Efeu - Die Kulturrundschau

Suche nach der ungeteilten Welt

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09.12.2025. Der Tagesspiegel resümiert László Krasznahorkais Nobelpreisrede, die einen "unheimlichen Blick in den Abgrund einer ausgeplünderten Erde" wirft. Der Netflix-Warner-Krimi geht weiter: Nun hat Paramount als trump-naher Konzern sein Angebot erhöht. Die taz porträtiert den israelischen Künstler Zeev Engelmayer, der die Opfer des 7. Oktober und in Gaza auf Postkarten vor Augen führt. Die Theaterkritiker amüsieren sich prächtig, wenn Sophie Rois als Franz von Assisi an der Volksbühne Brathähnchen speisend in den Klassenkampf zieht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2025 finden Sie hier

Literatur



Gregor Dotzauer resümiert im Tagesspiegel die Nobelpreisrede, die László Krasznahorkai gestern in Stockholm gehalten hat. Es war ein Hochamt des apokalyptischen Denkens. Eigentlich wollte der ungarische Schriftsteller über die Hoffnung sprechen, hat "dann aber feststellen müssen, dass seine Hoffnungsvorräte ein für allemal aufgebraucht seien" und dass auch die großen Hoffnungsstifter der Kulturgeschichte "unbrauchbar geworden sind. ... Die Engel, die der ungarische Apokalyptiker vor sich sieht, sind nicht nur flügellahm, sondern flügelamputiert. ... In den unseligen Strukturen einer Welt, deren Zeit- und Raumverständnis, so Krasznahorkai, von neuen Herrschern wie Elon Musk organisiert wird, verkörpern sie nur noch eine Heilige Nacht der schwärzesten Art - die Nacht alles Heiligen. ... Wie er im Schweinsgalopp durch die Evolutionsgeschichte eilte, in deren Verlauf sich der Mensch aufrichtet und im Herzen wieder verkrümmt, einen Glauben gewinnt und wieder ablegt, und aus magischen Traditionen ein Kunstverständnis entwickelt, das in Leonardos 'Letztem Abendmahl' und der Musik von Johann Sebastian Bach gipfelt, das war der unheimliche Blick in den Abgrund einer ausgeplünderten Erde, die keine zweite Chance bekommen wird."

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Weitere Artikel: Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel über den bosnisch-kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović, der für seinen Erzählband "Das verrückte Herz" im nächsten Jahr den Europäischen Verständigungspreis der Leipziger Buchmesse erhält. Daniel Zylbersztajn-Lewandowski erzählt in der taz von seiner Reise ins britische Chawton, wo Jane Austen einst wohnte. Hubert Spiegel gratuliert in der FAZ dem Literaturwissenschaftler Wulf Segebrecht zum 90. Geburtstag. Ebenfalls 90 wird der Literaturwissenschaftler Friedrich Pfäfflin, dem Wolfgang Matz in der FAZ gratuliert. Und das Tell-Team gibt Kinderbuch-Tipps zu Weihnachten.

Besprochen werden unter anderem Woody Allens Romandebüt "What's with Baum?" (Standard), John Banvilles "Schatten der Gondeln" (NZZ), Romain Garys "Europäische Erziehung" (NZZ), Doris Dörries "Wohnen" (online nachgereicht von der Zeit) und László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Die Auseinandersetzungen um die geplante Warner-Übernahme durch Netflix halten an. Nun wendet sich Paramount direkt an die Warner-Auktionäre und erhöht das Angebot auf 108 Milliarden Dollar, melden die Agenturen. Paramount wurde kürzlich von Larry Ellison übernommen, der Trump sehr nahe steht. Außerdem ist "unter den Geldgebern auch die Investmentfirma Affinity Partners von Jared Kushner, der ein Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump ist." Anders als Netflix möchte Paramount dabei auch den trump-kritischen Nachrichtensender CNN schlucken, der zu Warner zählt. Laut Guardian gab es bereits vor einigen Wochen Gespräche zwischen Ellison und Trump, welche CNN-Moderatoren im Falle einer Übernahme geschasst werden sollen. Netflix hingegen steht den Demokraten sehr nahe. Nina Rehfeld betont aber in der FAZ: "Auf politische Geschmeidigkeit versteht man sich dort ebenfalls. So hatte der Konzern 2018 der Forderung der saudischen Regierung nachgegeben, eine Episode aus Hasan Minajs Comedyshow 'Patriot Act', die die Verschleierung des Mordes an dem Washington-Post-Journalisten und Dissidenten Jamal Kashoggi unterstrich, in Saudi-Arabien aus dem Programm zu nehmen."

