Efeu - Die Kulturrundschau

Dur-Lyrik der Schockstarre

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2026. Die SZ gratuliert Konstantin Richter zum Sachbuchpreis, Zeit online lobt die Nominiertenliste insgesamt als eine Feier der Qualität, die FAZ findet, man könnte auch mal ideenhistorische Bücher auszeichnen. Die FR lauscht beeindruckt den brutalen Spitzentönen in Rossinis Oper "Tancredi". Die FAZ stellt den aus seiner Heimat geflohenen, russischen Komponisten Dmitri Kourliandski vor, der sich gegen den Krieg engagiert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Tancredi" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus

Eine "kluge" Inszenierung von Rossinis Oper "Tancredi" ist Manuel Schmitt an der Oper Frankfurt gelungen, freut sich Jan Brachmann in der FAZ. Die Handlung spielt in Syrakus im Jahr 1005, es herrscht Bürgerkrieg und Amenaide, Tochter des Edelmanns Argirio, wird der Kollaboration mit den Sarazenen verdächtigt, als ein Brief an ihren verbannten Liebsten Tancredi abgefangen wird: "Im ersten Duett zwischen Amenaide und Tancredi schlägt die freudige Erregung des Wiedersehens um in eine Dur-Lyrik der Schockstarre, der Benommenheit durch die ausweglose Situation (...) Auch in den Schockfermaten des von Manuel Pujol zu höchster Beweglichkeit gebrachten Chors wiederholt sich diese geglückte Verbindung von Poesie und Realismus. Sie verdichtet sich im Klagen des Fagotts des Frankfurter Opern- und Museumorchesters, wenn Theo Lebow als Argirio gezwungen wird, das Todesurteil für seine Tochter zu unterschreiben."

FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht eher "konventionelles Musiktheater", applaudiert aber den Sängerinnen und Sängern: "Cláudia Ribas war hier schon im Opernstudio, ihren Tancredi beglaubigt sie mit einem dunkel grundierten, ausdrucksstarken, noch dazu unermüdlichen Mezzo. Ihre Amenaide ist Bianca Tognocchi, die sich zu brutalen Spitzentönen aufmachen muss, aber alles sitzt. Unermüdlichkeit benötigt erst recht der in drastischen Höhenlagen geforderte Theo Lebow als Argirio, aber als zähen Burschen konnte man ihn schon häufiger erleben. Das kann mal grell werden, Rossini baut echte Renommierstücke ein, in Frankfurt können sie mithalten."

Weiteres: In der NZZ resümiert Bernd Noack die Wiener Festwochen auch abseits der Debatte um Peter Thiel (unser Resümee) ("Das Publikum wollte Kunst und weniger Diskurs. Und die bekam es." Besprochen wird Daniela Löffners Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs neue "Sommersonnenwende" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Judy Hegarty Lovetts Inszenierung von Samuel Becketts "How it is" im Palazzo Diedo in Venedig (SZ) und Anna-Sophie Mahlers Inszenierung der Puccini-Oper "Turandot" an der Oper Stuttgart (SZ) und Berfîn Ormans Inszenierung von "Istanbul" am Stadttheater Fürth (taz)
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Literatur

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Diese Entscheidung war "vielleicht nicht die zwingendste, aber doch eine wirklich gute", schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ: Der Deutsche Sachbuchpreis geht an Konstantin Richter für dessen Wirtschaftsgeschichte "Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG". Prämiert wurde "eine durchaus unterhaltsame und sehr gut geschriebene wirtschaftshistorische Analyse des Netzwerks aus Bankiers, Großindustriellen und Lobbyisten, die mit Firmen wie Krupp, Siemens, Daimler etc. verbunden sind", kommentiert Tania Martini in der FAZ. Schade findet sie allerdings, dass der Deutsche Sachbuchpreis für seine Nominierungen vor allem aus einem Pool schöpft, der "sehr eng als Debattenbuch oder als politisches Buch definiert wird, (...) während Philosophie, Globalhistorie, politische Theorie, Ideengeschichte und Kulturtheorie fehlten. Das erschließt sich vor allem deshalb nicht, weil auch in den Reden zur Preisverleihung wieder einmal das Wissen als Retter aus der Dunkelheit gepriesen wurde." Alle nominierten Bücher haben wir auf diesem Büchertisch für Sie zusammengestellt.

