Efeu - Die Kulturrundschau

Männlichkeit im Plural

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13.04.2017. Die Filmkritiker trauern um den Meister des Lichts, den großen Kameramann Michael Ballhaus. Der Freitag analysiert die metrosexuelle Wende im Literaturbetrieb. Auf Zeit online bekennt F.W. Bernstein seine Sympathie für Gottfried Benn. Selbst schuld, meint die NZZ in Richtung der Salzburger Osterfestspiele, wo die Besucher dutzendweise aus Salvatore Sciarrinos "Lohengrin" marschierten. Der Tagesspiegel schreibt die Geschichte des Requiems.

Film


Der Ballhaus-Kreis: Szene aus Fassbinders "Martha" (1974)

Der große Kameramann Michael Ballhaus ist tot. Seinen Stil erarbeitete er in den 15 Filmen, die er für Rainer Werner Fassbinder fotografierte, als Kameramann für Martin Scorsese erlangte er schließlich Weltruhm. Zu seiner künstlerischen Signatur zählt der in Fassbinders "Martha" erstmals erarbeitete "Ballhaus-Kreis", eine kreisrunde Kamerafahrt um die Protagonisten herum (siehe Bild oben). Standard-Kritiker Bert Rebhandl würdigt den Verstorbenen und dessen "beweglichen Blick, der niemals in technischer Virtuosität ins Leere lief". Er war "ein Meister des Lichts", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel, "ein unverwechselbarer Stilist, der jeden Film mit einer eigenen Signatur der raumgreifenden, taumelnden Agilität versah", erklärt Gerhard Midding auf ZeitOnline. Hier ein schönes Tributvideo an Ballhaus' Arbeit für Martin Scorsese:



Nate Parkers Film "The Birth of a Nation" über den von Nat Turner angeführten Sklavenaufstand im Jahr 1831 ist viel zu wichtig, um ihn allein aufgrund der zweifelhaften Biografie seines Regisseurs in die Tonne zu treten (mehr dazu im gestrigen Efeu), meint Andreas Busche im Tagesspiegel: "Für die Vielstimmigkeit eines historischen Diskurses, wie ihn das Museum für afroamerikanische Geschichte anbietet, ist im Kino scheinbar noch kein Platz. Als Afroamerikaner, der eine Geschichte der Gewalt wie die von Nat Turner erzählt, muss man in Amerika moralisch unantastbar bleiben." Weitere Besprechungen finden sich heute auf ZeitOnline und in der taz.

Der neue Actionknaller "Fast & Furious 8" hat in Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche einen riesigen Fan gefunden: Der Film, versichert er, bietet "pure Kinetik. Die digitalen Tableaux vivants besitzen fast skulpturalen Charakter, sie sind in ihrer ausgestellten Künstlichkeit dicht dran an einer Avantgarde des Blockbusterkinos. Massenkunst in ihrer enthemmtesten Ausformung. Oder einfach: Kino par exellence."

Weiteres: SZ-Autor Alexander Menden porträtiert den Schauspieler Timothy Spall, der in Mick Jacksons Gerichtsdrama "Verleugnung" einen Holocaustleugner spielt (besprochen wird der Film in Tagesspiegel, taz und SZ). Für die taz hat Jenni Zylka Durchhaltevermögen bewiesen und sich durch die diversen Glaubensfilme (darunter den in der SZ besprochene Jesusfilm "40 Tage in der Wüste" mit Ewan McGregor) gequält, die pünktlich zum Osterfest anlaufen - lediglich Ramón Gielings Dokumentarfilm "Erbarme dich! - Die Matthäus-Passion" hat sie überzeugen können. In der taz empfiehlt Thomas Groh Klaus Lemkes "Paul" von 1974, der am kommenden Dienstag in Berlin läuft. Im critic.de-Special befassen sich Nino Klingler und Zeynep Tunap mit dem türkischen Action- und Fantasy-Schauspieler Cüneyt Arkin, der in seinem Heimatland Nationalheldenstatus hat und vom Netz als "türkischer Chuck Norris" verehrt wird:



Besprochen werden das Filmprogramm "Hachimiri Madness" mit japanischen Punk- und Indiekurzfilmen aus den 80ern (taz, unsere Kritik hier), Zach Braffs Gaunerkomödie "Die Rentnergang" mit Morgan Freeman und Michael Caine (Standard, NZZ) und eine Filmreihe über die Komiker Hans Moser, Totò, Louis de Funés und W.C. Fields im Österreichischen Filmmuseum in Wien (Standard).
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Literatur

