Efeu - Die Kulturrundschau

Mit desillusioniertem Zorn

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14.11.2017. Wie man eine aufregende Ausstellung zur Oktoberrevolution kuratiert, lernt der Guardian in der Tate Modern. Die FAZ hat ein echtes Bildungs­er­leb­nis im Bode-Museum, das in der Ausstellung "Unvergleichlich" europäische und afrikanische Kunst nebeneinander stellt. ZeitOnline vermisst beim Berliner Open Mike das Untergründige. Die Jungle World feiert Ali Soozandehs Rotoskopie-Film "Teheran Tabu". Und in der NZZ betrachtet Ai Weiwei das Schöne und das Dunkle der Flüchtlingsströme.

Kunst


Dmitri Moor: Tod dem weltweiten Imperialismus (1920). Nina Vatolina: Faschismus - der schlimmste Feind der Frau (1941). Bilder: Tate Modern: "Red Star over Russia, 1917.

Atemberaubend findet Laura Cumming im Guardian die Ausstellung "Red Star over Russia" in der Tate Modern, die auf überwältigende Art noch einmal die Russische Revolution ins Bild setzt: Avantgarde und Propaganda, Illusion und Wahrheit, alles sei dabei: "Ein winziges Foto - wer es wohl geschossen hat? - zeigt Majakowski von eigener Hand getötet, Blut auf seinem Hemd, den Mund in Horror aufgerissen. 'Red Star over Russia' ist voll solcher Offenbarungen. Sie sind nicht theatralisch inszeniert, sondern sorgfältig kuratiert, um den Blick auf Bilder von außergewöhnlicher Kraft und Bedeutung gerichtet zu halten. Für jede grandiose Fiktion von Arbeitern, die im Kampf gegen die Tyrannei vereinen, gibt es eine ausgleichende Wahrheit. Stalins zweite Frau Nadeschda huscht auf einer Moskauer Straße vorbei, mit gesenktem Kopf, kurz bevor sie sich das Leben nimmt. Fotos vom Sturm auf den Winterpalast offenbaren sich als immens zurechtgeschnitten und retuschiert. Die Plakatkünstler vom Beginn der Revolution erscheinen am Ende der Ausstellung wieder - auf den Fotos der Geheimpolizei nach ihrer Verhaftung. Zu ihnen gehört auch, das ist erschütternd, Grigori Sinowjew, einst Kopf der Kommunistischen Internationale. Der Schauprozess gegen ihn läutete den Großen Terror ein, aber er zeigt keine Angst. Stattdessen blickt er seinem Schicksal ins Auge - mit desillusioniertem Zorn."


Weibliche Figur, Königreich Benin, 17. oder 18. Jh., Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, © SMB, Ethnologisches Museum, Martin Franken. Putto mit Tamburin, Donatello, 1429, Staatliche Museen zu Berlin, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Jörg P. Anders

Aufregend findet Andreas Kilb in der FAZ die Ausstellung "Unvergleichlich" im Berliner Bode-Museum, die Kunst aus Afrika und Europa zusammenbringt: "So weckt die Ekoboki-Mas­ke aus Ni­ge­ria, die zu Bei­set­zun­gen und anderen Fei­ern ge­tra­gen wur­de, Er­in­ne­run­gen an die Dämonen auf mit­tel­al­ter­li­chen Ka­pi­tel­len; aber auch die kup­fer­ne Heiligenbüste aus Bur­gund schaut ganz un­ver­traut zu­rück, wenn man sie aus der Aus­drucks­welt der afrikanischen schen Bild­schnit­zer und Bron­ze­gie­ßer her­aus be­trach­tet. Die Aus­stel­lung stif­tet sinn­li­che Er­fah­run­gen, die ei­ne klas­si­sche mu­sea­le Sor­tie­rung nach Kon­ti­nen­ten und Kul­tur­räu­men ur­alt aus­se­hen las­sen. In frü­he­ren Zei­ten hätte man von ei­nem Bildungs­er­leb­nis ge­spro­chen. Heu­te re­den wir, be­schei­de­ner, von Evi­denz."

Besprochen werden die Schau des Kunstmuseums Wallis "En Marche/Unterwegs" über das Laufen im Pénitencier von Sitten (NZZ), die Jil-Sander-Ausstellung "Präsens" im Frankfurter Museum Angewandte Kunst (taz), die Altersausstellungen "Silberglanz" und "Schluss jetzt!" in Hannover (SZ).
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Film


Szene aus "Teheran Tabu" von Ali Soozandeh. Bild: Camino Film

Beeindruckend findet Sven Sakowitz den im rotoskopischen Verfahren erstellten Animationsfilm "Teheran Tabu" des iranischen Regisseurs Ali Soozandeh, der in Berlin lebt und mit seinem Film die Verhältnisse in seinem Heimatland aufspießt. Es geht um "Prostitution, Doppelmoral, Unterdrückung der Sexualität sowie die Rolle der Frau im Iran", schreibt Sakowitz in der Jungle World. Und erklärt, warum die Rotoskopie, bei der echte, nachträglich digital übermalte Menschen auftreten lässt, auch eine politische Komponente enthält: "In Teheran hätte er den Film nicht drehen dürfen, im besten Fall wäre er des Landes verwiesen worden. Andere iranische Regisseure wichen zu Dreharbeiten nach Marokko oder Jordanien aus, aber Soozandeh wollte das nicht. Seiner Einschätzung nach hat jede Stadt ihr ganz eigenes Ambiente, das sich nirgendwo anders herstellen lässt. Deshalb entschied er sich für das Rotoskopie-Verfahren."


