der Partitur herausarbeitet, lässt beinahe an die Musik Franz Schuberts denken. Möglich, dass sich daraus die Buhrufe weniger Hardcore-Wagnerianer erklären."
Egbert Tholl in der SZ lobt Young ebenfalls. Und nicht nur sie: "Die Sensation dieser 'Walküre' sind zwei Bayreuth-Debütanten, die beiden Wälsungen, die litauische Sopranistin Vida Miknevičiūtė und der Amerikaner Michael Spyres, 45 und gesegnet mit einem Stimmumfang, der Tenor und Bariton umfasst. (...) Spyres ist ein Dichter des Gesangs, bei ihm haben selbst die 'Wälserufe' Poesie, die 'Winterstürme' sind ganz und gar lyrisch wie ein Schumann-Lied, das Entscheidende ist dennoch das Aufeinandertreffen von ihm und Miknevičiūtė. Das ist pure Anmut. Mit mehr Liebe können sich zwei wundervolle Stimmen kaum ineinander verschlingen, alles ist hell und licht, pure Verzauberung."
Bei den Salzburger Festspielen wiederum sorgt unter anderem Beat Furrers Musiktheater "Begehren" für Aufregung. Christoph Irrgeher jedenfalls ist im Standard angetan: "Die zwei Hauptfiguren - lediglich Er und Sie genannt und stets mehrere Meter voneinander entfernt - durchleiden einerseits Gefühlsausbrüche, die an Orpheus' Hades-Visite erinnern. Andererseits erzählen sie auch von irdischen einsamen Herzen und deren Annäherungsversuchen. Auch diese sind freilich zum Scheitern verurteilt. Ein Schlüsselsatz in dieser Textcollage, die aus antiken Vorlagen schöpft und modernen Quellen (Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich): 'Deine Einsamkeit verdoppelt die meine.' Eine beklemmende Antithese zum Titel eines beliebten französischen Wohlfühlbuchs: Zusammen ist man in Furrers Oper nicht weniger, sondern eher mehr allein." Judith von Sternburg bespricht in der FR Robert Carsens Salzburger "Jedermann"-Aufführung.
Außerdem: Hans-Christian Rößler besucht für die FAZ ein Theaterfestival im kastilischen Almagro. Patrick Wildermann unternimmt im Tagesspiegel einen Streifzug durch die Spielstätten mehrerer Berliner Freilufttheater, die mit Vorliebe Shakespeare-Stücke geben.
Film
Marius Nobach spricht für den Filmdienst mit der aus dem Iran stammenden, seit 2009 in Deutschland lebenden Filmemacherin Narges Kalhor, deren aktueller Film "Shahid" bei der Berlinale den Caligari-Filmpreis gewonnen hat und nun regulär ins Kino kommt. Unter anderem geht es um ihre sehr eigensinnige, eigener Aussage nach von Agnès Varda inspirierte Filmsprache: "Ich nutze alles, was ich in meinem Leben an Einflüssen gesammelt habe, um eine dritte Art von Kino zu schaffen. Mein Ziel ist ein Cinemigrante, das nicht ganz zum deutschen und nicht ganz zum iranischen Kino gehört, so wie man sie kennt. In den letzten Jahren ist zu sehen, dass man sich in Deutschland ein bisschen mehr erlaubt und auch mit anderen Erzählungen Zuschauer begeistern möchte. Vor allem im Kurzfilmbereich gibt es immer wieder großartige Beispiele für das Cinemigrante. ... Leider haben die Institutionen bei Langfilmen Angst vor neuen Formen der Filmsprache und sind viel vorsichtiger. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das ändert, wenn noch mehr Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen an die Filmhochschulen kommen. Wenn man vergleicht, wie vielfältig die Menschen zum Beispiel in der S-Bahn sind, ist das akademische System noch immer weiß und nicht-divers. Ich bin eine der wenigen Ausnahmen, die es vom Asylantenheim zur Filmhochschule geschafft haben."
Weitere Artikel: Maria Wiesner (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren Geraldine Chaplin zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Guy Nattivs und Zar Amirs "Tatami" über eine iranische Judoka (taz), Wim Wenders' "Paris, Texas", der als restaurierte Wiederaufführung nochmal in die Kinos kommt (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Jordan Scotts Thriller "Berlin Nobody" über eine Berliner Klima-Sekte (Welt) und die Netflix-Serie "Hierarchy" (FAZ).
