Efeu - Die Kulturrundschau

Ein großes, allumfassendes Hä?

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07.08.2017. Die Welt versinkt freudig-taumelnd in den Erzählwelten des französischen Comic-Autors Marc-Antoine Mathieu. In der FR spricht Yildiz Çakar über kurdische Literatur, die immer auch die Geschichte der Repression erzählt. Die FAZ erzählt, wie Otto Marseus van Schriek den Waldboden für die Malerei entdeckte. Die taz lauscht Sven Helbigs "Schönen Tönen", die Dronen-Klänge und mittelalterliche Choräle unter einen Hut bringen.

Literatur


Das Geworfensein! Bild aus Marc-Antoine Mathieus "3 Sekunden" (Reprodukt)

Eine Ausstellung in Frankfurt und eine Neuveröffentlichung: Deutschland entdeckt den in Frankreich seit Jahren gefeierten Comicautor Marc-Antoine Mathieu nun auch auf breiterer Ebene, schreibt Michael Pilz in der Welt - und kapituliert sogleich vor Mathieus rätselhaften, jegliche Realität auflösenden Erzählwelten: "Oha! Tod, Gott und Zeit! Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir! Die allerletzten Fragen! Das Geworfensein! ... Natürlich geht es bei Mathieu um alles. Aber immer, wenn es irgendwie um alles geht, von der Theodizee bis zur Aktionskunst, ist die Andacht alles und die Antwort nichts. Ein großes, allumfassendes Hä? Ein Meta-was-auch-immer, dem der Mensch niemals gewachsen ist."

Mely Kiyak und Arno Widmann unterhalten sich in der FR mit der in Berlin lebenden kurdischen Schriftstellerin Yildiz Çakar über die Lage der kurdischen Literatur, deren Geschichte in der Türkei eine Geschichte der Repression ist: "Die Schriftsteller meiner Generation erwachten vor ungefähr vierzig Jahren aus einer Art Tiefschlaf. Sie beschlossen ihre Sprache zu hüten. In den 1980er Jahren gab es allenfalls eine Handvoll Autoren, die auf Kurdisch schrieben. Zehn Jahre später waren es schon sehr viel mehr. Auch Frauen... Als ich im Jahr 2000 einen Dramatikerpreis bekam, gab es bis dahin nicht ein einziges Buch einer kurdischen Autorin in Nordkurdistan. Möglicherweise gab es Literatur und wir erfuhren nicht davon. Wer weiß, wenn eines Tages alle Verbote und Repressalien aufgehoben sind, tauchen möglicherweise viele kurdische Texte von Autorinnen auf."

Weiteres: Für die FR besucht Christian Eger das in der Gedenkstätte Buchenwald bewahrte und ausgestellte Arbeitszimmer des Schriftstellers Louis Fürnberg. Und Arno Widmann sorgt sich angesichts der zahlreichen, auf ihren aktuellen Autorenfotos reichlich abgemagert wirkenden Schriftsteller um den literarischen Körperfettanteil in diesem Land. Im Logbuch Suhrkamp schreibt Judith Zander über ihren Aufenthalt auf einem Bauernhof im Wendland. Denis Scheck fügt Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" seinem wöchentlich bei der Welt ergänzten Kanon hinzu. Die FAZ hat Ernst Osterkamps Essay über Adalbert Stifters "Witiko" aus der letzten Wochenend-Ausgabe online gestellt.

Besprochen werden António Lobo Antunes' "Ich gehe wie ein Haus in Flammen" (FR), Tomas Venclovas "Der magnetische Norden - Gespräche mit Ellen Hinsey" (NZZ), José Eduardo Agualusas  "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" (Tagesspiegel), Theresia Enzensbergers "Blaupause" (Zeit), Hans-Jürgen Schings' "Klassik in Zeiten der Revolution" (SZ) und neue Krimis, darunter Donato Carrisis "Der Nebelmann" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Eberhard Geisler über Catharina Regina von Greiffenbergs "Auf die unverhinderliche Art der edlen Dicht-Kunst":

"Trutz, dass man mir verwehr des Himmels milde Gaben,
Den unsichtbaren Strahl, die schallend' Heimligkeit,
..."
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Film

Gut gelaunt berichten die Kritiker vom Filmfestival in Locarno: NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald fühlt sich auf der Piazza Grande unter freiem Himmel "auf hohem Niveau unterhalten". Dominik Kamalzadeh vom Standard geht in der Retro vor Jacques Tourneurs Horrorfilmen aus den 40ern in die Knie und freut sich, dass Valérie Massadians "Milla" sich auch "Raum für Sehnsucht lässt, zum Beispiel wenn ein Punkduo auf einem Flur gegen das Monster verlorener Zärtlichkeit anschreit". Für kino-zeit.de ist Patrick Holzapfel vor Ort und bespricht Radu Judes "The Dead Nation" und Jan Speckenbachs "Freiheit", den auch Frédéric Jaeger von critic.de gesehen hat.

