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08.12.2025. Die US-Regierung macht sich Sorgen zur Netflix-Übernahme von Warner, weiß die Zeit. Wolfram Weimer versäumt es laut SZ, Streamingdienste mit einer gesetzlichen Lösung zu mehr Beteiligung an deutschen Produktionen zu verpflichten. Über Burkhart Kosminskis "Hamlet" am Schauspiel Stuttgartsind sich die Kritiker nicht so einig: Die FR betont den wichtigen Protest gegen mögliche Kulturkürzungen, für die Nachtkritik passt trotzdem nichts wirklich zusammen. Und alle trauern um den Architekten Frank Gehry und um den Fotografen Martin Parr.
Bei der geplanten Übernahme des Hollywood-Traditionsstudios Warner durch Netflix "geht es um nichts Geringeres als die Zukunft der Entertainmentbranche", schreibt Heike Buchter auf Zeit Online. Schließlich "würde mit dem algorithmisch feinjustierten Streamingdienst das Silicon Valley endgültig über das traditionelle Hollywood triumphieren." Doch "im Weißen Haus zeichnet sich erster Widerstand ab: Man stehe einem Verkauf an Netflix 'äußerstskeptisch' gegenüber, erklärte ein Vertreter der Trump-Regierung in einem Gespräch mit dem Börsensender CNBC. Die zuständigen US-Wettbewerbsbehörden sind zwar eigentlich unabhängig von der Administration, aber während der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump hat sich bereits gezeigt, dass es damit nicht weit her sein muss."
Die Vorbehalte der US-Regierung könnten auch mit Seilschaften hinter den Kulissen zu tun haben, von den auch Buchter schreibt. Die dpa (etwa hier bei heise online) mit Details: "Unterlegener Bieter ist der Hollywood-Rivale Paramount, der erst vor wenigen Monaten von der Familie des als Trump-Unterstützer bekannten Software-Milliardärs LarryEllison übernommen wurde. Medienberichten zufolge ging Paramount angesichts der guten Beziehungen zum Weißen Haus zuvor davon aus, sich durchsetzen zu können. Paramount wollte - anders als Netflix - den gesamten heutigen Konzern Warner Bros. Discovery kaufen, zu dem auch Fernsehsender wie CNN gehören. Der Nachrichtensender, der oft kritisch über Trump berichtet, ist dem Präsidenten ein Dorn im Auge."
Die SZ konnte Einsicht in den aktuellen Stand der Verhandlungen des Kulturstaatsministers WolframWeimer mit den Streamingdiensten um Verpflichtungen, in deutsche Filme zu investieren, nehmen. Die deutschen Produzentenverbände wünschen sich bekanntlich eine Verpflichtung per Gesetz, Netflix und Co ziehen naturgemäß eine freiwillige Selbstverpflichtung vor. Auf letzteres wird es nun wohl hinauslaufen, schreibt David Steinitz. Mit 15 Milliarden Euro (inkl. der Mittel von ARD und ZDF und der Privaten) könne der deutsche Film in den nächsten fünf Jahren wohl rechnen, doch "das Papier macht keinen Hehl daraus, dass diese zunächst gigantisch klingende Summe niedriger ist, als es wohl die Einnahmen durch eine gesetzliche Lösung sein könnten. Aber das Geld käme nun mal schneller, wenn man nicht erst um ein Gesetz vor Gericht streiten müsse. ... Die Produktionsallianz argumentiert, es handele sich teils um Gelder, die die Streamer ohnehin in Deutschland ausgegeben hätten. ... Die von Weimer präsentierten Lösungen halbierten das Potenzial, das man mit einer gesetzlichen Lösung erreichen könne."
Außerdem: Für den Standardspricht Valerie Dirk mit der nordmazedonischen Regisseurin TeonaStrugarMitevska über deren mit Punk- und Hard-Rock unterlegtes Mutter-Teresa-Biopic "Teresa". Hans-JürgenSyberberg wird heute 90 Jahre alt: Jürgen Kaube (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) führen durch dessen eigensinniges Kino. Auf critic.deempfiehlt Annette Brauerhoch WillTrempers Berlinfilm-Klassiker "Die endlose Nacht", der aktuell in der ARD-Mediathek steht.
Besprochen werden die 3sat-Dokuserie "Der Anschlag" über die Folgen des islamistischen Terroranschlags auf den Berliner Breitscheidplatz vor neun Jahren (Tsp), AmosGuttmans "Amazing Grace" aus dem Jahr 1992, der nun erstmals in Deutschland digital zugänglich ist (FD), AliceDouards "15 Liebesbeweise" über ein französisches lesbisches Paar, das ein Kind adoptieren will (taz, unsere Kritik) und ArneFeldhusens neuer Stromberg-Kinofilm (FAZ).