Idomeni 2016. Still aus Ai Weiweis "Human Flow".

Im NZZ-Interview mit Susanne Ostwald spricht der Küsntler Ai Weiwei über seinen Film "Human Flow" über Ästhetik und Moral in seiner diese Woche ins Kino kommenden Dokumentation über Flüchtlingskrise: "Die Sprache des Films muss beides in Kontakt zueinander bringen. Das wird häufig vergessen. Wir reden über Menschlichkeit. Ich will deren Schönheit zeigen. Ich will zeigen, dass auch unter den schwierigsten Umständen die Schönheit noch da ist. Das Schöne und das Dunkle existieren in demselben Bild."

Thomas Abeltshauser berichtet in der taz vom Filmfestival in Thessaloniki, wo ihm besonders die Satire "Too Much Info Clouding Over My Head" von Vassilis Christofilakis aufgefallen ist: Es geht darin um einen Regisseur, der an der griechischen Filmförderung scheitert. Christofilakis "könnte damit die neue Hoffnung für das griechische Kino werden. Während Filmemacher*innen wie Yorgos Lanthimos und Athina Rachel Tsangari international gefeiert werden, interessiert sich das hiesige Publikum kaum für die hier produzierten Filme. Und intern wird der internationale Erfolg zunehmend zum Problem: Lanthimos und Tsangari werden mit ihrem schräg-surrealen Kunstkino zum Referenzpunkt, dem viele nacheifern, statt eigene Handschriften zu entwickeln."

Weiteres: Bereits im Jahr 2014 thematisierte der im Netz abrufbare Dokumentarfilm "An Open Secret" Missbrauchsfälle in Hollywood, berichtet Stefanie Borowsky im Tagesspiegel. Besprochen wird Tom Lass' vom ZDF online gestellte Komödie "Blind und hässlich" (FR). Außerdem hat die Filmgalerie 451 anlässlich der Vergabe des Ehrenpreises fürs Lebenswerk an Roland Klick den Interviewfilm "Das Kino des Roland Klick" auf Youtube gestellt:

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Literatur

Früher war mehr Subkultur, lautete in den letzten Jahren das einhellige Urteil über den Berliner Open Mike Wettbewerb, dessen Teilnehmer sich oft eher brav und angepasst präsentierten. Auch in diesem Jahr lässt sich "gleich nach den ersten Lesungen lässt sich so erleichtert wie ernüchtert feststellen: alles durchwachsen, alles wie immer. Die Maserung stimmt. Wenig Gutes, viel Mittelmaß, wenig Schlechtes", äußert sich Samuel Hamen auf ZeitOnline, der sich allerdings auch sehr freut über den Lyrikpreis für Ronya Othmann und im übrigen feststellt, dass "viele der Nachwuchsautoren etwa von lädierten Körpern sprechen, von einer versehrten Beziehung zum Selbst."

"Erstaunlich hoch" fand Detlef Kuhlbrodt das Niveau in diesem Jahr. In der taz bezeugt er einen "guten, interessanten Jahrgang", in dem insbesondere Ralph Tharayils Geschichte "Das Liebchen" ihn "umhaute". Auch Sarah Wipauers "Geschichte von Männern, die an Säuglingen sterben, die in ihrer Brust plötzlich wachsen" fand er "fantastisch". "Irre" fand dieses Szenario auch Moritz Müller-Schwefe, der für die SZ im Publikum saß. "An diesem Wochenende war eine neue Lust auf das Geschichtenerzählen spürbar", was auch an einigen Texten liegt, die "unterhaltsam, aber auch politisch zu verstehen" waren, lautet sein Fazit.

Für Anne Sophie Schmidt vom Tagesspiegel zeigt sich in der "inhaltlichen und stilistischen Vielfalt" der Texte auch, dass "das Vorurteil, dass die Schreibschulen nur Einheitsprosa produzieren", nicht zutrifft. FAZ-Kritiker Wolfgang Schneider erlebte "gewitzte und ideenreiche, wenn auch nicht immer restlos ausgegorene Erzählungen", die vor einem "enthusiastischen jungen Publikum" dargeboten wurden.

