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02.05.2024. Paul Auster ist tot, die Feuilletons trauern. Die SZ evoziert noch einmal die persönlichen Panoramen des Schriftstellers, die Zeit erinnert sich daran, wie Auster einen Arm über die Grenze zwischen Realem und Fiktivem baumeln lässt. Das Berliner Theatertreffen startet derweil mit hohen Erwartungen; die FAZ freut sich auf die vielseitigste Ausgabe seit langem. Der rumänische Regisseur Radu Jude ist von Autofiktion genervt, berichtet er der taz. Ein Elfriede-Jelinek-Stück an den Kammerspielen lädt laut Zeit dazu ein, sich in Liegestühlen zu verheddern.
Paul Auster, 1947-2024. (Bild: David Shankbone, CC BY 3.0) Die Feuilletons trauern um PaulAuster. Seine in 50 Jahren entstandenen, beinahe 20 Romane boten zur Freude des Lebenspublikums und der Kritik "abenteuerliche, aber vertraute Situationen, Momente der Gefahr und Gewalt, Wendungen ins Absurde, gründliche Zweifel an der Zuverlässigkeit von Wahrnehmung, rätselhafte Identitäten, eine enge Bindung des Erzählten an die eigene Biografie - und am Ende doch die Gewissheit, dass es, allen Zufällen und wechselnden Lebensumständen zum Trotz, an Orientierung niemals fehlt", hält Thomas Steinfeld in der SZ fest. "In allen diesen Büchern ist es, als betrete man ein Haus, und im Flur hingen lauter Fotografien, die den Bewohner in den verschiedensten Situationen und Gestalten zeigen. ... Wenige Schriftsteller gibt es, die man nach der Lektüre von zwei, drei Büchern so gut zu kennen meint, wie es bei Paul Auster der Fall ist."
"Das Spiel mit Identitäten, die Welt als Spiegelkabinett der Möglichkeiten", so fasst Volker Weidermann in der Zeit Austers "Romanwelt" zusammen. "Er balanciert mit seinen Fiktionen stets am Rande der Realität, es ist, als baumele stets ein Arm oder Bein hinüber über die Grenze." Dass dabei der Zufall eine wichtige Rolle spielt, hat mit einem Erlebnis in Austers Jugend zu tun, erklärt Irene Binal in der NZZ: Damals wurde er Zeuge, wie ein Freund vom Blitz erschlagen wurde. "Diesem Mechanismus der Realität spürte er in seinem Werk nach. ... 'Die Vorstellung, dass Fiktion in die reale Welt schwappen kann und umgekehrt, fasziniert mich', meinte er. 'Wenn wir uns durch die dreidimensionale Welt bewegen, stellt sich unser Gehirn immer andere Möglichkeiten vor. Mich interessiert, was die Wirklichkeit ist, das Konkrete und das Substanzlose, das so genannte Reale und das so genannte Imaginierte.'"
Hannes Stein erinnert in der Welt an den durchschlagenden Erfolg, den Auster in den Achtzigern mit seiner "New-York-Trilogie" hatte: Die Kritikern feierten die Bücher "als Errungenschaft der postmodernenLiteratur, weil die Realität auf Schritt und Tritt knisterte wie brüchiges Eis und der Autor lauter Spiegel aufgestellt hatte, in den der Text sich quasi selber begegnete; außerdem kam in den Seiten ein Paul Auster vor, der mit dem Autor gewisse Wesensmerkmale teilte. Verwandtschaften mit Poe und Hawthorne wurden registriert, auch Bezüge zu Beckett und Miguel de Cervantes. Vielleicht könnte man es auch einfacher sagen: Die 'New-York-Trilogie' las sich streckenweise so, als sei Franz Kafka im Gehirn von Raymond Chandler wiedergeboren worden und habe sich den Jux erlaubt, eine Serie von Detektivromanen der hartgesottenen Sorte zu verfassen." Weitere Nachrufe schreiben Dirk Knipphals (taz), Judith von Sternburg (FR) und Andreas Platthaus (FAZ),
Weiteres: In der FAZgratuliert Jürgen Kaube dem SZ-Literaturkritiker ThomasSteinfeld zum 70. Geburtstag. Lothar Müller (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den LiteraturwissenschaftlerPeterDemetz. Besprochen werden GabrielWolkenfelds "Wir Propagandisten" (Jungle World), VolkerBrauns Essayband "Fortwährender Versuch, mit Gewalten zu leben" (Standard), der Band "Der Nister: 'Von meinen Besitztümern'" mit jiddischenErzählungen (online nachgereicht von der FAZ) und KirstinWarnkes "Sei nicht so" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Heute beginnt das Berliner Theatertreffen. Simon Strauß freut sich in der FAZ auf die Auswahl: "Der Andrang auf die Karten ist groß, die Lust auf Schauspiel nimmt neue Fahrt auf. Das liegt sicher auch an der diesjährigen Auswahl der Inszenierungen, die seit Langem einmal wieder mit einem ausgewogenen Mischverhältnis zwischen erzählerischem Schauspieltheater und freischwingender Problempointenperformance aufwartet, also das tut, was sie tun sollte: Sie bildet die Breite des deutschsprachigen Theatergeschehens ab." Auch Rüdiger Schaper bejubelt im Tagesspiegel "eine Vielfalt, wie es sie wohl lange nicht gegeben hat". Ebenfalls im Tagesspiegelporträtiert Patrick Wildermann Nora Hertlein Hull, die neue Leiterin des Theatertreffens.
