Efeu - Die Kulturrundschau
Nahe am Abgrund des Taktgefühls
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10.04.2026. Die Feuilletons trauern um Mario Adorf, die "Seele und das Herz" des deutschen Films, wie die FR schreibt. ZeitOnline hofft, dass durch den New Yorker Verleger Edwin Frank Hans Erich Nossacks Novelle "Der Untergang" aus dem Jahre 1948 in den deutschen Kanon gelangt. Hyperallergic freut sich indes für die Amerikaner, dass sie jetzt auch Gabriele Münter kennenlernen dürfen. Monopol lässt sich von nichts abhalten, gut gelaunt über die Diriyah-Biennale in Riad zu flanieren. Und die FAZ kann nur müde lächeln, wenn Norman Foster Queen Elisabeth II Biodiversität widerspiegeln lässt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.04.2026
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Film

Adorf war "die Seele und das Herz" des deutschen Films in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, beobachtet Daniel Kothenschulte in der FR. Ihm glückte es, "alle vermeintlichen Gegensätze der deutschen Filmgeschichte" zu überbrücken, vom Unterhaltungsfilm zum Neuen Deutschen Film bis hin zum Autoren-Fernsehen der Achtzigerjahre: "Das volle Haar, die dicken Augenbrauen, die markanten Schnurr- oder Vollbärte blieben dabei ein Markenzeichen seiner früh erwachsenen Männlichkeit, die er virtuos mit Ausdruck füllen konnte, wobei seine sonore, mit viel Luft versetzte Stimme oft bis unter die Haut zielte." Damit "holte er alle Zwischentöne aus seinen Figuren." Der "Augenblick der Schwäche" gehört zu den zentralen Aspekten in Adorfs Spiel, erklärt Georg Seeßlen auf ZeitOnline: "Es wäre eine Anthologie zusammenzustellen von Mario Adorfs schauspielerischen Essays über Panik, Verzweiflung und Ratlosigkeit. Über den inneren Zusammenbruch eines Männlichkeitsbildes." Adorf übernahm "mit Vorliebe die komplexen Figuren der Gegenspieler und Verlierer", schreibt Jenni Zylka in der taz. "Dabei bereicherte er sämtliche Charaktere um eine ihm eigene, haptische Menschlichkeit", in der sich "die Isolation und Verlorenheit des Ausgestoßenen" zeigt. Dabei "umgab ihn eine Aura aus eruptiver Kraft und kindlicher Naivität", erinnert sich eine wohlwollende Pamela Jahn in der NZZ.
Von ziemlich eruptiver Kraft waren insbesondere Mario Adorfs in Deutschland kaum bekannte Ausflüge in den italienischen Kriminalfilm der Siebzigerjahre. Was er in "Der Mafia-Boss - Sie töten wie Schakale" (1972) ohne Stuntman, Netz und doppelten Boden abfeuerte, hat man selten gesehen (laut diesem immer noch sehr lesenswerten Gespräch im Film Comment hat er sich dabei drei Rippen gebrochen - man glaubt es sofort):
Weitere Nachrufe in Welt, Standard und FAZ. NZZ und ZeitOnline bringen Bildstrecken.