Der Typus des Karrieristen und Testosteron-Überfliegers befindet sich auf dem absteigenden Ast, die "metrosexuelle Wende hat längst dessen Abgesang eingeleitet", schreibt Björn Hayer im Freitag. Zumindest beobachtet er dies bei der Lektüre aktueller Bücher von Daniel Wisser, Klaus Böldl und Heinz Strunk, die sich in der Dekonstruktion dieses Männlichkeitstyps üben oder gleich stark emotionale Männer behandeln. Doch "zugegeben, mit Utopien für das maskuline Wesen im 21. Jahrhundert hält sich die zeitgenössische Literatur zurück. Sie setzt (...) auf Realismus und scheut nicht davor zurück, die altbackene Version von Maskulinität im symbolischen Sinne zu kastrieren. Bezogen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit kann diese für manch einen schmerzhafte Erfahrung jedoch nur von Vorteil sein."

Auf ZeitOnline unterhält sich Frank Schäfer mit dem Dichter F.W. Bernstein, der gerade "Frische Gedichte" (von denen er keins auswendig kann) veröffentlicht hat. Unter anderem streift die Unterhaltung "Kunstgetue" im Allgemeinen und die Kunstreligions-Aspirationen eines Gottfried Benn, denen manch jüngerer Lyriker heutzutage wieder auf den Leim zu gehen drohe. Gar so eigentlich sollte man das alles nicht auffassen, meint Bernstein: "Wenn Benn ein Gedicht anfängt in seinem Parlando, 'Hör zu, so wird der letzte Abend sein, wo du noch ausgeh'n kannst'. Und dann zählt er auf, wie viele Zigaretten er raucht und wieviel Bier er in der Kneipe hat und am Schluss hebt er noch kurz ab und macht das ganze Weltall zuständig. Dieser trockene Plauderton, den er da drauf hat, das ist eigentlich der Benn, der mir sehr nahe ist."

Weiteres: Für die NZZ porträtiert Marta Kijowska die Schriftstellerin und Auschwiz-Überlebende Zofia Posmysz. Die nordische Mythen- und Sagenwelt erlebt derzeit einen Boom auch abseits rechtsextremer Kreise, beobachtet NZZ-Autor Aldo Keel. Die FAS hat Julia Enckes großes Gespräch mit Marcel Beyer online nachgereicht. In der NZZ gratuliert Roman Bucheli dem Schriftsteller Reto Hänny zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Élisabeth Badinters Buch "Die Mach der Frau" über Maria-Theresia (FR), Konstantin Richters "Die Kanzlerin" (ZeitOnline) und Kerstin Preiwuß' "Nach Onkalo" (Tagesspiegel).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Eine "große Sprachlosigkeit zwischen den Kulturen" diagnostiziert SZ-Kritikerin Kia Vahland auf der Documenta in Athen. Das, meint sie, hat vor allem mit den indigenen Kulturen zu tun, die hier ausstellen. Bei Identitätspolitik geht es eben um Abgrenzung, nicht um kosmopolitisches Miteinander: "Das war schon einmal anders. Okwui Enwezors Documenta im Jahr 2002 lehnte die Idee von homogenen Ethnien als koloniales Konstrukt radikal ab. ... Anderthalb Jahrzehnte später ist, womöglich nicht einmal gewollt, der Traum nach Homogenität zurück, ausgerechnet im Jahr 2017, in dem Europa wie nie zuvor in der Nachkriegszeit regionalistischen und patriotistischen Versuchungen ausgesetzt ist. Die kanadische Documenta-Kuratorin Candice Hopkins sagt, sie halte es für Missbrauch, wenn nicht-indigene Künstler Materialien indigener Volker nutzten." Außerdem hat Vahland einige Stimmen von Künstlern gesammelt, die auf der Documenta ausstellen.

