Efeu - Die Kulturrundschau

Denkknebel

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20.06.2014. Ohne Karl verstehen wir gar nix, findet die Welt nach einem Besuch der großen Ausstellung in Aachen. Jungle World berauscht sich trotz der widrigen Lebensbedingungen des Spätkapitalismus an der Psychedelic-Band Datashock, die NZZ an Lana del Rey. Die Ebook-Verlegerin Christiane Frohmann löst sich  iRights.info von der Buchmetapher. Und im Jüdischen Museum Berlin geht eine Ära zu Ende.

Kunst

Eckhard Fuhr reist für die Welt in die, wie er findet, aufwändig und brillant inszenierte Ausstellung "Macht, Kunst, Schätze" über Karl den Großen nach Aachen und ist erstaunt über seine europäische Gegenwart: Dass "er 1000 Jahre lang bis zum Anbruch der Moderne Inbegriff der politischen Ordnung Europas war, das wird leicht vergessen, weil es so selbstverständlich erscheint. Kurzum und zum Schluss dieser langen allgemeinen Vorrede also: Ohne Karl verstehen wir gar nichts."

Nachdrücklich empfiehlt Michael Freund im Standard die Fotografien Gary Winogrands in der Wiener Westlicht-Galerie. Winogrand ist für seine New Yorker Straßenszenen der sechziger und siebziger Jahre berühmt und ließ sich doch ungern Street photopgrapher nennen: "Er beherrschte die ehemals selbstverständlichen, durch die ins Irre gesteigerte Produktion von Handybildern verschüttgehenden Tugenden spannender Fotos: immer wieder Gegenlicht, fast nie Blitz, eine stimmige Kadrierung." (Foto: Winogrand)

Für die taz hat Enrico Ippolito die Ausstellung "What is queer today is not queer tomorrow" in Berlin besucht und sich dabei ganz grundsätzliche Fragen zum nie ganz greifbaren Begriff der Queerness gestellt. "Wenn queer die sexuelle Identität kritisieren soll, (...) kann queer auch keine sexuelle Identitätskategorie sein."

Weitere Artikel: W. Michael Blumenthal übergibt nach 17 Jahren seinen Posten als Leiter des Jüdischen Museums Berlin an den Judaisten Peter Schäfer: Für Kerstin Krupp von der Berliner Zeitung geht damit "eine Ära zu Ende". Im Tagesspiegel führen Christiane Meixner und Hermann Rudolph durch die Ära Blumenthal. Und in der Welt verabschiedet Alan Posener leicht wehmütig den "Manager" und sein "Museum der Toleranz", erhofft vom Neuen aber eine Antwort auf die Frage, was "Jüdischsein" bedeutet. Für das ZeitMagazin haben sich Christoph Amend und Daniel Haaksmann mit der Künstlerin Elizabeth Peyton unterhalten. In der SZ gratuliert Gottfried Knapp dem Bildhauer Fritz Koenig zum 90. Geburtstag.

Eva Clausen (NZZ) verfällt in der Ausstellung "Seduzione Etrusca. Dai segreti di Holkham Hall alle meraviglie del British Museum" im Palazzo Casali in Cortona ganz der "Etrusker-Manie".
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Bühne

Besprochen werden Stan Douglas" an den Münchner Kammerspielen aufgeführtes Kino-/Theaterexperiment "Helen Lawrence" (Nachtkritik), eine Aufführung von Philip Glass" Oper "Echnaton" am Theater Heidelberg (FR), Nora Schlöckers am Schauspielhaus Düsseldorf aufgeführte "Orestie" (SZ) und die Londoner Aufführung von Puccinis "Manon Lescaut" im Royal Opera House, die Helmut Mauró von der SZ reichlich gähnen lässt.
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Film

Auf critic.de empfiehlt Michael Kienzl die Berliner Reihe zum Hollywoodkino vor dem Hays-Code. Den ganz eigenen Moralvorstellungen der Filme kann er einiges abgewinnen: "Während man sich auf der Leinwand von moralischen Zwängen befreite, musste man im Alltag schauen, wie man gerade so über die Runden kam. In der Hochzeit der Großen Depression herrschte eine gewisse Solidarität untereinander, die stärker war als eiserne Gesetzestreue. Die arbeitslosen Showgirls, die eine Flasche Milch vom Nachbarn klauen, kommen ebenso ungeschoren davon wie die obdachlosen Jugendlichen in William Wellmans neorealistischem Vagabunden-Blues "Wild Boys of the Road" (1933), die auf einer Müllkippe einfach ihre eigenen Gesetze machen." Auf Kino-Zeit stellt Jennifer Borrmann die Reihe vor.

