Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Tequilaglas und Zigarette

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11.02.2026. Die mexikanische Fotografin Graciela Iturbide bezwingt den Tod in jedem ihrer Bilder aufs Neue, jubelt die FAZ. Der Tagesspiegel taucht derweil in die Schwarz-Weiß-Welten der Fotografin Dörte Eißfeldt ein. Die Welt schimpft über Lotte Beers verzwergte Münchner Inszenierung von Gounods "Faust"-Oper. Die FAZ ärgert sich über die Deutsche Bahn, die in Köln zwei alte, aber schöne Eisenbahnbrücken abreißen lassen will. Der Tagesspiegel spaziert in Berlin durch das runderneuerte Kino International
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2026 finden Sie hier

Kunst

Mujer ángel, Sonora-Wüste, Mexiko, 1979 © Graciela Iturbide

Toll, dass Graciela Iturbide, die bedeutendste Fotografin Mexikos, nun endlich in Deutschland entdeckt werden kann, freut sich Andreas Kilb in der FAZ. Viele kleine Wunder macht Kilb in Iturbides im C/O Berlin ausgestellten Bildern ausfindig. Wichtig für ihre Ästhetik ist insbesondere der Verzicht auf Farbe. Nichts lenkt laut Kilb in diesen Schwarzweiß-Bildern von der "Wahrheit der Form" ab: Iturbide möchte den Betrachter "ins Geheimnis der Menschen und Dinge hineinziehen, die sie zeigt. Die Frau, die mit Tequilaglas und Zigarette in einer Bar in Mexico City vor einem Wandbild sitzt, das in einem Totenschädel den Weg des Lebens vom Schlafzimmer über das Krankenbett bis zum Grab zeigt, ist kein Symbol, sondern die Erscheinung eines unwiederbringlichen Moments. So wie alle und alles, was Graciela Iturbide fotografiert. Der Tod ist ein Leitmotiv ihrer Arbeit, aber er hat nicht das letzte Wort."

Jens Hinrichsen bespricht im Tagesspiegel ebenfalls die Iturbide-Ausstellung sowie eine andere Schau im C/O Berlin, die der Hamburger Fotografin Dörte Eißfeldt gewidmet ist. Eine Gemeinsamkeit der beiden sonst sehr unterschiedlichen Künstlerinnen: Auch die tendenziell weniger dokumentarisch als introspektiv orientierten Arbeiten Eißfeldts verzichten weitgehend auf Farbe, weil diese "ihr zuwenig Spielraum fürs Experiment ließe. Die Arbeit am Material ist mindestens genauso wichtig wie das Bild, das die Kamera liefert. Eißfeldts Werk oszilliert zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Zu sehen sind Wellen, die sich kräuseln oder ein Felsenspringer, der wie ein schwebender Pfeil über der Gischt hängt: aufgehobene Zeit. Vom Bild eines Schneeballs in ihrer Hand hat Eißfeldt so viele unterschiedliche Abzüge hergestellt, dass das Ding fragwürdig wird. Und nicht selten ist der Gegenstandsbezug durch irrlichternde Reflexe und Dunkelkammerarbeit so gelockert, dass die Fotografie zu abstrakter Malerei tendiert."

Weiteres: Anne Simone Kiesel unterhält sich auf monopol mit der amerikanisch-nigerianischen Künstlerin Mimi Onouha, deren Schau "Soft Zeros" derzeit in der Wiener secession zu sehen ist. Besprochen werden die Ausstellung "Wolle. Seide. Widerstand" im Frankfurter MAK (FAZ, siehe auch hier) und eine Schau der Leipziger Künstlerin Maja Behrmann in der Berliner Galerie Eigen+Art (BlZ).
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Architektur

Wenn in Köln mal was Schönes steht, kommt die Bahn und will es abreißen. So sieht es jedenfalls Peter Kropmanns in der FAZ mit Blick auf vier denkmalgeschützte Eisenbahnbrücken aus dem 19. Jahrhundert, die zwar schmuddelig, aber wunderschön sind: "Die nach wie vor witterungsresistenten Kacheln" einer dieser Brücken "sorgten, als sie noch weiß waren, für Helligkeit. Doch was Ruß, Taubendreck und schlechte Ausleuchtung zum Schlechten bewirken, sind Äußerlichkeiten, die in den Griff zu kriegen sind. Maßgeblich ist, dass die Brücken kleine Perlen der Architektur sind und beim Passieren eine unverwechselbare Raumwirkung entfalten. Ihre auf sorgfältiger Gestaltung beruhende Ästhetik erlaubt es, sich zu orientieren, mit Umgebung und Wegen zu identifizieren und unterwegs einen im Alltag besonderen Moment zu erleben." Also, fordert Kropmanns: nicht abreißen, wie die Bahn es derzeit plant, sondern säubern und renovieren - die letzten Jahrzehnte gammelten die Brücken schlicht vor sich hin.

