Filmt aus der Gottesperspektive: Werner Herzogs 'The Queen of the Desert'

Von Thomas Groh
07.02.2015.
Nicole Kidman ist Gertrude Bell ist Werner Herzog. Unschwer zu erkennen, was Werner Herzog, den großen, letzten Abenteurer des Kinos, an diesem Stoff interessiert: Eine Frau mit Eigen- und Starrsinn, vor allem aber mit Sinn für Poesie nicht nur in den schönen Künsten, sondern im Leben, zieht es in die wilde Welt der Wüsten, Beduinen und Nomaden, wo sie sich mit Tricks und Durchsetzungsvermögen behauptet, um die Schönheit der Dinge, der Welt beim Namen zu nennen. In der Wüste plaudert sie mit dem Scheich über Vergil. Werner Herzog ist Gertrude Bell ist Nicole Kidman.
Man komme Herzog nicht mit historischer Wahrheit. Deutlich zu sehen ist die Anverwandlung der historischen Biografie in den eigenen poetischen Kosmos des Bajuwaren, der seit je, wie er selber sagt, ohnehin nur einen einzigen großen Film dreht. Einen Film über die ekstatische Wahrheit im Moment der Erkenntnis des absurden Daseins in einer indifferenten Welt dreht. Demut war Herzogs Sache nie (dafür umso mehr die Freiheit): Nicht er ist der Erzähler des Lebens von Gertrude Bell, umgekehrt ist es Gertrude Bell, die Werner Herzog hier über historische Distanz als Wesens- und Geistesverwandte ins eigene Werk integriert. Vielleicht auch deshalb wechselt Peter Zeitlingers hochmobile Kamera immer wieder in die Gottesperspektive. Man mag das - wie einiges andere - im Gestus zweifelhaft, moralisch verwerflich finden. Sicher. An Herzogs Kino perlen solche Sorgen und Befindlichkeiten ohnehin ab. Man schaue lieber aufs Interessante, den deliranten Irrsinn, den Herzog auch hier, wenn auch etwas gezähmt, zuweilen zurückhaltend, dem Stoff unterlegt.
Die ziemlich sonderbare Liebesgeschichte mit Henry Cardogan (James Franco) etwa, die sich mit großer Lust am Camp-Potenzial sehnsüchtiger, viktorianischer Groschenheft-Literatur orientiert. Franco und Kidman stolzieren da einen dunklen Turm in der Wüste hinauf, nur um oben einen im Kameraschwenk verrückten Geier in einem Kadaverhaufen anzutreffen, der beide - unter toll roten Lens-Flares, die irrsinnig ins Bild schießen - ins Offene der Wüste rennen lässt, wo der erste Kuss sich anbahnt, die Kamera sich vom Boden löst und beide in der Wüste untergehen lässt. Überhaupt die Tiere, wie die Dromedare hier als geschundene Kreaturen zu den eigentlichen Hauptdarstellern werden, wie Herzog diese herrlich-grotesken Dromedare immer wieder in prächtigen Großaufnahmen zeigt, wie sie blöken und maulen, weil sie einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden sind. Noch nie gab es so tolle Dromedare im Kino.
Ansonsten: Durchs wilde Kurdistan. Der Bayer Herzog erzählt sich einen Karl-May-Roman mit wilden Beduinen und edlen Scheichs. Mit Großmut, Ehre und Anstand - und einer Nicole Kidman, die den wilden Männern schon mit einem einzigen Satz klar anzeigt, wo es langgeht. Dass gerade Herzog als in fast 50 Jahren Filmgeschichte glaubhaft etablierter Anwalt des intakt gelassenen "Fremden" hier nun gerade die Exotismus-Karte ausspielt, mag zu denken geben, vielleicht sogar als Rückfall erscheinen. Ich möchte mich dennoch vorsichtig eine andere Interpretation stark machen: So wie die Liebesgeschichte zu Beginn sehr offenkundig den Bund zum Schmus sucht, bleibt auch der Rest als Schmus in seiner Schmusigkeit intakt. Von Kultur-Tourismus hat Herzog nie etwas gehalten: Hippies, die etwa den Buddhismus okkupieren, sind ihm ein Gräuel. Und gerade wenn Kidman als Bell (und Herzog) davon spricht, wie sehr sie die "anderen Kulturen" durchdringt und versteht, reibt sich das an den exotischen Bildern, die der Film aber eben auch kenntlich als solche ausstellt. So wie Herzogs Filme immer schon in die Welt reisten, um dort am Ende doch von einer Kindheit in der Zauberwelt der bayerischen Alpen zu handeln, so wie er immer schon selbst die Instanz seiner Filme war, geht es auch hier nicht um einen authentischen Zugriff auf die Kultur der Anderen. Gertrude Bell bleibt in den aus dem bürgerlichen Salon-England mitgebrachten Bildern befangen. Das große Scheitern, das als zentrales Motiv in Herzogs Filmen schon lange identifiziert ist, wird vielleicht gerade im vermeintlichen Triumph der Gertrude Bell manifest.
Im Grunde genommen: Eine exquisit gefilmte Komödie im Gewand eines Abenteuerfilms, bei der man tatsächlich oft und gerne auflachen kann - die Berufszyniker, von denen einige im Berlinale-Palast saßen, meinen dabei, Defizite zu erkennen oder Dinge, die "mal gar nicht gehen", und denken, sie lachen über den Film. Oder man lacht mit dem Film über die Berufszyniker. Man kann sich jedenfalls prächtig vorstellen, wie Herzog sich hier beim Dreh einen gewaltig großen Spaß machte - wie er einerseits die Hollywoodbedürfnisse bedient (Franco, Pattinson, das ganz große Streicherensemble, wilde Landschaften), diese andererseits aber auch immer wieder an der Nase herumführt (Pattinson als alberner Lawrence von Arabien, die Dromedare, der Geier, der sonderbare sexuelle Innuendo, der stets ins Leere läuft), um schließlich einfach nochmal das Budget abzugreifen, das er braucht, um auf seine alten Tage nochmal einen Film in einer unwirtlichen Gegend zu drehen. Der Film macht nach vorne lieb Kind - und hebt dann doch, für die Fans, schöne Herzogiana drunter. Insgesamt: Ein ziemlich lässiger Witz für den, der sich darauf einlässt. Mir hat das gut gefallen.

Thomas Groh

"The Queen of the Desert" Regie: Werner Herzog. Mit: Nicole Kidman, James Franco, Damian Lewis, Robert Pattinson u.a. USA 2014, 128 Min. (Vorführtermine).