Im Kino
Russland ist dies, die Russen sind das
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
09.04.2026. Olivier Assayas erzählt in "Der Magier im Kreml", wie sich Russland bei vollem Bewusstsein die Luft zum Atmen nimmt. Wirklich überzeugend ist diese Simulation einer russischen Nabelschau leider nicht geraten.
Russland, Anfang der Neunziger: Junge Menschen, bunt und vielfältig, feiern die Freiheit, eine Sängerin reitet auf einem nackten Mann, der Alkohol fließt in Strömen, zwei Frauen küssen sich. Russland, zehn Jahre später: Junge Menschen, uniformiert und durchweg männlich, betrauern ihre toten Kameraden, der Alhohol fließt immer noch in Strömen, doch wenn Feldherr Wladimir zur Rede ansetzt, stehen alle stramm. Was eben noch in Bewegung war, erstarrt, was flüssig, fast gasförmig anmutete, gefriert. Olivier Assayas' "Der Magier im Kreml" erzählt von einem Land, das sich selbst bei vollem Bewusstsein die Luft zum Atmen nimmt.
Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman Giuliano da Empolis und entwirft, wie die Vorlage, die Geschichte des modernen Russlands aus einer fiktionalen Innenperspektive. Genauer gesagt sind es sogar zwei Schichten von Fiktion, durch die hindurch Film wie Buch Putins Russland betrachten. Bei Assayas entsprechen den beiden Schichten der Fiktion zwei Voice Over. Der erste gehört Lawrence Rowland (Jeffrey Wright), einem Wissenschaftler und Russland-Experten, der sich zu Filmbeginn nach Russland aufmacht, um Vadim Baranov (Paul Dano) ausfindig zu machen, eine mysteriöse, äußerst mächtige Figur der russischen Politik. Der zweite, weitaus wichtigere Voice-Over gehört eben diesem Baranov.
Baranov ist eine ausgedachte Figur, die allerdings in nicht wenigen Details von Wladislaw Surkow inspiriert ist, einem langjährigen Putin-Vertrauten und zeitweiligen stellvertretenden russischen Premierminister. Die beschwingt satirisch gehaltene und deutlich bessere erste Filmhälfte ist Baranovs Aufstieg in die inneren Zirkel der Macht gewidmet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzt der von außen wenig entschlussfreudig, fast lethargisch wirkende junge Mann sich zunächst ins Nachtleben und reüssiert als avantgardistischer Theaterregisseur; später macht er Karriere beim Fernsehen und entwirft schließlich Medienkampagnen für einen ehemaligen Geheimdienstler, der 1999 zum russischen Ministerpräsident ernannt wird: Wladimir Putin (Jude Law).

Nichts an dieser Erfolgsgeschichte ist folgerichtig. Baranov hat keine besonderen Fähigkeiten, ist weder besonders zynisch noch besonders draufgängerisch, er verfügt lediglich über das Talent, in einer äußerst dynamischen historischen Situation immer wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Paul Dano legt ihn an als einen, der ins Bild nicht tritt, sondern gleitet, geschmeidig und seelenruhig. Der leise und fast ohne Betonung spricht, ein bisschen wie Peter Lorre, von dem sich Dano möglicherweise auch das feine Lächeln abgeschaut hat, das seine Lippen praktisch andauernd umspielt.
In gewisser Weise ist Baranov ein Anti-Putin. Denn der Putin dieses Films ist einer, der hinter seinem Schreibtisch sitzt wie angenagelt. Und zwar, anders als sein lebensfroh-derangierter Vorgänger Jelzin, freiwillig. Eine fast schon aufreizend statische, ironiebefreite Präsenz. Baranov trifft an einer Stelle die Unterscheidung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen. Die Horizontale, das sind die weichen, alltäglichen sozialen Beziehungen, die Vertikale, das sind harte Machtbeziehungen. Putin ist ein Mann der Vertikalen. Baranov hingegen ist ein Mann der Horizontalen, der die Vertikale umschmeichelt. Ohne so recht erklären zu können, wieso.