Weiteres: In der SZ stellt Sofia Glasls den Streamingdienst Tao vor, der sich auf Slow Cinema, also etwa Filme von Lav Diaz spezialisiert hat: Hier erlebt man "filmischen Minimalismus als maximale ästhetische Erfahrung". Zu dem Angebot gibt es auch ein Blog. Sehr schade findet es Barbara Schweizerhof auf ZeitOnline, das nur noch so wenige Bollywood-Filme nach Deutschland in die Kinos kommen.

Besprochen werden Stanley Tuccis "Final Portrait" (SZ), Matt Tyrnauers Dokumentarfilm "Citizen Jane" über die Aktivistin Jane Jacobs (Standard), ein von Arte online gestellter Dokumentarfilm über die legendären britischen Hammer Studios (FR) und ein Kino-Dokumentarfilm über Bud Spencer (Freitag).
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Kunst


Paul Cézanne: Studie zu Das Ewig-Weibliche, 1870/75. Kunstmuseum Basel

In der NZZ freut sich Maria Becker, dass eine eigene Ausstellung im Kunstmuseum Basel Cézannes Zeichnungen präsentiert, bei denen nicht Vollendung das Ziel gewesen sei, sondern Entwicklung: "Für Paul Cézanne war das Zeichnen eine tägliche Übung, die im Tagesablauf einen festen Platz hatte. Er widmete sich in den Morgenstunden der Malerei und ging nachmittags in den Louvre oder ins Freie, um Skizzen zu machen und so, wie er sagte, 'am nächsten Tag gut zu sehen'. Wie einer das Tagebuch zum Festhalten des Erlebten benutzt, so war für Cézanne das Skizzenbuch ein Mittel, sein Sehen frisch zu halten."


Otto Marseus van Schrieck, Waldboden mit Ringelnatter und Eidechse (Detail), 1669. Foto: Elke Walford/ Staatliches Museum Schwerin

Lehrreich und unterhaltsam findet Julia Voss in der FAZ die Ausstellung Die "Menagerie der Medusa" im Staatlichen Museum Schwerin, die den Maler Otto Marseus van Schriek als den Erfinder des "Sottobosco" zeigt, des "Waldstilllebens": "Niemand richtete den Blick zuvor auf den Waldboden, das Moos, die Flechten, Pilze und feuchtglänzenden Bewohner wie Kröten, Schlangen oder Schnecken. Van Schrieck war nicht nur der Erste, dem diese Welt abbildungswürdig schien. Er malte sie auch fast immer am besten."

Jörg Häntzschel schreibt in der SZ zum Tod des Museumsmanagers Martin Roth, dem es in seiner rasanten Karriere immer gelang, an die interessantesten Häuser Europas zu kommen: "Manche Kuratoren sind verhinderte Künstler, Roth wollte Politik machen, ohne Politiker zu sein, wollte das erlahmte, subventionssatte, von der Welt abgeschirmte deutsche Kulturmilieu durchschütteln. Dass bei diesen Aktionen auch viel Naivität, Opportunismus und Geschäftssinn im Spiel waren, lässt sich allerdings nicht leugnen." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Schau "Bikes!" im Leipziger Grassi-Museum (taz) und die Ausstellung "Ein Tag in Berlin" in der Fotogalerie Friedrichshain (Tagesspiegel).
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Archiv: Kunst

Bühne


Samira Elagoz: Cock, Cock, Who's There?

In der taz erzählt Uwe Mattheis von den Performances der finnischen Künstlerin Samira Elagoz, deren Unerschrockenheit beim Wiener Impulstanz-Festival offenbar auf wenig Gegenliebe stieß: "Ins Konzept politischer Korrektheit schleichen sich anachronistische Reinheitsvorstellungen, wenn diskutiert wird, in welchem Umfang frau 'als Feministin' herumvögeln dürfe. Das Vordringen des antifeministischen Rollbacks bis in ein vorwiegend junges Festivalpublikum erschreckt jedenfalls."