Besprochen werden Matteo Oleottos Komödie "Zoran - Mein Neffe, der Idiot" (Tagesspiegel, Kino-Zeit), James Griffiths Tanzfilm "Cuban Fury" (Tagesspiegel, Perlentaucher) und Katell Quillévérés "Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" (taz, Perlentaucher, FAZ).
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Literatur

Am 21. Juni findet in Berlin die Electric Book Fair statt. Die Ebook-Verlegerin Christiane Frohmann findet im Interview mit iRights.info, dass sich digitales Publizieren von der Buchmetapher lösen sollte: "Wir möchten untersuchen, was das Spezifische am digitalen Publizieren ist. Die Begriffe und die Ästhetik rund um E-Books beruhen auf der klassischen Buchkultur: Die Leseapp knistert beim Umblättern, hat digitale Eselsohren, einen Buchumschlag und so weiter. Das digitale Publizieren sollte... aufhören, das Verlegen immer von dort her zu denken. Am Anfang war es eine Vorstellungshilfe, als alles so neu war, aber jetzt scheint es eher ein Denkknebel zu sein."

Luke Dempsey ist aufgeblieben und erzählt die englische Niederlage gegen Uruguay in der New Republic als episches Poem. Die Zahlen in Klammern bezeichnen die Spielminuten:
"(38) Gerrard misses a tackle. Johnson backs off.
Cavani crosses.
Cahill shies like the ball might hurt.
Suarez heads. Hart falls over.
Goal."

Mittlerweile online von der Zeit nachgereicht: Ursula März" Kritik an der hiesigen Unterhaltungsliteratur, die sich in Demut der eigenen vermeintlichen Trivialität fügt und damit auf der Stelle tritt: "Sie ist offensichtlich selbst so fest davon überzeugt, dass sie im ernsten Fach, im ernst gemeinten literarischen Zugriff auf die Welt nichts verloren hat, dass sie sich von vornherein aufs Ironische, Alberne, Verjuxte und Spaßig-Muntere zurückzieht und beschränkt. Als sei literarische Unterhaltung in Deutschland nur auf der Humorschiene denk- und machbar."

Gemeldet wird (unter anderem hier), dass zwanzig bisher unbekannte Neruda-Gedichte gefunden worden sind, die Ende des Jahres publiziert werden sollen. Besprochen werden eine Ausstellung mit Buchillustrationen der Fantasy-Autorin Cornelia Funke im Günter Grass-Haus in Lübeck (FAZ), Kerstin Hensels "Das verspielte Papier" (SZ) und Mawils Comic "Hinterland" (FAZ).
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Musik

In der Jungle World berichtet Holger Adam von seinen bewusstseinserweiternden Wüstenwanderungen mit dem saarländischen Psychedelic-Kollektiv Datashock, das es auf seinem neuen Album "Keine Oase in Sicht" (hier im Stream) sehr krautrockig wabern lässt. Gegen den oft geäußerten Vorbehalt, es handle sich bei dieser Musik um im Sinne von Simon Reynolds prakizierte Retromania, nimmt er die Band in Schutz: "Anderes Equipment, andere Aufnahmeverfahren, andere Erfahrungen, andere Zeiten, kurz: Die Gegenwart des immer noch währenden Spätkapitalismus funkt Datashock dazwischen - und das ist hörbar." Eine weitere, sehr positive Besprechung gab es zuvor auf Pitchfork.

In der NZZ gibt sich Ueli Bernays ganz dem "masochistischen Rausch" des neuen Lana del Rey-Albums "Ultraviolence" hin: "Wer sich auf einmal das ganze Album anhört - die dumpfen Rhythmen, die wolkige Orchestrierung liegender Streicherklänge, die bombastischen Surf-Gitarren und Melodien, welche Fäden ziehen wie Kaugummi -, dem droht hier eine Lana-Del-Rey-Überdosis. Oder aber die Lana-Del-Rey-Sucht: Zum Erfolgsrezept der 28-jährigen New Yorkerin gehört ja auch, dass sie die Desillusionen und Depressionen, die sie anspricht oder heraufbeschwört, mit ihrem Sound wieder dämpft. Ihre üppigen Balladen mögen Trauer tragen, trotzdem wirken sie auch berauschend."

Außerdem: Tim Caspar Boehme porträtiert in der taz den Musiker Arto Lindsay, der den Bogen spannt von der New Yorker No-Wave-Szene der 70er zur brasilianischen Tropicálla-Bewegung. Für die Zeit hat Helge Schneider mit Frédéric Schwilden gesprochen. In der SZ berichtet Harald Eggebrecht vom Kammermusikfest "Spannungen" in Heimbach. Claudius Seidl schreibt in der FAZ, Gunda Bartels im Tagesspiegel den Nachruf auf Horace Silver. René Walter bringt auf Nerdcore viele neue Musikvideos. Felix Mescoli hat beim Aerosmith-Konzert in Dortmund vom "ithyphallischen Satyr" Steven Tyler gelernt, wie ein gutes Rock-Konzert zu sein hat. (Welt)

Besprochen werden Cloud Nothings neues Album "Here and Nowhere Else" (taz, Pitchfork) und der Berliner Auftritt von Arcade Fire (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ).

Und: Der Youtuber Mario Winterroither vertont Musikvideos neu - mit, wie hier bei David Bowie und Mick Jagger, umwerfendem Ergebnis (via).

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