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04.12.2025. taz und Monopol schauen sich in der Warschauer Kunstszene um, die sich langsam von den Jahren der PiS-Regierung erholt. Die FAZ freut sich, dass die Kunstmuseen Krefeld der Architektin und Designerin Charlotte Perriand zu ihrem Recht verhelfen. NZZ und Welt fragen sich, ob der Eurovision Song Contest über die Frage an der Teilnahme Israels zerbrechen wird. Und der Perlentaucher hofft, dass Lav Diaz' neuer Film "Magellan" in die deutschen Kinos kommt, denn niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen.
Langsam scheint sich die polnische Kulturszene von dem rechtsextremen Kulturkampf der PiS-Regierung zu erholen, freut sich Lena Reich, die sich für die taz in Warschau umgesehen hat. Ein erstes Queer-Museum hat eröffnet - und im vergangenen Jahr auch das Museum der Moderne, entworfen von dem US-Architekten Thomas Phifer: "Im Innern des weißen Riegels sind Werke polnischer Künstler:innen zu sehen, wie die Skulptur 'Freundschaft' von 1954 von Alina Szapocznikow: zwei Arbeiter, die sich kameradschaftlich die Arme über die Schulter legen. Den äußeren Gliedern fehlen die Unterarme. Das dekonstruierte Doppelstandbild, das einst zur Innenausstattung des stalinistischen Prunkturms gehörte, ist heute eine bittere Metapher auf einstige Bruderländer der Sowjetunion."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Philipp Meier nimmt den aktuell im Taschen-Verlag erschienenen Hokusai-Bildband in der NZZ zum Anlass, eine Hymne auf den wichtigsten japanischen Künstler zu singen, der so viele europäische Künstler beeinflusste. Wenngleich seine erotischen Darstellungen deutlich expliziter waren: "Das hat seinen Grund in den diametral entgegengesetzten Moralvorstellungen, wenn es um Sex geht. In Europa wurde Sex vom Christentum dämonisiert und unterdrückt, in Japan aber war er gesellschaftlich akzeptiert. So bedienten japanische Künstler wie Hokusai eine Augenlust, die man im Westen als Pornografie bezeichnet hätte. 'Frühlingsbilder' ('shunga') hießen diese in Form von Farbholzschnitten und gebundenen Büchern vertriebenen Drucke, die Darstellungen von Liebesszenen mit detaillierten menschlichen Genitalien zum Gegenstand hatten."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Künstler Nikolaus Heidelbach zum Siebzigsten. Im Jungle World-Interview spricht der Kunstwissenschaftler Peter Ulrich Hein über die Malerin Sigrid Kopfermann, eine Vertreterin des Informel, über die Hein auch eine Monografie geschrieben hat.
Besprochen werden die Ausstellung "Turner & Constable. Rivals & Originals" in der Tate Britain in London (Zeit, mehr hier), die Shilpa Gupta-Ausstellung "We last met in the mirror" in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck (taz, mehr hier)
Szene aus "Antichristie". Foto: Birgit Hupfeld "Niemand verlässt diese dreistündige Inszenierung, ohne über die genozidale Kolonialgewalt dazugelernt zu haben", versichert Benjamin Trilling (taz) nachdem er Kieran JoelsBühnenadaption von Mithu Sanyals Roman "Antichristie", der vom indischen Unabhängigkeitskampf auf zwei Zeitebenen erzählt, am Schauspielhaus Dortmund gesehen hat: "Scharfe Reißzähne ragen aus dem Maul dieses Königstigers, der überdimensional auf der Bühne thront, verziert mit glitzernden Lianenvorhängen. Wohl für den Glamourfaktor dieses Showgenres: It's Quiztime. Und so treten die Beteiligten aus dem Raubtierrachen heraus und versammeln sich um einen Buzzer zu einer postkolonialen Neuinszenierung eines TV-Formats, in dem das Wissen über die Geschichte fragmentarisch und eurozentrisch durchgespielt werde. Eine der Fragen: Wie viele Inder:innen starben während der britischen Kolonialherrschaft? Die Antwort: hundert Millionen Menschen."