Weitere Artikel: Maria Wiesner (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren Geraldine Chaplin zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Guy Nattivs und Zar Amirs "Tatami" über eine iranische Judoka (taz), Wim Wenders' "Paris, Texas", der als restaurierte Wiederaufführung nochmal in die Kinos kommt (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Jordan Scotts Thriller "Berlin Nobody" über eine Berliner Klima-Sekte (Welt) und die Netflix-Serie "Hierarchy" (FAZ).
Literatur
Die Schriftsteller Monika Helfer und Michael Köhlmeier erklären im Zeit-Gespräch Salome Müller und Christina Pausackl, warum gerade aus dem österreichischen Bundesland Vorarlberg so viele gute Autoren kommen: "Man muss hier draußen gegen das Hinterwäldlerische und Spießige anschreiben", sagt Helfer. Thomas Hahn blickt für die SZ nach Japan, wo sich die Manga-Zeichner zumindest allmählich auf die Hinterbeine stellen, um vom unglaublichen Geldsegen ihrer boomenden Industrie ein etwas größeres Stück abzubekommen. In der NZZ würdigt Daniel Haas den Schriftsteller und Menschenrechtler James Baldwin, der am 2. August 100 Jahre alt geworden wäre.
Besprochen werden unter anderem Johanna Hedmans "Das Trio" (NZZ), Zdravka Evtimovas Kurzgeschichtenband "Maulwurfsblut" (NZZ), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (Freitag), neue Bände der Reihe "European Essays on Nature" (FR), Keanu Reeves' und China Miévilles Fantasyroman "Das Buch Anderswo" (Standard), Delafs Fortsetzung von André Franquins "Gaston"-Comics (FAZ.net), Helena Adlers "Miserere" mit Texten aus dem Nachlass (FAZ) und Barbara Kingsolvers "Demon Copperhead" (SZ).
Besprochen werden unter anderem Johanna Hedmans "Das Trio" (NZZ), Zdravka Evtimovas Kurzgeschichtenband "Maulwurfsblut" (NZZ), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (Freitag), neue Bände der Reihe "European Essays on Nature" (FR), Keanu Reeves' und China Miévilles Fantasyroman "Das Buch Anderswo" (Standard), Delafs Fortsetzung von André Franquins "Gaston"-Comics (FAZ.net), Helena Adlers "Miserere" mit Texten aus dem Nachlass (FAZ) und Barbara Kingsolvers "Demon Copperhead" (SZ).
Kunst

Jenni Zylka erfreut sich in der Londoner Tate Modern an einer Mitmach-Ausstellung, die dem Werk Yoko Onos gewidmet ist. Besucher werden hier, lesen wir in der taz, aufgefordert, auf Gemälde zu treten und ihre Schamhaare zu rauchen. Eine andere Arbeit ist von John Lennons Beziehung zu seiner Mutter inspiriert: "Der vorletzte Raum beherbergt einen Teil der Show 'My mummy is beautiful', der 1998 in der Münchner Villa Stuck gezeigt wurde und aus Farbfotos einer weiblichen Brust und des weiblichen Schritts besteht. In der Tate hängen die Brüste und Vulven wie ein riesiges hautfarbenes Memoryspiel an der Decke, ähnlich einem Baby beim Stillen schaut man von unten auf die Nahrungs-, Lebens- und Geborgenheitsquelle. Subtil und sanft bohrt Ono damit die Psyche an und kocht ihre Gäste weich. Am Ende der Show steht die Einladung, Gedanken an seine Mutter aufzuschreiben und an eine Wand zu heften."
Außerdem: Georg Imdahl berichtet in der FAZ über einen Vortrag Michael Lüthys über Kunstfreiheit im Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die Heinrich-Campendonk-Sammlung in Penzberg droht Werke zu verlieren - an die Enkelin des Künstlers, wie Ursula Scheer in der FAZ berichtet.
Besprochen werden die Schau "Welttheater Wolfsschlucht - Werner Tübkes Bühnenarbeiten für den 'Freischütz'" im Schloss Elisabethenburg und im Theatermuseum Meiningen (FAZ) und "Holy Fluxus" im Kirchenraum von St. Matthäus am Berliner Kulturforum (Berliner Zeitung).
