Im Kino
Am Ende des Kreises
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
01.07.2026. Mit seiner Umarmung der Unschärfe ist Aleksandre Koberidze "Dry Leaf" eine maximale cinephile Provokation im Zeitalter des HD-Kinos. Zwei Menschen, ein sichtbarer und ein unsichtbarer, begeben sich auf einen Road Trip zu georgischen Fußballplätzen.
Die Linie und der Kreis, das sind die Grundlagen von allem, so bringt es der Lehrer Irakli (David Koberidze) seiner Schulklasse bei. Mehr erfahren wir allerdings nicht, denn immer wenn er zu weiteren Ausführungen ansetzen will, klingelt es zum Schulschluss. An der Tafel bleibt eine Zeichnung zurück, die an den Mittelkreis eines Fußballfeldes erinnert. Das ist aber auch völlig in Ordnung, denn im neuen, wunderschönen Film von Alexandre Koberidze spielt Fußball eine bedeutend größere Rolle als die Geometrie. "Dry Leaf" ist kein Film der klaren Linien und Formen, sondern eher eine Ode an das Verschwimmende, denn ebenso wie bereits sein (leider viel zu selten zu sehendes) Debüt "Lass den Sommer nie wieder kommen" hat Koberidze auch diesen Film mit einer längst veralteten, zauberisch defizitäre Bilder produzierenden Digitalkamera gedreht.
Die Linie, das ist vielleicht der Plot von "Dry Leaf", aber letztlich nur in der Theorie. Koberidze erzählt von einer fortlaufenden Bewegung: Iraklis Tochter Lisa hat ihren Eltern einen Brief geschickt, in dem sie ohne Angabe von Gründen ankündigt, nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Lisa ist Fotojournalistin und hat zuletzt etliche Dörfer bereist, um dort Fußballplätze zu fotografieren. Irakli, den Koberidze mit seinem eigenen Vater David besetzt hat, kann diesen Abschied nicht akzeptieren und macht sich, gemeinsam mit Lisas Freund Levani, auf die Suche nach seiner Tochter und auf einen langen Roadtrip durch das ländliche Georgien, von Fußballplatz zu Fußballplatz. Dabei begegnen die beiden, der Leere des weiten Landes zum Trotz, unterschiedlichen Menschen - sichtbaren und unsichtbaren, denn in dieser Setzung schleicht sich einmal mehr der magische Realismus in Koberidzes Kino ein: Nicht alle Protagonisten sind für das verschwommene Auge der Kamera zu sehen, und auch Levani zählt zu den Unsichtbaren.
Aus dieser Unterscheidung zwischen den Sichtbaren und den Unsichtbaren macht Koberidze gerade kein Plotelement. In der Wirklichkeit des Films sind alle Protagonisten gleichwertig, nur für uns, die wir von Außen und durch das Kameraauge auf Koberidzes verschwommenen Realismus schauen, existiert diese Trennlinie. Fast wie im Widerspruch zu dieser Setzung eines magischen Elements bleibt der Blick, den "Dry Leaf" auf die Welt wirft, oft betont dokumentarisch. Es ist ein schweifender Blick, im Gegensatz zu Iraklis Reise keineswegs zielgerichtet, sondern stets offen für das, was ist. Die Menschen, besonders Alte und Kinder, und vor allem immer wieder die Tiere, die unter uns leben und ihr ganz eigenes Ding machen: Katzen, Hunde, Kühe, Pferde, ein Esel. Tiere, die uns anschauen und in deren Blicken unser eigener Blick auf die Welt brüchig, fragwürdig werden kann. Wesen, die mitten unter uns existieren und doch in ihrer ganz eigenen Welt.

Auch die Dorffußballplätze stellen die selbstverständliche Übereinstimmung von dem, was ist, und den Bildern, die wir uns davon machen, in Frage. Meist handelt es sich um nicht mehr als eine Wiese, auf unebenem Grund und mit wucherndem Gras bewachsen, darauf drei Balken, die als Tor dienen, schon ein Netz ist überflüssig. Drei Linien und ein Feld, manchmal traben ein paar Pferde darüber, oder ein irritiertes Schwein blickt in die Kamera, blickt uns an.
So minimalistisch wie diese Szenarien, durch die Irakli und Levani driften, kommt auch "Dry Leaf" daher. Damit ordnet der Film sich einerseits konsequent in das bis dato drei lange Filme umfassende, ungemein reiche Werk Alexandre Koberidzes ein - und markiert andererseits dennoch eine radikale Bruchlinie zum weit literarischeren, an erzählerischen Ornamentierungen reichen Vorgänger "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?". Von diesem Film aus - so wunderschön er auch ist - wäre es Koberidze mutmaßlich ein Leichtes gewesen, seine Handschrift in Richtung eines barockeren Magischen Realismus zu entwickeln, der ihm in der Ökonomie des Festival- und Arthousekinos einen komfortablen Platz gesichert hätte. Die deutlich sperrigere, minimalistische Form von "Dry Leaf" kann man als eine deutliche Absage an solcherlei Anpassungszwänge lesen.
Dass angesichts dieses kühnen Schrittes auch einige Zuschauer am Wegesrand zurückbleiben könnten, die sich vom Vorgänger noch bereitwillig haben verzaubern lassen, ist wohl mit einkalkuliert. Denn nicht nur die Form von "Dry Leaf" ist mit ihrer vorbehaltlosen Umarmung der Unschärfe eine maximale cinephile Provokation im Zeitalter des HD-Kinos. Auch auf das über drei Stunden weitgehend plotlose Schweifenlassen des Blickes durch Abstufungen des Verschwommenen - bis hin zu einem abrupten Zoom tief in eine geradezu subatomare Ebene des digitalen Bildes, in der nur noch das reine Licht zurückbleibt - muss man sich einlassen können und wollen. Für all diejenigen, die dazu willens und imstande sind, ist "Dry Leaf" ein Geschenk und nicht nur der bis dato vielleicht allerschönste Film von Koberidze, sondern auch einer der schönsten des Kinojahres.
Und wo kommt denn nun der Kreis ins Spiel? Nun, wenn Irakli und Levani am Ende ihrer Reise wieder am Ausgangspunkt ankommen, schließt sich selbiger. Vorläufig, denn nicht selten schließt sich am Ende des Kreises eine neue Linie an, eine Straße, an die man sich vielleicht vage erinnert, und dort, am Ende der Straße, unter dem Licht einer flackernden Laterne, tut sich vielleicht eine neue Tür auf. Komm! ins Offene, Freund!
Jochen Werner
Dry Leaf - Deutschland, Georgien 2025 - Regie: Alexandre Koberidze - Darsteller: David Koberidze, Otar Nijaradze, Irina Chelidze, Giorgi Bochorishvili - Laufzeit: 186 Minuten.
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