Efeu - Die Kulturrundschau

Herrlich vormärzlich

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27.07.2018. Die Musikkritiker strömten in Scharen zum Bayreuther "Lohengrin": Die SZ staunt über die impressionistische Farborgie, die Christian Thielemann mit Wagners Musik veranstaltet. Großes Lob auch für die Sänger. Regisseur Yuval Sharon kommt sehr viel schlechter weg:  doppeltalentierte Wagner-Ahnungslosigkeit bescheinigt ihm die Berliner Zeitung. Tinkerbell möchte ihre Kostüme zurück, informiert Zeit online die Kostüm- und Bühnenbildner Rosa Loy und Neo Rauch. Im Interview mit dem Van Magazin berichtet die Autorin Asli Erdogan von der Drangsalierung erdogankritischer Musiker in der Türkei. Der Guardian träumt vom Künstlerleben in Pont-Aven.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2018 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Lohengrin". Bild: Bayreuther Festpiele / E. Nawrath

Nachdem Stars wie Alvis Hermanis, Anna Netrebko und Roberto Alagna vorzeitig das Handtuch warfen, ging gestern der "Lohengrin" in Bayreuth unter dem Dirigat von Christoph Thielemann und der Regie von Yuval Sharon über die Bühne. In den Hauptrollen glänzten, so weit sind sich die Kritiker einig, Anja Harteros, Piotr Beczala und nach 18jähriger Hügel-Abstinenz vor allem die große Waltraud Meier. Die Musikkritiker strömten in Scharen auf den von Rosa Loy und Neo Rauch in kaltes Delfter Kachelblau gekleideten grünen Hügel, um dann zu Urteilen in den unterschiedlichsten Tonlagen anzusetzen: "Nahe an der Perfektion", jubelt Peter Huth in der Welt und gerät fast ins Delirieren über diesen "kreativen Urknall": "Dieses gute, starke Kollektiv, das sich ergänzt und befruchtet, das hätte Wagner zur Lohengrin-Kompositionszeit sicherlich gut gefallen! Bedingungslos die Freundschaft, vorwärts zum großen Ziel, herrlich vormärzlich scheint es da zugegangen zu sein! Leinen los und auf ins Gefecht."

"Was Christian Thieleman im ätherisch schimmerndem Vorspiel schon an Frische und treibender Energie aus dem perfekt eingestellten Orchester herausholt, ist schlicht sensationell", schwärmt Werner Theurich bei Spiegel Online, da stört Sharons "seltsam salzlose" Regie nicht weiter. In der SZ lauscht Reinhard J. Brembeck einer "impressionistischen Farborgie": Thielemann kann "Klang auffächern, auffälteln, in sein Farbspektrum zerlegen, abdämpfen, wattieren, anschmirgeln." Nachtkritiker Georg Kasch erlebt Wagners Märchen bei Sharon als "Geschichte einer weiblichen Emanzipation" - anders als bei Wagner dürfen Elsa und Ortrud am Ende überleben: "Das ist schön, denn die Frauenfiguren gehören zu den Schwachpunkten in Wagners Heils- und Führerfigurenkonzeption, dazu muss man schon was sagen dürfen. Entscheidungen wie diese allerdings wirkten viel stärker, wenn sie szenisch auch beglaubigt würden. So bleibt ein eindrücklicher Bilderreigen, der sich nicht immer klar deuten lässt, aber wunderbar besoffen macht."