Weitere Artikel: Das Kollwitz-Museum in Berlin bleibt, wo es ist, für ein neues Exilmuseum soll ein anderer Standort gefunden werden, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden ein Dokumentarfilm über den Fotografen Robert Frank (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Schätze aus Nukus" mit Avantgarde-Kunst aus Usbekistan im Puschkin-Museum in Moskau (FAZ), die Ausstellung "Cherchez la femme: Perücke, Burka, Ordenstracht" im Jüdischen Museum Berlin (FAZ), die große Lucas-Cranach-Schau im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (FAZ) und eine Ausstellung zur globalen Geschichte des Protestantismus - "der Luthereffekt" - im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Tagesspiegel, FAZ, FR).
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Bühne

Bei den Salzburger Osterfestspielen marschierten die Besucher dutzendweise aus Salvatore Sciarrinos "Lohengrin". Ein schwieriges Stück, aber "festspielwürdig" dargeboten, versichert Christian Wildhagen in der NZZ. Für ihn ist eher das Publikum das Problem. Aber das wiederum haben sich die Festspiele selbst herangezüchtet, meint er: "Die von Peter Ruzicka, dem geschäftsführenden Intendanten seit 2015, zu Recht geförderte Schiene der zeitgenössischen Oper ist im Rahmen der derzeitigen Programmpolitik nämlich nicht viel mehr als ein Feigenblatt. Und dass selbst diese zaghafte Erweiterung des Repertoires bei Teilen des klassischen Osterfestspielpublikums auf so offenkundigen Widerstand stösst, ist auch damit zu erklären, dass sie dramaturgisch in keiner Weise überzeugend mit dem übrigen Spielplan verknüpft ist und dass nahezu alle notwendigen inhaltlichen Vermittlungsangebote fehlen. So ist der Widerstand gegen das Neue auch eine Begleiterscheinung, wenn nicht gar die direkte Folge des schmalen Werkkanons der Osterfestspiele, die auf der Bühne im Großen Festspielhaus seit Jahren ausschließlich Etabliertes, vorzugsweise aus dem 19. Jahrhundert, zeigen."

Hier kann man sich in das Stück reinhören:



Außerdem: In der taz berichtet Tom Mustroph aus Alexandria von den Schwierigkeiten, im Ägypten von heute Theater zu machen.
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Musik

Im Tagesspiegel führt Gregor Dotzauer ausführlich durch die Geschichte des Requiems: Es sei kein Zufall, dass viele überzeugende neuere Arbeiten aus Osteuropa kommen. Ein Beispiel ist für ihn Tigran Mansurians dem Gedenken an die Toten des Genozids an den Armeniern gewidmetes "Requiem", das gerade in einer Aufnahme des RIAS Kammerchors und des Münchner Kammerorchesters erschienen ist: "In der prononcierten Reduziertheit seines Satzes... kann man sie für restaurativ halten. Zugleich würde man die Raffinesse unterschätzen, mit der Mansurian die monophonen, an den Modi seiner orthodoxen Kirche mit ornamentalen Schlenkern ausgerichteten Grundmelodien mit durchaus zweideutigen, viele harmonisch klar definierte Dreiklänge in Nebentonarten öffnenden Zusätzen versieht, ohne schmerzliche Dissonanzen zu bemühen." Eine Hörprobe aus dieser Aufnahme:



Weiteres: Der klassisch arrangierte Gitarrenrock befindet sich auf dem Weg in die musikalische Nische, fürchtet Hanspeter Künzler in der NZZ. In der Spex sind sich Shilla Strelka und Hans Nieswandt sehr uneinig über das neue, einmal mehr von deviantem Schmelz umflorte, auch im Standard besprochene Album von Arca (mehr dazu auch hier). Martina Wohlthat besucht für die NZZ die Proben zu Joachim Krauses Osteraufführung von Frank Martins "Golgotha"-Oratorium. Peter Hagmann schreibt in der NZZ über das Zürcher Maag-Areal, in das das Tonhalle-Orchester für die Saison 2017/18 umziehen wird.

Besprochen werden ein Konzert von Cigarettes After Sex (Tagesspiegel), ein Auftritt von Anne-Sophie Mutter mit Daniel Barenboims Staatskapelle (Tagesspiegel), das neue, in Zusammenarbeit mit Sepultura-Schlagzeuger Iggor Cavalera entstandene Album des belgischen Dance-Projekts Soulwax (SZ),

Und Kamasi Washington präsentiert in einem gestern veröffentlichten, ziemlich schönen Video erstmals neue Musik seit seinem gefeierten 2015er Album "The Epic" (via):

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