Efeu - Die Kulturrundschau
Geschmackvolle Geschmacklosigkeiten
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28.10.2026. Der Tagesspiegel begegnet in Ulrike Ottingers Film "Die Blutgräfin" einer blutdurstigen Isabelle Huppert mit Wiener Charme. Die FAZ lernt in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wiesbaden endlich die vom Nachkriegskanon ignorierten "Blauen Reiterinnen" kennen. Die Welt freut sich, dass Madame Nielsen mit gleich zwei Inszenierungen ans Wiener Volkstheater zurückkehrt. KI ist keine Gefahr für Schriftsteller, glaubt ebenfalls in der Welt der italienische Autor Paolo Giordano, aber sie schadet ihrem Ruf.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.10.2026
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Film

Mit "Die Blutgräfin" kehrt Ulrike Ottinger nach vielen Dokumentarfilmen zum Spielfilm zurück und lässt Isabelle Huppert campy aufdrapiert als wiederauferstandene Vampirin durchs nächtliche Wien streifen. Die Berliner Regisseurin fährt ein "illustres Kuriositätenkabinett" auf, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Für "höheren Unsinn" sorgt auch Elfriede Jelinek, die dem Drehbuch den nötigen Kalauer-Feinschliff verpasst hat. "So mischt sich auch der gute alte Wiener Schmäh in das Sprach-Kauderwelsch der K.u.K.-Wiedergängerinnen. ... Die Mischung aus Hochkultur und niederen Instinkten passt perfekt ins Rollenbild von Huppert, die sich durch eine opulente Theaterlandschaft chargiert. Diese geschmackvollen Geschmacklosigkeiten sind mit viel Sinn für überbordende Set-Designs in Szene gesetzt, für die Wien mit seinem morbiden Bühnen-Charme natürlich die ideale Kulisse abgibt." In der SZ ist Fritz Göttler von Ottingers Schalk sehr hingerissen: "Der Film ist, wie das frühe Kino, Rummelplatz und Kasperltheater. ... Das ist klamottig und klischeehaft, aber auch ganz und gar authentisch, von der hohen Kultur verdrängt, eine Volkskultur, die in Wien stark spürbar geblieben ist." Für Dlf Kultur sprach Patrick Wellinski mit Ottinger.

Claus Räfles "solide recherchierter" ARD-Dokumentarfilm "Staatsgeheimnis RAF - Terroristen in der DDR" bringt inhaltlich zwar kaum Neues, schreibt Dietrich Leder im Filmdienst: Alle darin auftretende Experten sowie auch die RAF-Aussteigerin Silke Maier-Witt selbst haben das Wesentliche zum Thema in Büchern, Artikeln und Interviews ja schon längst gesagt. Aufmerken lässt der Film aber durch seinen großzügigen KI-Einsatz, mit dem aus historisch wie sachlich naheliegenden Gründen bedingte Fehlstellen im visuellen Material überpinselt werden: "Anstatt dieses Fehlen von Bildern einzugestehen, greift das Fernsehen - animiert durch sein Selbstbild, es könne alles, wenn es nur wolle - zu solchen Surrogaten. Mag das, was die Protagonistin Silke Meier-Witt betrifft, noch angehen, denn sie muss ja dieser Darstellung zugestimmt haben, ist es für einen anderen Aspekt der historischen Darstellung problematisch. Der Film zeigt eine per Computer zusammengebastelte DDR. ... Der Bebilderungszwang des Fernsehens wird sich auf die Bildproduktion der KI so stürzen wie der Dürstende in der Wüste auf ein Glas Wasser. Nun kann man alles das herstellen, was einem fehlt."
Weiteres: Thomas Abeltshauser spricht in der taz mit der Filmemacherin Alauda Ruiz de Azúa, die selbst zwar nicht an Gott glaubt, aber in ihrem Film "Glaube" von einer jungen Frau erzählt, die sich durch den Gang ins Kloster emanzipiert. Raoul Löbbert schreibt auf ZeitOnline zum Tod des Schauspielers Walter Koenig, der in "Raumschiff Enterprise" Pavel Chekov gespielt hat. Besprochen werden Jens Meurers Porträtfilm "Biermann" (FAZ), die Ulrich-Seidl-Ausstellung im Filmmuseum Amsterdam (SZ) und Martin McDonaghs auf der Viennale gezeigter Film "Wild Horse Nine" mit John Malkovich, dem Standard-Kritiker Bert Rebhandl gute Oscarchancen ausrechnet.