Die Filmkritiker sorgen sich derweil ums Kino. Nach Ansicht von Hanns-Georg Rodek (Welt) handelt es sich um "eine zutiefst feindliche Attacke, die ins Herz von allem zielt, was wir seit 130 Jahren als Kino kennen." Mit Warner würde sich Netflix auch den filmischen Zugriff auf die DC-Comicwelten rund um Bat- und Superman sichern und stünde damit direkt dem Disney-Konzern gegenüber, dem wiederum das Superhelden-Portfolio von Marvel gehört. Dietmar Dath fürchtet im FAZ-Kommentar, dass "so ein Rüstungswettlauf eher für die Angleichung von Storyrezepturen und audiovisuelle Presswurstästhetik sorgt. ... Und was dem Weltkulturerbe der Warner-Archive (...) an KI-Bearbeitungsverhunzung droht", mag Dath sich am liebsten gar nicht erst ausdenken.

Philipp Bovermann erinnert in der SZ kenntnisreich und lesenswert an die Wirtschaftsgeschichte Hollywoods. Seit 1948 wurden die Studios von der Politik eingehegt, erst Reagan deregulierte die Industrie, sodass jede Menge branchenfremdes Geld sprudelte, was zu wildesten Konglomeraten und bei Warner alle paar Jahre zu neuen Konzern-Konstellationen führte. Was sich momentan abspielt, "ist im Grunde ein Kampf, den die Streamer mit viel Geld von außerhalb der Filmbranche führen gegen das, was von den Strukturen des alten Hollywood noch übrig ist. Zeitweise hatten auf den Plattformen auch anspruchsvolle, originelle Stoffe Platz, zur Zeit der niedrigen Zinsen nämlich. ... Nun ist die Phase des günstigen Geldes und des Werbens um Kunden vorbei. Netflix hat den Kampf der Streamer untereinander weitgehend gewonnen. Und es scheint auch den Kampf gegen Hollywood zu gewinnen."

Weiteres: Jan Küveler spricht für die Welt mit Stellan Skarsgård. Die SPD erhöht in Sachen Filmförderung den Druck auf Kulturstaatsminister Weimer, berichtet Helmut Hartung in der FAZ.

Archiv: Film

Kunst

Erst im späten 19. Jahrhundert zog die Darstellung von Erwerbsarbeit vermehrt in Malerei, Grafik und Skulptur ein, lernt Jörg Restorff (NZZ) in der Ausstellung "Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne" im LVR-Landesmuseum Bonn: "Um ihren immensen Aufschwung künstlerisch zu bezeugen, beauftragten viele Firmen sogenannte Industriemaler. Deren Aufgabe bestand beispielsweise darin, die boomenden Fabrikanlagen von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Einer der erfolgreichsten Vertreter der jungen Gattung war Otto Bollhagen. Sein sechs Meter langes Bild 'Das Bayer-Werk in Leverkusen' vergegenwärtigt aus der Vogelperspektive einen urbanen Mikrokosmos, der neben den Fabrikgebäuden die Werkssiedlungen, die Infrastruktur sowie die umgebende Landschaft umfasst. Weil das Bayer-Werksgelände von Jahr zu Jahr dichter bebaut wurde, musste Bollhagen zwischen 1912 und 1921 mehrfach aus Bremen anreisen, um den jüngsten Stand der Dinge in seinem Gemälde zu dokumentieren."

Dinah Riese (taz) besucht in Tel Aviv den israelischen Cartoonisten Zeev Engelmayer, der als Kunstfigur Shoshke einer der bekanntesten Künstler Israels ist und als Aktivist gegen die Korruption Netanjahus und für die Rechte der Palästinenser und anderer Minderheiten im Land kämpft. Seit dem 7. Oktober ist er von Cartoons allerdings auf das fast tägliche Zeichnen von Postkarten umgestiegen, er zeichnete das Massaker der Hamas und die Geiseln ebenso wie die humanitäre Katastrophe in Gaza, über die in israelischen Medien kaum berichtet werde: "Hungernde Kinder halten leere Töpfe im Arm. Mütter, die ihre toten Kinder beweinen. Neun Kinder einer einzigen Familie, die in ihrem Zuhause durch israelische Bomben starben, das älteste 12 Jahre alt, das jüngste erst sieben Monate. In der Bildbeschreibung hat Engelmayer die Namen aller neun Kinder aufgeschrieben. 'In israelischen Medien habe ich diese Namen nirgends gefunden', sagt Engelmayer. Er habe sie in ausländischen Zeitungen gesucht."

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Weitere Artikel: In der Welt würdigt Boris Pofalla den verstorbenen Fotografen Martin Parr als "warmherzigen Chronisten des Banalen".Weitere Nachrufe in FR, Tsp und unserem Efeu von gestern.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Engelmayer, Zeev

Bühne

Szene aus "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!". Foto: Luna Zscharnt

Ein Krippenspiel an der anarchistischen Volksbühne? Das passt dank Christian Filips Stück "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!" ganz hervorragend, jubeln die Kritiker. Wenn Sophie Rois als Franz von Assisi in den Klassenkampf zieht, um gegen Kapitalismus, Klickfarmen und "Tech-Feudalismus" zu kämpfen, amüsiert sich nicht nur Peter Laudenbach in der SZ: "Die Revue hangelt sich an zwei Themensträngen entlang: Franz von Assisi predigt Armut, spricht mit den Vögeln und wird vom Papst (großartig: Kerstin Graßmann) als 'Kommunistenschwein' verdammt. Weil Franz von Assisis Liebe zu den Vögeln zwar schön ist, vor allem wenn Messiaen sie vertont, der Abend aber bitte nicht in den Erbauungskitsch abrutschen soll, verspeist Sophie Rois mit Genuss ein Brathähnchen. Margarita Breitkreiz spielt eine menschliche Horrorkrähe, und Hitchcocks Vögel jagen auf den Videowänden unschuldige Amerikaner."

