Efeu - Die Kulturrundschau

Eine andere Hölle als die zuvor

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23.11.2021. Jubelnden Applaus spenden taz und SZ Nora Abdel-Maksouds Münchner Komödie "Jeeps", die der Eierstocklotterie des Erbens ein Ende macht. Die FAZ bewundert im Prado die Pracht lateinamerikanischer Kunst in Spanien. Der Standard stellt die Verlegerin Ann Kathrin Doerig vor, die der Misogynie der Welt mit schönen Büchern entgegentreten möchte. Das Comeback des Minirocks versetzt die NZZ in Hochstimmung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2021 finden Sie hier

Bühne

Eva Bay und Gro Swantje Kohlhof in "Jeeps". Foto: Armin Smailovic / Kammerspiele

Mit jubelndem Applaus quittiert Sabine Leucht in der taz Nora Abdel-Maksouds "knallkomische" Erbschaftssatire "Jeeps" an den Münchner Kammerspielen, deren Ausgangslage sie so umreißt: "Wir befinden uns in einem Deutschland, in dem die regierende FDP sich auf den Bedeutungskern des Begriffes 'Leistungsgerechtigkeit' zurückbesonnen und die 'Eierstocklotterie' des Erbens durch etwas ersetzt hat, was die Jungunternehmerin Silke 'Erbwichteln' nennt: Alle potenziellen Erbschaften, große, marginale wie negative, werden staatlicherseits eingesammelt und neu verlost. Die Lose verwaltet ausgerechnet das Jobcenter, in dem seitdem eine explosive soziale Mischung herumlungert: in Halle A die aufgebrachten Enterbten, die auf eine zweite Chance warten und derweil ihren Warteraum mit trendy Food-trucks und Boulderwänden möblieren. In Halle C die Kinder der Hartz-IV-Empfänger, die Armin 'Opferwürste' nennt. Weil es so viele geworden sind, hat man sie gebeten, aus Platzspargründen ihre Kinder zu schicken." SZ-Kritikerin Christine Dössel verzeichnet mit Begeisterung, dass mit Abdel-Maksouds Komödie der deutsche Bühnenhumor das Niveau des Luxuskarossenbaus erreicht hat. Auch in der FAZ bekennt Hannes Hintermeier, dass er viel lachen musste.

Besprochen werden Stephan Kimmigs "Rheingold"-Inszenierung in Stuttgart (FR, FAZ) und Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Burgtheater (Welt).
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Design

Der Minirock hat ein Comeback, stellt Gabrielle Boller in der NZZ fest und deutet das als gutes Omen, denn einer in den 1920ern aufgestellten These des Ökonomen George W. Taylor zufolge, "soll am Hochrutschen der Rocksäume sogar eine florierende Wirtschaftslage abzulesen sein". Doch "man muss kein Börsenorakel befragen, um eine Wechselwirkung von Minijupes und Hochstimmung zu finden, das leistet Mode als feiner Seismograf des Zeitgeschehens auch so". Denn "womit könnte man die erhoffte Freiheit nach der Seuchenplage besser feiern als mit dem Mini, der den Zeitgeist der sechziger Jahre geradezu inhaliert hat? So zeigt sich der kurze Rock in Retrolaune, als unverkennbare Reminiszenz an sorglosere Zeiten - nun kann es nur besser werden! Zumindest wünschen kann man sich das, doch vom Zukunftsoptimismus der Sechziger sind wir, in Dystopien gefangen, meilenweit entfernt."
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Stichwörter: Mode, Minirock, Dystopien

Literatur

Margarete Affenzeller stellt im Standard den AKI-Verlag der Schauspielerin Ann Kathrin Doerig vor, die Bücher von Frauen veröffentlicht - und zwar jährlich ein behutsam zusammengestelltes Quintett. Droerig will "der misogyn geprägten Welt Stimmen entgegensetzen, Blickweisen verschieben. Der neue Verlag steht aber auch für eine Absage an die Schnelllebigkeit in der Buchbranche und das rasche, alljährlich wiederkehrende oberflächliche Abschöpfen aus einem kaum mehr zu überblickenden Meer an Neuerscheinungen. Wachstum ist eben kein Garant für Qualität. Das heißt, die Neoverlegerin will sich Zeit nehmen - fürs Lesen einerseits, aber vor allem auch für die Entwicklung ihrer Bücher. Und das sieht man. Selten schöne Objekte sind sie geworden, klimaneutral gedruckte Bände, gehüllt in Kunst. Für jedes Cover hat Doerig mit einer anderen zur Autorin passenden Künstlerin zusammengearbeitet." Wie man den Hinweis darauf verstehen darf, dass die Zusammenarbeit auf einem "Entgegenkommen" basiere, wird jedoch nicht geklärt.