Der Architekt Frank Gehry ist am Freitag im Alter von 96 Jahren gestorben. Marcus Woeller erinnert in der Welt an seinen wohl legendärsten Entwurf, das Guggenheim in Bilbao, ein Museumsbau, der vorher nie gesehene Formen möglich machte: "130 Meter lang, 30 Meter breit, kein Anfang, kein Ende. Schiefe Wände, gebogene Fassaden, eine Dachlandschaft wie eine frittierte Artischocke, ein appetitlich servierter Salat aus Titanblech, effektvoll glänzend, aber auch effekthascherisch ans Ufer des Nervión gepflanzt, ungeheuer fotogen - 'instagrammable', noch bevor jemand wusste, was Instagram ist. Der zum geflügelten Wort gewordene 'Bilbao-Effekt' war diesem Spektakel zu verdanken. Die Baukosten des Museums von rund 133 Millionen Dollar sollen innerhalb weniger Jahre durch Steuereffekte wieder eingespielt worden sein."
Bernhard Schulz würdigt für Monopol ein "Genie", das weit über die Architektur hinaus berühmt wurde: "Frank Gehry wurde zum Superstar. Städte überall wollten ein Bauwerk von ihm haben, mit den geknickten, verdrehten, geradezu splitternden Räumen und Fassaden, die sein Markenzeichen wurden. Dekonstruktivismus als Begriff wurde geradezu für ihn erfunden. Und tatsächlich kam ihm darin kein Kollege nahe; allenfalls Zaha Hadid konnte sich mit einer eigenen, gleichfalls dem Computer entlockten Formensprache als ähnlich Gesinnte behaupten."
Die Zeithat eine Bildergalerie mit Gehrys beeindruckendsten Gebäuden parat.
Angesichts dessen, dass die bei Jugendlichen äußerst beliebte, den Verlagen und Buchläden Traumumsätze bescherende New-Adult- und Romance-Literatur immer mehr mit reißerischen Pornoszenen durchsetzt ist, fragen sich manche Eltern schon, ob sie die Bücher ihren Kindern wegnehmen sollten. Marlen Hobrack gibt in der Welt zumindest vorsichtige Entwarnung: Bei genauerer Lektüre zeigt sich, "dass das Genre sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt und es bei aller Deutlichkeit der Darstellung stets um Humor und Absurdität geht. Es ist zudem ein zutiefst weiblich geprägtes Genre, das von Autorinnen dominiert wird. Das hat Folgen für die Texte: Viele der Sexszenen in Smut-Romanen sind am Ende erheblich besser geschrieben als Vergleichbares in der 'hohen' Literatur. Gute Pornografie ist eben eine Kunst für sich. Obendrein fokussieren die Sexszenen fast immer auf das weibliche Erleben. ... Eine vorsichtige Kontrolle der gelesenen Inhalte kann nicht schaden. Vielleicht wollen wir als Eltern aber aus guten Gründen auch nicht zu viel wissen vom bizarren Lesevergnügen unserer Töchter."
Viele New-Adult- und Romance-Romane beziehen sich im übrigen auf JaneAusten als Inspiration, schreibt Nina Wolf in der taz, hat gegen diese Vereinnahmung aber auch einige Einwände. Etwa diesen: "Das Happy End gehört in beide Welten, meint aber Unterschiedliches. Wenn das Paar zueinanderfindet, ist es bei Austen ein ökonomischer und sozialer Grundpfeiler, der Frauen überhaupt erst Handlungsspielraum verschafft. In einer Zeit, in der unverheiratete Damen nach geltendem Recht nicht einmal eine eigene Wohnung haben oder alleine reisen durften. ... In der modernen Romance dagegen dient die Beziehung, die Heirat, eher der innerenHeilung, weniger der sozialen Sicherung. Dass der Love Interest meist beinahe zufällig Millionär, Erbe, Neurochirurg oder hochbezahlter Profisportler ist, erscheint als geduldeter Bonus, nicht als Existenzsicherung. Reichtum ist hier ein ästhetischer Effekt, Geld existiert als Versprechen von Sorglosigkeit, aber es wird fastschamhaftverleugnet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Für den Standardporträtiert Stefan Kutzenberger den peruanischen AutorGustavoFaverónPatriau, dessen zweiter Roman "Unten leben" vor kurzem auch auf Deutsch erschienen ist und dem die Herzen der Literaturkritikern nur so zufliegen: "Bolaño und Knausgård haben das Tor in die Literatur des 21. Jahrhunderts weit aufgestoßen, doch es ist Faverón, der mutig hindurchschreitet und zeigt, wohin die Reise führt."