Im Jahr 2015 hatten sich sieben Spielstätten der Freien Szene in Deutschland zum Bündnis internationaler Produktionshäuser zusammengeschlossen, unter anderem ermöglichte es viele internationale Koproduktionen. Nach zehn Jahren streicht der Bund dem Bündnis die Förderung. Die Nachtkritik hat mit den drei Intendantinnen Carena Schlewitt, Annemie Vanackere und Anna Wagner über die Folgen gesprochen. Wagner erklärt: "Das ist wie ein Schneeballeffekt: Wir können für Künstler*innen, die wir seit Jahren begleiten und die in teils bedrohten Kontexten arbeiten, wie etwa Lia Rodrigues aus Brasilien, Eisa Jocson von den Philippinen oder die israelische Choreographin Yasmeen Godder, keine verlässlichen Partner mehr sein. Das Wegfallen unseres Engagements destabilisiert ihre Arbeit noch mehr. Auch die für den Mousonturm zentrale Arbeit mit Künstler*innen mit Behinderung, die wir durch das Bündnis anstoßen und weiterentwickeln konnten, ist gefährdet."
Derweil berichten Imke Baumann und Felix Koch vom Berliner Spielplan Audiodeskription", der Oper und Theater einem blinden Publikum zugänglich macht, im taz-Gespräch, wie die Kürzungen im Kulturetat ihrem Projekt schaden.
Besprochen wird außerdem Martin Grubers Stück "SPEED (kills content)" am Wiener Aktionstheater (nachtkritik).
Endlich erhält die Designerin und Architektin Charlotte Perriand eine große Retrospektive in Deutschland, freut sich Hubert Spiegel in der FAZ nach dem Besuch in der Ausstellung "L'art d'habiter/Die Kunst des Wohnens" in den Kunstmuseen Krefeld. Nicht nur ihre ikonischen Stahlmöbel sind zu bewundern, sondern auch ihre frühen modularen Möbelsysteme: Sie "begreift Küche und Bad nicht länger als separierte Funktionsräume, sondern integriert sie in ihr ästhetisches Gesamtkonzept. Für die antifaschistische Zeitschrift Vendredi schreibt sie eine Kolumne mit dem Titel 'Die Hausfrau und ihr Heim' und entwirft mit der 'Cellule', der Wohnzelle, eine Minimalbehausung, die statt auf Verzicht auf Effizienz setzt, Lebensqualität anstrebt und dank ihrer Variabilität als Notunterkunft, Studentenwohnung oder Ferienapartment konzipiert werden kann."
Ebenfalls für die FAZ schaut Ulf Meyer im Berliner Bötzow Areal vorbei, das einst Deutschlands größte Brauerei beherbergte und das derzeit von David Chipperfield umgestaltet wird. Meyer scheint bisher zufrieden zu sein: "Chipperfields mausgraue Sichtbeton-Bauten wirken bereits wie aus einer anderen Zeit. Wo einst der König der Brauereidynastie Bötzow in seiner Villa wohnte, soll noch ein Gebäude für 'gewerbliches Wohnen' gebaut werden, dieses Mal aus Holz. Aber die auskragenden Geschossplatten der Neubauten aus Beton betonen laut Chipperfield den Charakter der Industriearchitektur. Durch ihre außen liegenden, bogenartigen Tragwerke haben die Interieurs keine Stützen. Die auskragenden Deckenplatten sollen wie Brise-soleil-Elemente wirken. Nur im Penthouse ist der Umlauf zugänglich. Dass dieses Exoskelett thermisch nicht vom Gebäude getrennt ist, gleicht einer Sensation."