Im Tagesspiegel ächzt Rüdiger Schaper zwar unter all den "existenziellen Themen", die Musik findet er aber grandios: "In einer unsäglichen Szene über Krieg und Pazifismus mokiert [Regisseur Filip] sich über Aufrüstung und inszeniert einen ausgelassenen folkloristischen Russentanz, begleitet von dem fulminanten Orchester unten an der Rampe. Kleine Weihnachtsaufmerksamkeit für Putin." Welt-Kritiker Jakob Hayner erlebt "nicht nur das schönste und wohl opulenteste Krippenspiel des Jahres, sondern (es) folgt als Metakrippenspiel auch einem heiligen Ernst. Es ist die Suche nach der ungeteilten Welt in einer Gesellschaft auf dem Privatisierungstrip." Auch Nachtkritiker Christian Rakow ist begeistert: "Heiligsprechungen, Wunderglaube, Aufruhr, Revolutionswehen! Ein feuerrot strahlendes Giotto-Bühnenbild! Also Opulenz gar kein Ausdruck." Nur in der FAZ schimpft Simon Strauss: "Zu viel Aufwand…, um den Gedanken der Heiligkeit der Einfachheit zu überführen".

Besprochen werden außerdem Mozarts im zarten Alter von 14 Jahren komponierte Oper "Mitridate, re di Ponto" an der Oper Frankfurt (ein "atemberaubend spannendes musiktheatralisches Ereignis", ruft Judith Sternburg in der FR, in der FAZ ist auch Jan Brachmann angetan), ein Tanzstück von Maciej Kuźmińskis "Cantos" am Hessischen Staatsballett (FR), Rabih Mroués und Lina Majdalanies Lecture Performance "Vier Wände und ein Dach" im Frankfurter Mousonturm (FR), Yael Ronens Stück "Sabotage" an der Berliner Schaubühne (taz) und Anna Bernreitners Inszenierung der Strauss-Oper "Die Fledermaus" mit neuen Texten von Patti Basler an der Oper Zürich (NZZ).
Archiv: Bühne

Musik

Gerald Felber erkundigt sich im FAZ-Gespräch bei Benjamin Alard nach dem Stand der Dinge in dessen Bach-Projekt: Wohl bis Ende des Jahrzehnts will der französische Organist und Cembalist Bachs Gesamtwerk für Tasteninstrumente aufgenommen haben. Julian Weber (taz) und Christiane Peitz (Tsp) berichten vom Berliner Symposium "Afrodiaspora - Composing While Black", bei dem über die marginalisierte Rolle schwarzer Komponisten und Performer in der Klassik diskutiert wurde. Angesichts des aktuellen Berliner Konzertzyklus von Radiohead (besprochen in FAZ und Tsp) erinnert sich Gerrit Bartels im Tagesspiegel an den Berliner Auftritt der Band am 11. September 2001. Besprochen werden ein von Lahav Shani dirigiertes Konzert der Rotterdamer Philharmoniker mit Alexander Malofeev in Wien (Standard), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Jakub Hrůša (Standard) und Ragawerks Album "Nola" (FR).
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Architektur

Zayed National Museum. Foto: Foster + Partners.

17 Jahre nach Baubeginn öffnet das von Norman Foster geplante Zayed National Museum in Abu Dhabi seine Pforten, ein weiteres Prestigeobjekt, das in der absolutistisch beherrschten Monarchie Offenheit nach außen signalisieren soll, hält Ursula Scheer in der FAZ fest. Entziehen kann sie sich dem Glanz des Gebäudes allerdings nicht: "Fünf monumentale Flügel aus Stahl ragen diagonal aus dem breit darunter lagernden dreigeschossigen Museumsgebäude. Inspiriert ist die Form der Aufbauten, die Assoziationen an das Jørn-Utzon-Opernhaus in Sydney wecken können, von den Schwingen eines Falken im Flug: Als Wappentier und traditioneller Jagdgefährte steht er für Mut, Freiheit und Stärke. Der Raubvogel symbolisiert das kulturelle Erbe ebenso wie den atemberaubenden Aufschwung der Golfregion, in der noch vor wenigen Generationen Beduinen vom Handel (und Raub) lebten und die Menschen an der Küste fischten und nach Perlen tauchten."
Archiv: Architektur