Efeu - Die Kulturrundschau

Die List der Kannibalen

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10.06.2014. Die SZ lässt sich von Regisseur Zé Celso brasilianische Hühnersuppe kredenzen. Die taz erlebt, wie Rem Koolhaas die Architekturbiennale in Venedig zum Tanzen bringt. Die Welt erlebt eine beglückend lebenswahre Cecilia Bartoli in Salzburg. Die FAZ verabschiedet sich mit dem Theater der Welt in Mannheim vom antiken Mythos über die Autodestruktivität des Erfolgsmenschen. Und die Berliner Zeitung bedankt sich bei den Kirchen für Black Sabbath.

Bühne



Für die SZ hat Kia Vahland den Regisseur Zé Celso in São Paulo besucht, der dort auch im Alter von 77 Jahren mit seinem Teatro Officina seine Bühnenexzesse in die Tat umsetzt - mittlerweile aber ohne harte Drogen: "Das ist die List der Kannibalen: Sie zwingen niemanden in den Kochtopf. Sie versprechen nur das Ende aller Zwänge, bis die Zuschauer berauscht der Glut entgegen taumeln. Was in den Sechzigerjahren jugendbewegter Protest gegen eine Diktatur war, ist nun, in Zeiten erfolgreicher Globalisierung, ein einziges Triumphgeheul. Es lautet: Eure Philosophie, eure Logik und eure Deutungshoheit, lieber Westen, sind schmackhafte Zutaten unserer Hühnersuppe, die wir den alten Göttern kredenzen." (Foto: Claire Jean , "Macumba Antropófaga")

Weiteres: "Beglückend lebenswahr", tief- und leichtsinnig zugleich fand Manuel Brug in der Welt Cecilia Bartolis Salzburger Rossini-Raserei "Cenerentola". Marco Frei zeigt sich in der NZZ weniger überzeugt von diesem Versuch, Rossini in historischer Aufführungspraxis umzusetzen. Bereits die Lektüre von Nis-Momme Stockmanns neuem Stück "Phosphoros" bereitete SZ-Theaterkritiker Egbert Tholl größtes Vergnügen und auch die Aufführung in München steht dem kaum nach. Kerstin Holm hat für die FAZ das Mannheimer Festival "Theater der Welt" besucht, wo ihr insbesondere Simones Stones Stück "Thyestes" gut gefallen hat: Dieses erzählt auf packende Weise "mit dem Vokabular zeitgenössischer Partyexzesse den antiken Mythos von der Autodestruktivität des Erfolgsmenschen". Krimi-Autorin Donna Leon schwärmt im Tagesspiegel von der Berliner Aufführung von Händels Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" und dessen unvermindert aktuelle Qualitäten: Dies ist "ein zweistündiger Disput unter allegorischen Figuren über die Frage, wie man ein gutes Leben führt."

Besprochen werden außerdem Bartlett Shers "subtile" Inszenierung von Gounods "Faust" bei den Baden-Badener Pfingstfestspielen (NZZ), Wagners "Götterdämmerung" an der Wiener Staatsoper (Standard) Lia Rodrigues" im Berliner Hebbel am Ufer aufgeführte Choreografie "Pindorama" (Tagesspiegel), René Polleschs bei den Berliner Autorentheatertagen aufgeführtes Stück "Gasoline Bill", das laut Simone Kaempf von der taz "seine Späße mit der Behaglichkeit des Eigenheims, mit Lebensmodellen, der Erlösungshoffnung des Verliebtsein, den ganzen Paradoxien zwischen Schein und Sein" treibt, die in den Berliner Sophiensälen aufgeführte Performance "Sink or Swim" (Tagesspiegel), Martin Kušejs "Faust"-Inszenierung am Residenztheater München (taz - mehr hier), Hakan Savaş Micans am Berliner Maxim Gorki Theater aufgeführte Bühnenadaption von Rainer Werner Fassbinders Film "Angst essen Seele auf" (Tagesspiegel) und Vincent Boussards Inszenierung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel).
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Kunst

Renata Stih hat für die taz die Architektur-Biennale in Venedig besucht. Gut gefällt ihr, wie die von Rem Koolhaas kuratierte Schau die Bündnisse zu anderen Medien und Ästhetiken sucht: "Durch die Zusammenlegung mit der Tanzbiennale entsteht eine spannende Ausstellungsform, die das Starre durch Bewegung aufbricht. Von der Decke schwebende Membranen setzen Inhalte mit Filmszenen in Bezug; gleichzeitig wird das Podium von Tanzenden bespielt und der Raum körperlich erfahren."