Kurz bevor es in den Urlaub geht, wird mit dieser Preisvergabe noch "ein sehr unterhaltsamer Pageturner" fürs Gepäck empfohlen, "der auch am Strand funktioniert", freut sich Alexander Cammen auf Zeit Online. Richter beweise, dass auch wirtschaftliche Themen als "aufregende Geschichte" erzählt werden können. "Das Absurde steckt eben oft hinter Entscheidungen großer wirtschaftlicher Tragweite, so Richters moralische Lehre, er schildert eine menschliche Komödie für Nichtökonomen. Wobei der Autor die Sache keineswegs kapitalismuskritisch angeht. Seine Geschichte ist trotz aller analytisch cool präsentierten Abgründigkeiten eine neutrale Faszinationsgeschichte." Generell freut sich Cammen über die Nomminiertenliste - sie ist "eine Feier der Qualität".

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Kaum jemand gibt so tiefe und traurige Einblicke in das Leben auf Kuba wie der Journalist und Schriftsteller Leonardo Padura, der sich eine einzigartige Stellung unter den Autoren des Landes erworben hat, schreibt Thekla Dannenberg, die in der Weltliteraturkolumne des Perlentaucher "Wo wir nicht sind" Paduras "Anständige Leute" vorstellt: "In seinen internationalen Bestsellern darf er sich Freiheiten herausnehmen, von denen andere Schriftsteller nur träumen können. Aber Padura weiß auch, wo seine Grenzen liegen. In seinen Romanen um den ehemaligen Polizeioffizier Mario Conde spricht er immer wieder Ungerechtigkeit und Verzweiflung an. Er beklagt die Korrumpierung der Revolution, die Bereicherung der Eliten und die Heuchelei, nicht aber die Revolution selbst. Damit bleibt er Fidel Castros berüchtigten Diktum treu, mit dem der Maximo Líder 1961 Künstler und Schriftsteller auf Gefolgschaft einschwor: 'Innerhalb der Revolution alles, außerhalb der Revolution nichts.'"

Weitere Artikel: Rico Bandle porträtiert in der NZZ die Schweizer Autorin Eveline Hasler, die mit 93 Jahren ihr neues Buch "Königssohn" vorgelegt hat. Rahel Bueb berichtet in der taz von Eröffnung des Jungen Hauses für Poesie in Berlin. Marc Degens berichtet in der FAZ vom Comicsalon Erlangen, wo der französische Comiczeichner Lewis Trondheim angesichts zahlreicher schließender Buch- und Comicläden eher düster in die Zukunft blickte. Barbara Machui (Standard) und Noemi Schneider (im Literaturfeature von Dlf Kultur) erinnern anlässlich des 150. Todestags an die Schriftstellerin George Sand, die erste Frau, die vom Schreiben leben konnte. In der Welt erinnert Tilman Krause an den vor 50 Jahren verstorbenen Schriftsteller Gerd Gaiser. Christian Meyer-Pröpstl schreibt im Filmdienst einen Nachruf die Comiczeichnerin und Filmregisseurin Marjane Satrapi (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel von Peter Suhrkamp und Carl Zuckmayer (FR), Martin Piekars "Vom Fällen eines Stammbaums" (Standard), Josef Winklers "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" (FR), Susanne Kaisers krimibestenlisten-platzierter Thriller "Witch Hunt" (FR), Flix' und Reinhard Kleists Lucky-Luke-Hommage "Die Grimm Brothers" (Tsp, online nachgereicht von der Welt, FAZ), Heike Geißlers "Michaela Kohlhaas" (SZ) und Serhii Plokhys "Das Zeitalter der Atomwaffen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Sozialistischer Realismus? Nicht mit Gerhard Altenbourg! Davon kann sich FAZ-Kritiker Andreas Platthaus in der Schau "Der fantastische Gerhard Altenbourg" überzeugen, die das Lindenau-Museum zum Geburtstag des Malers und Grafikers veranstaltet, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. In der DDR war Altenbourgs künstlerischer "Eigensinn" nicht so bliebt, im Westen dafür umso mehr: "In einem Gespräch, das der Leipziger Kunstförderer Roland Jäger im Jahr des Todes von Altenbourg mit dem Künstler geführt hat, dessen einziger bekannter Tonaufnahme, bezeichnet dieser das Resultat seiner Vorgehensweise als 'Geflecht der Farbe', die dadurch ins 'Hüpfen' komme. In der Tat: Durch die Dichte an Details und Strukturen bekommen die Motive eine organische Lebendigkeit, die die Rahmen zu sprengen scheint."