Weiteres: In der FAZ gratuliert Gina Thomas dem SchriftstellerJohnBanville zum 80. Geburtstag. Und das NZZ-Team blickt zurück auf die literarischenHighlights2025. Besprochen werden JoanDidions "Notizen für John" (online nachgereicht von der Zeit), EmmanuelCarrères "Kolkhoze" (Standard), PaulKarasiks, LorenzoMattottis und DavidMazzucchellis nunmehr abgeschlossene Comicadaption von PaulsAusters New-York-Trilogie (Standard) und NorbertFreis Biografie über KonradAdenauer (NZZ).
Der britische Fotograf Martin Parr ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Freddy Langer macht in der FAZ klar, wieso seinen Fotografien oft eine gewisse kitschige Geschmacklosigkeit vorgeworfen wurde, die aber eigentlich eine besonders genaue Kritik unserer Zeit ist: "Parrs Kritik an den unerträglichen Zuständen der Welt, den Beispielen für Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Egoismus und Isolation sowie fragwürdigen Auswirkungen der Globalisierung, ist schrill formuliert und beruft sich auf die Annahme, wonach die Satire alles dürfe. Dabei ist es am wenigsten all der Müll und Plunder oder auch der protzende Reichtum, dem er beim Pferderennen in Ascot oder auf Luxusmessen in Dubai begegnet ist, über den man staunt und der zugleich die Bilder oft schwer erträglich macht - es sind vielmehr die Menschen, die den Eindruck vollkommener Zufriedenheit vermitteln und nicht eine Sekunde lang zu glauben scheinen, es stimme mit ihrer Situation etwas nicht. Selbst wenn am Meer eine Frau ihr Sonnenplätzchen ausgerechnet unter der Kette einer monströsen Planierraupe gefunden hat. Oder Urlauber ihre Beine im Wasser baumeln lassen, in dem ganze Fuhren von Unrat treiben."
In Parrs Instagram-Account gibt es zahlreiche seiner Fotos zu sehen.
Judith von Sternburg erlebt in "Hamlet", inszeniert von Burkhard C. Kosminski, für die FR auch einen Protest gegen Kulturkürzungen, denen das Schauspiel Stuttgart entschieden, manchmal fast ein bisschen zu effektreich, entgegentritt: "Kälte geht hier vor Leidenschaft. Hamlet selbst, der Schauspieler Franz Pätzold als Gaststar, ist aggressiv wie ein aufgeklapptes Messer und hält den Ball zugleich flach. Imposant, eisig, nonchalant. Entsprechend kraftvoll das Finale mit Degen und Gift, von Annette Bauer choreografiert. Der Rest ist ein Song. Nein, der Rest ist ein eindrucksvoller Protest gegen drohende massive Einsparungen in der Kultur seitens der Stuttgarter Stadtpolitik."
FürNachtkritikerin Verena Großkreutz eiert das Stück ziemlich durch die Gegend, so richtig zusammenpassen will da nichts wirklich: "Hier wird gealbert, dort maßlos übertrieben. Wann dringt man vor zum ernsten, zeitlosen, bedeutenden Kern des Stücks? Im Umfeld des klamottig Inszenierten verlieren die Monologe Hamlets jedenfalls flugs ihre Bedeutsamkeit. Und nicht nur der Wahnsinn Ophelias (eigentlich einfühlsam gespielt von Pauline Großmann) wird dadurch zur Farce. Entscheidet man sich für Schenkelklopfer, begeht man gleichzeitig einen Verrat am Wahrhaftigen: an den Figuren, die echte Gefühle zeigen."
Auch die SZ macht auf die Budgetkürzungen aufmerksam, die dem Theater bevorstehen und gegen die protestiert wird.
Weiteres: Gerald Felber feiert in der FAZ hundert Jahre seit der Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck". Sabine Küper-Busch und Shahzad Mudasir porträtieren den Kabuler Tänzer Vantace für Jungle World.
Besprochen werden: Ilker Cataks "Das Lehrerzimmer", inszeniert von Adrian Figueroa am Nationaltheater Mannheim (taz), "Alles Liebe" von Misha Cvijovic und Philipp Amelungsen, inszeniert von Anna Weber am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!", geschrieben und inszeniert von Christian Filips an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik) und "Eine perfekte Hochzeit" von Matthew Lopéz, inszeniert von Christian Brey am Theater Oberhausen (Nachtkritik).
Manuel Brug spricht für die Welt mit der Klarinettistin SabineMeyer, die sich von der Bühne verabschiedet. Besprochen werden PattiSmiths neuer Memoirenband "Bread of Angels" (Standard), LionelRichies Autobiografie (NZZ), ein von JordiSavall dirigiertes Konzert der BerlinerPhilharmoniker (BLZ), eine 84 CDs umfassende Box mit Aufnahmen von FriedrichGulda (FAZ), KlimaKalimas neues Album "Voyager Blues" (FR), ein Konzert von UlrichTukur (FR) und das Album "Beyond the Fingertips" des Christian MarienQuartetts (FAZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie der FAZschreibt Sonja Miklitz über Rosalías Song "Berghain":
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