So konventionell, als sei "Wolfgang Wagner selbst am Werk gewesen", stöhnt hingegen Frederik Hanssen auf Zeit Online über Inszenierung und Bühnenbild: "Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen à la van Dyck zu kreieren - die als Hinweis auf die Überzeitlichkeit des Geschehens wiederum mit Chucks und Doc Martens an den Füßen der Choristen kontrastiert werden. Und als wäre das noch nicht des Plunders genug, müssen die Protagonisten zusätzlich Flügel tragen - weil das historische Brabant doch eine Sumpflandschaft war, in der sich so manches Getier herumschwirrte. Wie Peter Pans Fee Tinker Bell sehen die Frauen aus, während den Herren ihre Mottenschwingen am Rücken herunterhängen wie riesige Schlappohren." In der Berliner Zeitung schimpft Hans-Klaus Jungheinrich: "Geradezu modellhaft führte der amerikanische Regisseur Yuval Sharon vor, wie doppeltalentierte Wagner-Ahnungslosigkeit und die Vermeidung einer schlüssigen Personenführung  einen 'Lohengrin' schlicht an die Wand fahren lässt. Wagnerfern war einst auch Schlingensief, aber er hatte Genie. Sharon ergeht sich in ranzigen Chortableaus, teils steif, teils  verschusselt."

Weitere Besprechungen in der taz ("Die Frage nach der Kompetenz in Besetzungsfragen stellt sich nach diesem Lohengrin mit neuer Dringlichkeit", meint Regine Müller verärgert über die Konzeptlosigkeit), im Standard ("Wagners Urenkelin Katharina schupft den Laden mit matriarchalischer Entspanntheit und bodenständiger Wirtinnen-Resolutheit", lobt Stefan Ender), NZZ ("In Bayreuth war man schon weiter", schreibt Christian Wildhagen), FAZ (Das "Ineinander von Schönheit und Haltlosigkeit, unbewohnbar für den Menschen, verstört mehr als jede politische Demonstration", meint Jan Brachmann) und der neuen musikzeitung. Besprochen wird außerdem die im Museo Sasso Gottardo gezeigte Bildoper "Bildmaschine Gotthard - Das Reduit" des Künstlers Tullio Zanovello (NZZ).
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Literatur

Besprochen werden eine Ausstellung mit Manuskripten, Briefen, Fotografien, Zeichnungen und Notizen zu J.R.R. Tolkiens Mittelerde in der Bodleian Library in Oxford (FAZ) und Bücher, darunter Lisa Hallidays Roman "Asymmetrie" (SZ) und und Martin Burckhardts "Philosophie der Maschine" (FAZ).
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Musik

Axel Weidemann führt für das Van Magazin (in der neuen Rubrik "Outernational" für nicht europäische Musiktraditionen) ein sehr persönliches Gespräch mit der heute im deutschen Exil lebenden türkischen Autorin Asli Erdogan, die unter anderem darüber spricht, wie sich die Gleichschaltung in der Türkei auf das Musikleben auswirkt: "Während der Gezi-Park-Proteste waren es vor allem die Musiker und Schauspieler, die sich beteiligten und ihre Solidarität kundtaten. Weitaus stärker, als es die Schriftsteller taten. Aber dafür haben sie einen hohen Preis gezahlt. Viele haben keine Aufträge mehr vom Fernsehen erhalten, weil die Branche komplett unter Kontrolle von Erdogan-Anhängern ist. Und nach und nach erwischte es auch die Musiker. Die berühmte Sängerin Zuhal Olcay bekam im März eine zehnmonatige Gefängnisstrafe aufgebrummt, weil sie bei einem Auftritt vor zwei Jahren den Präsidenten beleidigt hatte. Es erwischt alle. Viele sind geflohen."

Auch Kühe können Musik lernt Rainer Moritz, der sich für die NZZ im Bozener Museion Isabel Mundrys Komposition für fünfzehn Kuhglocken ausgesetzt hat. "Die Tiere - genauer: fünfzehn Kühe mit schönen Namen wie Lusa, Eule, Gerti oder Fani - bekamen im Anschluss die Glocken umgehängt und durften auf der Talferwiese vor dem Museum eine 'zweite, freie Komposition' beginnen. Damit nicht genug: Noch bis Ende September besteht die Möglichkeit, Fani und Gerti auf das Hochplateau Tschögglberg zu folgen und staunend ihren Kompositionen zuzuhören - vorausgesetzt, Fani und Gerti ziehen es nicht vor, wiederkäuend bewegungslos auf ihren Almwiesen zu verharren."