Besprochen wird die Schau "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (NZZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Altenbourg, Gerhard

Architektur

Patrick Illinger schildert in der SZ, welche negativen Seiten die Sanierung von Antoni Gaudís Sagrada Família für die Anwohner vor Ort hat: "Der Kirche fehlt nicht nur ihre letzte, prunkvollste Fassade. Sie soll auch einen angemessenen, pompösen Zugang bekommen, eine Prachtallee vor der Glorienfassade samt einem monumentalen Treppenaufgang. Das Problem ist nur: Dort, wo das entstehen soll, stehen dicht bebaute Wohnblöcke." Seit "50 Jahren leben nun Hunderte Barceloneser Familien mit einer schwer erträglichen Ungewissheit: Sie wohnen in Häusern, die laut Stadtplanung nicht mehr stehen dürften. Noch vor zwei Jahren sah es so aus, als könnten Tausende Menschen ihr Zuhause verlieren, um dem Kirchenvorbau Platz zu verschaffen."

In der taz zeichnet Klaus Englert die wichtigsten Stationen im Leben Antoni Gaudís nach, der heute vor 100 Jahren gestorben ist. In der SZ verkündet Gerhard Matzig, dass Gaudis Sagrada Família in Barcelona in "absehbarer Zeit", also etwa Mitte der 2030er-Jahre, fertiggestellt werden könnte.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Gaudi, Antoni

Musik

Kerstin Holm porträtiert in der FAZ den aus seiner Heimat geflohenen, sich stark gegen den Krieg engagierenden russischen Komponisten Dmitri Kourliandski, der nach Beginn des Kriegs gegen die Ukranie kaum etwas habe komponieren können. In Russland selbst wird immer häufiger Neue Musik gespielt, erfahren wir, weil sie aufgrund ihrer Wortlosigkeit keine Gefahr für die Machthaber ist. Kourliandski kann davon allerdings nicht profitieren. Seine "Werke erklingen in der Heimat heute nur noch selten und nicht an prominenter Stelle." Er "lotet in konzeptionell klangskulpturalen Kompositionen die Grenzen der Tonerzeugung aus. Zugleich negiert er Hierarchien und Normen, womit er sich künstlerisch stets gegen die autoritären Tendenzen in Russland positionierte. ... Der Ukrainekrieg und die Repressionen im Inneren hätten gezeigt, dass Kultur machtlos sei, sagt Kourliandski, der erwartet, dass Russland den Krieg nach Europa tragen und den Terror im Innern verstärken werde."

Weitere Artikel: Die American Federation of Musicians verklagt Universal und Warner, weil diese KI-Unternehmen gestattet haben, auf die von ihnen verlegte Musik zuzugreifen, meldet Nadine Lange im Tagesspiegel. Jakob Biazza erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit der Band Kitschkrieg. Für die Welt spricht Stefan Frommann mit dem Zither-Spieler Stephan Ander, einem "Revolutionär seines Instruments", der dafür unter anderem Hardrock- und Metalsongs adaptiert. Robert Mießner hat für die taz einen Berliner Abend zu Ehren des Komponisten Ernstalbrecht Stiebler besucht.

Besprochen werden ein von DJ Moodymann bestrittener Berliner Abend zu Ehren von Prince (taz), ein Konzert mit Sebastian Weigle in Frankfurt (FR) und das Album "Play Monk" der Band [Ahmed], (FR-Kritiker Max Dax lauscht gerne dieser Band, die "von einem Zusammenspiel aus Wiederholung, Überlappungen, Präzision und purer Energie gekennzeichnet ist").

Archiv: Musik