Efeu - Die Kulturrundschau

Bebender, sehnender Gesamtzweifel

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23.04.2018. Die taz erlebt beim Theaterfestival Radical in München, wie Schauspieler, Regisseure und Performer die Rollen wechseln. Außerdem lernt sie den neuen Pragmatismus der Dokumentarfilm-Kollektive kennen. Dass der Eklat bei der Tabori-Inszenierung in Konstanz ausblieb, lässt die SZ aufatmen.  Der Hip-Hopper Ben Salomo kündigt in der FAS an, den Battle-Rap zu verlassen, der so antisemitisch sei wie Rechtsrock.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2018 finden Sie hier

Bühne


Meisterstück des Wiener Stils: Stefanie Sargnagels "JA EH! Beisl, Bier und Bachmannpreis" in der Regie von Christina Tscharyiski und mit Musik von Voodoo Jürgens

Sehr angeregt kehrt taz-Kritikerin Sabine Leicht vom Münchner Regiefestival Radikal zurück, bei dem etliche Regisseurinnen in erstklassig derbem Wiener Stil mit dem Unperfekten und dem Schlechtgelaunten flirteten. Noch besser hat Leicht allerdings gefallen, dass in die starren Vorstellungen von der Regie Bewegung gekommen ist: "Schauspieler führen Regie, Regisseure performen. Man überprüft, wo man hingehört. Besonders toll gelungen ist der Rollentausch bei 'Bilder deiner großen Liebe' vom Thalia Theater Hamburg, einer Gemeinschaftsarbeit der Schauspielerinnen Marie Rosa Tietjen und Birte Schnöink, bei der die eine am Ende als Regisseurin fungiert und die andere auf der Bühne steht. Der Abend ist eine zarte Annäherung an die komplexe innere Welt des Mädchens Isa aus Wolfgang Herrndorfs Roadmovie 'Tschick', die der an einem Hirntumor Verstorbene in seinem postum veröffentlichten Romanfragment zur 'Herrscherin des Universums' machte."

Mit seiner heillos überladenen, aber nicht unintelligenten Inszenierung von George Taboris "Mein Kampf" habe Serdar Somuncu das Theater Konstanz vor dem Schlimmsten bewahrt, atmet Anton Rainer in der SZ auf: Der angebotene freie Eintritt für alle, die ihre Hakenkreuze offen tragen, hat nicht zum Eklat geführt. Aber seltsame Begegnungen gab es doch: "Hans Wölcken zum Beispiel. 'Ich habe für meine Karte bezahlt', stand zwar auf dem Din-A4-Blatt, das sich der 77-Jährige an diesem Abend an sein Hemd klemmen wollte. Aber auch: 'Ich erschrecke, wie viele Menschen ihre Überzeugung für eine Theaterkarte aufzugeben bereit sind.' Deswegen wolle er das Kreuz mit ihnen tragen: 'Nur das ist Provokation, ein Davidstern ist Mainstream.'" In der NZZ sieht Daniele Muscionico am Ende die Kunst über die Politik triumphieren. Nachtkritiker Thomas Rothschild erkennt allerdings weiterhin bei der ganzen Angelegenheit auf politische Dummheit sowie einen Mangel an Fantasie und Einfühlungsvermögen.

Weiteres: Gut aufgelegt wie eh und je plaudert Sophie Rois im Interview mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung über ihr neues Engagement am Deutschen Theater - aber nicht über Chris Dercon:  "Gott sei Dank ist der Drops gelutscht, lassen Sie uns von was anderem sprechen. Die Berliner Volksbühne zeigte als erste Aufführung nach Chris Dercons Abtritt Anne Teresa de Keersmaekers Tanzstück "Vortex Temporum" und im Tagesspiegel glaubt Sandra Luzina bereits eine völlig ausgewechselte Stimmung im Haus zu verspüren.

Besprochen wird Michael Thalheimers Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" am Berliner Ensemble (mit einer atemberaubenden Cordelia Wege als Blanche, wie die FAZ findet, Nachtkritik, Berliner Zeitung, Welt), Wolfgang Bauers posthum uraufgeführtes Stück "Der Rüssel" am Wiener Akademietheater (Standard) und Olivier Pys Inszenierung von Wagners "Lohengrin" an der Oper de la Monnaie in Brüssel (FAZ).