Bühne

Madame Nielsen ist zurück im Theater, freut sich in der Welt Jakob Hayner. Und gleich zwei sie betreffende Inzenierungen laufen am Wiener Volkstheater: einmal "Lamento", nach ihrem 2020 erschienenen gleichnamigen Roman und "Das Monster", eine szenische Performance, inszeniert von Nielsen selbst. "Lamento", von Barbara Weber so "schlicht" wie "wirkungsvoll" in Szene gesetzt, erzählt dem Kritiker von einer Zeit, in der es noch einen Herrn Nielsen gab. Man sieht "wie sich ein junger Theatermacher und eine junge Schriftstellerin kennen-, lieben und hassen lernen. Bernardo Arias Porras als Alter Ego von Madame Nielsen, damals noch Claus Beck-Nielsen, wälzt sich wild mit Alicia Aumüller als aufstrebender Jungautorin auf der Matratze. Den Wein trinken sie aus der Flasche oder gleich aus ihren Mündern. So sieht Liebe aus. Oder ist es nur Verliebtheit? Lassen sich Alltag, Arbeit und ein Kind mit dem Ideal einer alles verzehrenden, romantischen Liebe vereinbaren? Und wenn doch alle nach diesem Ideal streben, warum lässt es sich nicht leben?"
Musik
Neil Young verklagt Donald Trump auf zehn Millionen Dollar, weil dieser seinen Song "Rockin' in the Free World" für die eigene PR nutzt, meldet Jakob Biazza in der SZ. Besprochen werden ein Münchner Abend mit dem norwegischen Jazzmeister Jan Garbarek ("großer Atem, großer Abend", schreibt Andrian Kreye in der SZ), Stevie Wonders Konzert in Köln ("Wie so oft, wenn etwas Unglaubliches geschieht, kommt es wie eine Selbstverständlichkeit daher", stellt Daniel Kothenschulte in der FR fest) und ein Konzert von Tomoki Sanders in Heidelberg ("es mangelt ihm noch am kontemplativen Wärmestrom" seines Vaters Pharoah Sanders, schreibt ein von den Mätzchen des Sohns eher genervter Peter Kemper in der FAZ).
Kunst

Wie schändlich die weiblichen Mitglieder des "Blauen Reiters" von der Nachkriegsöffentlichkeit ignoriert wurden, erfährt FAZ-Kritikerin Paula Jänig in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wiesbaden, die die "Die Blauen Reiterinnen" endlich ehrt. Im engsten Kreis waren Elisabeth Epstein, Maria Franck-Marc, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin vertreten, lernt die Kritikerin. Nichtsdestotrotz wurde die Künstlergruppe im Kanon lange Zeit als "Gemeinschaft von Männern" gehandelt: "Am Werk Maria Franck-Marcs und Elisabeth Epsteins ist am deutlichsten zu erkennen, was das Erproben des 'Neuen Sehens' bedeutete. Franck-Marcs Malereien sind kompositorisch höchst ungewöhnlich. Es scheinen nur Bildausschnitte zu sein, das Zentrum bleibt leer. Ihr Werk 'Blumenstück mit Dahlien', den Weg in die gegenstandslose, synästhetische Abstraktion weisend, nennt Museumsdirektor Andreas Henning einen der 'glücklichsten Ankäufe der letzten Jahre'. Epstein tritt hingegen selbst ins Bild, finsterer, Schatten unter den Augen, den Zeigefinger auf das Brustbein tippend. Das Selbstporträt von 1911 ist eines der stärksten Bilder der Ausstellung."
