Efeu - Die Kulturrundschau

Brasilia des Nordens

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08.04.2014. Die FAZ freut sich über das frisch renovierte, elegante Bikini-Haus in Westberlin. Die Presse fragt, warum deutsche Kritiker Ai Weiwei mit den Worten der chinesischen Propaganda kritisieren müssen. Zeit.de beklagt den Mangel an Ironie bei Arnold Schwarzenegger. Und Jakob Hein schreibt in der FR einen Brief an seinen Vater.

Kunst



Das Stadtbild des alten West-Berlins erholt sich gerade ganz prächtig, meint Dieter Bartetzko in der FAZ nach dem Besuch des wiedereröffneten "Bikinihauses": "Mehr als sechzig Jahre nach den Träumen westlicher Architekten vom neuen Berlin, das sie für den damaligen Hauptstadtwettbewerb als eine Art Brasília des Nordens zeichneten, und viele Jahrzehnte nach dem städtebaulichen Schindluder, das sich realiter breitgemacht hatte, sind nun die städtebaulichen Ideale der fünfziger Jahre doch noch Gestalt geworden. Und siehe da - ihr freies Schwingen behauptet sich glänzend gegen die strenge Blockrandbebauung, zu der man seit 1985 reumütig zurückgekehrt ist." (Foto: indeedous/Wikipedia)

Etwas harsch findet Fabrizio Bensch (Presse) die Kritik in deutschen Medien an Ai Weiweis Ausstellung "Evidence" im Berliner Martin Gropius Bau: "Denn dass der Verfemte ein schwacher Künstler sei, der die komplexe Wirklichkeit Chinas simplifiziere, dem Westen nach dem Maul rede und zu Hause ohne Bedeutung sei - das ist genau die Propaganda der chinesischen Führung. Ein Dilemma für Rezensenten, aber mehr noch für Ai selbst. Kein Künstler kann sich wünschen, dass ihn politische Korrektheit gegen Kritik immunisiert."

Weitere Artikel: In der NZZ stellt Roman Hollenstein das neue, "innovative, aber nüchterne" Kongresshaus in Lausanne vor. In der Presse stellt Judith Hecht den 600 Quadratmeter großen Glasbau von Lauris Ortner vor, der auf das Dach des Leopold-Museums gesetzt werden soll. In der Berliner Zeitung wählt Ingeborg Ruthe Marsden Hartleys "Porträt eines deutschen Offiziers" zu ihrem "Bild der Woche". Außerdem erinnert sie an den Maler El Greco, der vor 400 Jahren gestorben ist. In der Berliner Zeitung spricht Annett Heide mit Ai-Weiwei-Anwalt Peter Raue vor allem über West-Berlin. In der Welt kommt Michael Pilz ganz gut klar mit der Ausstellung "Farbe für die Republik" im Deutschen Historischen Museum Berlin, vorausgesetzt, man versteht, dass hier "keine Dokumente, sondern Inszenierungen" gezeigt werden. Für die FAZ besucht Kerstin Holm das wiedereröffnete Lenin-Museum in Moskau.

Besprochen werden die "hinreißende" Rembrandt-Bugatti-Retrospektive in der Alten Nationalgalerie in Berlin (taz), die Andreas-Schlüter-Ausstellung im Berliner Bode-Museum (SZ) und die um den Gurlitt-Fall ergänzte Neuauflage von Stefan Koldehoffs Buch "Die Bilder sind unter uns" (FR - mehr).
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Bühne

In der Berliner Zeitung berichtet Doris Meierheinrich vom Dramatikfestival F.I.N.D. in Berlin.

Besprochen werden Robert Carsens Inszenierung von Tschaikowskys Oper "Pique Dame" im Opernhaus Zürich (NZZ), Mirko Borschts "Woyzeck"-Inszenierung am Maxim Gorki Theater in Berlin (Tagesspiegel), Milan Peschels Inszenierung von "Das Mädchen Rosemarie" in Hannover (taz) und das von Herbert Föttinger in Wien inszenierte Stück "Die Schüsse von Sarajevo" (FAZ).
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Musik

Besprochen werden EMAs Album "The Future's Void" (Zeit) sowie Konzerte von Laibach (FR) und Metronomy (Tagesspiegel).


