Efeu - Die Kulturrundschau

Lieben- und Nichtliebenkönnen

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18.03.2026. Banksy ist (vielleicht) enttarnt, jetzt streiten die Feuilletons, ob das eine gute Sache ist. Der Tagesspiegel meint klar: nein, die SZ ist sich nicht so sicher. Die FAZ taucht in  Frankfurt in die Wellen des Strands von Etretat, der zahlreiche Maler inspirierte. Außerdem unterhält sie sich mit dem Buchpreisträger Miljenko Jergović über Literatur und Kriegserfahrung. Die taz erklärt, warum Paolo Sorrentinos wunderschön fotografierter Film "La Grazia" über einen Machtpolitiker problematisch ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2026 finden Sie hier

Literatur

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Heute Abend erhält Miljenko Jergović den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In der FAZ spricht der Schriftsteller mit Michael Martens über seine Literatur, die das Ethos der Fremderfahrung und der Empathie mit den Minderheiten hochhält, und dies am Beispiel seiner Texte über Sarajevo im Krieg: "Wie ist es, in einer Stadt zu leben, die von den eigenen Landsleuten belagert wird, oft sogar von Verwandten oder leiblichen Brüdern? Und was ist schwerer: die ständige Gefahr der eigenen Verwundung und des eigenen Todes zu ertragen - oder die Tatsache, dass die Nachbarn in einem den Landsmann oder Bruder und Verwandten derer sehen, die auf die Stadt schießen? Ich versichere Ihnen: Viel schwerer ist Letzteres. In den Augen dieses Menschen zeigt sich das authentischste Bild einer belagerten Stadt. Der Schrecken ist durch nichts gemildert, er ist nicht kollektiviert, nicht in den Geist einer Gemeinschaft eingebettet, er findet in keinem religiösen System Trost. Dieser Mensch ist der vollkommene Einzelgänger, über den sich alles Übel dieser Welt ergossen hat. ... Der Blick solcher Minderheiten auf die Welt bildet das Fundament der Literatur."

Nicht zuletzt unter den jüngsten Eindrücken des Ukrainekriegs macht sich Jergović wenig Illusionen darüber, dass Osteuropa für Zentraleuropa nicht wirklich gleichberechtigt ist: "Was ich schon 1992 verstanden habe: dass wir im damaligen Jugoslawien außerhalb jenes Raums liegen, den 'echte Europäer' als Europa betrachten", sagt er im Interview mit dem Tagesspiegel. "Aber ebenso wusste ich, dass diese 'echten Europäer' auch die Ukraine nicht als Europa wahrnehmen würden, wenn Wladimir Putin nicht über die Ukraine hinweg auch ihnen gedroht hätte." 

In der SZ würdigt Tobias Zick Jergović: "Schriftsteller zu sein bedeute 'im Grunde, ein Fremder zu sein': Dieses Selbstverständnis spiegelt sich bei Jergović zum einen in diesem Misstrauen gegen jegliches Kollektiv, zum anderen in seiner Arbeitsweise. Die Menschen sind bei ihm immer in erster Linie sie selbst. Er kategorisiert nicht, sondern er tut das, was Schriftsteller halt tun, wenn sie gut sind: Er nimmt genau wahr, und er beschreibt und erzählt, statt zu werten. Und so lässt er den Menschen auf eine sehr handwerkliche Weise Gerechtigkeit angedeihen."

Weitere Artikel: Bestseller-Autorin Cornelia Funke spricht in der NZZ mit Maurice Köpfli über das Geheimnis ihres Erfolgs. Die Agenturen melden, dass der Thriller-Autor Len Deighton (u.a. "The Ipcress Files") gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Ursula K. Le Guins "Lavinia" (FR), Ines Geipels "Landschaft ohne Zeugen" (Standard), Helene Bukowskis "Wer möchte nicht im Leben bleiben" (taz, SZ), Lukas Rietzschels "Sanditz" (taz), Elli Unruhs "Fische im Trüben" (taz) und Elias Hirschls "Schleifen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Gustave Courbet - Die Woge. © Städel Museum

Eine tolle Ausstellung schaut sich FAZler Stefan Trinks im Frankfurter Städel an. Wobei deren Titel "Monets Küste. Die Entdeckung von Etretat" schon ein bisschen Etikettenschwindel ist: Monet hat die nordfranzösische Bucht mit der elefantenartig anmutenden Felsnadel, um die sich hier alles dreht, zwar in der Tat mehrmals gemalt, aber er war keineswegs der einzige und auch nicht der erste. Unter den vielen Étretat-Bildern, die die Frankfurter Ausstellung versammelt, hebt Trinks unter anderem ein Wellen-Bild Gustave Courbets hervor: "Das Momenthafte einer anrollenden Riesenwelle versteinert Courbet zu gemalter Bildhauerei; die Bootswinden sowie die Menschen lässt er fort und betont dadurch die Aura der Verlassenheit. Sein geologisches Interesse an den Felsen zelebriert er, wenn er Étretat wie eine dunkle Aneinanderreihung von menschenartig prähistorischen Menhiren verlebendigt porträtiert." Für die FR bespricht Lisa Berins die Schau.