Stark ist auch die diesjährige Ausgabe des FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, freut sich Christoph Weissermel in der FAZ. Unter anderem hat ihn Alexander Zeldins "Confessions" überzeugt: "Das Publikum umringt hyperrealistisch gehaltene Bühnenbilder mit ranzigen Wänden, Notausgangsschildern und dürftigem Plastikmobiliar, die sich mal zu Flüchtlingsheimen, mal zu Fleischfabriken fügen. Eine Programmatik des ästhetischen Verzauberungsverzichts, aus dem menschliche Wärme umso herzlicher hervor glimmt. Fast in Echtzeit erzählt Zeldin von den Zumutungen des Alltags unter widrigsten Bedingungen, wenn unverschuldet verpasste Amtstermine oder fehlende Therapieplätze existenzielle Katastrophen bedeuten."
Weitere Artikel: Hugh Morris befragt im Van-Magazin die Schauspielerin Sarah Connolly dazu, warum sie sich dazu entschlossen hat, die Hauptrolle in einer saudi-arabischen Oper zu übernehmen. Für die tazinterviewt Gabriele Lesser Elżbieta Ficowska, deren Musical "Irena" im Berliner Admiralspalast zu sehen ist. In der Welt unterhält sich Jakob Hayner mit der Regisseurin Rieke Süßkow.
Besprochen werden ein Ballettabend von Alba Castillo und Roy Assaf im Mannheimer Altes Kino Franklin (FR), ein Ballettabend von Marcos Morau und Chrystal Pite in der Berliner Staatsoper (FAZ), die performative Installation "Warten auf die Barbaren" im Volkskundemuseum Wien (Standard), Miriam Ibrahims Adaption von Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" am Theater Dortmund (taz), Saburo Teshigawaras "Tristan und Isolde" am Luzerner Festival "Steps" (NZZ) und William Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Brandenburger Theater (nachtkritik).
"Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt" von Radu Jude mit Nina Hoss "Autofiktion, puh", sagt der rumänische Auteur RaduJude im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser auf die Frage, ob sein neuer Film "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt" über den gehetzten Alltag einer Produktionsproduzentin viel mit seiner eigenen Lebensrealität zu tun habe. Mit dieser Mode der Nabelschau nerven ihn auch seine Filmstudenten zusehends, erklärt er. "Dabei ist eins der mächtigsten Dinge, die das Kino tun kann, die Welt zu betrachten und nicht sich selbst." Von Provokationen mit dem Trash und schlechtem Geschmack wie in seinem Berlinale-Gewinner "Bad Luck Banging or Looney Porn" sieht er dabei mittlerweile zwar ab und versucht, "auf eine Art ganz ohne Geschmack zu sein, die Dinge nicht mit Vorlieben und Abneigungen zu betrachten. Ich versuche andere Perspektiven aufzunehmen, offener zu sein. Ich würde heute sogar sagen: Schlechten Geschmack gibt es nicht. Wenn man etwas vermeintlich Geschmackloses ernst nimmt, wird es zu gutem Geschmack. Mit etwas zu provozieren hängt sehr von der Kultur ab, von der Gesellschaft und der Zeit. Es gibt immer Grenzen, deren Überschreitung eine Art Provokation darstellt. Aber darauf lege ich es mit meinen Filmen gar nicht an." Für den FreitagbesprichtSilviaBahl den Film.
Weitere Artikel: Nach den jüngsten Entwicklungen beginnt Frankreich sein Verhältnis zu GérardDepardieu zu überdenken, berichtet Cécile Calla auf Zeit Online. Daniel Gerhardt erzählt auf Zeit Online von seiner Begegnung mit EmilyBlunt und RyanGosling, die in der neuen (in der taz und bei uns besprochenen) Actionkomödie "The Fall Guy" zu sehen sind. Philipp Stadelmaier berichtet im Filmdienst vom vierten Kongress "Zukunft Deutscher Film". Außerdem gratuliert Stadelmaier in der SZ den InternationalenKurzfilmtagenOberhausen zum 70. Jahrgang. In der NZZ blickt Jörg Scheller auf 25 Jahre "Spongebob" zurück. Geertjan de Vugt blättert für die SZ durchs Programm des Münchner Dokfests.
Besprochen werden StéphaneBrizés "Zwischen uns das Leben" (Freitag, Tsp), Toshimichi Saitos Dokumentarfilm "Das Streben nach Perfektion" über Köchinnen und Köche in Tokio (FR), Claudia Rorarius' Debüt "Touched" (Tsp), KanwalSethis Beziehungsdrama "Was von der Liebe bleibt" (FR). und die Netflix-Serie "Baby Reindeer" (SZ). Außerdem informiert das Filmteam der SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht. Und hier alle Kritiken des Filmdiensts zur laufenden Kinowoche.
Adrian Schräder porträtiert für die NZZ den House-Produzenten MathiasModica. Nadine A. Brügger blickt in der NZZ auf die Karriere des Musikers Nemo, der für die Schweiz zum Eurovision Song Contest fährt. Das Klassik-Printmagazin Fono Forum ist nach kurzer Pause wieder da, schreibt Jan Brachmann in der FAZ.
Besprochen werden neue Alben von LiamBailey (Presse) Phosphorescent (Standard) und Khruangbin (JungleWorld).
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