Efeu - Die Kulturrundschau

Mit der Präzision eines Kochs

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02.07.2026. Überwältigt blickt die FAZ in Rosenheim auf Blut, Blitze und Riesenbrüste, die  ghanaische Filmplakatmaler auf alte Säcke gemalt haben. Die Zeit erkennt in London, was Frida Kahlo so unverwechselbar machte. Der Guardian staunt ebenfalls in London über die Mikro-Garnituren in den Gemälden von Ferdinand Georg Waldmüller. Die Welt amüsiert sich, wenn Intendant Aviel Cahn sich mit einem Riesenpenis von den Genfern Richtung Berlin verabschiedet. Und der Perlentaucher reist begeistert mit Aleksandre Koberidze und seinem Mobiltelefon durchs georgische Hinterland. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2026 finden Sie hier

Kunst

Yasumasa Morimura: An Inner Dialogue with Frida Kahlo (Hand Shaped Earring) 2001 Minneapolis Institute of Art. © Yasumasa Morimura; Courtesy of the artist, Luring Augustine, New York, and Yoshiko Isshiki Office, Tokyo

Etwa drei Dutzend Werke Frida Kahlos aus aller Welt haben die Kuratoren für die große Ausstellung in der Londoner Tate zusammengetragen, um zu erkunden, was die Mexikanerin so unverwechselbar macht. Die Antwort geben sie allerdings unfreiwillig, erkennt Tobias Timm in der Zeit, denn Kahlos Werken wurden Arbeiten lebender KünstlerInnen gegenübergestellt, die sich auf sie beziehen: "Da taucht dann eine comichaft gemalte Ghetto-Frida mit 'Diego'-Tattoo mitten auf dem Hals auf, oder nackte Männer stellen auf Fotografien ein berühmtes Gemälde Kahlos nach. Gleich mehrere Räume wurden in der Tate diesen Epigonen der Künstlerin freigeräumt - und man fragt sich: Warum? Der direkte Vergleich mit den Werken des Vorbilds tut den nachfolgenden Künstlerinnen und Künstlern nicht gut, um es vorsichtig auszudrücken. Nur wenige Bilder und Skulpturen, etwa die von Ana Mendieta und Kiki Smith, können sich mit Kahlos Kunst auch nur annähernd messen. Unfreiwillig erklärt die Ausstellung so einen Teil des Erfolgsgeheimnisses von Frida Kahlo: Sie kopierte nicht ständig andere, sie machte sich selbst zum Mittelpunkt ihrer Kunst."

Olivia McEwan (Guardian) kann in der Londoner National Gallery die Wirkung, die Ferdinand Georg Waldmüllers Gemälde haben, nur bewundern - setzt der österreichische Maler in seiner Landschaftsmalerei doch ganz auf Präzision statt auf Dramatik: "Er fügt die Elemente Blätter, Rinde, Gras und Laub mit der abgemessenen, schielenden Präzision eines Kochs in seine Kompositionen ein, der mit einer Pinzette Mikro-Garnituren aufträgt. Ungewöhnlich an sich ist Waldmüllers Verwendung eines weißen statt eines braunen Untergrunds für seine Gemälde. Das Auftragen von Ölfarbe in dünnen Lasuren auf einen weißen Untergrund sorgt für strahlend leuchtende Farben."

Weitere Artikel: Das am Mittwoch enthüllte Merkel-Porträt des Künstlers Jeremie Queyras kommt bei den KunstkritikerInnen weniger gut an: Gefällig und nicht leidenschaftlich - passt zu Merkel, meint Lisa Berins in der FR. Der taz-Kritikerin Hilka Dirks gefällt das Merkel-Porträt der amerikanischen Malerin Elizabeth Peyton deutlich besser. Der Kopf ist einigermaßen gelungen, meint Stefan Trinks in der FAZ und hält sich darüber hinaus vornehm zurück. Weit entfernt von jeglicher Brisanz, findet Wolfgang Ullrich bei Monopol, stattdessen lege das Gemälde nahe, "dass Angela Merkel ein eher amateurhaftes Verhältnis zur Kunst hat. Dass man sie wiedererkennt und dass alles in Handarbeit und mit gewissem Zeitaufwand entstanden ist, scheint dann schon zu genügen." Ebenfalls in der FR erzählt Michael Hesse eine kleine Geschichte der Machtporträts. In der FAZ schreibt Stephan Berg den Nachruf auf die im Alter von 91 Jahren gestorbene Malerin Rune Mields.