Ein "leiser Horror" schleicht sich bei taz-Kritikerin Regine Müller ein, wenn sie versucht, sich in Gregor Schneiders Rauminstallation "Haus u r 2026" in der Kunsthalle Düsseldorf zu orientieren, die an Schneiders Beitrag zur Venedig-Biennale 2001 angelehnt ist, für die Schneider den Goldenen Löwen erhielt. Die "Versatzstücke bundesdeutscher Nachkriegsnormalität" arrangiert er zu labyrinthischen Raum-Parcous, die auf den ersten Blick alltäglich wirken. Ist man aber erstmal allein hier gefangen, kann einem schon mulmig werden, so Müller: "Ist man an der Reihe, tappst man erst mal ins Stockdunkle. Dort ist man gezwungen, streng dem geplanten Parcours zu folgen. Das heißt, man öffnet Türen, die hinter einem zufallen und nicht mehr zu öffnen sind: Ein Rückweg ist also nicht möglich. Weiter geht es nur durch eine nächste Tür. Teilweise wird man von Kameras überwacht. In einem Gaming-Raum sieht man sich selbst live gefilmt auf einem Screen. Der nächste Raum ist die Spiegelung des gerade verlassenen Zimmers. Zwischendurch landet man wieder in einem nachtschwarzen Flur und sucht tastend die nächste Türklinke. Einmal steht man in einer eisigen Kühlkammer, danach in einem Keller. In dessen Dämmerlicht sind eine ausrangierte Matratze und ein verwaistes Kinderfahrrad zu erkennen."
Weitere Artikel: Thomas Kaufmann erzählt in der FAZ vom sogenannten "Croy-Teppich", der im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald hängt (aber gerade restauriert wird): Der 30 Quadratmeter große Wandbehang aus der Reformationszeit zeigt unter anderem den Reformator Philipp Melanchthon und "steht für eine Kunstform, deren Prestige das anderer bildender Künste einst weit übertraf." Ebenfalls in der FAZ besucht Georg Imdahl eine Tagung in Chemnitz zum Thema private Kunstsammlungen in der DDR. Und Stefan Trinks gratuliert ebenfalls in der FAZ dem Maler und Grafiker Horst Antes zum 90. Geburtstag. Ulf Erdmann Ziegler schlendert für die taz über die Kunstbiennale in Lyon. Besprochen wird die Leonor Fini-Retrospektive in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt (Welt) und die Ausstellung "Picasso - Bacon. What It Feels Like to Be Human" in der Albertina in Wien (NZZ).
Literatur
KI werde die Schriftsteller "vielleicht nicht verdrängen, zumindest nicht in naher Zukunft", schreibt der italienische Autor Paolo Giordano in der Welt, "aber sie hat bereits jetzt etwas an unserem Beruf verändert". Noch vor kurzer Zeit nahm er es etwa mit der Versionierung seiner Arbeitsfassungen noch nicht so genau, schreibt er. Aber nach dem Skandal um Thélyson Orélien in den letzten Wochen (unsere Resümees), "werde ich das Buch jeden Tag mit einer anderen Nummer versehen, bevor ich mit der Arbeit beginne. Ich möchte eine deutliche Spur hinterlassen - falls sie einmal relevant werden sollte - vom Prozess der schrittweisen Korrektur und auch von meiner Orientierungslosigkeit. Und wenn es irgendwann nicht mehr ausreicht, wenn es nötig sein sollte, die ersten Entwürfe wieder von Hand zu schreiben, um meine eigene Handschrift, Streichungen und andere lebendige Spuren im Text nachzuweisen, dann werde ich auch das wieder tun." Auch treibt ihn die Sorge um, dass alles, was sich in der Cloud befindet, längst von KI-Agenten ausgespitzelt und verarbeitet wird: "Deswegen habe ich den Computer, auf dem ich schreibe, vom Internet getrennt. Ich glaube, ich werde mir einen nur fürs Schreiben anschaffen."