Kunst


Marina Abramović: Stromboli III Volcano 2002 © Marina Abramović. Foto: © Paolo Canevari. Courtesy of the Marina Abramović Archives and Lia Rumma Gallery, Milan / Naples

Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt erstmals eine Retrospektive der Performance-Künstlerin Marina Abramovic. Keine leichte Sache, weiß Susan Vahabzadeh in der SZ, schließlich kreise Abramovics Kunst um den eigenen Körper, es gebe wenig Aufzeichnungen und Re-Performances nur mit Stellvertreterinnen. Dennoch scheint der Kritikerin die Schau gelungen: "Man kann das obsessive Kreisen um die Wahrnehmung und ihre Bedeutung für unser Dasein banal finden. Es ist aber so: Bei der Performance 'The Artist is Present', die im Rahmen ihrer MoMA-Retrospektive in New York stattfand, saß Abramović einfach nur Menschen gegenüber, die ihr in die Augen sehen sollten, 736 Stunden lang. In der Bundeskunsthalle entsteht nun eine Perspektive, die es damals nicht gab, der Raum zwischen den Gesichtern. 74 Marinas an der einen Wand, gegenüber die Zuschauer. All diesen Gesichtern, so unterschiedlich sie sind, ist ein Ausdruck gemein: Anstrengung. Es ist schwer, einem Fremden in die Augen zu sehen."

Weiteres: Der Tagesspiegel konstatiert beim Blick auf den Kunstindex des Manager Magazins: "Unter den 50 gefragtesten Malern auf dem Kunstmarkt befindet sich keine einzige Frau."

Besprochen werden Mika Rottenbergs Videoinstallationen im Kunsthaus Bregenz, die auch das so bunte wie bedrückende Video "Cosmic Generator" über die Tunnel in amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet zeigt (taz), Jonathan Meeses Schau "Brigitte & Jonathan Meese" im Berliner Gropiusbau (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung zu Eugène Delacroix im Louvre in Paris (FAZ).

Literatur

Wäre der Anlass nicht so zum Verzweifeln, man könnte die syrische Exil-Literatur glatt für einen Glücksfall halten, schreibt Insa Wilke in der SZ anlässlich der Veröffentlichung von Rasha Abbas' Erzählband "Eine Zusammenfassung von allem, was war". Dass diese Bücher heute auf ein Lesepublikum treffen können, ist nicht nur ein Verdienst der engagierten Übersetzer - Wilke nennt Larissa Bender, Leila Chammaa, Sandra Hetzl, Günther Orth und Rafael Sanchez -, sondern auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels: "Für serbische, bosnische oder albanische Schriftsteller, die überwiegend in den Neunzigerjahren nach Deutschland gekommen sind, war das noch deutlich anders. Viele von ihnen haben bis heute nicht einmal einen Verlag gefunden. Heute sind die Leser, Veranstalter und Verlage, sowie der Journalismus für die Arbeit eingewanderter Autorinnen und Autoren ganz anders sensibilisiert als noch vor zehn Jahren."

Weitere Artikel: In der FR spricht Harro Zimmermann zum heutigen Welttag des Buches über das Ausmaß der Bibliotheksverluste im Zweiten Weltkrieg. Petra Zeichner schreibt in der FR über die Vorteile, die regionale Buchmessen kleinen Verlagen bieten.

Besprochen werden Ulrich Alexander Boschwitz' "Der Reisende" (FR), Mareike Fallwickls Debüt "Dunkelgrün fast Schwarz" (SZ), Martin Walsers Briefroman "Gar alles" (SZ), Michael Chabons "Moonglow" (Standard) und Tal M. Kleins SF-Roman "Der Zwillingseffekt" (Freitag).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Steffen Popp über Elke Erbs "Mündig":

"Die Tränen der Plattform,
ehe sie verlaufen,
..."
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Film

Silvia Hallensleben berichtet in der taz von einer Tagung der Dokumentarfilminitiative NRW in Köln, wo Dokumentarfilm-Kollektive ihre Arbeitsweisen vorstellten. Von politischer Romantik früherer Kollektiv-Strategien ist heute nur noch wenig zu spüren, erfahren wir: In Kollekten und Kooperativen organisiert man sich, weil die Lage für Einzelgänger kaum zu bewältigen ist: Es geht "ganz pragmatisch darum, Synergien zu bündeln, um den schwieriger werdenden Marktbedingungen zu trotzen. Auffällig ist, dass sich fast alle der in Köln auftretenden Filmschaffenden von Filmförderung und Fernsehen losgesagt haben, weil sie meinen, dort ihre Energien nur in bürokratischen Reibereien zu vergeuden."