Besprochen wird außerdem das Ausstellungsprojekt "Publik Machen. Zu Arbeit und Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR", das an verschiedenen Orten in Berlin und Dresden gezeigt wird (Tsp).
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Literatur

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Im Zeit-Gespräch erklären Gerda Raidt und Niclas Richter, warum sie mit "Klassenbuch" ein Kinderbuch über Klassismus geschrieben haben. In der NZZ freut sich Judith Leister darüber, dass das für die Geschichte der deutsch-jüdischen Nachkriegsbeziehungen äußerst wertvolle Archiv der Münchner Buchhändlerin Rachel Salamander der Monacensia übergeben und damit der Forschung zugänglich gemacht wird (mehr dazu bereits hier). Patrick Bahners widmet sich in der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur Mary Baker Eddys "Science and Health" von 1875. Die Zeit empfiehlt in ihrer aktuellen Ausgabe zahlreiche Bücher für den Sommer. Dem schließt sich Tell an.

Besprochen werden unter anderem Stella Gaitanos "Eddos goldenes Lächeln" (FR), Emy Koopmans "Leichter Wahnsinn" (SZ), die historisch-kritische Ausgabe von Karl Mays "Der Schut" (FAZ) und Francis Fukuyamas Autobiografie (NZZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Von einem Plagiatsvorwurf bei der Manifesta Ruhr 16, die sich dem Thema der Umnutzung leerstehender Kirchen widmet (unser Resümee), berichtet Hubert Spiegel in der FAZ: Der Künstler Nasan Tur zeigt unter dem Titel "Elevation" in einer ehemaligen Kirche St. Gertrud in Essen neun vertikal aufgestellte Kirchenbänke. Dumm nur, dass die Künstlerin Dorothee Bielefeld bereits vor fünfzehn Jahren in der Christ-König-Kirche in Bochum bereits 29 vertikal aufgestellte Kirchenbänke zeigte, "aufrichten", nannte sie ihre Installation. Während sie nun fordert, dass Turs Arbeit nicht mehr gezeigt wird, behaupten dieser sowie die Kuratorin Leonie Herweg, Bielefelds Arbeit nicht zu kennen, wie Spiegel erzählt, der - außer den aufgerichteten Kirchenbänken - noch mehr Parallelen erkennt: Beide "Installationen sind begehbar, und die Besucher werden aufgefordert, ihre Gedanken, Ideen, Hoffnungen und Ängste zu formulieren und zu teilen. ... Neben St. Gertrud gehört auch Christ-König zu den zwölf Ruhrgebietskirchen, in denen die Manifesta stattfindet. Sechzehn Künstler zeigen in Christ-König ihre Arbeiten. Dorothee Bielfeld zählt nicht zu ihnen. Wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet, ist Bielfelds 'aufrichten' für die Dauer der Manifesta hinter einer Stellwand verschwunden. "

Für die taz besucht Uwe Rada die Ausstellung "Ring frei für die IBA" in der Alten Feuerwache im Flughafen Tempelhof, die den Auftakt für die dritte Internationale Bauausstellung (IBA) 2034-2037 macht, die als Kulisse den S-Bahn-Ring in Berlin festgelegt hat. Überlegt wird, wie hier reale und mentale Brücken geschlagen werden könnten, denn: "'Auch der S-Bahn-Ring ist eine Barriere', sagt die Stadtplanerin Cordelia Polinna... Vier 'Suchräume' haben die Kuratoren dafür ausgewählt. Einer davon liegt im Südosten, wo die Radialen der Hermannstraße, der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee den Ring, aber auch die A 100 kreuzen und zahlreiche 'Insellagen' bilden. 'Gewerbegebiete, Sportanlagen, Kleingärten und Grünflächen', heißt es im Begleitkatalog zur Ausstellung, 'liegen hier nebeneinander, ohne miteinander zu leben'."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Manifesta 16 Ruhr, Iba

