Efeu - Die Kulturrundschau

Nur in Karmesinrot konturiert

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09.07.2024. Der Freitag unterhält sich mit René Aguigah über seine James Baldwin-Biografie und versucht, das Verhältnis zwischen Literat und Aktivist zu ergründen. Die Tochter von Alice Munro macht ihrer Mutter schwere Vorwürfe, berichtet die SZ. Die FAZ entdeckt im Grimaldi Forum in Monacco das "Sublime" in den Bildern William Turners. Außerdem begeistert sie sich für die Vielfalt und das Versöhnliche auf dem neuen Album von Swamp Dogg.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2024 finden Sie hier

Literatur

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Am 2. August wäre James Baldwin hundert Jahre alt geworden. Philipp Haibach spricht im Freitag mit René Aguigah, der über den Schriftsteller und Bürgerrechtler ein Buch geschrieben hat. Dabei handelt es sich nicht um eine herkömmliche Biografie, unterstreicht Aguigah, sondern um den "Versuch, Baldwin zu porträtieren, indem ich ihn lese. Und zwar unter bestimmten Gesichtspunkten, vor allem: Wie verhält sich der literarische Autor Baldwin zum politischen Aktivisten Baldwin? Wie verhalten sich seine Essays zu seinen Romanen? Ist sein Denken eher an einzelnen Gruppen orientiert - den Schwarzen oder den Homosexuellen - oder an der Universalität aller Menschen? Was kann man von Baldwin über die Funktionsweise von Erinnerung erfahren? Diese Fragen interessieren mich, weil ich sie für sehr gegenwärtig halte. Wenn wir heute über politisierende Kunst debattieren oder über sogenannte Identitätspolitik, dann finden wir bei Baldwin - in einer anderen Epoche, also von heute aus betrachtet, leicht verfremdet - ganz ähnliche Fragen."

Frauke Steffens (FAZ) und Marie Schmidt (SZ) fassen einen (leider verpaywallten) Text von Andrea Robin Skinner im Toronto Star zusammen, die ihrer Mutter, der im Mai verstorbenen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, schwere Vorwürfe macht: Sie habe die sexuellen Übergriffe ihres zweiten Ehemanns gegenüber ihrer Tochter gedultet oder zumindest weggewischt und kleingeredet. Der Täter hat sich in einem Gerichtsverfahren Jahrzehnte später für schuldig bekannt. Zwar habe sich die Schriftstellerin einmal zwischenzeitig von ihrem Mann getrennt, schreibt Schmidt in der SZ, sei "dann aber zu ihm zurückgekehrt. 'Sie sagte, man habe es ihr 'zu spät gesagt', sie liebe ihn zu sehr, und es liege an unserer misogynen Kultur, dass ich von ihr erwarte, ihre eigenen Bedürfnisse zu verleugnen, sich für ihre Kinder aufzuopfern und die Fehler der Männer wiedergutzumachen.' ... Was diese Familiengeschichte für das literarische Werk der Short Storys von Alice Munro bedeutet, in denen es meistens um Frauen in verschiedenen Lebensphasen und zwiespältige Charaktere geht, müssen nun ihre Leser für sich entscheiden." Skinners Enthüllungen werden im englischsprachigen Netz von zahlreichen Literaten diskutiert, schreibt Steffens: "Was Munro in ihrem Erzählband 'Liebes Leben' (2012) schrieb, wird nun zitiert: 'Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder wir sie uns nie verzeihen werden. Aber genau das tun wir - wir tun es immerzu.' Der Ruhm ihrer Mutter habe diese zu Lebzeiten vor kritischen Nachfragen geschützt, so Skinner. Viele, darunter einflussreiche Personen, hätten von ihrer Geschichte gewusst."

Weitere Artikel: Katharina Teutsch erzählt in der Zeit von ihrer Begegnung mit der japanischen Schriftstellerin Hiromi Itō. Andreas Platthaus erinnert in der FAZ an Kafkas Reisen nach Leipzig, die durch die zahlreichen Baustellen in der Stadt damals sehr belastet wurden. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Marc Reichwein über Casanovas Reise nach Preußen zu Friedrich dem Großen. Das Tell-Team und das FR-Team geben Sommerlese-Tipps.