Ein "Glanzstück an Ausstellungsarchitektur, Kunsterlebnis, Raumerfahrung" ist die Ausstellung "Brancusi", jubelt Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Die erste dem titelgebenden rumänisch-französischen Bildhauer gewidmete Schau seit vierzig Jahren ist in der Berliner Neuen Nationalgalerie zu sehen und zeichnet die Genese eines Werkes nach, das Abstraktionstendenzen in der Skulptur entscheidend voran brachte: "Von der 'Schlafenden Muse' ausgehend kann der Besucher sukzessive die Verdichtung des menschlichen Kopfes auf das Wesentliche verfolgen. Die Reihe beginnt mit einer 'Schlafenden' aus Marmor von 1908, die noch Brancusis Zeit im Atelier von Rodin verrät, und endet ein Vierteljahrhundert später bei einem völlig geglätteten Stein aus Onyx, der nur noch eiförmig ist. Den Untertitel 'Skulptur für Blinde' richtete Brancusi an seine Kritiker, die darin nur einen überdimensionalen Kiesel erkennen wollten."

Eifrig kommentiert wird die womögliche Enttarnung Banksys durch die Nachrichtenagentur Reuters (siehe hier). Nikolaus Bernau ist im Tagesspiegel not amused. Denn, findet er, "eine liberale Gesellschaft, die die Rechte des Individuums auf Selbstbestimmung auch nur ansatzweise ernst nimmt, muss akzeptieren, wie eine Person sich selbst benennt, solange niemand durch die Wahrung der Anonymität Schaden erleidet. Zumal, wenn die Anonymität zum Werk gehört: Wir wissen doch, wie der Künstler des brillanten Bildes heißt, das in der Ukraine einen in einer Ruine Duschenden zeigt: Banksy." Jakob Biazza hält in der SZ dagegen und meint: Wenn jemand mit dem Pfund seiner Anonymität derart wuchert wie Banksy das tut, gehört die Möglichkeit der Enttarnung zum Spiel: "Weil das öffentliche Interesse an Banksy in der Hauptsache in seiner möglichen Enttarnung besteht, besteht ein öffentliches Interesse daran, ihn zu enttarnen. Das ist das Spiel. Wer mitspielen will, unterwirft sich den Regeln. Oder findet Wege, die Regeln einmal mehr zu ändern. Bislang ist ihm das ja noch erstaunlich oft gelungen." Für die Presse kommentiert Karl Gaulhofer.

Weiteres: Die Akademie der Künste protestiert gegen die Halbierung der Preissumme beim Kunstpreis Berlin, berichtet der Tagesspiegel. Mehr dazu auf monopol. Sophie Jung besucht für die taz derweil eine Diskussionsveranstaltung zu Sponsoring und Kunstförderung in der Neuen Nationalgalerie. Niklas Maak ruft in der FAZ dem Kunstsammler Egidio Marzona nach, auf monopol gedenkt Bernhard Schulz Marzona. Markus Woeller schreibt in der Welt über die Gefährdung der Art Dubai durch iranische Raketen. Besprochen wird die Schau "Wie geht's? Die Ausstellung über mentale Gesundheit" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (FAZ).
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Bühne

Oper Dortmund - Mazeppa. Anna Sohn. © Björn Hickmann

FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist begeistert, an der Oper Dortmund die Großtat einer immer noch viel zu unbekannten Komponistin entdecken zu können: Martin G. Berger inszeniert hier "Mazeppa", ein mit viel Feingefühl erarbeitetes Singspiel der Chopin-Schülerin Clémence de Grandval. "Die Frau konnte komponieren", ruft Brachmann. Er ist zwar nicht ganz überzeugt davon, wie man in Dortmund mit der prorussischen Schlagseite des Librettos umgeht - Bergers Version entfernt kurzerhand jede konkrete geografische Verortung, was der Aufführung den Charakter raube. Viel Lob gibt's aber für die erstklassigen Gesangsdarbietungen: "Anna Sohn als Matréna beginnt vokal mit der oboenschlanken Grazie einer 'Figaro'-Susanna, um sich dann flutend zu entgrenzen in den generösen Lyrismus des frühen Puccini. Sungho Kim als Krieger Iskra singt mit einem Tenor, der über den zärtlichsten Konversationston genauso selbstverständlich verfügt wie über heldische Wehrbereitschaft. Und der Bariton Mandla Mndebele gibt dem Mazeppa eine vibrierende Noblesse, die sich aus seelischer wie körperlicher Geschundenheit herauskämpft."

