Efeu - Die Kulturrundschau
Beleuchtung des schwarzen Raums
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09.01.2026. In der SZ hält der iranische Regisseur Jafar Panahi fest: Es geht nicht mehr um Reformen im Iran, sondern um eine richtige Veränderung ohne das Regime. In der Welt erklärt die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, weshalb "Marschroute eines Lebens" von Jewgenia Ginsburg sie besonders geprägt hat. Monopol schaut sich in der zeitgenössichen Kunstszene Japans um. Im Tagesspiegel erläutert der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, was "Red-Ship-Art" ist.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
09.01.2026
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Film

Susan Vahabzahdeh erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Jafar Panahi, dessen neuer, in Cannes ausgezeichneter Film "Ein einfacher Unfall" diese Woche in Deutschland anläuft (unser Resümee). Der Film erzählt von einer Konfrontation eines in einem iranischen Gefängnis Gefolterten mit dessen Folterer. "Einmal sagt einer aus der Gruppe in seinem Film: Wir sind nicht wie die. Sie wollen besser sein, gerechter als ihre Unterdrücker." Diese "Frage muss gestellt werden", sagt Panahi: "Sollen wir diese Gewalt fortsetzen, oder ist der Moment gekommen, damit aufzuhören und aufzubauen statt zu vernichten?" In Iran, "beteuert er, finden Gespräche, wie seine Filmfiguren sie führen - die Diskussionen über Recht und Unrecht und auf welchen Werten ein neues Iran aufbauen soll - tatsächlich statt: 'Wir reden hier nicht mehr von Reformen, die Umstände sind unerträglich geworden. Auch bei der 'Frau, Leben, Freiheit'-Bewegung sieht man: Reformen sind nicht mehr auf dem Tisch. Anders als früher wollen die Leute eine richtig große Veränderung sehen. Ohne dieses Regime."

In Craig Brewers "Song Sung Blue" spielt Hugh Jackman Mike Sardina, einen jener zahlreichen Lokalmatadore, die mit Coverversionen großer Stars und einem Extra-Maß an Leidenschaft für die (nicht immer ganz großen) Bühnen unermüdlich durchs amerikanische Hinterland und dessen Konzert-Venues tingeln. Kamil Moll hat in der Welt sehr viel Freude an dieser "längst verschwundenen Spielweise des amerikanischen Kinos: der populistischen Tragikomödie mit Working-Class-Grundierung, die sich souverän von einer leichtherzigen Romanze zum unpathetisch erzählten Melodram wandelt." Am besten gefallen ihm die Hauptdarsteller Jackman und Kate Hudson, sie entlocken einander "Performances, die überlebensgroß und intim zugleich sind." Der Film hat auch eine politische Komponente, findet Axel Timo Purr auf Artechock: "Nettigkeit erscheint als bewusste Entscheidung, als Widerstand gegen Verhärtung und Vereinzelung. In einer Zeit, in der Zynismus oft als analytische Schärfe missverstanden wird, entfaltet diese Haltung eine unerwartete Radikalität."

Die Realität hat die Fiktion überholt, schreibt Matthias Hannemann in der FAZ anlässlich der dritten Staffel der Apple-Serie "Teheran". Die israelische Serie handelt von einer in den Iran eingeschleusten Undercover-Agentin. Allerdings erzählt die bereits im Sommer 2023 abgedrehte aktuelle Staffel nun von einer Welt, in der es den 7. Oktober nicht gegeben hat. Ähnlich wie vor zehn Jahren die Serie "Fauda" vermittelte die Serie bislang "das Gefühl, mitten in der durch Nachrichtenbilder nur unzureichend erfahrbaren Welt des Vorderen Orients zu sein. Dieses Gefühl geht der Fortsetzung ab. Man meint zu spüren, dass westliche Autoren sie geschrieben haben. Die Routine-Falle schnappt zu. Und dann eben das Geschehen seit Abschluss der Dreharbeiten im Sommer 2023. ... Spätestens mit dem US-Luftangriff vom Juni 2025 passen Realität und Serie nicht mehr zusammen", da wird "die vierte Staffel gehörig updaten müssen".
Weiteres: Jakob Thaller gleicht im Standard ab, was von den Zukunftsversprechungen in Fritz Langs zumindest laut literarischer Vorlage im Jahr 2026 angesiedeltem Stummfilmklassiker "Metropolis" geblieben ist. Besprochen werden Michiel ter Horns "Fabula" (Perlentaucher), Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Brendan Fraser (Standard, Artechock), Derek Cianfrances "Roofman" mit Channing Tatum (NZZ), die brasilianische Netflix-Serie "The Endless Night", die laut NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier von einem Fall mit bemerkenswerten Parallelen zu dem Brand von Crans-Montana handelt, und Ric Roman Waughs Actionthriller "Greenland 2" (Welt).
Literatur
In der Literarischen Welt (online nachgereicht) erklärt die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, welche Bücher sie besonders geprägt haben. Darunter befindet sich auch "Marschroute eines Lebens" von Jewgenia Ginsburg: "Seit meiner Kindheit war ich von Freundinnen meiner Großmutter umgeben, die den Gulag überlebt hatten. Natürlich setzte sich niemand neben mich, um mir eigene Geschichte zu erzählen. Es waren Halbsätze, Bruchstücke von Erinnerungen. Als ich das Manuskript von Jewgenia Ginsburg las, war das genau die Art von Erzählung, die ich immer hatte hören wollen: wie eine junge, gebildete Frau, die an den Kommunismus und an die Partei glaubte, in die stalinistischen Gefängnisse geriet; wie sie allmählich erkannte, dass alles, was ihr widerfuhr, das Ergebnis des von Lenin und Stalin geschaffenen Systems war. Gefängnisse, Verhöre, der Gulag auf der Kolyma - für mich war dieses Buch die Beleuchtung des schwarzen Raums der Vergangenheit, in den ich eintreten wollte."
Besprochen werden unter anderem Sayaka Muratas "Schwindende Welt" (taz), Jolán Földes' "Die Strasse der fischenden Katze" (NZZ), Molly Thynnes Krimi "Eingeschneit mit einem Mörder" (FR) und Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Sayaka Muratas "Schwindende Welt" (taz), Jolán Földes' "Die Strasse der fischenden Katze" (NZZ), Molly Thynnes Krimi "Eingeschneit mit einem Mörder" (FR) und Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst

