Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses ganze Schauspielschulgedöns

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13.06.2017. Die NZZ bewundert im Warschauer Zamek Ujazdowskie, mit welcher Intensität polnische Künstler Staatlichkeit und Religion infrage stellen. Die SZ begleitet den Regisseur Stefan Otteni zur "Konferenz der irakischen Vögel" ins kurdische Sulaimaniyya. ZeitOnline huldigt der verschlagenen Synthese aus Authentizität versus Literarizität. Außerdem seufzt die NZZ seufzt in Erinnerung an das Popjahr 1967: Alben sind für die Alten.

Kunst

In der Warschauer Ausstellung "Späte Polonität" im Zentrum für zeitgenössische Kunst im Schloss Ujazdowskie ist jedes Exponat ein Politikum, versichert Felix Ackermann in der NZZ: "Jedes Symbol polnischer Staatlichkeit und Religiosität wird hier infrage gestellt, ohne es ganz aufzulösen. Kuba Bakowski trug einen Adler aus Plexiglas mit blitzender Krone bei. Peter Fuss stellte Dutzende Gipsfiguren von Johannes Paul II. in unterschiedlichen Farben vor eine Videoprojektion von auf dem freien Markt erhältlichen Devotionalien. Piotr Uklanski schuf mithilfe von Tausenden brasilianischen Soldaten ein Porträt des polnischen Papstes, das er aus der Luft fotografierte. Mariusz Libel wirft eigens angefertigte Schattenbilder an die Wände, um mit nationalen Symbolen zu spielen. Unvermittelt werden so die zwei Schwerter, die noch in der Volksrepublik Polen für den Sieg über den Deutschen Orden standen, zu Bratwurstspießen." (Bild: Piotr Uklański, Ohne Titel (Jan Paweł II), 2004, Muzeum Sztuki Nowoczesnej Warschau.)

Weiteres: In der SZ beobachtet Peter Richter, wie sich New York in der Siebzigerjahre-Bildern der großen Irving-Penn-Ausstellung im Metropolitan Museum selbst begegnet. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum Tod der Stuttgarter Licht- und Bühnenbildkünstlerin rosalie.

Besprochen werden Hanne-Darboven-Schau "Korrespondenzen" im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz) und die Ausstellung "Wunder Roms - im Blick des Nordens" im Diözesanmuseum Paderborn (FAZ)
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Musik

Das Popjahr 1967 hat Konjunktur - und zwar gleichermaßen in Feuilleton und Sachbuchmarkt. Das liegt auch daran, dass in diesem Jahr das Album die Single abgelöst hat, wenn es um das zentrale Trägermedium von Popmusik geht, erklärt Klaus Walter in der NZZ. Und das wiederum strahle auf die heutigen Rückschauen ab: Denn die"Meilensteine von einst leuchten umso heller, als die fortschreitende Digitalisierung die Bedeutung späterer Alben sukzessive untergräbt. Heutigen Konsumgewohnheiten und sinkenden Aufmerksamkeitsspannen entsprechen eher Mix-Tape oder Play-List. Alben sind für die Alten. So bedienen Bücher über das Schaltjahr 1967 das Bedürfnis nach Orientierung in einer immer unübersichtlicheren, schnelleren Welt. Da wird die Vergangenheit auch verklärt."

Weiteres: Bei The Quietus verschafft Patrick Clarke einen Überblick über Metal im Nahen Osten. In der Welt erklärt Dennis Sand, warum Sun Diego der derzeit beste deutsche Rapper ist. Beim Kölner Auftritt von Phil Collins kamen Komiker Oliver Polak die Tränen vor Rührung: "Es ist ein Glücklich-undgleichzeitig-berührt-sein-Heulen", schreibt er in der SZ.

Besprochen werden ein Konzert von Deep Purple (FR), das postum veröffentlichte Abschiedsalbum von Chuck Berry (Tagesspiegel), ein Auftritt von Coldplay (Karl Fluch bezeugt im Standard "Applaus, Gekreisch, Handyfilme") und das neue Album von Marteria (taz).
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Literatur

ZeitOnline lässt nochmal über Authentizität versus Literarizität diskutieren. Samuel Hamen arbeitet sich an den gängigen Argumenten für und wider eine lebensnahe, vermeintlich unstilisierte Literatur nach dem Prinzip Knausgard ab und spart dabei auch nicht an gewitzten Spitzen. Sein Herz schlägt klar fürs Formbewusstsein: "Es geht glücklicherweise auch anders. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Romane erschienen, die weniger vitalistisch vorgehen, sondern die Erzählformen in den Blick nehmen, durch die hindurch wir überhaupt vom Leben der anderen erfahren. ... Es gibt sie, die Gegenwartsliteratur, der in einer verschlagenen Synthese beides gelingt: durch raffiniertes Sprachbewusstsein und kluges Formspiel zu verführen und zugleich die eigenen Verführungskräfte in tückischem Stolz offenzulegen."

Weiteres: Birgit Schmitz wird neue Verlagsleiterin bei Hoffmann und Campe, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel.

Besprochen werden Jürgen Beckers "Graugänse über Toronto. Journalgedicht" (FR), Roman Ehrlichs "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" (Tagesspiegel), Tomas Espedals "Biografie, Tagebuch, Briefe" (Zeit), Chris Kraus' "I Love Dick" (NZZ), Cynan Jones' "Alles, was ich am Strand gefunden habe" (SZ) und J.-M. G. Le Ciézos "Sturm" (FAZ).