Außerdem: Paul Ingendaay berichtet in der FAZ von einem Abend über Roger Willemsens Nachlass in der Berliner Akademie der Künste. In Darmstadt wurden Irena Brezná, Günter Wallraff und Lina Attalah vom PEN mit dem Hermann-Kesten-Preis ausgezeichnet, berichtet Boris Halva in der FR.

Besprochen werden unter anderem Simone de Beauvoirs "Die Unzertrennlichen" (Standard), Karl Heinz Bohrers "Was alles so vorkommt" (Jungle World), der postum veröffentlichte Band "Wer rechnet schon mit Lesern?" mit literaturwissenschaftlichen Arbeiten von Ruth Klüger (taz), Donatella Di Pietrantonios "Borgo Sud" (SZ), Ai Weiweis Memoiren "1000 Jahre Freud und Leid" (Tagesspiegel) und Sandro Veroness "Der Kolibri" (FAZ).
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Kunst

Andrés Sánchez Galque: Los tres mulattos, 1599. Bild: Prado / Wikimedia

Der Prado zeigt in der Ausstellung "Tornaviaje" (Rückreise) Lateinamerikanische Kunst in Spanien, und in der FAZ empfiehlt Paul Ingendaay, die gezeigten Kunstwerke genau zu befragen und nicht nur auf die Machtverhältnissen in der Kolonialgesellschaft zu blicken: "Panoramabilder der Silberminen von Potosí oder historisierende Darstellungen von indigenen Aufständen zeigen, wenig überraschend, den Sieg der angeblichen Zivilisation über die brutal Kolonisierten. Und auch ein Gemälde wie das Porträt der Adeligen María Luisa de Toledo mit ihrer indigenen Dienerin drückt die erwartbare soziale Distanz aus - die hellhäutige Nachfahrin von Spaniern im prächtigen Kleid in die Mitte gerückt, ihre dunkelhäutige Dienerin klein am rechten Bildrand, eine wohlwollende weiße Herrscherinnenhand auf dem Kopf. Daneben gibt es Zeugnisse, die schwerer deutbar sind. Zum Exotismus der 'Tres mulatos de Esmeraldas' (um 1600, Ecuador) kommen die unübersehbare Pracht der Gewänder und die Genauigkeit der Darstellung von Gold-Piercings, Lanzen und Hüten."

Besprochen werden außerdem eine kleine Schau im Pariser Musée de l'histoire de l'immigration, die zeigt, wie kühl Frankreich einst den spanischen Emigranten Pablo Picasso empfing (Standard), und eine Ausstellung der italienischen Künstlerin Carol Rama im Gutshaus Steglitz in Berlin (Tsp).
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Architektur

In der NZZ erzählt Sabine von Fischer, wie sich die Universität von Santa Barbara mit der Großspende des Tycoons Charles Munger quält: Für eine Milliarde Dollar will er der Uni ein Studentenwohnheim für 4.500 Bewohner bauen - aus Beton nach eigenen Plänen: "Das Licht in den fensterlosen Zimmern spendet ein großer Bildschirm hinter einem Vorhang. Diese Idee einer Sonnenlichtsimulation hat der Möchtegernarchitekt den Disney-Kreuzfahrtschiffen abgeschaut. Dies sei fürs Wohlbefinden noch besser als die echte Sonne, meint Munger, weil die Bewohner so jederzeit selber entscheiden könnten, welche Tageslichtsituation sie gerade wollten. In einer Online-Fragenbeantwortung hält die Universität fest, dass es ja freiwillig sei, in diesen Megablock einzuziehen."