Besprochen werden zwei Konzerte mit Sakralmusik des 16. und 17. Jahrhundert von Tomás Luis de Victoria und Bach unter Dirigent Jordi Savall in Salzburg (Presse), ein Konzert von Ed Sheeran in Hamburg (Welt), ein Konzert von Joan Baez in Wien (Presse, Standard) sowie Ty Segalls und White Fences CD "Joy", das man hier hören kann (taz, Pitchfork).
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Film

Isabella Wallnöfer unterhält sich für die Presse mit Elisabeth Scharang über deren Verfilmung von Julya Rabinowichs "Herznovelle" und über Diversität im Filmgeschäft.

Besprochen werden Drew Pearces Science-Fiction-Krimi "Hotel Artemis" mit Jodie Foster ("Er verfügt über mehr Stil als Substanz, aber die ist immerhin so robust, dass die 94 Minuten das oberste Gebot eines B-Movies einlösen: Du sollst nicht langweilen", und außerdem spielt Jodie Foster eh in ihrer ganz eigenen Klasse, lobt Andreas Busche in der Zeit), Juliana Rojas' und Marco Dutras Werwolf-Film "Gute Manieren" (taz, FAZ) und Michael Noers "Papillon" (SZ)
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Kunst

Roderic O'Conor, Field of Corn, Pont Aven, 1892. © National Museums NI

Im Guardian hat sich Maev Kennedy Arbeiten des irischen Post-Impressionisten und Gauguin-Freundes Roderic O'Conor in der National Gallery of Ireland in Dublin angesehen und festgestellt, dass er sich vor Zeitgenossen nicht verstecken musste. Nur das süße Leben in der Bretagne hat seiner Kunst nicht gut getan:  "Einer der unbestrittenen Nachteile für O'Conor war es, dass er im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht gezwungen war, besonders hart zu arbeiten. Das Dorf Pont-Aven versorgte die Besucher nicht nur mit blauem Himmel, blühenden Bäumen und goldenen Kornfeldern, sondern auch mit einem scheinbar endlosen Angebot an pittoresken Bauern, die bereit waren, für ein paar Cent in charmanter Tracht zu posieren; man konnte dort außerdem für den Preis einer Runde Getränke in einer schicken Pariser Bar leben: Quittungen zeigen, dass man Verpflegung und Unterkunft schon für 75 Francs pro Monat finden konnte."

Ausschnitt aus Matisses Swimming Pool, mehr dazu beim Moma


Der Pool, einst der viktorianischen Oberschicht vorbehalten, wurde im Verlauf des 20. Jahrhundert zum Statussymbol des Mittelstandes, erzählt Sibylle Zambon in einer kurzen Kulturgeschichte des Pools in der NZZ. Schnell wurde er auch in der Kunst entdeckt, etwa von Henri Matisse: "Inspiriert vom Swimmingpool vor seinen Fenstern - notabene die des Hotels Regina in Nizza -, greift der französische Künstler zu Schere und Papier. 'Ich mache mir meinen eigenen Pool', sagt er und versieht die Wände seines Speisezimmers mit einem Schwimmbecken in Scherenschnitttechnik. Zwei Jahre vor seinem Tod (1954) erschafft er so ein Meisterwerk von überbordender Lebensfreude: einen raumumspannenden Fries, unterbrochen nur von Fenster- und Türlaibungen, angefüllt mit blauen Papierformen, die einmal Taucher, Schwimmer, Planschende, dann wieder Wellen und Vegetation andeuten. Matisse, der gesagt hat, Kunst sei wie ein Lehnstuhl, verbringt seine letzten Tage mit der Badekultur."

Weiteres: Anlässlich einer Doppelausstellung in Aschersleben hat sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung mit Rosa Loy und Neo Rauch getroffen und das Künstlerpaar zur seiner Arbeitsweise befragt: "Einer fängt an, der andere malt weiter." Für die SZ reist Alexander Menden auf den Spuren von William Turner ins britische Margate. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Über das Ephemere in der Fotografie" in der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung (taz) und die Ausstellung "Coder le monde" im Pariser Centre Pompidou (FAZ).
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