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Stichwörter: Gegenwartsliteratur, Meta

Film

Der Beschluss einiger arabischer Staaten, Katar zu isolieren und zwar mit der Begründung, dass das Land Terrorismus finanziere, hat auch Folgen für das Weltkino, erklärt Bert Rebhandl in der FAZ. Das dort ansässige Doha Film Institute finanziert zahlreiche Filme aus der Region für den internationalen Festivalmarkt: "Man muss nur ein paar Stichproben machen, um zu sehen, dass diese Filmbehörde, der in Deutschland am ehesten der World Cinema Fund der Berlinale entspricht, die aber im Vergleich dazu deutlich offiziöser auftritt, doch recht eindeutig eine progressive Politik verficht."

Ziemlich wunderbar findet Jens Balzer von ZeitOnline Patty Jenkins' Superheldinnenfilm "Wonder Woman": Der Regisseurin gelinge es "den befremdeten Blick der weiblichen Heldin auf die männliche Welt ohne Parodie und Albernheit zu inszenieren und damit eine Art feministischen - oder sagen wir wenigstens: männlichkeitskritischen - Gegenentwurf zu den Superhelden-Filmen der vergangenen Jahre zu schaffen."
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Architektur

Bettina Maria Brosowsky fordert in der NZZ, in die Stadtplanung wieder urbane Grünräume einzubeziehen, denn nicht nur die Städte stehen unter Druck, sondern auch die Landschaften: "Zu dem gestressten Grün der Stadtzentren gesellen sich nach Jahrzehnten der Zersiedelung aber auch 'durchbaute' Landschaften und eine 'verländlichende' Begrünung in Fußgängerbereichen und auf Plätzen. Diese funktionale wie auch ästhetische und semantische Konfusion, die auf der Stadt lastet, könnte als Chance für ein erneuertes Verständnis von Urbanität und Natur begriffen werden. So hat die Intensivlandwirtschaft die Städte zu erstaunlich artenreichen Biotopen für zugewanderte Wildtiere und Pflanzen werden lassen. Sogar gefährdete Vogel- und Fledermausarten finden in der Stadt vielfältige, naturbelassene Lebensräume, denn hier werden Kunstdünger oder Pflanzengifte selten eingesetzt."
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Bühne


"Kreatur" Clémentine Deluy. Foto: Sebastian Bolesch.

In der SZ versichert Dorion Weickmann, dass Sasha Waltz' neues Stück "Kreatur" ihren Kritikern kaum als Munition dienen kann: "Es ist körperästhetisch wie konzeptionell messerscharf gezeichnet und wird von einem Ensemble getanzt, das sich aufs Äußerste exponiert."

Im SZ-Gespräch mit Mounia Meiborg erzählt der deutsche Regisseur Stefan Otteni von seinem Theaterprojekt in der nordirakischen Stadt Sulaimaniyya, in dessen Flüchtlingslagern er mit kurdischen Laien die alte Sufi-Dichtung "Die Konferenz der irakischen Vögel" auf die Bühne bringt: "Es ist verblüffend, wie passend dieser Text ist. Die Vögel in dieser Geschichte sind auf einer langen Reise. An einer Stelle heißt es: 'Einige ertranken im Meer. Einige sind in den Bergen verdurstet. Einige töteten sich selbst.' Die Spieler nahmen sich den Text ohne falschen Respekt für ihre eigenen Geschichten. So etwas wie Werktreue kennen sie glücklicherweise nicht. Wir überspringen also dieses ganze Schauspielschulgedöns und können direkt ansetzen bei der Frage: Warum spielen wir? Das ist Theater wie an der Quelle. Jemand will etwas sagen, steht auf und sagt es. Und weil nach seinem Auftritt die Stimmung gedrückt ist, tanzen alle, damit es weitergehen kann. In gewisser Hinsicht ist das sehr archaisch."

Weiteres: Dorothea Marcus durfte für die taz nach Porto Alegre reisen, wo gleich zwei braislianische Regisseure auf Initiative des Goethe-Instituts Wolfram Lotz' Drama "Die lächerliche Finsternis" aufführten, eine Fortschreibung von Joseph Conrads "Herz der Finsternis". In der NZZ freut sich Lilo Weber über das Ensemble Tanz Luzerner Theater, das Kathleen McNurney mit sicherer Hand zusammengestellt hat. Im Standard berichtet Stefan Ender von Verdis hochkarätig besetztem "Don Carlos" mit Placido Domingo bei den Wiener Festwochen: "Das von Verschleißerscheinungen verschont gebliebene Domingo-Timbre fesselte wie eh und je, lediglich der lange Atem ist im Lauf des halben Bühnenjahrhunderts etwas kürzer geworden."

Besprochen werden Tschaikowskys "Pique Dame" in Stuttgart (NZZ), die Fortsetzung des gemischten Karlsruher "Rings" mit Thorleifur Örn Arnarssons "Siegfried" (FR), ein Doppelabend mit Debussys "La Damoiselle élue" und Honeggers "Jeanne d'Arc au bûcher"an der Frankfurter Oper (FAZ) und Jan Bosses Inszenierung der Komödie "Arsen und Spitzenhäubchen" in Stuttgart (FAZ).
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