Edel kann Tatiana Bilbao aber auch: Wohnhaus "Los Terrenos", Monterrey, Nuevo León, Mexiko, Foto: Rory Gardiner / Architekturzentrum Wien

Dringend empfiehlt jetzt auch Laura Weissmüller in der SZ die Ausstellung der mexikanischen Architektin Tatiana Bilbao im Architekturzentrum Wien (mehr dazu hier), die ihre Bauten nicht am Computer  entwirft, sondern in farbenfrohen Collagen, an denen alle mitarbeiten dürfen. "Tatiana Bilbaos Arbeitsweise ist denkbar weit entfernt von der eines allwissenden Architektengotts à la Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright, die mit einem Federstrich ganze Städte entwarfen und zu jeder Zeit vorgaben zu wissen, was für alle Bewohner darin gut ist. Dazu passt, dass die mexikanische Architektin lieber mit anderen zusammenarbeitet, als mit ihnen in Konkurrenz zu treten."
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Film

Kranke Utopie: "A Pure Place" von Nikias Chryssos

Nikias Chryssos' "A Pure Place" handelt von einer Sekte, die sich auf einer griechischen Insel vom Schmutz der Welt abzusondern versucht. Grund genug für Thomas Klein, für den Filmdienst dem Sektenboom im Kino der letzten Jahre nachzugehen. "Utopische Gesellschaften wurden gerne auf Inseln angesiedelt, weil sich hier abgeschirmt von der Welt Visionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens entwickeln ließen. Inzwischen haben dystopische Entwürfe die utopischen verdrängt. In 'A Pure Place' werden auch die touristisch heißbegehrten griechischen Inseln davon erreicht. Die fiktionale Konstruktion ist dabei essenziell. Denn in der Realität sind es ja in ihrer Heimat verfolgte Menschen, die sich auf griechische Inseln flüchten, um dort nur eine andere Hölle als die zuvor zu erleben. Das Grauen flüchtend hinter sich zu lassen, um in ein neues, noch schlimmeres Grauen zu geraten, hat ein enormes Potential für düstere Erzählungen. Für solche Narrative bieten Sekten ein geeignetes dystopisches Konstrukt. 'A Pure Place' und andere Filme der letzten Jahre inszenieren die scheiternde Suche nach dem besseren Leben, die kranke Utopie als puren Horror."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser resümiert in der taz das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Franco Nero zum 80. Geburtstag. Als Django kennt ihn ja jeder - aber kennen Sie ihn als Keoma?



Besprochen werden Mario Sixtus' vom ZDF online gestellter Science-Fiction-Film "Hyperland" (ZeitOnline, FAZ), das Comeback des Serienklassikers "Dexter" ("ein gelungenes Wiedersehen", meint Nina Rehfeld in der FAZ, kein "echtes Must-See-TV", urteilt Patrick Heidmann auf ZeitOnline), Pierre Monnards "Platzspitzbaby" (taz), die Netflix-Serie "Hellbound" (Presse), und die Arte-Doku "Misha und die Wölfe" über Misha Defonseca, die mit einer erschwindelten Biografie als Holocaust-Überlebende Millionen verdient hat (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Die Aufnahmen des russischen Pianisten Boris Giltburg von Beethovens Klaviersonaten wirken auf SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber wie "eine Art Antipoden des allgegenwärtigen Igor Levit" und zwar "stilistisch, inhaltlich, emotional." Denn "wo Levit mit Tempo, Rasanz und nervösem Spannungsdruck begeistert oder verstört, bleibt Giltburg ruhig: Tief atmend nimmt er sich Zeit für Klangartikulation, melodische Linienführung, beharrt auf den Eigenheiten musikalischer Charaktere, hört hinein in den Typus eines jeden Satzes." Auf Youtube gibt es ausführliche Klangbeispiele:



Weitere Artikel: Inga Barthels erklärt im Tagesspiegel, warum Taylor Swift derzeit ihre alten Alben komplett neu einspielt und damit Streamingrekorde bricht: An den Originalaufnahmen verdient die Künstlerin aufgrund fieser Verträge kaum mit. Andrian Kreye stellt in der SZ die Jazzsängerin Esperanza Spalding vor. Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Hartmann die Harfenistin Sissi Rada, die ihr Instrument mit zeitgenössischer Elektronik kämpfen lässt:



Besprochen werden eine Ausstellung in Straßburg zur Geschichte der Marseillaise (FAZ), ein Konzert der Londoner Saxofonistin Nubya Garcia (Tagesspiegel) und das neue Album von Robert Plant und Alison Krauss, auf dem Standard-Kritiker Karl Fluch einige "Schleicher von träger Eleganz" ausmacht.
Archiv: Musik