Besprochen werden unter anderem Volha Hapeyevas "Samota" (NZZ), Sarah Kirschs "Der Sommer fängt doch so an! Tagebuch 1990" (Zeit) und Sanam Mahloudjis "Die Perserinnen" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

'Hurrah! for the Whaler Erebus! Another Fish!' exhibited 1846, Joseph Mallord William Turner. Foto: Tate.


FAZ-Kritiker Stefan Trinks kommt in der Ausstellung "Turners sublimes Vermächtnis" im Grimaldi Forum in Monaco nicht nur in den Genuss, die schönsten Werke Turners zu sehen. Es eröffnet sich ihm mit der Verortung seines Werkes in Edmund Burkes "Theorie des Sublimen" auch eine ganz neue Perspektive auf die Bilder: "Eine schmale Serie von Bildern hat Turner den Grausamkeiten des Walfangs gewidmet, die innerhalb der Epoche des Sublimen zum Subtilsten gehören, was er geschaffen hat. Sein schon ironietriefend betiteltes Großformat 'Hurra dem Walfänger Erebus! Noch ein Fisch!' von 1846 lässt das gewaltige Tier zwischen den Menschenmassen links zu Boote und den mit unschuldig weißen Segeln getakelten Zweimaster Erebus am rechten Bildrand regelrecht verschwinden, als sei er bereits vollständig zu Tran verarbeitet. ... Alles ist in ein so gedämpftes wie scheinbar versöhnliches goldenes Licht getaucht; die wie Liliputaner auf das Tier einhackenden Waljäger sind wiederum nur in Karmesinrot konturiert."

People of Salt / 2024 / installation / metal, aluminum, scythes, pumps, water, potassium permanganate, potassium, found objects / courtesy of the artist. Biennale Matter of Art 2024, National Gallery Prague - Trade Fair Palace © Jonáš Verešpej


Yelizaveta Landenberger reist ebenfalls für die FAZ auf die Kunstbiennale "Matter of Art" in der Prager Nationalgalerie. Zu den Highlight gehört eine "eigenwillige Brunnenskulptur" des belarussischen Künstlers Uladzimir Hramovich mit dem Titel "People of Salt": "Aus verrosteten Arbeiterschutzhelmen sprudelt braunes Wasser, gerade gebogene Sicheln sind wie Bajonette auf Metallspeere aufgesteckt, von denen Seitenbleche mit rötlichen Salzkristallen abstehen. Der Titel erinnert an den Aufstand der Arbeiter in den Salzminen in der belarussischen Stadt Salihorsk während der gescheiterten belarussischen Revolution von 2020. Nachdem die friedlichen Massenproteste gegen die Dauerherrschaft von Alexander Lukaschenko gewaltsam niedergeschlagen wurden, mussten viele, auch Hramovich, das Land verlassen." Leider sieht Landenberger auch "ärgerlich schwache Arbeiten" - vielleicht haben sich die Kuratoren mit einer sehr politischen Ausrichtung etwas überschätzt, meint sie.

Besprochen wird die Ausstellung "Was sind das für Zeiten? - Grosz, Brecht & Piscator" im Kleinen Grosz Museum in Berlin (tsp).

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Bühne

Reinhard J. Brembeck berichtet für die SZ vom Opernfestival Aix-en-Provence, dessen Inszenierungen dieses Jahr erstaunlich unpolitisch sind, wie er findet. nachtkritikerin Gabi Hift besucht die Festspiele Reichenau. Alisa Geffert annonciert in der taz das CommUnity-Kulturfestival Festiwalla: "Keine Angst! Klassenk*mpf?!" an der Volksbühne Berlin. Besprochen werden Guntbert Warns Inszenierung von Harold Faltermeyers Musical "Oktoberfest. Beinah wahr..." am Renaissance-Theater Berlin (nachtkritik, tsp) und Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Der Ring des Nibelungen" bei den Tiroler Festspielen in Erl (FAZ) und Marc-André Dalbavies Inszenierung von "Melancholie des Widerstands" nach dem Roman von László Krasznahorkai (Welt).
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Film

Rückzug ins Passive: Jesse Plemons (Mitte) strahlt Ruhe aus. Szene aus "Kinds of Kindness"

Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness" (unser Resümee) ist vor allem wegen des Schauspielers Jesse Plemons sehenswert, der gerade eh einen ziemlichen Lauf hat, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ: Auch wenn er aussieht "wie ein unvorteilhafter Matt Damon", liegt in seinem Spiel "etwas Erdendes. Seine primäre Rolle ist der Ruhepuls.  Selbst wenn er als 'white supremacist' in 'Civil War' mit dem Gewehr fuchtelt, bleibt er gleichzeitig demonstrativ beherrscht. Der Rückzug ins Passive charakterisiert ihn."