Besprochen werden Peter Handkes "Die Obstdiebin" (NZZ, mehr dazu hier), Marc-Uwe Klings "QualityLand" (SZ), Bücher von und über H.P. Lovecraft (Tagesspiegel) und Francis Spuffors "Neu-York" (FAZ).
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Stichwörter: Open Mike Wettbewerb

Bühne

Bernd Noack hat sich für die NZZ zwei Stücke in Wien angesehen, Josef Winklers Vateranklage "Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe" an der Burg (eine "Kompilation alter Zornesausbrüche") und Thomas Köcks Stück "Die Zukunft reicht uns nicht", das er als "Theaterwunder der Saison" feiert: "Vierzehn fulminant als Chor der aufgebrachten Trotzköpfe auftretende Jugendliche, sprech- und spielbegabt wie nur je eine klassische Mahner-Meute, lesen auf grandiose Art und ungehörige Weise all den Katastrophen-Verursachern und Perspektiven-Verhinderern die Leviten."

Weiteres: Auch nach David Böschs "berührender" Inszenierung von Tracy Letts' Stück "Eine Frau" wartet taz-Kritikerin Barbara Behrendt noch auf eine kraftvolle Premiere in Oliver Reeses erster Spielzeit am Berliner Ensemble. Mounia Meiborg findet sie in SZ etwas sehr brav. In der Berliner Zeitung berichtet Doris Meierhenrich vom Start des Inklusionsfestival "No Limits".

Besprochen werden das chinesische Tanzspektakel "Under Siege" im Festspielhaus St. Pölten (Standard), Philipp Himmelmanns und Teodor Currentzis' "Boheme" in Baden-Baden (SZ), die Uraufführung von Ar­nulf Herr­manns Oper "Der Mie­ter" nach dem Ro­man von Ro­land To­por und mit einem Libretto von Händl Klaus in Frankfurt (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

taz-Kritikerin Katharina Granzin freut sich darüber, dass das Mendelssohn-Haus in Leipzig in einem neuen Ausstellungsbereich nun auch Fanny Hensel würdigt, Felix Mendelssohns ältere Schwester und vor allem aber eigenständig tätige Komponistin, die bislang - trotz lobender Worte Goethes - eher unbeachtet blieb: Hensel "war eine hervorragende Pianistin", schreibt Granzin. Sie "komponierte viel und konzertierte im halb privaten Rahmen im großen Saal des Mendelssohn'schen Hauses in Berlin. ... Befreit von der Notwendigkeit, einen Bezug zum Ort herzustellen, bietet de Fanny-Etage eine Fülle von multimedial spielerischen Zugängen zum Schaffen der Komponistin und zum einstigen Gesellschaftsleben. Licht durchflutet die Räume, gespeist aus zahlreichen Quellen, die das Tageslicht ergänzen."

Weiteres: Für "einen Coup" hält es Frederik Hanssen  im Tagesspiegel, dass Christoph Eschenbach ab 2019 und dann im Alter von 79 Jahren Chefdirigent des Berliner Konzerthauses wird: Es handelt sich um eine "diplomatisch äußerst raffinierte Volte. Mit einem Maestro wie Eschenbach, der sich nichts mehr beweisen muss, kann die friedliche Koexistenz mit Ivan Fischer funktionieren, und Sebastian Nordmann hat gleichzeitig einen in allen Genres gestählten künstlerischen Leiter an der Hand, mit dem er das 2021 anstehende 200-jährige Gründungsjubiläum von Friedrich Schinkels Schauspielhaus planen kann."

Weiteres: Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels dem Indielabel Trikont zum 50-jährigen Bestehen.

Besprochen werden ein von Riccardo Chailly dirigierter Verdi-Abend in Mailand (NZZ), Konzerte von Nick Cave (NZZ), der Queens of the Stone Age (taz), Anne-Sophie Mutter (Tagesspiegel), Motorpsycho (Tagesspiegel) und ein Schubert-Abend im Pierre Boulez Saal (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Design


Jil Sander Kampagne, Herbst-Winter 2004/2005, Model: Gemma Ward (Bild: David Sims)

Sehr begeistert erkundet Katharina J. Cichosch die große, 3000 Quadratmeter umfassende Ausstellung, die das MAK in Frankfurt der Modedesignerin Jil Sander widmet: Sie schätzt vor allem den Freiraum, den Sanders Mode lässt: "Das Geschlecht interessiert kaum oder in jedem Falle nicht explizit. Sander befreite nicht nur die Frau von der Dekoration, wie es im Ausstellungstext heißt; ihre Mode befreite auch ihre Trägerin selbst vom Status eines bloßen Beiwerks. Dieses Prinzip lässt sich heute geschlechtsunabhängig formulieren: Jil Sanders hat das Diktat der Mode zugunsten seiner Trägerin, seines Trägers umgekehrt. ... Äquivalent zur Mode, die Trägerin und Träger ultimativen Freiraum verschaffen soll, lässt auch das MAK seinen Exponaten viel Platz zur Entfaltung. Die Leere, das Nichtvorhandensein gehört dazu und ist von der Designerin ausdrücklich gewollt. Alles, bloß keine Retrospektive!"
Archiv: Design