Efeu - Die Kulturrundschau

Nach der finalen Akustikexplosion

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27.05.2014. Die Münchner Aufführung von Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" versetzt die Kritiker in einen Rausch zwölftönender Klanglichkeit. Beim "Theater der Welt" vermisst die SZ über all dem kopfgesteuerte Diskurstheater etwas Temperament. Die Welt begibt sich in Kassel in das Experimentiertfeld aus Kunst und Natur. Der Tagesspiegel erlebt, wie Wim Wenders und Co. die Hausgeister der Moderne zum Sprechen bringen.Und der Guardian weiß, wer an britischen Schulen die Nachtigall stört.

Bühne

Ganz überwältigt ist Manuel Brug in der Welt von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten", die in München von Kirill Petrenko und Andreas Kriegenburg zur Aufführung gebracht wurde: "Allein durch seine pure, brutale, anrührende, abstrakte wie realistische, zwölftönende und trotzdem emotionale Klanglichkeit. Diese grandios-grausame, säuselnd-feinsinnige, trocken-rezitierende Musik überfällt ausnahmslos jeden - von der ersten Eruption bis zum letzten, ausgebrannten Verlöschen nach der finalen Akustikexplosion."

Berauscht ist auch Reinhard J. Brembeck in der SZ: "Sechzehn Solosänger, simultan gespielte Szenen, Jazzeinlagen, rasante Ortswechsel, Serialismus, Filmeinspielungen, Gregorianik, Sexualdrastik, Orgel vierhändig, Schlagwerk-Harmagedons. Zimmermann, dem es nicht apokalyptisch genug zugehen konnte, sah auch noch die Wolke des Atompilzes vor, worauf man in München verzichtete." In der NZZ zeigt sich Peter Hagmann hingerissen.

Beim Festival "Theater der Welt" in Mannheim kam zum Auftakt Nicholas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen" zur Aufführung, in dem sich die Autorin mit der Situation der Flüchtlinge vor den Toren der EU befasst. In der SZ zeigt sich Christine Dössel nur milde überzeugt was weniger an Jelineks wütendem Text, als vielmehr an Stemanns Interpretation liegt, die vor lauter Political Correctness nicht in Gang kommt: "Deutsche Schauspieler betreiben ihr kopfgesteuertes, pflichtironisches Diskurstheater auf der Höhe aktueller Migranten- und Rassismus-Debatten."

Auch Katrin Bettina Müller von der taz war nicht völlig überzeugt von der Aufführung. Deutlich besser gefiel ihr unter anderem das Stück "Riding on a Cloud" von Rabih Mroué, der darin mit Krieg, Flucht und Trauma auseinandersetzt: "Ein Stapel Tonkassetten, ein Stapel kurzer Videos, ein Mosaik aus Bildern, Schriften, damit erzeugt Yasser Mroué, der Bruder des Theatermachers, etwas, das sich zur Erklärung eines Lebens zusammensetzt. Was dabei zur Sprache wird, ist einmal durch die Sprachlosigkeit hindurchgegangen."

Besprochen wird außerdem Roland Schimmelpfennigs am Hamburger Schauspielhaus aufgeführtes Stück "Spam", das Volker Corsten in der FAZ nach allen Regeln der Kunst gnadenlos in den Boden stampft.
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Literatur

Im Guardian berichtet Maev Kennedy vom Vorhaben des britischen Bildungsministers Michael Gove, zur Stärkung des britischen Nationalliteratur die Grenzen der schulischen Curricula dichtzumachen. Draußenbleiben sollen künftig amerikanische Romane wie Harper Lees "Wen die Nachtigall stört", John Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" oder Arthur Millers "Hexenjagd".

Weiteres: In der FAZ gratuliert Dietmar Dath seinem Idol, dem Science-Fiction-Autor Harlan Ellison zum 80. Geburtstag. Als "großes Welttheater" preist Martin Zingg Eleonore Freys Roman "Unterwegs nach Ochotsk" in der NZZ. Und die Presse meldet erfreut, dass die österreichsiche Autorin Judith Taschler für ihren Kriminalroman "Die Deutschlehrerin" den Friedrich-Glauser-Preis erhalten hat.

