Efeu - Die Kulturrundschau

Depperl-Karussell

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2015. Die Rezensenten grübeln, was Harper Lees lange verschollener Debütroman für ihren Zweitling, den Klassiker "Wer die Nachtigall stört" bedeutet. Der Freitag nimmt Le Corbusier gegen den Faschismusverdacht in Schutz. Dietrich Brüggemann beschert den Kritikern mit seiner Gesellschaftsgroteske "Heil" mehr Klamauk als Erkenntnis. Und die Zeit wird in Manchester Zeuge, wie Hélène Grimaud die Musik von allen albernen Konventionen befreit.

Film


Hochtourig klamaukselig: Dietrich Brüggemanns Gesellschaftsgroteske "Heil"

Einen lustigen, zuweilen albernen Film hat Dietrich Brüggemann mit "Heil" gedreht, in dem, wie der Name bereits andeutet, auch Nazis eine Rolle spielen. Die Kritiker haben ihre liebe Not dabei, die Lage zu sortieren. Andreas Busche (Freitag) sieht über "Gutmenschen" bis Nazis paritätisch verteilten Spott, der allerdings wirke "wie ein Sedativum, um das Gewissen seines Publikums, des bürgerlichen Mainstreams, zu beruhigen. ... Doch um Einsichten geht es Brüggemann ohnehin nicht. Er staunt bloß über die Affekte einer grotesken Medienwirklichkeit ... Die guten Pointen und treffsicheren Beobachtungen gehen dann aber zwangsläufig im atemlosen Krawall von Brüggemanns Inszenierung unter."

Brüggemann sucht in "Heil" jenen Punkt, in dem schmerzhafte Satire umkippe in ein Moment der Erkenntnis, beobachtet Bert Rebhandl (FAZ). Anlässe - Stichwort: NSU-Fiasko - gebe es dafür reichlich, doch "der Film erweist sich als letztlich taub dafür, und so rettet er sich buchstäblich ins Getöse. Mehr als hundert Figuren, zahllose Schauplätze, Idioten in allen gesellschaftlichen Bereichen und Schichten bietet Dietrich Brüggemann auf für seine Vision eines heillos dämlichen Deutschlands, das er auf diese Weise seiner vollständigen Harmlosigkeit versichert." Deutschland als "Depperl-Karussell" hat auch ein ansonsten mäßig amüsierter Rainer Gansera (SZ) gesehen. Im Tagesspiegel beschreibt Jan Schulz-Ojala den Film als "hochtourig klamaukselig". Im FR-Gespräch mit Anke Westphal erklärt Brüggemann seine Motivation.

Seit China seinen Filmmarkt gegenüber Hollywood (wenn auch mit einer Deckelung von maximal 34 importierten Filmen pro Jahr) geöffnet hat, ist das ferne Land einer der wichtigsten Märkte für die Bilanz der Studios, informiert uns Felix Lee in der taz. Problem: Die chinesische Zensur greift mitunter so tief in die Filme ein, dass kaum mehr als ein Rumpf zu sehen ist, der das Publikum die Filme meiden lässt: "Wollen die Filmstudios aus Hollywood in China durchstarten, müssen sie daher kooperieren. Denn sobald ausländische Filmstudios mit chinesischen Firmen zusammenarbeiten, unterliegen sie nicht mehr der strengen Quote von maximal 34 ausländischen Produktionen im Jahr. Eine Koproduktion wird allerdings erst dann als solche anerkannt, wenn die chinesischen Behörden ihre Zustimmung zum Drehbuch erteilt haben, chinesische Darsteller gecastet werden und mindestens ein Hauptdarsteller Chinese ist."

Außerdem: Alexander Menden (SZ) porträtiert die Schauspielerin Carey Mulligan. Besprochen werden ein Buch über den Regisseur Claude Sautet (Freitag), Thomas Vinterbergs "Am grünen Rand der Welt" (NZZ, taz), Noah Baumbachs "While We"re Young" (Tages-Anzeiger) und der Dokumentarfilm "Amy" über Amy Winehouse (ZeitOnline, Presse, Zeit).
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Architektur

Im Freitag nimmt Rudolf Walther Le Corbusier vor jüngsten Wortmeldungen, die dem Großarchitekten der Moderne Sympathien für den Faschismus nachsagen, in Schutz: "Die häufig kolportierte These, wonach Le Corbusiers Architektur einen "Einheitskörper schaffe", der das moderne Gebäude zur "Wohnmaschine" degradiere, ist ebenso absurd wie der Vergleich seiner Wohngebäude mit KZ-Baracken oder mit dem Stil von Hitlers Baumeister Albert Speer. Aus solchen Vergleichen sprechen rechte Ressentiments gegen die Moderne, die so alt sind wie diese."