Kino International - Foto: Matthias Süßen unter cc-Lizenz


Gunda Bartels spaziert für den Tagesspiegel durch das runderneuerte Kino International, eines der schönsten Berliner Lichtspielhäuser, dessen Sanierung zwei Monate früher abgeschlossen wurde als geplant: "einer der seltenen Berliner Fälle von Planübererfüllung". Was hat sich getan? Im Foyer auf den ersten Blick nicht allzu viel: "Sieht ja alles aus wie vorher. Wobei, ganz so golden hat die aus beschichtetem Blech bestehende Golddecke, von der zahlreiche Lämpchen strahlen, vor der Aufarbeitung nicht geleuchtet." Ähnlich schaut es im ersten Stock aus: "Die Eichenparkettquadrate auf dem Boden, die Holzlamellen an den Wänden, die vor lauter Patina stumpf geworden waren - alles schimmert wie frisch eingeölt. Der Fußboden ist tatsächlich neu, sieht aber aus wie ehedem." Insgesamt ist Bartels zufrieden: "Der Plan, den zurückhaltend-glamourösen Charakter des Hauses zu bewahren, der ist auf jeden Fall gelungen."
Archiv: Architektur

Film

Viola Schenz erinnert in der NZZ an den Komiker Leslie Nieslen, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Besprochen werden Emerald Fennells "Wuthering Heights" mit Margot Robbie und Jacob Elordi (Welt, Tsp, taz, FAZ) und Sönke Wortmanns "Die Ältern" (SZ).
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Bühne

 Bayerische Staatsoper: Faust © G. Schied; J. Tetelman; O. Kulchynska

Musikalisch hui, inszenatorisch pfui: So besprechen die Feuilletons tendenziell den Versuch der Bayerischen Staatsoper, mal wieder Charles Gounods einst phänomenal erfolgreichen, aber auch immer mal wieder des Kitsch bezichtigten "Faust" auf die Bühne zu bringen. FAZler Christian Gohlke hört einerseits gern zu, wenn Dirigentin "Natalie Stutzmann das Orchester mit Mut zum Pathos zu einer so expressiven wie genau balancierten Höchstleistung spornt." Anderseits wundert er sich über "ein merkwürdiges Paradoxon dieser Inszenierung: Je mehr (Regisseurin) Lotte de Beer zu einer Szene einfällt, umso weniger überzeugt sie. Dass zum Beispiel Faust, wenn er sich in Marguerite verliebt, nicht allein ist, wie es die Regieanweisung explizit und mit gutem Grund verlangt, ist kein Gewinn, sondern eine Einbuße an Intimität."

Richtiggehend wütend wird Welt-Autor Manuel Brug über die szenische Einfallslosigkeit: "Alles ist hier irgendwie possierlich und verzwergt: die Kirmes auf ein paar Holzbänkchen; die Gartenszene vor einem Häuschen, in dem Nachbarin Marthe (Dshamilja Kaiser) als Mutterersatz schnarcht und später stirbt; das Bild in der Kirche, wo nur ein Kapellchen steht und Margarete ihren vielfach herumgezerrten Säugling taufend im Weihwasser ertränkt; die statische Walpurgisnacht als Video im Winkel. An furiose 'Faust'-Regieikonoklasten wie Ken Russell oder John Dew durfte man bei diesem braven, unbedingt repertoiretauglichen Ringelreihen niemals denken." Noch härter geht Wolf-Dieter Peter auf nmz mit de Beer ins Gericht: "Der Buhsturm für sie hätte Orkan-Stärke erreichen müssen".