Weiteres: In der taz stellt Ralf Leonhard mehrere österreichische Ausstellungen vor, die sich mit der Rolle Österreichs im Ersten Weltkrieg befassen. Der Standard berichtet, dass gegen den österreichischen Künstler Hermann Nitsch wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird.

Besprochen wird die Ausstellung "Avantgarde!" im Berliner Kulturforum (Tagesspiegel).
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Musik

Dietmar Dath von der FAZ hatte mächtig viel Spaß beim Frankfurter Konzert von Miley Cyrus: "Gründlicher als bei Miley Cyrus wäre man derzeit nirgendwo sonst mit mal lustigen, mal merkwürdigen, mal nahezu sinnfreien und gelegentlich hochinteressant unstimmigen Exzessen verwöhnt worden." Für die FR war Thomas Stillbauer beim Konzert.

Als großen Erfolg verbucht Christian Schachinger im Standard das Konzert von Prince und seiner Band 3rdEyeGirl in Wien: "Es war unfassbar laut. Alle waren begeistert."

Weiteres: Anlässlich des heutigen Berliner Konzerts der Rolling Stones erinnert Julian Weber in der taz an den wegen seiner Ausschreitungen berüchtigten Auftritt der Band 1965 in der Waldbühne. Felix Mescoli berichtet in der Welt vom "Rock am Ring". Vor 150 Jahren wurde Richard Strauss geboren: In der SZ würdigt Reinhard J. Brembeck den Komponisten, an dessen Berliner Jahre Frederik Hanssen im Tagesspiegel erinnert. Jens Balzer dankt in der Berliner Zeitung den christlichen Kirchen, denn ohne sie gäbe es keinen blasphemischen Metal und damit auch nicht Black Sabbath, die gerade in Berlin furios aufgespielt haben. Für den Tagesspiegel war Jenni Zylka bei dem Konzert und auf Youtube gibt es eine Playlist mit Mitschnitten vom Auftritt:



Besprochen wird ein Auftritt von Justin Timberlake (FR).

Und da das gerade irgendwo im Fernsehen hoch- und runtergenudelt wurde: Die einzige Bigband-Melodie, die wir kennen, in der der Paukist die Hauptrolle spielt:

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Literatur

In der NZZ feiert Eberhard Geisler den herb-melancholischen Klassiker "Das Museum von Eternas Roman" des "etwas schrulligen" Argentiniers Macedonio Fernández. Außerdem freut sich Markus Bauer in der NZZ, dass nun auch der rumänisch-französische Dichter Benjamin Fondane in seiner Heimatstadt Iasi geeehrt wird. Nana Heymann unterhält sich für den Tagesspiegel mit der Autorin Hatice Akyün, deren Erfolgsroman "Einmal Hans mit scharfer Soße" verfilmt werden soll. Gestern beging Donald Duck seinen 80. Geburtstag: In der Berliner Zeitung gratulieren Jens Balzer und Christian Schlüter, in der FAZ Patrick Bahners dem berühmtesten Erpel der Welt.

Besprochen werden Charles Warren Adams" "Das Mysterium von Notting Hill" (FAZ), François Gardes "Was mit dem weißen Wilden geschah" (FR), die Wiederveröffentlichung von Carry Brachvogels Roman "Alltagsmenschen" (SZ), Fritz J. Raddatz" Tagebücher aus den Jahren 2002 bis 2012 (Tagesspiegel), Henry F. Urbans "Die Entdeckung Berlins" mit dessen gesammelten Feuilletons (Zeit) und Corrado Augias" Roman "Die Geheimnisse Italiens" (NZZ).
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Film

In der Presse spricht der Regisseur und Psychiater Houchang Allahyari mit Barbara Petsch über seinen Film "Der letzte Tanz", das Alter und Depressionen und warum er nicht als Analytiker arbeitet: "Ich bin Psychiater und Neurologe. Ohne Freud kommt man zwar nicht aus. Aber: Ich traue mich das nicht laut zu sagen, weil mich die Freudianer umbringen werden, ich finde ihn sehr einseitig und veraltet. Die Kindheit wird überbewertet. 80 Prozent meiner Patienten sind arm. Es herrscht ein großer Druck in unserer Gesellschaft, weil das Geld so wichtig ist. Das wirkt sich stark auf die Psyche aus. Leute, die arm und arbeitslos sind, bekommen eben Panikattacken. Wissenschaftlich ist das natürlich nicht nachzuweisen."
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