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Stichwörter: Laibach

Literatur

In der FR/Berliner Zeitung schreibt Jakob Hein seinem Vater Christoph Hein zu dessen siebzigstem Geburtstag ein kleines Briefchen: "Sehr geehrter Christoph Hein, Lieber Vater, vor einiger Zeit trafst Du Deinen alten Freund Lothar Trolle. Dieser hatte gehört, dass auch ich schreiben würde. 'Ist doch gut', soll Trolle gesagt haben. 'Dann kannst Du Dich jetzt zur Ruhe setzen und Dein Sohn übernimmt den Laden.' [...] Anlässlich Deines 70. Geburtstages wurde nun der Vorschlag von Trolle nochmals ernsthaft an mich herangetragen: Ich solle Deine Geschäfte übernehmen, damit Du Dich in den Ruhestand verabschieden kannst. Nach gründlicher Prüfung und reiflicher Überlegung bedauere ich nunmehr, Dir mitteilen zu müssen, dass ich dieses wirklich großzügige Angebot ablehnen muss."

In der taz ärgert sich Jörg Sundermeier nicht nur über den Erfolg von Akif Pirinçcis, im Verlag des Manufactum-Gründers Thomas Hoof erschienenes Buch "Deutschland von Sinnen", sondern auch darüber, wie sehr der türkischstämmige Autor mit seinen deutschnationalen Tendenzen von der Literaturkritik mit Samthandschuhen angefasst wird: "Das Problem ist: Jeder Kampf gegen das 'Gutmenschentum' gilt heute bereits als Wert an sich. Wie gesagt, hier wird Politik veranstaltet, und politische Topoi werden mit Unmut und Gefühlen verrührt. Unmittelbare politische Konsequenzen können und wollen Hasssprecher wie Pirinçci allerdings nicht ziehen: Sie fordern weniger Steuern oder mehr Integration, und alle, die anderes meinen als sie, sollen 'die Fresse halten'."

Weiteres: Für den Tagesspiegel trifft sich Patrick Wildermann mit Octopizzo und Josefine Berkholz, die in dieser Woche beim Berliner Poetry Slam auftreten.

Besprochen werden unter anderem Lukas Bärfuss' Roman "Koala" (Tagesspiegel), Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman "Schwarzer Flieder" (Standard), David Runcimans Band "The Confidence Trap: A History of Democracy in Crisis from World War I to the Present" (NZZ), Barbara Beuys' Studie "Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich" (SZ) und Durs Grünbeins "Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond" (FAZ).
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Film

Sehr schade findet es Andreas Busche in der Zeit, dass sich Arnold Schwarzenegger mit seinem neuen Film "Sabotage" auch weiterhin nicht vom eigenen Image emanzipiert: "Einerseits ist es ja grundsympathisch, dass es ihn nach seinem Ausflug in die Politik noch einmal zurück zum Film gezogen hat (...). Es irritiert allerdings, dass Schwarzenegger seine Karriere genau dort wieder aufnimmt, wo er sie knapp zehn Jahre zuvor mit Terminator 3 aussetzte. Clint Eastwood hatte in Schwarzeneggers Alter mit 'Erbarmungslos' und 'In the Line of Fire' bereits sein seriöses Spätwerk eingeleitet. Und was die ironische Demontage seines eigenen Images angeht, ist Schwarzenegger 1993 mit 'Last Action Hero' schon weiter gewesen."

Weitere Artikel: Nachrufe auf den Schweizer Regisseur Peter Liechti gibt es in der taz und im Tagesspiegel. In der FAZ verabschiedet sich Verena Lueken von Mickey Rooney, in der Welt schreibt Manuel Brug den Nachruf.

Besprochen wird der 3D-Lego-Film (Tagesspiegel, Standard).

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