Klappentext
Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner. Es beginnt in Peru, als der amerikanische Filmemacher George Bennett an dem Tag, an dem der Anführer der Guerillagruppe Sendero Luminoso gefangen genommen wird, im Keller eines Hauses einen finsteren Mord begeht. Die Vorgeschichte dieses Verbrechens reicht fünfundzwanzig Jahre zurück, und es wird weitere fünfundzwanzig Jahre dauern, bis es aufgeklärt wird.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2025
Beeindruckt schreibt Rezensent Nico Bleutge über Gustavo Faverón Patriaus im Original bereits 2018 erschienenen Roman. Der erzählerische Rahmen dieses wuchtigen Buches erscheint zunächst wie ein Krimi. Ein Erzähler, selbst Filmwissenschaftler, stellt uns einen Mann namens George Walker Bennett vor, der am Ende des ersten Abschnitts des Buches einen Mord begeht. Jener Mord ist der Ausgangspunkt für eine literarische Reise, in der die Wirklichkeit überschwemmt wird von Bildern und Erzählungen aus anderen Sphären, historische Folterungen in lateinamerikanischen Gefängnissen unter CIA-Anleitung spielen dabei eine Rolle, auch Geister treten auf. Durchaus düster geht es dabei zu, fährt Bleutge fort: Der Leser fühlt sich gefangen in einem Labyrinth der dunklen Höhlen, Leitern und Geheimgänge, dazwischen taucht aber auch eine Liebesgeschichte auf, sowie ein Schriftsteller, der Bücher im Monatstakt schreibt. Eine gewisse Nähe zu Roberto Bolaños "2666" sieht der Rezensent durchaus, ein bloßer Epigon ist Patriau jedoch keineswegs, was vor allem an dem latenten Hang zum Wahnwitz liegt. Letztlich begeistert das Buch Bleutge vor allem aufgrund seiner Sprache, die von Manfred Gmeiner kongenial ins Deutsche übertragen wurde. Eine unbedingt lohnende, wenngleich schon ziemlich finstere Lektüre ist dieses Buch, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.10.2025
Rezensent Hernán D. Caro nimmt sich zwei lateinamerikanische Romane vor, die nun erstmals auf Deutsch erscheinen und sich beide mit menschlichen Schrecken auseinandersetzen: Der Peruaner Gustavo Faverón Patriau hat 2019 einen sprachlich wie inhaltlich verschachtelten Roman über den Regisseur und mutmaßlichen Serienmörder George W. Bennett geschrieben. Es stellt sich zunächst die Befürchtung ein, wir würden Bennett bei einer Tat begleiten, so Caro, aber die Handlung schlägt Haken, es geht um CIA-Agenten, die die Diktaturen Südamerikas mitaufbauen und eifrig foltern. (Alb-)traumhaft, verstörend und wie in einem klugen Labyrinth erzählt Patriau diese für den Kritiker durch ihre Wucht überzeugende Geschichte. Beide Romane, so schließt er, erfordern die Kühnheit, in den Abgrund des Menschen zu schauen.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 16.09.2025
Rezensent Maximilian Mengeringhaus verliert sich genüsslich im referenzreichen und überfordernden Labyrinth, das der lateinamerikanische Autor und Literaturprofessor Gustavo Faverón Patriau mit diesem Verwirrspiel von einem Roman kreiert hat. Gleich zu Beginn liest er von zwei Figuren, die eigentlich eine sein sollen: George Walker Bennett ist ein ehemaliger Filmemacher, der eines Tages plötzlich ziellos durch die peruanische Hauptstadt Lima spaziert. George Walker Bennett ist jedoch auch ein vermeintlicher Mörder, der durch Mexiko reist, um einer Verhaftung zu entgehen. Ein weiterer, anscheinend ebenfalls von Walker Bennett begangener Mord liefert dann die lose Thriller-Struktur dieses in vier Teile geteilten, 600-seitigen Romans, der versucht, die Gründe für den Mord aufzuklären und dadurch dem Wesen des menschlichen Wahnsinns nachzuspüren. Der rote Faden verliert sich zwar manchmal, ist aber laut Kritiker dennoch präsent. Der Kritiker findet nicht nur Huldigungen an die Landsmänner Roberto Bolaño und Jorge Luis Borges, sondern auch zahlreiche Verweise auf die deutschsprachige Literatur. Diese Buchabhängigkeit dürfe man dem Roman schon vorwerfen, doch letztlich seien die Verweise selbst dafür zu gut gewählt und ineinandergefügt, sei die Sprache zu biegsam und überzeugend. Er kann vor diesem "eruptiven Ereignis" nur auf die Knie fallen.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 12.09.2025
Rezensent Thomas Wörtche empfiehlt, diesen Roman von Gustavo Faverón Patriau bestenfalls mehrfach zu lesen: So vielfältig sind die Handlungsstränge, so dicht das Netz aus literarischen und kulturellen Referenzen, dass man bei einem Mal kaum alles mitnehmen kann. So ist es für den Rezensenten auch kein leichtes, den Plot der Handlung nachzuerzählen. So viel sei gesagt: Im Mittelpunkt der Handlung steht George Bennett junior, ein Filmemacher, Serienmörder und Nachkommen eines brutalen Folterknechts von CIA, Nazis und südamerikanischen Diktatoren, lesen wir. Die sonstige Handlung geht zurück bis in den Zweiten Weltkrieg, "mäandert durch Lateinamerika" und die USA, vorbei an den unterschiedlichsten historischen Figuren wie Klaus Barbie oder dem bolivianischen Lyriker Jaime Sáenz. Die "horrorartige Gewaltgeschichte Lateinamerikas" erzählt Patriau in brutalster Grausamkeit und historischer Genauigkeit, aber auch mit zahlreichen Zeitsprüngen, Perspektivwechseln und fantastischen Einsprengseln, sodass es wirklichen "Realismus" hier nicht geben kann, so Wörtche. Ein "literarisches Meisterwerk" voller "Gelehrsamkeit", das Kultur und Bildung als "Antidot" zur menschlichen Grausamkeit aufführt, schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 05.09.2025
Ein "Wahnsinn mit Methode": drei Viertel Wahnsinn, ein Viertel Methode, so beschreibt Rezensentin Katharina Döbler Gustavo Faverón Patriaus fulminantes Romanepos über die düstere Geschichte Südamerikas - ein Buch, so Döbler, wie nur Südamerika es hervorbringen kann - voller origineller Figuren, schwarzem Humor, Gewalt, Grauen, Wahnsinn und einer Handlung, die laut Döbler weniger einem "roten Faden" gleicht, als einem gigantischen, glänzenden Spinnennetz, zumindest in den ersten drei Teilen dieses Romans. Was Wahn ist und was Wirklichkeit, wer welche Absichten hegt und wieso, bleibt hier oft unklar, wird dann jedoch im letzten Viertel des Romans, zumindest größtenteils aufgeklärt. Das Netz, in dem die Leserin sich gefangen sah, löst sich gegen Ende also doch in einem logischen Faden auf, der schließlich sogar - ganz nordamerikanisch konventionell - zum Happy End führt, was die Rezensentin dann doch ein wenig enttäuschend findet.
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