Originell und witzig findet Christine Dössel in der SZ Albert Ostermeiers Wormser Nibelungen-Variante "Glut", die das Stück nach Arabien verlegt und zu einem Agententhriller zwischen Wüstenstaub und Bagdad-Bahn im Jahr 1915 macht. Aber: "Sein Wüstenzug ist so schwer beladen mit Doppel- und Tarnexistenzen, mit Anspielungen, Monologen, Metaphern und Zitaten (Hamlet, Shylock, Nathan der Weise), dass es zwischendurch zu Verwirrungen im Gleisbereich kommt."' In der Welt beteuert Eckhard Fuhr, dass Ostermaiers Geschichte einen historischen Kern besitzt: "Der Islam gehört zum Deutschen Reich." In der Nachtkritik fühlte sich Harald Raab nicht einmal gut unterhalten.

Besprochen werden italienische Barockoper "La Lisarda" bei den Donaufestwochen im Strudengau (Standard), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" bei den Salzburger Festspielen (Tagesspiegel) und die Performance des israelischen Choreografen Nir de Volff im Berliner Dock 11 (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Musik

Mit der Sendung "Schöne Töne" (von 23 - 1 Uhr, seufz) leistet sich Radio Eins vom RBB seit kurzem jeden Donnerstagabend eine wahre Musikperle, schwärmt Monika Dietl in der taz. Inhaltlich dafür verantwortlich zeichnet der zwischen Pop und Neuer Musik changierende Komponist Sven Helbig, mit dem sich Dietl auf ein Gespräch getroffen hat. In seiner Sendung zu hören gebe es "Electronica, Techno und Orchester-Werke, Minimal, Drone-Musik, Chormusik aus dem 13. Jahrhundert und zwischendurch auch mal Popsongs. Das ist neu. Weil es aus einer Perspektive kommt, die Grenzen noch nie gekannt hat. ... Es geht nicht um Genres, sondern um Menschen. Deshalb sind die Geschichten genauso wichtig wie die Musik. Wie die über Abul Mogard, einen Stahlarbeiter aus Serbien, der sich nach seiner Pensionierung elektronisches Equipment kauft und Ambient-Musik macht, die den Stahlwerkslärm seines Lebens transzendiert." Das hören wir uns gerne mal genauer an:



Halbzeit in Salzburg - Reinhard Kager zieht in der FAZ positive Zwischenbilanz: Es werde "ein weiter Horizont aufgerissen: Sinnvolle Kombinationen mit Musik von Olivier Messiaen, einem der Lehrer Griseys, oder von Giacinto Scelsi, dessen mikrotonales Komponieren Grisey maßgeblich inspirierte, sind ebenso zu hören wie Werke von Zeitgenossen wie Tristan Murail oder Claude Vivier, die gleichfalls auf Prozesse des sinnlich erfahrbaren Klangs und weniger der abstrakten Konzeption konzentriert sind. Sogar Konfrontationen mit Alter Musik gibt es bei den überwiegend in der Kollegienkirche gespielten Konzerten." Christian Wildhagen bespricht in der NZZ die Konzerte von Igor Levit, András Schiff, Evgeny Kissin und Kristian Bezuidenhout.

Weiteres: Julia Smirnova ärgert sich in der Welt über Scooters Auftritt auf der Krim: "Für Russland ist jeder internationale Popstar, der auf die Krim kommt, ein Geschenk; das erweckt den Eindruck entspannter, normaler Verhältnisse." Zum Rundum-Sorglos-Wohlfühlpaket, das das Metalfestival in Wacken seinen Besuchern bietet, gehört seit einigen Jahren auch eine Anlaufstelle für Seelsorge, staunt Maike Brülls in der taz. Warum selbst Majorlabels wieder auf Vinyl pressen, erklärt Peter Tschmuck auf ZeitOnline. Die Welt streamt ein Glasunow- und Tschaikowksy-Konzert mit Janine Jansen. Für die Seite Drei der SZ hat sich Hubert Wetzel die US-Konzerte von Roger Waters angesehen, bei denen der ehemalige Frontmann von Pink Floyd zum Song "Pigs" Trump aufs Unsubtilste verhöhnt.

Besprochen werden die Wiederveröffentlichung aller Lieder der deutschen Indiepopband Jetzt!, die in den 80ern den Grundstein für die Hamburger Schule der 90er legte (taz), das Berliner Konzert der wiedervereinten Royal Trux (taz, Tagesspiegel), Thurston Moores Konzert beim "A l'Arme"-Festival in Berlin (taz), Abdullah Ibrahims Konzert bei der Berliner Wassermusik (Tagesspiegel) und Evgeny Kissins Klavierkonzert bei den Salzburger Festspielen (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Kai Sina über Fiona Apples "Container":

Archiv: Musik