Efeu - Die Kulturrundschau
Nur in Karmesinrot konturiert
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Literatur

Frauke Steffens (FAZ) und Marie Schmidt (SZ) fassen einen (leider verpaywallten) Text von Andrea Robin Skinner im Toronto Star zusammen, die ihrer Mutter, der im Mai verstorbenen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, schwere Vorwürfe macht: Sie habe die sexuellen Übergriffe ihres zweiten Ehemanns gegenüber ihrer Tochter gedultet oder zumindest weggewischt und kleingeredet. Der Täter hat sich in einem Gerichtsverfahren Jahrzehnte später für schuldig bekannt. Zwar habe sich die Schriftstellerin einmal zwischenzeitig von ihrem Mann getrennt, schreibt Schmidt in der SZ, sei "dann aber zu ihm zurückgekehrt. 'Sie sagte, man habe es ihr 'zu spät gesagt', sie liebe ihn zu sehr, und es liege an unserer misogynen Kultur, dass ich von ihr erwarte, ihre eigenen Bedürfnisse zu verleugnen, sich für ihre Kinder aufzuopfern und die Fehler der Männer wiedergutzumachen.' ... Was diese Familiengeschichte für das literarische Werk der Short Storys von Alice Munro bedeutet, in denen es meistens um Frauen in verschiedenen Lebensphasen und zwiespältige Charaktere geht, müssen nun ihre Leser für sich entscheiden." Skinners Enthüllungen werden im englischsprachigen Netz von zahlreichen Literaten diskutiert, schreibt Steffens: "Was Munro in ihrem Erzählband 'Liebes Leben' (2012) schrieb, wird nun zitiert: 'Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder wir sie uns nie verzeihen werden. Aber genau das tun wir - wir tun es immerzu.' Der Ruhm ihrer Mutter habe diese zu Lebzeiten vor kritischen Nachfragen geschützt, so Skinner. Viele, darunter einflussreiche Personen, hätten von ihrer Geschichte gewusst."
Weitere Artikel: Katharina Teutsch erzählt in der Zeit von ihrer Begegnung mit der japanischen Schriftstellerin Hiromi Itō. Andreas Platthaus erinnert in der FAZ an Kafkas Reisen nach Leipzig, die durch die zahlreichen Baustellen in der Stadt damals sehr belastet wurden. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Marc Reichwein über Casanovas Reise nach Preußen zu Friedrich dem Großen. Das Tell-Team und das FR-Team geben Sommerlese-Tipps.
Besprochen werden unter anderem Volha Hapeyevas "Samota" (NZZ), Sarah Kirschs "Der Sommer fängt doch so an! Tagebuch 1990" (Zeit) und Sanam Mahloudjis "Die Perserinnen" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Kunst

FAZ-Kritiker Stefan Trinks kommt in der Ausstellung "Turners sublimes Vermächtnis" im Grimaldi Forum in Monaco nicht nur in den Genuss, die schönsten Werke Turners zu sehen. Es eröffnet sich ihm mit der Verortung seines Werkes in Edmund Burkes "Theorie des Sublimen" auch eine ganz neue Perspektive auf die Bilder: "Eine schmale Serie von Bildern hat Turner den Grausamkeiten des Walfangs gewidmet, die innerhalb der Epoche des Sublimen zum Subtilsten gehören, was er geschaffen hat. Sein schon ironietriefend betiteltes Großformat 'Hurra dem Walfänger Erebus! Noch ein Fisch!' von 1846 lässt das gewaltige Tier zwischen den Menschenmassen links zu Boote und den mit unschuldig weißen Segeln getakelten Zweimaster Erebus am rechten Bildrand regelrecht verschwinden, als sei er bereits vollständig zu Tran verarbeitet. ... Alles ist in ein so gedämpftes wie scheinbar versöhnliches goldenes Licht getaucht; die wie Liliputaner auf das Tier einhackenden Waljäger sind wiederum nur in Karmesinrot konturiert."

Yelizaveta Landenberger reist ebenfalls für die FAZ auf die Kunstbiennale "Matter of Art" in der Prager Nationalgalerie. Zu den Highlight gehört eine "eigenwillige Brunnenskulptur" des belarussischen Künstlers Uladzimir Hramovich mit dem Titel "People of Salt": "Aus verrosteten Arbeiterschutzhelmen sprudelt braunes Wasser, gerade gebogene Sicheln sind wie Bajonette auf Metallspeere aufgesteckt, von denen Seitenbleche mit rötlichen Salzkristallen abstehen. Der Titel erinnert an den Aufstand der Arbeiter in den Salzminen in der belarussischen Stadt Salihorsk während der gescheiterten belarussischen Revolution von 2020. Nachdem die friedlichen Massenproteste gegen die Dauerherrschaft von Alexander Lukaschenko gewaltsam niedergeschlagen wurden, mussten viele, auch Hramovich, das Land verlassen." Leider sieht Landenberger auch "ärgerlich schwache Arbeiten" - vielleicht haben sich die Kuratoren mit einer sehr politischen Ausrichtung etwas überschätzt, meint sie.
Besprochen wird die Ausstellung "Was sind das für Zeiten? - Grosz, Brecht & Piscator" im Kleinen Grosz Museum in Berlin (tsp).
Bühne
Film

Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness" (unser Resümee) ist vor allem wegen des Schauspielers Jesse Plemons sehenswert, der gerade eh einen ziemlichen Lauf hat, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ: Auch wenn er aussieht "wie ein unvorteilhafter Matt Damon", liegt in seinem Spiel "etwas Erdendes. Seine primäre Rolle ist der Ruhepuls. Selbst wenn er als 'white supremacist' in 'Civil War' mit dem Gewehr fuchtelt, bleibt er gleichzeitig demonstrativ beherrscht. Der Rückzug ins Passive charakterisiert ihn."
Außerdem: Marius Nobach schreibt im Filmdienst über die Neuentdeckungen beim Filmfest München. Heute beginnt der Prozess gegen Alec Baldwin wegen eines tödlichen Schusses, der sich bei Dreharbeiten gelöst hatte, schreibt Jürgen Schmieder im Tages-Anzeiger. In der Welt porträtiert Hanns-Georg Rodek Kevin Costner. Besprochen werden die ARD-Doku "Schicksalsjahre einer Kanzlerin" über Angela Merkel (FAZ) und David Bellos Biografie über Jacques Tati (SZ).
Architektur
Musik
Weitere Artikel: Stephanie Grimm porträtiert für die taz die Schlagzeugerin Katharina Ernst. Günter Platzdasch berichtet in der FAZ vom diesjährigen Rudolstadt-Festival. Samir H. Köck (Presse) und Jakob Thaller (Standard) ärgern sich über Chaos und Missmanagement beim Rolling-Loud-Festival. Thomas Stillbauer erinnert in der FR an das Album "A Hard Day's Night" von den Beatles, das vor 60 Jahren erschienen ist.
Besprochen werden ein Konzet von Philharmonic Brass in Wiesbaden (FR) und Arooj Aftabs Album "Night Reign" (FR).



