Efeu - Die Kulturrundschau

Es wird im Dreck gewühlt

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14.06.2014. Die Welt ist fasziniert von den dichten Klangabenteuern der Komponistin Adriana Hölszky. Beim Besuch der Züricher Retrospektive lernt sie außerdem, im Werk von Cindy Sherman den Spaß am Spiel und der Verkleidung nicht zu unterschätzen. Die SZ erliegt der wehmütigen Verlorenheit der Lana Del Rey. In der taz erzählt die Filmkritikerin Ilse Kümpfel-Schliekmann alias Ponkie aus besseren Zeiten der Münchner Abendzeitung. Und Christoph Ransmayr beschreibt in der Literarischen Welt den hybrischen Transformationsprozess des Schreibens.

Kunst

Beim Besuch der großen Cindy-Sherman-Retrospektive im Kunsthaus Zürich wird Hans-Joachim Müller (Welt) bewusst, "wie dieses Werk über die Idee triumphiert, die man von ihm zu haben meint." Über die Reflexion der Rolle der Frau und der Künstlerin hinaus fällt Müller hier auf, "wie viel Spielfreiheit und theatralische Sinnlichkeit da zum werk- und lebenslangen Verkleiden angestiftet haben. Gerade die Inszenierungen nach Bilderklassikern zeigen die Künstlerin beim virtuosen Regelverstoß. Dem direkten Vergleich halten Cindy Shermans "History Portraits" nie wirklich stand. Der laktierenden Madonna mit dem blonden Zopf und der Gummibrust gebricht es sichtlich am Ernst der christlichen Erzählung, und wie Judith mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes dasteht, das sieht doch eher nach einer Szene aus dem "Herrn der Ringe" als nach alttestamentlicher Amazonen-Tüchtigkeit aus." (Bild: Cindy Sherman, Untitled #228, 1990)

Felix Stephan hat sich für die SZ in den Uferhallen Wedding die Ausstellung "Die 8 der Wege" mit Kunst aus Beijing angesehen. Politische Inhalte sind darin vor allem verklausuliert zu finden, auf allzu offensichtliche Statements stößt man nicht, berichtet er: "Allerdings ist es oft aufschlussreicher, sich die Ambivalenz als einzige Möglichkeit zu vergegenwärtigen, heikle Themen überhaupt zur Sprache zu bringen. Die Frage, wie hart und explizit man mit der politischen Gegenwart Chinas ins Gericht gehen kann, ohne ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen, ist wahrscheinlich das Leitmotiv dieser Ausstellung."

Bernhard Schulz führt im Tagesspiegel durch die diversen Pavillons der Architekturbiennale Venedig. Besprochen wird eine Ausstellung über die Belle Époque im Bröhan-Museum in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Im Gespräch mit Paul Jandl in der Literarischen Welt erzählt der Schriftsteller Christoph Ransmayr, wie er, aus einem oberösterreichischen Dörfchen stammend, zum Weltreisenden und "Sonntagsastronom" wurde und wie er seine Erfahrungen in Literatur übersetzt: "Ich verwandle mir das an, was ich über meine Welt weiß, und bringe es zur Sprache. Das ist natürlich ein geradezu wahnwitziger Transformationsprozeß. Denn eine riesigere Kluft als zwischen dem wirklichen, dahinrollenden Pazifik und dem Wort "Pazifik" ist kaum vorstellbar. Aber indem ich meine Worte wähle, wie ich sie eben wähle, und indem ich sie in einen erzählerischen Zusammenhang bringe, treibe ich diese Verwandlung weiter: Nicht nur, dass ich etwas zur Sprache bringe - ich weiß auch, dass Duktus, Temperatur und das Tempo meiner Erzählung nicht unbedingt Duktus, Temperatur und Tempo der Wirklichkeit sind. Es sind bloß Möglichkeiten, wie ich die Welt zu meiner Welt machen kann. Natürlich ist das auch eine Art von Hybris - von Überwältigung und Eroberung."

In der SZ malt sich der Lyriker Norbert Hummelt aus, wie wohl ein Treffen zwischen Stefan George und Marcel Proust in Bad Kreuznach, wo beide etwa zur selben Zeit weilten, ausgesehen haben könnte. Die NZZ erforscht Fjodor Dostojewski als Lyriker anhand der Gedichte, die er seinen Romanfiguren untereschoben hat. Detlef Kuhlbrodt (taz) hört sich beim Poesiefestival in Berlin ukrainische Lyrik an. Für die taz trifft sich Catarina von Wedemeyer mit Sonia Sotomayor, Richterin am Supreme Court der USA, die gerade ihre Biografie veröffentlicht hat. Für die Welt trifft sich Peter Praschl mit dem amerikanischen Dichter Matthew Dickman.

Besprochen werden unter anderem Elias Canettis "Buch gegen den Tod" (Tagesspiegel), "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" von Peter Sloterdijk (Welt), Svenja Leibers Künstlerroman "Das letzte Land" (Welt), Catherine Merridales historische Studie "Der Kreml" (Welt), "Der Körper meines Lebens" von Daniel Pennac (taz, Welt), Joachim Lottmanns Roman "Endlich Kokain" (taz), Gedichtbände von Arsenij Tarkowskij (NZZ) und Clea Roberts (NZZ) sowie Stefan Müller-Doohms Biografie von Jürgen Habermas (taz). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Bühne