Außerdem: Andreas Busche blickt für den Tagesspiegel auf die gestern bekannt gegebenen Wettbewerbsfilme in Cannes: Mit Valeska Grisebachs "Das geträumte Abenteuer" und Sandra Hüller (als Erika Mann!) in Paweł Pawlikowskis "Vaterland" ist diesmal auch eine kleine deutsche Delegation vertreten. Margret Köhler spricht für Artechock mit Olivier Assayas' über dessen neuen (im Perlentaucher und auf Artechock besprochenen) Film "Der Magier im Kreml". Im Standard spricht Valerie Dirk mit İlker Çatak über dessen Berlinale-Gewinner "Gelbe Briefe". Ella Rendtorff wirft für die taz einen Blick ins Programm des Human Right Film Festivals in Berlin. Lothar Müller berichtet in der SZ von der Beerdigung Alexander Kluges in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Sonja Zekri (SZ) und Hubert Spiegel (FAZ) gratulieren dem Filmemacher Adolf Winkelmann zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden die Wiederaufführung von Yüksel Yavuz' "Kleine Freiheit" aus dem Jahr 2003 (critic.de), Guillaume Cailleaus und Ben Russells Dokumentarfilm "Direct Action" (critic.de, Artechock), John Patton Fords "How to Make a Killing" (Artechock), Koen Mortirs "Skunk" (Artechock) und Oliver Hermanus' "The History of Sound" (critic.de, Artechock, SZ).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Christoph Peters' "Entzug" (Standard) und Andrew Welsh-Huggins' Thriller "The Mailman" (FR). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst
Natalie Haddad (Hyperallergic) ist fassungslos, dass Solomon R. Guggenheim zwar Kandinsky und andere Maler des Blauen Reiter sammelte, Gabriele Münter aber schlicht übersah. Zum Glück sorgt das New Yorker Guggenheim Museum mit der Ausstellung "Contours of a World" nun dafür, dass auch die Amerikaner die Dynamik und Farbpracht der Malerin kennenlernen, etwa im Gemälde "The Letter" aus dem Jahr 1930: "Die vielschichtige Komposition zeigt eine lesende Frau auf einem Stuhl, uns den Rücken zugewandt, neben einer anderen Frau, die mit hochgelagertem Kopf im Bett liegt und uns zugewandt ist. Im Hintergrund sieht man eine grasgrüne Wand und weiße Vorhänge, die sich im Wind eines offenen Fensters bewegen. Die Bewegung von Natur und Menschen, die ozeanischen Farben, die wechselnden Fokuspunkte und der fließende Pinselstrich verschmelzen zu einem flüchtigen Augenblick, der bald vergangen ist. Es ist ein anmutiges Zeugnis von Münters Brillanz und eine Einladung in ihre Welt."
Weder Drohnen- und Raketenangriffe in der Region noch Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien können Sabrina Moura davon abhalten, für Monopol bestens gelaunt über die Diriyah-Biennale in Riad zu flanieren. Das Motto, das die Kuratoren Nora Razian und Sabih Ahmed ausgeben, lautet, die Welt nicht "kartografisch, sondern choreografisch" zu verstehen und so bewundert Moura hier Arbeiten, "die feste Vorstellungen von Identität auflösen. Damit bekräftigen sie die kuratorische These, dass Diaspora heute nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist. Ein Beispiel dafür ist Pacita Abads Werkgruppe 'Asian Abstractions' (1983-1992). Geprägt von Migration und von der Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkerinnen, erweitert sie die Malerei um Stickerei, Genähtes, Färbungen und andere textile Techniken." Und weil's so schön war, geht's direkt weiter nach Doha.
Weiteres: Urs Bühler besucht für die NZZ die Ausstellung "Body Sculpture" im Moyo im Maag-Areal in Zürich, die Aktfotografien aus der Privatsammlung des Schweizers Martin Bölsterli zeigt. Besprochen werden außerdem die Klara-Lidén-Ausstellung in den Kunst-Werken Berlin (FAZ, mehr hier) und die Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750" im Museum der Schönen Künste im belgischen Gent (Monopol).
Weder Drohnen- und Raketenangriffe in der Region noch Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien können Sabrina Moura davon abhalten, für Monopol bestens gelaunt über die Diriyah-Biennale in Riad zu flanieren. Das Motto, das die Kuratoren Nora Razian und Sabih Ahmed ausgeben, lautet, die Welt nicht "kartografisch, sondern choreografisch" zu verstehen und so bewundert Moura hier Arbeiten, "die feste Vorstellungen von Identität auflösen. Damit bekräftigen sie die kuratorische These, dass Diaspora heute nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist. Ein Beispiel dafür ist Pacita Abads Werkgruppe 'Asian Abstractions' (1983-1992). Geprägt von Migration und von der Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkerinnen, erweitert sie die Malerei um Stickerei, Genähtes, Färbungen und andere textile Techniken." Und weil's so schön war, geht's direkt weiter nach Doha.
