Im Kino

Muskelbepackte Nacktschnecke

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
20.05.2026. Die alten Flipperautomaten sind immer die schöneren. Warum Jon Favreaus neuer "Star Wars"-Film "The Mandalorian and Grogu" ziemlich schrecklich ist. Und warum früher vielleicht gar nicht alles besser war.

"A long time ago, in a galaxy far, far away …" - Die Formel, die seit dem Auftakt der Reihe im Jahr 1977 jeden "Star Wars"-Kinofilm eröffnet, passt dazu, wie weit weg mir die erste Trilogie heute erscheint. Ohne sie wäre meine späte Kindheit wesentlich leerer und weniger aufregend gewesen: Was mein sich in ewige Tagträume flüchtendes Sechstklässler-Ich von George Lucas gelernt hat, war eine Form der Heldenhaftigkeit, bei der verschiedene Klassenkameradinnen mit dem Laserschwert gegen Oberbösewicht Darth Vader verteidigt werden müssen.

Die Dinge werden komplizierter, wenn man die nostalgische Brille absetzt - zum Beispiel um eine Filmkritik zu schreiben. Viel von dem, was den von Jon Favreau inszenierten neuen "Star Wars"-Film, "The Mandalorian and Grogu", zu einem schrecklichen Film macht, war von Anfang an in der Reihe angelegt. Hans C. Blumenberg schrieb damals: "'Krieg der Sterne', mit bislang 206 Millionen Dollar Verleihumsatz der erfolgreichste Film der Kinogeschichte und schon jetzt ein Unternehmen der Großindustrie mit Platten, Büchern, Spielzeug gleicht fatal einem dieser supermodernen elektronischen Flipperautomaten, an denen das Spielen einfach keinen Spaß macht. Menschen sind gerade noch geduldet als überwältigte Zuschauer einer autonomen Technologie. Menschen werden auch nicht mehr gezeigt in 'Star Wars', nicht einmal mehr Comic-strip-Figuren, sondern nur noch bleiche Zombies (...) umgeben vom großen Krieg der Special Effects, von einer ebenso perfekten wie leeren Imponiermaschine, die alle Individualität und alle Emotion konsequent verbannt hat."

Das trifft perfekt, wie ich die 132 quälenden Minuten des neuen Films erlebt habe. Es trifft die Leblosigkeit der Unternehmung, die dafür sorgt, dass das Action-Dauerfeuerwerk mir auch in großartiger IMAX-Projektion nie wirklich nahe ging, weil das, worum ständig gekämpft wird, nichts mit menschlichen Schicksalen zu tun hat. Es trifft die Mechanik der Unternehmung, weil der Film einfach nur leidlich bekannte Genre-Tropen in einen statischen Kosmos einsetzt und eine Reihe von plot points mechanisch abarbeitet. Es trifft, erst recht, die gnadenlose Profitmaxime der Unternehmung. 


Wie gesagt: Möglicherweise war das alles, oder vieles davon, von Anfang an da. Für mich jedoch sind heute die ersten "Star Wars"-Filme die aufregende Vergangenheit, die für Blumenberg die Flipperautomaten seiner Kindheit verkörperten. Aus George Lucas' Privatmythologie ist eine reine Konzernmythologie geworden. Statt des wilden Mythen-Mischmasch aus Science Fiction und Western, Homer, Jesus und Leni Riefenstahl gilt inzwischen nur noch eine einzige Referenz: den eigenen Erzählkosmos. Hier und da gibt es Anspielungen auf "Blade Runner" oder biblische Geschichten, vor allem aber sampled sich der Film in Ausstattung, Motiven, Figuren ad infinitum durchs eigene Universum; diesem dicht in alle Richtungen wuchernden Dickicht aus Filmen, Comics, Romanen und Fernsehserien, in dem die drei Kinotrilogien (Episode I bis IX) nicht einmal mehr wirklich das Zentrum bilden. Sondern bloß einen Anfang, von dem aus es immer weitergehen muss. Es ist freilich gar nicht wichtig, ob man, zum Beispiel, die Serie "The Mandalorian" kennt, deren Kino-Auskopplung der Film ist; die Kostüme, Fahrzeuge und Apparaturen mit ihrer sonderbaren, den 1970er-Jahren entstammenden Vorstellung von futuristischem High Tech, der düstere Retro Look auf den digitalen Glanz der Gegenwart poliert, all das ist letztlich sowieso nur: immer wieder "Star Wars".

Der Vollständigkeit halber: Der Kopfgeldjäger The Mandalorian (Pedro Pascal) und sein Ziehsohn Grogu haben von der Neuen Republik unter der Führung von Ward (Sigourney Weaver) den Auftrag bekommen, Rotta The Hutt zu suchen: den verlorenen Sohn von Jabba The Hutt, dem Unterweltboss als gigantischer Nacktschnecke, den man aus "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" kennt. Die Figur, die gerettet werden muss, ist eine muskelbepackte gigantische Nacktschnecke mit einem stark ausgeprägten Vaterkomplex. Als Gladiator unterhält er im Auftrag von Lord Janu Coin (Jonny Coyne), einem hohen Handlanger des Imperiums, der Nemesis der Neuen Republik, die blutgierigen Massen. Im Hintergrund spielen der Onkel und die Tante von Rotta, zwei gigantische Zwillings-Nacktschnecken als böse Ersatzeltern, ein intrigantes und emotional erpresserisches Doppelspiel.

Es geht wieder darum, dass allerlei Menschen und anthropomorphe Wesen in Lichtgeschwindigkeit in ihren Raumschiffen durch die Galaxie rasen, und sich, während sie ihre Gegner niederballern und -ringen, zwischen der hellen und der dunklen Seite der Macht entscheiden mussen. Zwischen zwei Polen mithin, in deren ewigen Clinch sich der "Star Wars"-Kosmos erschöpft, und die in den verfeindeten Organisationen nur eine äußere Form haben, aber doch eigentlich im Inneren, das die Figuren diese Filmreihe längst nicht mehr haben, liegen sollten. 

Ich für meinen Teil habe inzwischen gelernt, dass Mädchen mit dem Laserschwert zu verteidigen, nicht unbedingt eine sinnvolle Vorstellung von Heldenhaftigkeit ist. Die ursprüngliche "Star Wars"-Trilogie werde ich trotzdem weiterhin lieben. Aber das kommerzielle Imperium, das sie begründet hat, darf künftig gerne in meiner Abwesenheit weiter expandieren: The business will go on.

Nicolai Bühnemann

The Mandalorian and Grogu - USA 2026 - Regie: Jon Favreau - Darsteller: Pedro Pascal, Brendan Wayne, Lateef Crowder, Sigourney Weaver u.a. - Laufzeit: 133 Minuten.