Weiteres: Esther Slevogt überlegt auf nachtkritik, was Habermas' Tod für das Regietheater bedeutet. Christoph Irrgeher beteiligt sich im Standard an den Spekulationen darüber, wer bei den Salzburger Festspielen Intendant Markus Hinterhäuser beerben wird. Matthias Wildhagen berichtet in der NZZ von den ambitionierten Plänen, die Matthias Schulz als neuer Chef des Opernhaus Zürich verwirklichen will. Besprochen wird "Große Stille", ein Opernabend nach Mozart, inszeniert von Christoph Rüping an der Hamburgerischen Staatsoper (Welt - "XXL-Flop in Mozarts Namen").
Archiv: Bühne

Musik

Arne Löffel plaudert in der FR mit Romano über dessen neues Album. Und: Auf Facebook mehren sich die Hinweise, dass Bettina Köster von den deutschen Punk-Urgesteinen Mania D und Malaria gestorben sein soll.

Besprochen werden neue Rap-Veröffentlichungen von Fakemink und Xaviersobased (taz) sowie die Soli-Compilation "Help (2)" zugunsten von Kindern in Not (SZ).
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Film

Hier wirkt alles wunderschön: "La Grazia" von Paolo Sorrentino


Mit "La Grazia" schließt Paolo Sorrentino seine Trilogie über Machtpolitiker ab. In diesen Filmen "schiebt sich die Macht ... zwischen die Figuren und ihre Welt", schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. "Machtvoll sein steht hier immer in Bezug zum Lieben- und Nichtliebenkönnen der entweder traurigen oder abstoßenden Helden Sorrentinos." Von den ersten beiden Filmen unterscheidet sich dieser aber "durch seine Titelheldin, die Gnade. Sie steht im Kern der Geschichte und ihr Begriff wird in den zwei Stunden, die dieser Film dauert, durchdekliniert in der Mehrdeutigkeit, die er in der italienischen Sprache hat: als Verzeihen (sich selbst und anderen), als Begnadigung im juristischen Sinn, in seiner religiösen Bedeutung, als göttliche Gnade, als Anmut, Eleganz und eben Schönheit und als Dankbarkeit." Doch "durch das selbstverliebte Kameraauge dieser Filme betrachtet, wirkt alles wunderschön. Und die universelle und damit auch wahllos anmutende Ästhetisierung von allem ist in ihrem Glorifizierungspotenzial schon auch problematisch."

Anrührend plausibel: "Der Astronaut" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller


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Mit Phil Lords und Christopher Millers gleichnamiger Verfilmung von Andy Weirs Science-Fiction-Roman "Der Astronaut" kommt Sandra Hüllers Hollywood-Debüt in die Kinos. Der eigentliche Hauptdarsteller ist aber Ryan Gosling als einziger Überlebender einer Raummission, deren Gelingen für den Fortbestand der Menschen auf der Erde entscheidend ist. Der Film handelt von Solidarität, schreibt Dietmar Dath (FAZ) über diesen "klugen, in der Mitte ein bisschen länglichen, insgesamt aber sehr schönen und stellenweise superlustigen" Film. "Sprache und Schrift sind ... oftmals graziös durch allerlei Musik hindurchgeflochten, vom schmiegsamen Soundtrack über melancholisch singende Figuren bis zu den berühmten fünf Tönen aus Steven Spielbergs 'Close Encounters of the Third Kind' (1977), die an einer Stelle erklingen, die das fragile Kunststück fertigbringt, medienhistorische Cleverness mit tiefhumaner Komik zu vermählen. Den kalten kosmischen Schauplatz belebt das Drehbuch von Drew Goddard fortwährend mit emotionaler Wärme, manchmal auch mit ein bisschen zu viel Süße, aber in den ernsten Passagen ausnahmslos anrührend plausibel." Bert Rebhandl stößt sich derweil im Standard daran, dass diese Verfilmung "sich nicht so richtig entscheiden kann, ob sie es eher mit Stanley Kubrick ('2001 - Odysee im Weltraum') oder mit Steven Spielberg ('E.T. - Der Außerirdische') halten soll".

Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Busche Sandra Hüller: "Das ist das Schöne an den Rollen, die Sandra Hüller spielt: Man hat immer den Eindruck, dass ihre Figuren ein Geheimnis verbergen, von dem sie selbst nicht mal ahnen, dass es überhaupt eins gibt. Sie schafft es, dass diese unartikulierte Leerstelle wie eine Irritation stets im Hintergrund mitschwingt, durch eine kleine Veränderung in der Körpersprache oder eine leichte Verschiebung bei der Betonung eines Satzes."

Außerdem: Carolin Gasteiger spricht für die SZ mit Cilian Murphy, der im Kinofilm zum Netflix-Serienhit "Peaky Blinders" wieder als Tommy Shelby zu sehen ist. Besprochen wird Nancy Biniadakis "Maysoon" (critic.de).
Archiv: Film