Weiteres: Urs Bühler besucht für die NZZ die Ausstellung "Body Sculpture" im Moyo im Maag-Areal in Zürich, die Aktfotografien aus der Privatsammlung des Schweizers Martin Bölsterli zeigt. Besprochen werden außerdem die Klara-Lidén-Ausstellung in den Kunst-Werken Berlin (FAZ, mehr hier) und die Ausstellung "Unvergesslich. Künstlerinnen von Antwerpen bis Amsterdam, 1600-1750" im Museum der Schönen Künste im belgischen Gent (Monopol).
Bühne
Mit "Turandot" debütiert die Regisseurin Andrea Breth aktuell im Frankfurter Opernhaus. Im großen FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erklärt sie, weshalb sie Puccinis Oper in ihrer ganz banalen Boshaftigkeit inszeniert und weshalb sie generell nichts von Eingriffen in oder Kürzungen von Opern hält: "Im Schauspiel ist das eine unerträgliche Mode geworden. Es ist offenbar verwerflich, wenn man ein Stück noch spielt, wie es da steht. Für mich ist das eine Frage des Respekts. Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor Puccini und vor dem, was er da komponiert hat, so klug, so fein und so durchdacht. Und wenn ich nichts damit anfangen könnte, würde ich immer noch sagen: Dann macht man es eben nicht. Es wird keiner dazu gezwungen, etwas zu inszenieren."
Architektur
Pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Queen Elisabeth II. in wenigen Tagen ist zumindest Norman Fosters KI-Entwurf für ein der Königin gewidmetes Denkmal im Park von St. James fertig - und er könnte banaler nicht sein, seufzt Gina Thomas in der FAZ: Der Entwurf "spricht von einem Garten, der in der Mischung aus Formalität und Informalität das Wesen Elisabeths 'mit minimalen Auswirkungen auf die Natur und die Biodiversität' widerspiegeln soll. (…) Gegenüber dem St. James's Palast soll zudem ein neuer, die Paraderoute zwischen Trafalgar Square und Buckingham Palace säumender Platz einen monumentaleren Eingang in den Park schaffen. In der Mitte dieses Areals ist eine große figürliche Darstellung der stehenden Königin auf hohem Sockel vorgesehen. Wie zu Lebzeiten, als das Protokoll verlangte, dass er bei öffentlichen Anlässen immer einige Schritte Abstand von seiner Frau halte, wird eine Plastik des Prinzen von Edinburgh hinter dem Tor in der die vier Nationen des Vereinigten Königreiches symbolisierenden Bepflanzung errichtet."
Musik
Im Spektrum extremer Stromgitarrenmusik stehen Napalm Death für unglaubliche Grindcore-Geschwindigkeit (und Barney Greenways keifendes Gegrunze) und die Melvins für unglaubliche Sludge-Langsamkeit (und für Buzz Osbornes sägendes Geriffe samt Genöle). Für das Album "Savage Imperial Death March" haben sich beide nun zusammengetan und sorgen damit für "raues, düsteres Kollektiv-Quieken", schreibt Du Pham in der taz, wird aber nicht völlig warm mit dieser "adligen Ausgeburt einer Supergroup aus der Hölle. Die Buzz'schen Riffs im Wechsel mit metallischen Geschredder, das Schlagzeug ruckartig und immer nahe am Abgrund des Taktgefühls. Sie sind Antichristen, die miteinander Pferde stehlen", sich dabei aber gegenseitig ausbremsen: "Es könnte erfrischend sein, denn sie covern nicht sich selbst, sondern schaffen ein drittes Element. Das Neue ist nur leider nicht gut, sondern schrecklich", nur "beim letzten Track ist es ihnen gelungen, ihren jeweiligen Sound den nötigen Raum zu geben, sich musikalisch zu entfalten und etwas Gemeinsames zu schaffen". Wir wagen am frühen Morgen dennoch ein Ohr:
Helene Slancar staunt im Standard über den rasenden Erfolg, den das anonym auftretende kanadische Duo Khn und Klek gerade unter dem Namen Angine de Poitrine auf Social Media hat: Waghalsige Kostüme, noch waghalsigere Musik - da jauchzen Algorithmus, Feed und Timeline. "Wie Khn auf der Doppelhalsgitarre abwechselnd mikrotonale Lead-Melodie und Bass spielt und sich dabei mit dem Loop-Pedal selbst in alle Ewigkeit begleitet, ist nicht nur faszinierend anzusehen, sondern Teil der köstlichen Hypnose. Klek kontert dem Ganzen am Schlagzeug." Diese Musik vermittelt "durchaus ein Pathos, das den Nerv der Zeit trifft. Revolutionär ist die Komplexität und Fitzelei von Angine de Poitrine im Hinblick auf eine lange Prog- und Mathrock-Geschichte nicht unbedingt." Doch beeindruckt, "wie sich Angine de Poitrine so erfolgreich in einen Mainstream aus Synthesizer-Pop und Herschmerz-Texten drängen. ... Dada-Auftritt und Virtuosität stellen die sinnbefreiten Inhalte ordentlich in den Schatten."