Weitere Artikel: Katja Nicodemus beschreibt in der Zeit, wie der aus München nach Demmin in Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrte Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg mit einem großen Mozart-Konzert die rechte Hegemonie bei den Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs brechen will. Daland Segler berichtet in der FR vom Go East Festival in Wiesbaden. In der Zeit erinnert Peter Kümmel an Stanley Kubricks "2001", dem das Filmmuseum in Frankfurt derzeit eine Ausstellung widmet.

Besprochen werden Greta Gerwigs "Lady Bird" (Freitag, Jungle World, unsere Kritik hier), die Netflix-Neuauflage der Serie "Queer Eye" (Freitag) und die ersten Episoden der zweiten Staffel der HBO-Serie "Westworld" (ZeitOnline, FAZ).

Musik

Wenn im Battle-Rap antisemitische Textzeilen fallen, dann wird das meist unter Verweis auf die Codes des Genres wegentschuldigt - ziemlich schauderhaft findet der Rapper Ben Salomo solche tendenziell ahnungslosen Entschuldigungen. Jetzt hat er seinen Abschied aus der Szene verkündet, denn es "wird immer krasser", sagt er im FAS-Interview: "Ich bin der einzige Jude im Rap-Geschäft, der immer wieder auf den Antisemitismus in den Texten, den Videos und hinter den Kulissen hinweist. ... Enttäuschend ist das Wegducken der Hip-Hop-Medien und der großen Künstler, die das hinter vorgehaltener Hand genauso sehen, aber nie laut sagen, weil die Fanbase dieser Rapper so groß ist. Dann bekämen sie Shitstorms, und es gäbe Einbrüche in ihren Verkaufszahlen."

Vorher sagte Ben Salomo im Deutschlandfunk Kultur: "Die deutsche Hip-Hop-Szene ist ähnlich antisemitisch wie die Rechtsrock-Szene. Der Unterschied ist, sie will es entweder nicht wahrhaben oder weiß es nicht. Es ist ein Sammelbecken - nicht nur für Antisemiten, sondern auch für Islamismusversteher und Terrorismusversteher." Hier ein Video von Ben Salomo, in dem er über seine jüdische Identität rappt:



"Die sind so gut, die sind so gut, die sind so gut", mit diesen Worten taumelt Markus Schneider aus dem Festsaal Kreuzberg, wo Die Nerven gerade ein Konzert gegeben haben: "Jenseits von Tocotronic gibt es nirgendwo mehr derart aufregenden Gitarrenrock", schreibt er in der Berliner Zeitung und erklärt: Der "wichtigste Trick" der Band bestehe "genau darin, Aggressivität und Spannung nicht zur schlechten Laune zu verkürzen. Sondern zu einer Art bebendem, sehnendem Gesamtzweifel auszubauen." Wahnsinn, wie laut die sind, staunt unterdessen Jan Jekal in der taz: Die Band ist "von Beginn an heiß und hungrig. ... Die drei Musiker kommunizieren unentwegt, schauen sich an, schreien sich an, fordern sich heraus."

Weitere Artikel: Jan Kedves (SZ) und Christian Bos (Berliner Zeitung) schreiben zum Tod des DJs Avicii. Besprochen werden ein Konzert des Orchestras of the Royal Opera House (Standard), ein Konzert der Harfenistin Kathrin Pechlof mit ihrem Septett (FR), ein Haydn- und Schubert-Abend mit Grigorij Sokolov, der SZ-Kritiker Michael Stallknecht sehr begeisterte ("Man hört Haydn nicht mehr mit den Ohren der Romantik, sondern als Musik eigenen Rechts:"), und eine Heimmedien-Edition von Jan Schmidt-Garres in den 90ern entstandener Fernsehreihe über große Komponisten (SZ).