Besprochen werden die Uraufführung von Dmytro Ternovyis Stück "Hohe Auflösung" am Badischen Staatstheater in Karlsruhe (nachtkritik.de, SZ) und die an der Neuköllner Oper aufgeführte, im barocken Stil gehaltene Opernadaption des Berliner Proleten-Comics "Didi & Stulle" ("ein doch sehr amüsantes Chaos", meint Peter Uehling in der Berliner Zeitung, von "einer heiteren Opera Buffa" spricht Christiane Rösinger in der taz).
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Musik

Als "Virtuosin der klanglichen Klüfte" würdigt Manuel Brug in der Welt die Komponistin Adriana Hölszky, die in Düsseldorf mit dem Ballett "Deep Field" und in Mannheim mit der Oper "Böse Geister" gerade zwei Uraufführungen absolviert hat: "Die Nacht, das Abgründige, Querständige, Abstoßende zieht sie an, sie, die gedanklich Lichte, Luzide, wandelt gern im Dunkeln, im Schlamm, im Ausschuss und gibt dem in ihren mit kleiner, fester Schrift gefüllten Partiturkunstwerken, die auch großartige Kalligrafien sind, fesselnde, magisch individuelle akustische Gestalt. "Es wird im Dreck gewühlt", sagt sie lakonisch."

Jens-Christian Rabe (SZ) hat das neue Album "Ultraviolence" von Lana Del Rey ganz genau auf jene Peinlichkeiten hin abgeprüft, von denen ihm auf dem Vorgängeralbum noch einige ans Ohr kamen. Und er ist überrascht: Zwar reicht der Rest des Albums nicht an die Güte des Openers "West Coast" heran, doch bewegt sich auch dieser "auf ungewöhnlich hohem Niveau. ... Immer noch erkundet Lana Del Rey beinahe obsessiv eigentlich nur ein einziges Gefühl, das man vielleicht wehmütige Verlorenheit nennen könnte. Die Liebe ist dabei grundsätzlich gleichzeitig das Versprechen der ersehnten Rettung wie die ständige Gefahr neuer Verletzungen, die ihrerseits natürlich vor allem wieder ein hervorragender Grund sind für noch tiefer reichende Träumereien und Verklärungen." In diesem Portrait beim Guardian verklärt die Sängerin unterdessen ihre eigene Todessehnsucht.

Ebenfalls in der SZ stellt Wolfgang Schreiber die Musik des italienischen Avantgarde-Komponisten Salvatore Sciarrino, von denen drei heute in Berlin gespielt werden, vor. "Vereinzelung der Klänge und ihre rhythmisch variable Neuverknüpfung, Techniken der Motivzertrümmerung und Verdichtung, der mikrotonalen Überlagerungen, das sind Sciarrinos Gestaltungsmittel. Ein sanfter Schock auf Seite des Hörers ist zunächst die Folge, das Erschrecken über eine gespenstische Klang- und Lautgeräuschlandschaft aus kaum merkbaren Glissandi und ausgepichten Instrumentalfarben in leisen oder noch leiseren Tonregionen, oft an der Grenze des noch Wahrnehmbaren."

Besprochen werden die Ausstellung "Mythos Vinyl - Die Ära der Schallplatte" im Berliner Museum Neukölln (taz), Sturgill Simpsons neues Album "Metamodern Sounds in Country" (taz) und das neue Album von Jack White (Berliner Zeitung).

Außerdem Musik zum Wochenende: Jan Wehn präsentiert beim Interview Magazine seine Musikvideos der Woche.
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Film

Mit 88 schreibt Ilse Kümpfel-Schliekmann alias Ponkie noch immer unermüdlich Film- und Fernsehkritiken für die wirtschaftlich angeschlagene Münchner Abendzeitung. Die taz bringt heute ein ausführliches, anekdotenreiches Gespräch, das Anna Bianca Krause und Waltraud Schwab mit ihr geführt haben. Unter anderem geht es auch um die ausgelasseneren, früheren Zeiten bei der Abendzeitung: "Wir haben uns gut amüsiert. An manchen Samstagen, als Karsten Peters Feuilletonchef war, haben sich die Kollegen ganz gern hier im Garten versammelt, haben rumkrakeelt, Bier getrunken, Tischtennismeisterschaften ausgetragen. Oder der Karsten Peters hat mit dem Filmkritiker Helmut Fischer, später Monaco Franze, den "Blauen Bock" angeschaut. Sie wollten sich amüsieren über den Mist, den der Heinz Schenk von sich gab. Die haben sich am Boden gewälzt. Dann sagt der Karsten Peters zu mir: Also, da schreibst jetzt a Kritik, der Schenk ist dran. Und ich: Nur über meine Leich. Sagt der: Dann mach ich"s selber."

In der FR mag Daniel Kothenschulte nicht in den Chor der Lobgesänge (mehr hier) auf Götz Spielmanns "Oktober/November" einstimmen: der Film "nimmt einen langen Anlauf, um dann dort zu landen, wo man der Kunst schon immer mit Skepsis begegnete - beim Förster vom Silberwald." Für die Welt lädt Barbara Möller den Schauspieler Heiner Lauterbach zu Tartar mit Salat und Riesling ins Borchardt ein.

Carla Laemmle, Nichte des Hollywood-Gründers Carl Laemmle, "die schon vor 90 Jahren im "Phantom der Oper" tanzte und deren neuester Film mit Gary Busey im Herbst ins Kino kommt, ist nun in Los Angeles gestorben", meldet Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Sie war 104."
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Religion

Dass der Vatikan für eine Ausstellung mit dem Islamischen Museum in Sharjah kooperiert und dafür zahlreiche Exponate aus seinem Archiv verleiht, feiert Werner Bloch im Tagesspiegel als "eine Sensation."
Archiv: Religion
Stichwörter: Werner Bloch, Vatikan