Im Tagesspiegel wundert sich Gerrit Bartels über einen im New Statesman veröffentlichten Brief palästinabewegter bis teils offen israelfeindlicher Kulturschaffender, die ein Ende der Zensur und der Einschränkung der Meinungsfreiheit von Sally Rooney fordern. Große Worte, was ist da los? Wir erinnern uns: Die Erfolgsautorin hatte angekündigt, aus ihren Einnahmen die als Terrororganisation eingestufte Gruppe "Palestine Action" zu unterstützen, und sich daher gemeinsam mit ihrem Verlag durchaus öffentlichkeitswirksam dazu entschlossen, ihre Bücher vom Markt zu nehmen. Angeblich würde ihr in Großbritannien sonst ein Strafverfahren wegen Terror-Unterstützung drohen, wobei die britische Justiz ihr diesen Gefallen bislang offenbar nicht zu tun gewillt ist. "Das klingt nach Märtyrertum, aber 'without a cause', bedenkt man zum einen, wie erfolgreich Rooney mit ihren Büchern nicht nur in Großbritannien ist. Und zum anderen, dass sie wegen ihrer Haltung zum Nahostkonflikt und ihrer BDS-Nähe noch nie irgendwelchen Repressalien ausgesetzt gewesen ist. ... Dass nun von Zensur und Unterdrückung der Meinungsfreiheit die Rede ist, wie in dem offenen Brief, passt ins Konzept - nur wird Sally Rooney ihre Meinung nirgendwo verboten, auch nicht in Großbritannien, sondern die im Raum stehende finanzielle Unterstützung einer Terrororganisation."
Weitere Artikel: Judith Poppe porträtiert in der taz Dory Manor und Moshe Sakal, die 2019 von Israel nach Berlin kamen und 2024 den nach Theodor Herzls gleichnamigem Roman benannten Verlag Altneuland gegründet haben, um "der finanziell zugrunde gerichteten Literaturwelt Israels etwas entgegensetzen. ... Ihr Ziel ist, das Hebräische zurück in die Welt zu tragen."
Besprochen werden unter anderem der Band "Jugendschriften" aus der kritischen Gesamtausgabe Walter Benjamins (FAZ), Italo Calvinos "Geschriebene und ungeschriebene Welt" (SZ), Eva Illouz' "Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus" (Welt) und Mircea Cartarescus Gedichtband "Du trägst meine Samstage, ich deinen Oktober" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Im Tagesspiegel wundert sich Gerrit Bartels über einen im New Statesman veröffentlichten Brief palästinabewegter bis teils offen israelfeindlicher Kulturschaffender, die ein Ende der Zensur und der Einschränkung der Meinungsfreiheit von Sally Rooney fordern. Große Worte, was ist da los? Wir erinnern uns: Die Erfolgsautorin hatte angekündigt, aus ihren Einnahmen die als Terrororganisation eingestufte Gruppe "Palestine Action" zu unterstützen, und sich daher gemeinsam mit ihrem Verlag durchaus öffentlichkeitswirksam dazu entschlossen, ihre Bücher vom Markt zu nehmen. Angeblich würde ihr in Großbritannien sonst ein Strafverfahren wegen Terror-Unterstützung drohen, wobei die britische Justiz ihr diesen Gefallen bislang offenbar nicht zu tun gewillt ist. "Das klingt nach Märtyrertum, aber 'without a cause', bedenkt man zum einen, wie erfolgreich Rooney mit ihren Büchern nicht nur in Großbritannien ist. Und zum anderen, dass sie wegen ihrer Haltung zum Nahostkonflikt und ihrer BDS-Nähe noch nie irgendwelchen Repressalien ausgesetzt gewesen ist. ... Dass nun von Zensur und Unterdrückung der Meinungsfreiheit die Rede ist, wie in dem offenen Brief, passt ins Konzept - nur wird Sally Rooney ihre Meinung nirgendwo verboten, auch nicht in Großbritannien, sondern die im Raum stehende finanzielle Unterstützung einer Terrororganisation."
Weitere Artikel: Judith Poppe porträtiert in der taz Dory Manor und Moshe Sakal, die 2019 von Israel nach Berlin kamen und 2024 den nach Theodor Herzls gleichnamigem Roman benannten Verlag Altneuland gegründet haben, um "der finanziell zugrunde gerichteten Literaturwelt Israels etwas entgegensetzen. ... Ihr Ziel ist, das Hebräische zurück in die Welt zu tragen."
Besprochen werden unter anderem der Band "Jugendschriften" aus der kritischen Gesamtausgabe Walter Benjamins (FAZ), Italo Calvinos "Geschriebene und ungeschriebene Welt" (SZ), Eva Illouz' "Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus" (Welt) und Mircea Cartarescus Gedichtband "Du trägst meine Samstage, ich deinen Oktober" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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