Denn er hätte durchaus eine andere Möglichkeit gehabt. Diese andere Möglichkeit wird im Film von Ksenia (Alicia Vikander) verkörpert, einer freigeistigen Künsterin, die in den wilden Neunzigern eine Weile lang Baranovs Geliebte ist, dann aus seinem Leben und dem Film verschwindet, nur um später wiederzukehren, als schlechtes Gewissen und Geist der verpassten Chancen. Verpasste Chancen für Baranov, der Ksenia, einsam auf einer Yacht zurückbleibend, traurig hinterher blickt, wenn sie ins Blau der Côte d'Azur eintaucht, aber auch verpasste Chancen für Russland, das Land, das in den 1990ern eine einmalige Chance nicht genutzt hat; das sich nicht der Welt geöffnet, sondern sich vor ihr verschlossen hat.

Das Malais dieses Russlands rückt in der zweiten Hälfte in leider wenig erhellender Manier ins Zentrum. Der Film verliert an Zug und sich im Episodischen. Wir besuchen russische Trollfabriken, die wie eine schlechte Parodie auf amerikanische Internet-Startups wirken und lernen rechtsradikale russische Biker kennen, die sich Putin als enthusiastisches Fußvolk andienen. Eduard Limonov ist plötzlich da und gleich wieder weg. Garri Kasparow schaut vorbei, warum auch immer. Baranov mutiert derweil des Öfteren zum Russlanderklärer vor dem Herrn. Russlands Politik wird mit der Axt geformt, sagt Baranov. Die Russen brauchen Stabilität und Autorität, sagt Baranov. Russland muss zu einem Ort werden, an dem man seine Wut auf die Welt ausleben kann, sagt Baranov. Russland ist dies, die Russen sind das.
Ein bisschen solipsistisch wirkt das alles, wie die Simulation einer Russland-Nabelschau. Die gleichzeitig veritable blinde Flecken hat. Der Maidan und die Annexion der Krim kommen zwar vor, aber dass de Empolis Buch vor der jüngsten Eskalation in der Ukraine im Jahr 2022 geschrieben wurde, merkt man auch der Filmversion - dessen Drehbuch Assayas gemeinsam mit Emmanuel Carrère verfasste - noch an. Den putinistischen Schritt von der inneren Verhärtung zur Aggression nach Außen vollzieht "Der Magier im Kreml" nicht nach.
Tatsächlich scheint Assayas, wenn er Baranov als post-Truth-Ideologen stilisiert, eher auf Trump als auf Putin zu zielen. Ein bisschen arg viel Politdiskurs, Medienkritik und Zeitgeschichte wird diesem Baranov im Laufe des Films aufgepfropft. Mehr und mehr gerät dabei aus dem Blick, was an der Figur und dem Film zunächst durchaus interessant ist: die Frage, was mit einem Einzelnen und auch mit einer Gesellschaft passiert, nachdem sich ein Fenster der - und sei es auch nur illusorischen - Freiheit wieder geschlossen hat.
In mancher Hinsicht schließt diese Frage an einige ältere Assayas-Filme an, die sich mit dem Erbe der 68er-Bewegung beschäftigen; insbesondere an den autobiografisch inspirierten "Après mai", der von Gilles erzählte, einem jungen Mann, der zunächst in linksbewegten Zeiten verloren zu gehen droht, später jedoch in der Filmkunst Halt findet. In gewisser Weise ist Baranov ein böser Wiedergänger Gilles', einer, der die Träume seiner Jugend nicht in Kunst, sondern in Paranoia ummünzt. Eine bittere, antinostalgische Pointe, die einen präziseren, griffigeren Film verdient gehabt hätte.
Lukas Foerster
Der Magier im Kreml - USA, Frankreich 2025 - OT: Le Mage du Kremlin - Regie: Olivier Assayas - mit: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Jeffrey Wright - Laufzeit: 156 Minuten.
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