Michael Wolffsohn

Genie und Gewissen

Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Cover: Genie und Gewissen
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2026
ISBN 9783451073175
Gebunden, 368 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Herbert von Karajan setzte als einer der bekanntesten und bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts Maßstäbe in der klassischen Musik. Zugleich standen seine Person und sein Privatleben schon zu Lebzeiten häufig im öffentlichen Interesse. Immer wieder kritisch hinterfragt wurde Karajans Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus, ohne dass bislang eine umfassende historische Aufarbeitung und Einordnung stattgefunden hätte. Michael Wolffsohn zeichnet auf Grundlage zahlreicher, teils erstmals ausgewerteter Quellen und vielfältiger Perspektiven ein umfassendes Bild von Karajans Leben und Handeln während der NS-Zeit und in den Jahren danach. 

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.02.2026

"Was für eine funkelnde Konstellation", jubelt Rezensentin Christine Lemke-Matwey: Der Antisemitismus-Forscher Michael Wolffsohn beschäftigt sich mit dem Künstlergenie Herbert von Karajan - da erwartet die Kritikerin viel "Zündstoff" und sie wird nicht enttäuscht. Denn Wolffsohn rollt eine brisante Frage nochmal neu auf: War Karajan, der 1935 in die NSDAP eintrat, und dessen Karriere während der NS-Zeit erheblichen Aufschwung bekam, ein Nazi? Im strengeren Sinne Neues finde Wolffsohn nicht heraus, das macht das Buch aber gerade aus, versichert die Kritikerin, denn hier wird einiges "gegen den Strich gebürstet". In sehr aufwendiger wissenschaftlicher Kleinstarbeit widmet sich Wolffsohn der Person Karajans und versucht ins "Innerste" des Dirigenten vorzudringen, übrigens auf eine Initiative der beiden Karajan-Töchter hin, die Genaues darüber wissen wollten, wie sehr der Vater in die NS-Maschinerie verstrickt war. Karajan war ein "Formalnazi", lautet Wolffsohns Ergebnis, das heißt, politisch hatte er mit den Nazis nichts am Hut, brauchte den Eintrag ins Parteibuch aber für seine Karriere, vor allem wegen seiner österreichischen Wurzeln. Die Kritikerin rechnet dem Historiker hoch an, dass er hier nicht ins Moralisieren verfällt, sondern interessante Aspekte rund um die Person Karajans beleuchtet, zum Beispiel jüdische Weggefährten des Dirigenten. Manchmal verliert sich Wolffsohn ein wenig in Nebensächlichem, findet die Kritikerin, auch besitzt der Historiker keine große musikalische Expertise. Das tut ihrer Begeisterung aber keinen Abbruch: Originell und "süffig" geschrieben findet sie sein Buch, das eine bekannte Frage auf neue Weise beleuchtet.

Buch in der Debatte

Efeu 13.02.2026
Der Dirigent Herbert von Karajan wurde 1935 Mitglied der NSDAP, weiß man. Aber wurde er Mitglied aus Karrieregründen oder weil er ein in der Wolle gefärbter Nazi war? Das hat Michael Wolfssohn in seinem Buch "Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus" untersucht. Im Interview mit der FAZ gibt er eine klare Antwort: Nein, Karajan war kein glühender Nazi. "Ein Formalnazi ja. Aber entscheidend ist die Frage: War Karajan auch ein Gesinnungsnazi? Die Deutschen strömten ab März 1933 aus Opportunismus in die NSDAP. Karajan war Österreicher und hätte das nicht tun müssen. Aber er war seit 1929 berufstätig in Deutschland - und zwar als Kapellmeister in Ulm. Diese Stelle war gefährdet. Er suchte sich durch die Parteimitgliedschaft abzusichern. ... Vom Naziregime konnte er trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaum profitieren. Adolf Hitler mochte ihn als Dirigenten nach einer verunglückten Aufführung von Richard Wagners 'Meistersingern' am 2. Juni 1939 überhaupt nicht. Er war so erbost, dass er erklärte, nie wieder eine Vorstellung zu besuchen, in der Karajan dirigierte." Mehr zum Buch bei backstage classical. Unser Resümee

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