Für die NZZ hat Paul Andreas die von der Stiftung Insel Hombroich gezeigte Werkschau des portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura besucht.
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Musik

In der FAZ berichtet Tatjana Rexroth vom Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, wo ihr unter den Pianisten neben dem ihrer Ansicht nach verdienten Sieger Dmitry Masleev insbesondere auch der junge Lucas Debargue aufgefallen ist. Elisabeth R. Hager (Van) spricht mit dem Komponisten Karlheinz Essl. Für The Quietus unterhält sich Taylor Parkes mit Jason Williamson von den Sleaford Mods. In der SZ stellt Harald Eggebrecht den Geiger Augustin Hadelich vor.

Besprochen werden "Born in the Echoes" der Chemical Brothers (Pitchfork), das neue Album von Tame Impala (Spex), das neue Album von K.I.Z. (Zeit) und Konzerte von Patti Smith in Wien (Standard, Presse, Kurier) sowie von Udo Lindenberg (Welt) und Timber Timbre in Berlin (Tagesspiegel).
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Bühne

Begeistert und ergriffen berichtet Christine Lemke-Matwey in der Zeit vom Musiktheaterstück "Neck of the Woods", das der schottische Installationskünstler Douglas Gordon beim Manchester International Festival aufführte. Besonders beeindruckt hat Lemke-Matwey, wie die französische Starpianistin Hélène Grimaud die Musik "von innen her aufbricht, ohne Rücksicht auf Werktreue und andere Sakrilegien. Den Kopfsatz von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert mit Bach zu verschränken oder über Liszts "Funérailles" und Ravels Konzert für die linke Hand gleichzeitig zu improvisieren, erweckt den Eindruck, als sei alle Musik immerzu da und wild und nicht notwendig an Anfänge und Enden gebunden, an alberne Konventionen."
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Kunst

Léocaide Hirsch (taz) staunt beim Besuch der großen Ausstellung zur Geschichte kongolesischer Kunst, mit der sich Kurator André Magnin in der Pariser Fondation Cartier selbst das größte Geschenk gemacht hat: Die Bilder "sind herzzerreißend schön. Sie sind fein und leise, tout en douceur würde man in Frankreich sagen... Trotz all des Elends, das auch ihre Realität bestimmt, haben sich diese jungen Männer (es sind nur Männer!) einen Witz, eine Leichtigkeit und Selbstironie bewahrt, die absolut erstaunlich ist." Mehr zur Ausstellung hier.

Die FR blickt auf 60 Jahre Documenta zurück. Besprochen werden die Ausstellung "Homosexualität_en" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Freitag), die Ausstellung "Future Present" im Basler Schaulager (NZZ) und eine Ausstellung über die Etrusker in den Staatlichen Antikensammlungen in München (FAZ).
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Literatur

Ulrich Rüdenauer (ZeitOnline) kratzt sich verwundert am Kopf: Wie kann es sein, dass Harper Lee zwar Zeit ihres bisherigen Lebens stets verkündet hat, dass nach "Wer die Nachtigall stört" mit weiteren Büchern von ihr nicht zu rechnen sei, nun aber, da die Autorin hochbetagt, nahezu blind und schwerhörig ist, doch noch ein Roman erscheint? Felicitas von Lovenberg (FAZ) berichtet von einer dank lebendiger Schilderungen "fesselnden" Lektüre. Für sie ist die "Botschaft dieses Romans komplexer und anspruchsvoller als die des "Mockingbird"". So komplex gar, dass sich Wieland Freund im Tages-Anzeiger fragt, "ob der Klassiker, der daraus wurde, 2015 noch als Schullektüre taugt."

Der umstrittene Suhrkamp-Aktionär Hans Barlach ist überraschend an einer Lungenentzündung gestorben. Nachrufe schreiben Harald Jähner (FR), Dirk Knipphals (taz), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Sandra Kegel (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ).

Besprochen werden die Gesamtausgabe von Andreas" Fantasycomic "Rork" (Tagesspiegel), Olga Flors Modebloggerinnen-Roman "Ich in Gelb" (Tagesspiegel), Eduardo Mendozas "Der Walfisch" (FAZ) und Roger Clarkes "Naturgeschichte der Gespenster" (SZ).
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