Besprochen werden Gonçalo M. Tavares' Roman "Joseph Walsers Maschine" (Tagesspiegel), Christos Tsiolkas' Roman "Barrakuda" (SZ), Angelika Reitzers Roman "Wir Erben" (NZZ) und Jens Sparschuhs "Ende der Sommerzeit" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Ein bisschen an Arte Povera erinnert Gesine Borcherdt in der Welt die Schau "Nature after Nature" im Kasseler Fridericianum, die Biologie und Industrie, Konsum und Körper, Internet und Natur in einen Zusammenhang stellt: "Wie sehr dieses Thema gerade junge Künstler umtreibt, zeigt sich hier exemplarisch an Arbeiten von Nina Canell, Björn Braun oder Nora Schultz, sowie noch unbekannten Namen wie Alice Channer, Jason Loebs, Marlie Mul und Ajay Kurian. Sie verwandeln das Haus in ein Experimentierfeld aus fein komponierten Assemblagen, in denen Ölpfützen aus Kunstharz, wassergefüllte PVC-Kissen, komprimierter Plastikmüll, Epoxy-Knete, Knallbrause, Unkraut, Asphalt, Gummischläuche, Kreditkarten, Schneckenhäuser, Kühlschränke, Schokodrops, Rentierflechte und Kunstschaumerde vorkommen." (Bild: Kunsthalle Fridericianum)

Eher skeptisch betrachtet Joseph Hanimann von der SZ das Konzept des künftigen Louvre-Ablegers in Abu Dhabi, wie es sich aktuell in einer Vorab-Ausstellung im Pariser Haupthaus zu erkennen gibt: So soll in Abu Dhabi Kunst aus aller Welt und allen Zeiten nicht durch Kategorienschnitte voneinander getrennt werden. "So beeindruckend die präsentierten 160 Exponate als Einzelstücke sind, so wenig überzeugen sie im Zusammenhang. Öffnet die Werkfülle herkömmlicher Museumsbestände das Auge für Nuancen, Varianten, Kontraste, so wird hier jedes Objekt fast zwangsläufig als repräsentatives Paradestück vorgeführt."

Weiteres: Ingeborg Ruthe trauert in der FR um den Fotograf Michael Schmidt. Außerdem bringt die Zeit eine Strecke mit Bildern aus Stanley Kubricks Fotoreportagen, die derzeit in Wien ausgestellt werden. Katrin Bettina Müller empfiehlt eine Berliner Ausstellung zu Kunst aus China "Die 8 der Wege".
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Musik

Frédéric Schwilden lungert für die Welt im Hotelzimmer von Debbie Harry rum, die vor vierzig Jahren die Band Blondie gründete und mit ihren 68 Jahren verdammt gut aussieht: "Man könnte guten Gewissens noch mit Harry knutschen. Oder eine Zigarette mit ihr im Bett rauchen.

Für die Berliner Zeitung haben sich Elias Aguigah und Mika Al-Chalabi mit dem Rapper Kollegah unterhalten. Nach seinem Auftritt in Berlin (mehr) wusste Charles Aznavour auch in Frankfurt sein Publikum zu begeistern, berichtet Tilman Spreckelsen in der FAZ.

Besprochen werden ein Konzert von Owen Pallett und Xiu Xiu (Berliner Zeitung), Sturgil Simpsons "Metamodern Sounds in Country Music" (FAZ - hier zum Reinhören), ein Auftritt von Peter Gabriel in Berlin (Tagesspiegel) und das Album "Are we There" von Sharon van Etten (ZeitOnline).
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Film

Im Tagesspiegel beschreibt Christiane Peitz den von Wim Wenders initiierten Architekturfilm "Kathedralen der Kultur" als einen "Reigen der Heimsuchungen, der Evokationen": "Der Blick schweift, die Kamera schwebt, fliegt zur Decke hinauf, dringt über Flure und Schächte, Kammern und Säle in die Eingeweide der Gebäude vor, schlendert, streunt, stöbert, verirrt sich, nistet sich ein. So beschwört das Kino den Geist der Architektur - und die Hausgeister beginnen zu spuken." (Im Bild die Oper von Oslo, die Regisseurin Margreth Olin erkundet). Hier unser Bericht von der Berlinale.

Im Standard erkennt Michael Pekler bei Joahnnes Nablers "Zeit der Kannibalen", wie vorteilhaft beim Spiel der Finanzjongleure der gezielte Einsatz von Schablonen sein kann. Marco Koch vom Filmforum Bremen bietet für so lange einen Überblick über Aktualitäten aus der deutschen Filmblogosphäre.

Besprochen wird außerdem Tom Cruise' neuer Science-Fiction-Film "Edge of Tomorrow" (SZ).
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Stichwörter: Tom Cruise, Wim Wenders