Architektur
Einst Symbol der Weltstadt Berlin, heute ein "Sinnbild des Scheiterns": Am besten gar nicht mehr hinschauen, meint ein verbitterter Uwe Rada in der taz mit Blick auf die Friedrichstraße. Schon gar nicht an das südliche Ende der Straße: "Auch am Mehringplatz wurde investiert. Sieben Millionen Euro hat die Neugestaltung des Platzes gekostet, die 2022 abgeschlossen wurde. Den weiteren Niedergang des Quartiers hat sie nicht aufhalten können. 'Das infernalische Gebrüll der Trinker und haltlosen Jugendlichen begleitet unser aller Nächte wie Eiszapfen in den Ohren', schrieb die Schriftstellerin und Anwohnerin Manja Präkels schon 2022. Inzwischen droht die Lage zu eskalieren, obwohl der große Teil der 1.500 Wohnungen von den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Gewobag und Howoge vermietet wird. Mit dem Neubau von Wohnungen versuchen die Unternehmen inzwischen, gegen den weiteren Niedergang anzubauen. Das kann aber nur gelingen, wenn die soziale Infrastruktur mitwächst. Zuletzt war eher das Gegenteil der Fall. Noch immer konnte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht mit der Sanierung des baufälligen Stadtteilzentrums in der Friedrichstraße 1 beginnen. Es fehlt das Geld."
Nicht nur Berlin bekommt etwas ab heute. Gerhard Matzig wütet in der SZ gegen Düsseldorf. Dort, in der vermeintlichen Kunstmetropole, droht der Abriss des Audimax der ehemaligen Ingenieursschule. Problematisch ist das vor allem aufgrund der Fassade. Dieses stammt "von einem der bedeutendsten deutschen Vertreter spätmoderner Kunst (...). Von Günter Fruhtrunk. 1969 wurde das Werk als einzigartige Symbiose aus Architektur und Kunst vollendet. Es ist ein Werk, das Beachtung, Respekt und Ideen zur Weiterverwendung verdient - das aber womöglich nur die Abrissbirne bekommt. Düsseldorf tut ja gern fein, aber manchmal ist die Stadt sehr explizit und sagt zur Kunst, die aus einer Stadt der Krämer und Industriellen eine weltläufige Kulturmetropole gemacht hat: siehe oben - das F-Wort." Der Denkmalschutz muss auf den Plan treten, fordert Matzig - bevor es, wieder einmal, zu spät ist.
Nicht nur Berlin bekommt etwas ab heute. Gerhard Matzig wütet in der SZ gegen Düsseldorf. Dort, in der vermeintlichen Kunstmetropole, droht der Abriss des Audimax der ehemaligen Ingenieursschule. Problematisch ist das vor allem aufgrund der Fassade. Dieses stammt "von einem der bedeutendsten deutschen Vertreter spätmoderner Kunst (...). Von Günter Fruhtrunk. 1969 wurde das Werk als einzigartige Symbiose aus Architektur und Kunst vollendet. Es ist ein Werk, das Beachtung, Respekt und Ideen zur Weiterverwendung verdient - das aber womöglich nur die Abrissbirne bekommt. Düsseldorf tut ja gern fein, aber manchmal ist die Stadt sehr explizit und sagt zur Kunst, die aus einer Stadt der Krämer und Industriellen eine weltläufige Kulturmetropole gemacht hat: siehe oben - das F-Wort." Der Denkmalschutz muss auf den Plan treten, fordert Matzig - bevor es, wieder einmal, zu spät ist.
Musik
Für die taz porträtiert Yelizaveta Landenberger die aus Litauen stammenden Berliner Musiker J. G. Biberkopf und Justina Jaruševičiūtė. Die Rapperin Megan Thee Stallion unterstützt Kamala Harris, schreibt Johann Voigt in der taz. Adrian Schräder porträtiert in der NZZ den Berner Rapper Jule X. Frieder Reininghaus schreibt in der NMZ zum Tod des Komponisten Wolfgang Rihm (hier weitere Nachrufe). Besprochen wird Isobel Campbells Album "Bow to Love" (FR).
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