Unter dem Titel "Roppongi Crossings" zeigt das Mori Art Museum in Tokyo alle drei Jahre zeitgenössische Künstler aus Japan oder der japanischen Diaspora und bei Monopol staunt Elke Buhr, wie zeitgenössisch hier auch traditionelles Kunsthandwerk wirken kann: "Geradezu körperlich wirken ... die mannsgroßen, abstrakten Keramikobjekte des 1981 geborenen Künstlers Takuro Kuwata, die mit ihrer expressiven Wulstigkeit und den starken Farben so gar nicht der feinen Keramiktradition des Landes zu entsprechen scheinen - und sich doch auf sie beziehen, indem sie kleine Fehler und Sprünge, die während des Brennprozesses entstehen, bewusst mit einbeziehen und als Teil der Schönheit des Objekts verstehen."

Künstlerbücher werden selten gewürdigt, wenn sie erscheinen, dann in kleinen Auflagen. Noch schwieriger war es für Künstler in der DDR, ihre Botschaften und Arbeiten zu verbreiten, erkennt Sandra Rendgen (Monopol) in der Ausstellung "Die Tage waren gezählt" im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus. Und doch gelang es den Künstlern, ihre Arbeiten zirkulieren zu lassen: "Projekte von fast epischen Ausmaßen waren die periodisch erscheinenden Künstlerzeitschriften 'Schaden' (17 Ausgaben ab 1984) und 'Anschlag' (zehn Ausgaben ab 1984). Sie erschienen im Eigenverlag; der 'Schaden' mit lediglich 35 Exemplaren. Die Zeitschrift enthielt literarische und theoretische Texte (die mit Durchschrift auf der Schreibmaschine vervielfältigt wurden), gelegentlich auch mal Noten oder andere Materialien, und vor allem Fotografien und Grafik. Die Cover der siebzehn Ausgaben waren jeweils originale Zeichnungen, etwa mit Farbkreiden gezeichnet - und auch hier ist jedem Blatt die Frage eingeschrieben: Wie können wir gegen die Enge und Apathie des Systems angehen, inhaltlich und ästhetisch?"
Seit ein paar Jahren schwirrt der Begriff "Red-Chip-Art" für kommerziell und popkulturell ausgerichtete Kunst durch die Kunstwelt, schreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der sich dem Phänomen im Tagesspiegel zu nähern versucht: "Generell entsteht Red-Chip-Kunst stark nachfrageorientiert und wirkt deshalb umso kommerzieller. Sie will nicht provozieren oder verrätseln, um sich als autonom zu behaupten, sondern macht sich mit den Fans gemein. Sie unterstützt diese emotional, will geliebt und 'gelikt' werden. Auch daher passt sie so gut in die Erfolgslogik Sozialer Medien. Ohne Instagram gäbe es gar keine Red-Chip-Kunst, denn es braucht Orte jenseits etablierter Kunstinstitutionen, damit diese Spielarten von Kunst überhaupt sichtbar werden, damit sich um sie herum Communitys von Fans bilden können."
Besprochen werden die Ausstellungen "Expedition Zeichnung - Niederländische Meister unter der Lupe" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (FAZ) und "Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada." in der Berlinischen Galerie ("Ein lebenspraller Blick in eine Avantgarde, die ihre beste Zeit vor hundert Jahren hatte und deren Schatten fast schon menetekelhaft ins Heute reicht", so Paul Jandl in der NZZ. Mehr hier).
Bühne