Ziemlich begeistert berichtet Sylvia Staude in der FR vom Holland Dance Festival, das in diversen niederländischen Städten Aufführungen auf die Beine stellt und dieses Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Jede Menge erstklassige Bewegungskunst gibt es da laut Staude zu bewundern, sehr viel Freude hat Staude beispielsweise an Jan Martens' "Kid in a Candy Shop" und dessen "Bewegungssprache, die ein bisschen drollig ist, manchmal kleinteilig, dann ausgreifend, auch kantig und maschinenhaft. An Merce Cunninghams Streben nach reinem, abstraktem Tanz durch den Zufall und die Improvisation erinnert 'Kid In a Candy Shop', aber zwischendurch entstehen Reihung und Ordnung, entstehen fiebrige Solos zum atemlosen Rattern des Cembalos. Die Formationen und mal auch die Farben der Bodies ändern sich, vor allem aber sind die Bewegungssequenzen reich an Details, an punktgenauem Innehalten, dann wieder herrlicher Schnelligkeit. In keiner der 40 Minuten herrscht Leerlauf.

Marita Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über die Querelen rund um das Theater Ost, das sich am Standort Adlershof mit einer Räumungsklage konfrontiert sieht. Esther Slevogt überlegt auf nachtkritik, was Kürzungen in Bildungsangeboten für das Theater bedeuten könnten.

Besprochen werden ein Tschechow-Abend am Staatstheater Darmstadt (FR), Michael Thalheimers "Salome"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne (Welt, siehe auch hier) sowie in einer Doppelbesprechung zwei Inszenierungen von Lot Vekemans "Blind", an Schauspiel Hannover und im Theater Osnabrück (taz).
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Literatur

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Eberhard Spree, Anna-Magdalena-Bach-Experte mit entsprechender Webpräsenz, listet in der FAZ penibel auf, an welchen Stellen Christoph Hein in seinem aktuellen Buch mit Bach-Novellen über die Grenzen des faktisch Belegbaren hinaus fabuliert. Dass Johann Sebastian Bach - nur exemplarisch herausgegriffen - in Arnstadt "lebensgefährlich" angegangen worden sei und "in wilder Ehe" gelebt haben soll, sei "mal etwas ganz Neues". Sicher, "Novellen sind keine Berichte, die sich streng an Fakten halten. Sie leben von der künstlerischen Freiheit. Die Nutzung der Namen von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach sowie anderer historischer Persönlichkeiten suggeriert aber, das Büchlein würde unsere Kenntnisse über sie erweitern. Das ist nicht der Fall. Das Nichtzutreffende zu erkennen und wieder aus dem Kopf herauszubekommen, dürfte dagegen schwierig sein."

Weiteres: In den von der Welt online nachgereichten Actionszenen der Weltliteratur erinnert Mladen Gladić an Ernest Hemingways Reise nach Italien 1923. Besprochen werden unter anderem Julian Barnes' "Abschied(e)" (Standard), Thibault Vermots und Alex W. Inkers Comic "Krimi - Die Geschichte hinter Fritz Langs ,M'" (FD), Florian Klenks Biografie über die österreichische Serienmörderin Elfriede Blauensteiner (NZZ) und neue Sachbücher (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
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Musik

Sascha Zoske erzählt in der FAZ von seinem Besuch in der Orgelbauwerkstatt Klais in Bonn, wo gerade Teile der neuen Orgel für den Markusdom in Venedig angefertigt werden. Den Rest übernimmt in Italien die Werkstatt Zanin. Beide "wollen das wertvolle Material aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten und es behutsam um neue Register ergänzen. Diese werden neben respektive hinter die alten Pfeifen gestellt; einige der modernen Stimmen - darunter die tiefsten Basspfeifen - sollen Platz auf den Emporen des Querhauses finden." Allerdings "wird die Orgel für die Besucher des Doms kein Blickfang werden - und das soll sie auch nicht. Größere Eingriffe in die Architektur der goldenen Basilika mit ihren prachtvollen Mosaiken, etwa das Zustellen größerer Fenster, verbieten sich angesichts des Denkmalcharakters von selbst." 

Weiteres: Michael Wurmitzer erklärt im Standard die Ostereier, die in Bad Bunnys Superbowl-Auftritt zu entdecken sind (mehr dazu hier). Besprochen werden ein Wiener Konzert des Toronto Symphony Orchestras mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja (Standard) und das Jazzalbum "Lines for Lions" von Vincent Courtois, Daniel Erdmann und Robin Fincker (FR),
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