Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Menschliche Kopiermaschine

16.05.2026. Die Filmkritiker folgen Kôji Fukada in Cannes angetan in einen kleinen Ort an der japanischen Westküste. In der FAZ wehrt sich Steffen Martus gegen Maxim Billers Vorwürfe, dass in seiner Literaturgeschichte kaum jüdische Autoren vorkämen. Selbst das Schillern von frisch Erbrochenem in der Sonne kann verzaubern, wenn Marc Brandenburg zeichnet, staunt die SZ in der Berlinischen Galerie. In der nachtkritik verrät der designierte Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal, wie er dort künftig über das Ende der Demokratie nachdenken wird. In Wien schätzt man es ganz und gar nicht, wenn Ersan Mondtag aus Bizets indigenen Perlentauchern zeitgenössische Textilarbeiter macht, weiß die nachtkritik außerdem. 

Entspannt Richtung Abgrund

15.05.2026. In Cannes lief der stark erwartete Film "L'Abandon", der die Geschichte Samuel Patys erzählt - mit großer Genauigkeit, so Franceinfo. Die Filmkritiker applaudieren außerdem Paweł Pawlikowski, der die Manns durchs kriegszerstörte Deutschland reisen lässt. Die taz erklärt der propalästinensischen Protestszene nochmal den Unterschied zwischen der Teilnahme Israels und Russlands beim Eurovision Song Contest. Die FAZ bewundert in Nürnberg einmal mehr, wie Olaf Metzel Gewaltgeschichte in starke Formen verwandelt. Der Standard verabschiedet mit Valie Export eine Ikone der feministischen Avantgarde.

Im Grunde ist egal, was passiert

13.05.2026. Viele große Namen in Cannes - aber der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele, Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist eine Pleite, findet die Zeit. Die stürzt sich außerdem mit dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" mit Volldampf in die Fotzenrap-Debatte. Die SZ verteidigt Maxim Biller nach dessen Zeit-Polemik: der Literaturwissenschaftler Steffen Martus habe tatsächlich einen blinden Fleck, wenn es um Texte jüdischer Autoren geht. Çağla Ilk, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, stellt ihr Programm vor - viel Kunst, wenig klassische Bühnenstücke, lernt der Tagesspiegel

Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch?

12.05.2026. Die Linke lehnt jede Debatte über Islam und Islamismus ab, um ihre Wähler nicht zu verprellen, ärgert sich Boualem Sansal in der taz. Die Filmkritiker blicken aufgeregt auf die Filmfestspiele in Cannes, wo sich die Crème de la Crème des internationalen Autorenkinos versammelt, aber Netflix weiterhin ausgeschlossen bleibt. Die SZ verliert sich in Duisburg in der konkreten Leere von Anish Kapoor. Merz steht für "Kommerz, Schmerz, ausmerzen" lernt die NZZ von Kurt Schwitters in Bern. Die SZ begegnet außerdem dem Geist von Hildegard Knef im neuen Song von Sophia Kennedy.

Nicht ganz Herr in diesem Haus

11.05.2026. Die Kritiker reiben sich nach dem Aufwachen aus Sebastian Hartmanns Inszenierung von Wolfram Lotz' "Träume in Europa" verwirrt die Augen. Laibach stellt mit dem neuen Album "Musick" drängende Fragen, was KI-Musik angeht, findet die SZ. Der Tagesspiegel nimmt im Haus am Lützowplatz Anteil am Schicksal der jüdischen Mutter der Künstlerin Barbara Loftus. Annemarie Jacirs Film "Palästina 36" ist ziemlich geschichtsrevisionistisch, findet der Tagesspiegel. Joe Laschet wünscht sich in der NZZ mehr Stil im Bundestag.

Barfuß über splitternde Flaschen

09.05.2026. Die taz ist verblüfft über den Zynismus, der in den Biennale-Pavillons von USA und Russland vorherrscht: "They don't give a shit". Critic.de verliebt sich bei der Valerio Zurlini-Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin nochmal frisch in Alain Delon. Die Nachtkritik trifft in Calixto Bieitos Inszenierung von Benjamín Labatuts Stück "Maniac" die Frauen um den Mathematiker John von Neumann, der die Atombombe mitentwickelte. Ein neuer Schlingensief ist Milo Rau leider nicht, konstatiert backstage classical

Das System hat kein Außerhalb mehr

08.05.2026. Die Gewinnerin der Biennale in Venedig dürfte bereits feststehen, glaubt die SZ, nachdem Florentina Holzinger den österreichischen Pavillon mit Urin geflutet hat. Die Welt schaut sich lieber abseits der Biennale die gigantischen Zeichnungen goldener Helden an, die Georg Baselitz im Angesicht des Todes schuf. Artechock erinnert sich dank Lana Dahars Essayfilm "Do You Love Me?" an den Libanon der Vergangenheit. Die FAZ blickt entsetzt auf die Liste der progressiven Gebäude, die Trump am liebsten abreißen würde. 

Verflüchtigung des Alltäglichsten

07.05.2026. Die Zeit atmet auf: Zumindest künstlerisch wird bei der Biennale in Venedig auf Aktivismus verzichtet, dafür gibt's viel Busen. Und endlich spielt auch die DDR im deutschen Pavillon eine Rolle, freuen sich SZ und Welt. In der taz entdeckt die Literaturwissenschaftlerin Franziska Haug Spuren von Queerness in der Literatur der DDR. Geradezu infam findet es der Tagesspiegel, wenn James Vanderbilt in seinem Film "Nürnberg" versucht, die Nazis auf einer ganz menschlichen Ebene zu verstehen. Die taz sieht hier hingegen Hannah Arendts Gedanken ins Bild gesetzt. Und die SZ erinnert: Mode muss nicht praktisch sein.

Allein mit meinem Team

06.05.2026. Die Venedig-Biennale steht vor der Tür, mit russischer Beteiligung - am Ende könnte Wladimir Putin der große Gewinner sein, fürchtet die FAZ. Der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru erzählt im Welt-Interview, wie er und sein Team von den anderen Künstlern geschnitten werden.  Ebenfalls die FAZ schwärmt von Igor Zelićs geheimnisvollen Film "Opera", der auf den Kurzfilmtagen Oberhausen gleich mehrere Preise abräumte. Der Tagesspiegel lässt sich in Berlin von einem Konzert des Pianisten Grigory Sokolov verzaubern.

Am Kind vorbei ins Nichts

05.05.2026. Die FAZ und Hollywood rufen durch den Ausschluss von digital generierten Schauspielern und Drehbüchern bei den Oscars zum Kampf gegen KI auf. Die taz bewundert in Aschaffenburg eine aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw gerettete Madonna. BR Klassik deckt geheime Absprachen hinter der umstrittenen GEMA-Reform auf. Die Welt erfreut sich an Evgeny Titovs blutiger und französischer Adaption der Donizetti-Oper "Lucia di Lammermoor" in Paris.