Bühne

Bevor Aviel Cahn als Intendant vom Grand Théâtre de Genève an die Deutsche Oper Berlin wechselt, hat er den Genfern nochmal einen riesigen Penis gezeigt, amüsiert sich Manuel Brug (Welt), der das an Frank Zappas Film "200 Motels" angelehnte Opernspektaktel zwar insgesamt nicht mehr als "nett" findet. "Trotzdem ist das neonbunte Durcheinander, bei dem im Swimmingpool an der Rampe unter den Gummiflamingos der stets abenteuerlustige Dirigent Titus Engel die an Varèse, Strawinsky, Berg und Cage gemahnenden Zappa-Kompositionen beisteuert, vor allem eine ziemlich unverbundene, famos gesungene und performte Musical-Revue geworden. In dem einzig Brenda Rae als sopranknallige Reporterinnen-Barbie vokal hervorsticht, nichts wirklich Bedeutung oder Fallhöhe hat, alles nur derb-dämlicher Kindergartenfrohsinn für Erwachsene ist. Darf auch mal sein."

Weitere Artikel: Im taz-Interview mit Konstantin Nowotny erklärt der Comedian Moritz Neumeier, wann es für manche Gags Polizeischutz braucht. Besprochen werden außerdem die letzte Ausgabe Lugano Dance Projects (NZZ) und Leander Hausmanns Inszenierung "Der Geizige oder Die Schule der Lügner" nach Moliere beim Theatersommer Haag (nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Zappa, Frank, Cahn, Aviel

Film

Im Netz sind die auf alte Säcke gemalten, sehr eigenwilligen ghanaischen Filmplakate zu Genrefilmen und Blockbustern aus den USA schon lange Kult. Nun zeigt die Städtische Galerie Rosenheim unter dem Titel "Big Promises" eine Auswahl der schönsten reißerischen Motive, die die zu bewerbenden Filme grell übersteigern, wenn sie ihnen nicht gleich Szenen hinzudichten, die im Film gar nicht zu sehen sind - all dies im Charme einer autodidaktischen Ästhetik. Zu erleben ist da "Überwältigungsoptik pur", schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ, "ein hemmungsloses Amalgam auf Blutrünstigkeit und Ritualmord, christliche Motive angereichert mit lokalen Gottheiten in Nixenform, Schlangen mit Männerköpfen penetrieren Frauen, Frauen mit Riesenbrüsten in Form von Flaschenkürbissen verspritzen Flüssigkeiten in Töpfe, in denen Blutgeld angerührt wird, aus den Augen zucken Blitze, Symbol für den bösen Blick."
Lässt den Blick schweifen: "Aleksandre Koberidzes "Dry Leaf"

Perlentaucher Jochen Werner ist sehr beeindruckt von Aleksandre Koberidzes auf einem längst obsoleten Mobiltelefon gedrehten Film "Dry Leaf", ein so impressionistisches wie assoziationsreiches Roadmovie durchs georgische Hinterland. Dem Film eignet "ein schweifender Blick", er ist "stets offen für das, was ist. Die Menschen, besonders Alte und Kinder, und vor allem immer wieder die Tiere, die unter uns leben und ihr ganz eigenes Ding machen" und "in deren Blicken unser eigener Blick auf die Welt brüchig, fragwürdig werden kann". Zwar muss man sich "auf das über drei Stunden weitgehend plotlose Schweifenlassen des Blickes durch Abstufungen des Verschwommenen (...) einlassen können und wollen. Für all diejenigen, die dazu willens und imstande sind, ist 'Dry Leaf' ein Geschenk und nicht nur der bis dato vielleicht allerschönste Film von Koberidze, sondern auch einer der schönsten des Kinojahres." Weitere Besprechungen in FR, auf critic.de und in der FAZ. Gestern resümierten wir ein Gespräch mit dem Regisseur.