Weiteres: Derya Türkmen porträtiert in der taz den türkischen Musiker Deniz Mahir Kartal. Steffen Rüth spricht in der FR mit Robyn über deren neues Album "Sexistential". Der englische Musiker Fil hat mittels einer Audioanalyse nachgewiesen, dass Taylor Swift auf ihren Touren zumindest passagenweise Playback singt, meldet Jean-Martin Büttner in der NZZ, was für die Sängerin indessen wohl "keine schwerwiegenden Folgen haben" dürfte, denn "dem Publikum ... geht es nicht um vokalen Purismus".
Besprochen werden ein von John Eliot Gardiner dirigiertes Bach-Konzert des Constellation Orchestra & Choir in Wien (Standard), Holly Humberstones Album "Cruel World" (Welt) und Jan Wehns Buch "Deutschrap" (FAZ).
Und eine Meldung aus den Agenturen: Hiphop-Pionier Afrika Bambaataa ist gestorben. 1982 vermählte er die Kühle von Kraftwerk mit dem Funk der Straßenpartys in der Bronx:
Helene Slancar staunt im Standard über den rasenden Erfolg, den das anonym auftretende kanadische Duo Khn und Klek gerade unter dem Namen Angine de Poitrine auf Social Media hat: Waghalsige Kostüme, noch waghalsigere Musik - da jauchzen Algorithmus, Feed und Timeline. "Wie Khn auf der Doppelhalsgitarre abwechselnd mikrotonale Lead-Melodie und Bass spielt und sich dabei mit dem Loop-Pedal selbst in alle Ewigkeit begleitet, ist nicht nur faszinierend anzusehen, sondern Teil der köstlichen Hypnose. Klek kontert dem Ganzen am Schlagzeug." Diese Musik vermittelt "durchaus ein Pathos, das den Nerv der Zeit trifft. Revolutionär ist die Komplexität und Fitzelei von Angine de Poitrine im Hinblick auf eine lange Prog- und Mathrock-Geschichte nicht unbedingt." Doch beeindruckt, "wie sich Angine de Poitrine so erfolgreich in einen Mainstream aus Synthesizer-Pop und Herschmerz-Texten drängen. ... Dada-Auftritt und Virtuosität stellen die sinnbefreiten Inhalte ordentlich in den Schatten."
Weiteres: Derya Türkmen porträtiert in der taz den türkischen Musiker Deniz Mahir Kartal. Steffen Rüth spricht in der FR mit Robyn über deren neues Album "Sexistential". Der englische Musiker Fil hat mittels einer Audioanalyse nachgewiesen, dass Taylor Swift auf ihren Touren zumindest passagenweise Playback singt, meldet Jean-Martin Büttner in der NZZ, was für die Sängerin indessen wohl "keine schwerwiegenden Folgen haben" dürfte, denn "dem Publikum ... geht es nicht um vokalen Purismus".
Besprochen werden ein von John Eliot Gardiner dirigiertes Bach-Konzert des Constellation Orchestra & Choir in Wien (Standard), Holly Humberstones Album "Cruel World" (Welt) und Jan Wehns Buch "Deutschrap" (FAZ).
Und eine Meldung aus den Agenturen: Hiphop-Pionier Afrika Bambaataa ist gestorben. 1982 vermählte er die Kühle von Kraftwerk mit dem Funk der Straßenpartys in der Bronx:
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