Für ihre Graphic Novel "Welche Farbe hat Erinnerung?" besuchte Barbara Yelin die Holocaust-Überlebende Emmie Arbel in Israel, deren Erfahrungen in Ravensbrück und Bergen-Belsen sie direkt und ungeschönt darstellt, meint Nachtkritikerin Elena Philipp. Wie aber bringt man einen solchen Stoff für Jugendliche auf die Bühne, herrscht am Theater doch der Kodex, die Gewalt der Shoa nicht zu reproduzieren?. Am besten so wie Sharon On am Berliner Theater Strahl, lernt die Kritikerin: On "deutet das Grauen nur an. Als es um die Ankunft in Ravensbrück geht, wechselt die Lichtstimmung ins Düstere und ein durchdringender Sound schrillt über die Bühne. Brutal wühlen die vier Spieler*innen in ihren Haaren. Nur kurz konfrontiert On die Zuschauer*innen mit diesem Bild - ästhetisch erscheint dieses Mittel des abstrahierten Gewaltmoments weiter nicht gangbar, nur der Sound ist bei ähnlichen Inhalten weitere Male noch zu hören."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting der Opernsängerin Waltraud Meier zum Siebzigsten. Besprochen wird außerdem Marius von Mayenburgs Stück "Egal" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik).
Musik
Axel Brüggemann schlägt in Backstage Classical die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er sieht, was ARD Klassik auf Instagram aktuell veranstaltet: Zwei junge Reel-Hosts namens Louis und Konrad führen da alles Mögliche an Kapriolen auf, um ja nicht über Klassik reden zu müssen, sollen dabei aber offenbar doch irgendwie vermitteln, "dass Klassik nicht weh tut, total cool ist - also wirklich und in echt. Dabei kommen Louis und Konrad so cringe rüber, als wären sie von einer 62jährigen Redakteurin des MDR kurz vor ihrer Pensionierung erfunden worden. ... Mit ihren neuen Klassik-Boys zeigt die ARD, dass sie in der Welt der Musik nicht nur bei 'Mozart Mozart' daneben gegriffen hat. Der Sender scheint der Kunst selber nicht mehr zu vertrauen. Kulturprogramme werden abgeschafft, Sender fusioniert, über Einsparungen bei den Rundfunkorchestern wird nachgedacht. So gesehen sind Louis und Konrad wohl lediglich die Vorboten der endgültigen Aufgabe des Kulturauftrags."
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Yelizaveta Landenberger schildert Jacek "Ost" Zyla seine Eindrücke von der Ukraine-Tour, die er mit seiner Leipziger Thrash-Metal-Band Hämatom gerade absolviert hat - mehrere Stunden in Schutzbunkern inklusive. Richtig nervig findet es Clara-Sophia Müller in der taz, wie sich ein "subkulturelles Bürgertum" in warmen Stuben an der Haftbefehl-Doku und am krassen Rhein-Main-Rap ergötzt: "Puh, war das heftig! Einmal im Leben richtige Drogensucht im TV gesehen." A$AP Rockys neues Musikvideo "Punk Rocky" zeigt im Lichte der aktuellen Ereignisse in Minneapolis, wo ein ICE-Häscher eine Frau erschossen hat, "wieder einmal grässlich, wie schnell man selbst maximal groteske Inszenierungen heute als untertrieben empfindet", schreibt Joachim Hentschel in der SZ.
Besprochen werden Louis Juckers "A Pharmacy of Songs" (NZZ), Apache 207s Auftritt in Wien (Standard), ein neues Album von Heinz Rudolf Kunze (Standard), das Snocaps-Album "s.t." (FR) und das neue Album von Dry Cleaning, das laut tazlerin Beate Scheder aufs Neue "fiebertraumartige Songtexte, collagiert aus diversen Absonderlichkeiten", bietet.
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Yelizaveta Landenberger schildert Jacek "Ost" Zyla seine Eindrücke von der Ukraine-Tour, die er mit seiner Leipziger Thrash-Metal-Band Hämatom gerade absolviert hat - mehrere Stunden in Schutzbunkern inklusive. Richtig nervig findet es Clara-Sophia Müller in der taz, wie sich ein "subkulturelles Bürgertum" in warmen Stuben an der Haftbefehl-Doku und am krassen Rhein-Main-Rap ergötzt: "Puh, war das heftig! Einmal im Leben richtige Drogensucht im TV gesehen." A$AP Rockys neues Musikvideo "Punk Rocky" zeigt im Lichte der aktuellen Ereignisse in Minneapolis, wo ein ICE-Häscher eine Frau erschossen hat, "wieder einmal grässlich, wie schnell man selbst maximal groteske Inszenierungen heute als untertrieben empfindet", schreibt Joachim Hentschel in der SZ.
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