Landschaftstableaus, Jenseitsvisionen, Tanzeinlagen: "Scarlet" bietet einiges

Sehr beglückt schwärmt Ekkehard Knörer in der taz von "Scarlet", dem neuen Wunderwerk des japanischen Animationsmeisters Mamoru Hosoda. Die "Hamlet"-Variante ist eben auf BluRay erschienen und bietet "die atemberaubendsten Wimmelbilder". Plot-Plausibilität ist Hosodas Stärke zwar nicht, doch "was soll's, wenn Scarlet im blauesten Himmel eine zart ins Sphärentableau geatmete Leiter nach oben betritt, um dann aus einem Meer aufzutauchen in eine schon wieder andere, noch jenseitigere, noch hinreißender entworfene eigene Welt. ... Wer Lust hat, sich von der Flut erstaunlicher Bilder den Kopf und das Herz verdrehen zu lassen, mit Landschaftstableaus und Jenseitsvisionen, mit Kampf und sogar einer Tanzeinlage zwischendurch, der und die ist hier richtig am Platz."

Weiteres: Auf critic.de eröffnet Silvia Szymanski eine Textreihe zum Neuen Deutschen Gangsterfilm, "ein überquellendes Biotop". Besprochen werden Markus Gollers "23 000 Leben" (Perlentaucher), Daniel Rohers "The Piano Tuner" (FR), Pierre Coffins Animationsfilm "Minions & Monster" (Tsp, Standardtaz), Philip Barantinis auf Netflix gezeigter Krimi "Enola Holmes 3" (SZ) und die neue Staffel von "House of Dragons" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Auf dem neuen Laibach-Album "Musick" - eine Satire auf Pop im KI-Zeitalter - ist zwar "schlimmer Trashpop zu hören, der sich anfühlt wie eine mittelschwere Magen-Darm-Grippe", schreibt Benjamin Moldenhauer im ND, doch "das Resultat fällt dann in seiner betonten Schrecklichkeit sehr kunstvoll aus, kunstvoll im Sinne von stilsicher: steindoofe Beats, Discosounds von Temu, schwachsinnige Euphorie-Fanfaren, Spuren der Laibach-typischen totalitären Chöre und plakative Slogans. ...  Was davon nun Satire und was ernst gemeint ist, bleibt ambivalent. In den Songs von 'Musick' schwingt das befreiende, Identitäten vorübergehend auflösende und Klassengrenzen momenthaft überschreitende Versprechen von Pop immer mit; und im selben Moment auch immer dessen verdummendes und vereinheitlichendes Potenzial."



Weitere Artikel: Michael Ernst resümiert in der FAZ die Schostakowitsch-Tage, bei denen sich die Arbeit des polnisch-jüdischen Weißrussen Lew Moissejewitsch Abeliowitsch wiederentdecken ließ. Adrian Schräder erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem Schweizer Soundkollektiv LAF, das unter anderem Millionenseller wie Drake und Bad Bunny mit eigens komponierten Samples versorgt. Christian Schachinger gibt im Standard Einblick in die Streitigkeiten in den USA darum, ob von der legendären Stratocaster-Gitarre einfach ohne weiteres Nachbauten erstellt werden dürfen oder nicht. Jan Feddersen (taz), Andreas Busche (Tsp) und Jakob Biazza (SZ) schreiben Nachrufe auf den Village-People-Sänger Victor Willis.

Besprochen werden das Zürcher Konzert von Linkin Park (NZZ) und das Solo-Album "Happy Today" des Tortoise-Musikers Jeff Parker (FR).

Archiv: Musik
Stichwörter: Laibach