Außerdem: Marius Nobach schreibt im Filmdienst über die Neuentdeckungen beim Filmfest München. Heute beginnt der Prozess gegen Alec Baldwin wegen eines tödlichen Schusses, der sich bei Dreharbeiten gelöst hatte, schreibt Jürgen Schmieder im Tages-Anzeiger. In der Welt porträtiert Hanns-Georg Rodek Kevin Costner. Besprochen werden die ARD-Doku "Schicksalsjahre einer Kanzlerin" über Angela Merkel (FAZ) und David Bellos Biografie über Jacques Tati (SZ).
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Architektur

Den "Leuchtturm der kulturellen Erneuerung Saudiarabiens" besucht Roman Hollenstein für die NZZ. Eines ist sicher, solange das "Ölgeld" fließt, schreibt Hollenstein, ist Saudiarabien ein Mekka für Architekten. Das "King Abdulaziz Center for World Culture", gebaut vom amerikanisch-norwegischen Architekturbüro Snøhetta, zählt zum beeindruckensten, was der Rezensent je gesehen hat: "Das kurz Ithra genannte Zentrum erhebt sich weithin sichtbar in felsigem Wüstengelände am Rande von Dhahran. Umgeben ist es von einem weitläufigen ovalen Park, der zur Snøhetta-Moschee hin als formaler Garten mit Dattelpalmen und Wasserspielen, rund um das Ithra-Gebäude aber als stilisierte Trockenlandschaft gestaltet ist. In diese eingegraben ist das Sockelgeschoss des Ithra, so dass von ihm nur fünf Bauteile sichtbar sind, die an gigantische, vom Wüstenwind geschliffene Felsen erinnern."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Saudi-Arabien, Snohetta

Musik

Jan Wiele begeistert sich in der FAZ (online nachgereicht) für die mal grelle, mal zotige, mal innovative Musik von Swamp Dogg, der jetzt, mit 81 Jahren, mit seinem neuen Album "Blackgrass" Bluegrass und Country - für Swamp Dogg "ursprünglich eine Musik der Schwarzen" - zurückerobern will. Er "singt tatsächlich Stücke zu Banjo, Mandoline und Dobrogitarre, die man für klassisch weiße Bluegrassmusik halten könnte ('Mess Under That Dress') - wäre da nicht seine soulige Stimme, wie sie besonders im politisch aufgeladenen "Songs to Sing" hervorsticht." Aber "während die Texte aufrührerisch bleiben ('Rise Up'), stehen die Besetzung und der Erscheinungsort des Albums demonstrativ für Versöhnung und Vielfalt: Swamp Dogg hat sich nämlich mit Noam Pikelny von den Punch Brothers einen der versiertesten (weißen) Banjospieler an Bord geholt, mit Chris Scruggs exemplarisch den Enkel der weißen Bluegrass-Ikone Earl Scruggs, mit Jenny Lewis und Margo Price zwei zwischen Mainstream- und Alternative-Country schillernde Sängerinnen und mit dem schwarzen Vernon Reid aus der Band Living Colour einen Fusion-Gitarristen."



Weitere Artikel: Stephanie Grimm porträtiert für die taz die Schlagzeugerin Katharina Ernst. Günter Platzdasch berichtet in der FAZ vom diesjährigen Rudolstadt-Festival. Samir H. Köck (Presse) und Jakob Thaller (Standard) ärgern sich über Chaos und Missmanagement beim Rolling-Loud-Festival. Thomas Stillbauer erinnert in der FR an das Album "A Hard Day's Night" von den Beatles, das vor 60 Jahren erschienen ist.



Besprochen werden ein Konzet von Philharmonic Brass in Wiesbaden (FR) und Arooj Aftabs Album "Night Reign" (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Dogg, Swamp, Bluegrass, Country