Die EuropeanBroadcastingCompany tagt heute und morgen über die Teilnahme Israels beim 70. EurovisionSongContest im nächsten Jahr. Ursprünglich sollte die Entscheidung bereits im November getroffen werden, wurde dann aber wegen des Waffenstillstands in Gaza zunächst verschoben. An den Positionen hat sich derweil wenig geändert, schreibt Ueli Bernays in der NZZ: "Spanien bleibt bei seiner Drohung. José Pablo López, der Chef des öffentlichrechtlichen Senders RTVE, bekräftigte vergangene Woche die Absicht, den ESC im Falle einer Teilnahme Israels zu boykottieren. ... Spaniens Einfluss auf den ESC ist insofern besonders bedeutend, als die spanische Rundfunkstation (...) zu den 'Big Five' gehört, die die Finanzierung des Gesangswettbewerbs garantieren." Ebenso wie "Deutschland, das seinerseits gedroht hat, sich bei einem Ausschluss Israels zurückzuziehen. So stehen sich zwei ESC-Hauptakteure frontal gegenüber. ... Sollten die Rundfunkgesellschaften im Streit auseinandergehen, hätte dies eine der größten Krisen der EBU zur Folge."
Michael Pilz (Welt) sieht die seit längerem geführte Kontroverse um Israel und den ESC auch im Kontext mit dem Flirt der insbesondere britischen Popkultur mit BDS-Positionen: "Durch die aggressive Rundfunkpolitik von EBU-Staaten wie Spanien werden solche Haltungen verstaatlicht. Sie erledigen den ESC." Dieser "war eine utopische Versammlung und Veranstaltung. Das Unpolitische war nur die Aura. Das Politische war offen, für Identitäres, Patriotisches und Parodistisches. Da wurde paramilitärisch scharf mit Feuerwerk geschossen, um Kriege zu bannen. Da saß eine Deutsche im Konfirmationskleid mit einer weißen Gitarre und wünschte der Welt ein bisschen Frieden. In der Regel waren alle da und sich im Wesentlichen einig. So war er, der Eurovision Song Contest oder Grand Eurovision de la Chanson. Er wurde 69 Jahre alt."
Weiteres: Adrian Schräder porträtiert in der NZZTheAlchemist, der eben als Hiphop-Produzent des Jahres ausgezeichnet wurde und bei dem sich nur die Allergrößten des Genres den Sound polieren und anreichern lassen: "Seine Musik wirkt wie ein Sediment aus Jahrzehnten, wie ein Archiv, das mit der Geduld eines Archäologen geöffnet wird." Marie Gundlach und Berit Kruse spüren in der SZ dem Algorithmus auf den Zahn, der jedes Jahr zum Jahresende die auf Social Media herumgereichten Spotify-Wrapped-Statistiken erstellt. In der FAZ gratuliert Jan Wiele der Jazzsängerin CassandraWilson zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden das von PaavoJärvi dirigierte Debütkonzert des Tonhalle-Orchesters im Festspielhaus Baden-Baden ("ein Ritterschlag", schreibt Christian Wildhagen in der NZZ), eine von 50Cent produzierte Netflix-Doku über den Fall Sean "Diddy" Combs (Zeit Online, Welt,SZ), ein Konzert des EnsembleModern in Frankfurt (FR), ein Konzert von VíkingurÓlafsson in Wien (Standard), ein Konzert des LondonPhilharmonic in Frankfurt (FR), ein Konzert der Hives in Frankfurt (FR) und eine Ausstellung mit neuerworbenen Mozartbriefen im Mozarteum in Salzburg (FAZ).
Heute vor 150 Jahren wurde RainerMariaRilke geboren: In der SZ assoziert sich ClemensJ. Setz, der gerade auch ein Buch über Rilke veröffentlich hat, durch Fundstellen in Rilkes Werk und Andreas Platthaus berichtet in der FAZ von seinem Besuch in der großen Rilke-Ausstellung in Marbach, für die die Literaturinstitution "aus dem Vollen schöpfen kann", lagern hier doch seit drei Jahren die Materialien aus dem Rilke-Archiv Gernsbach. Cynthia Cornelius porträtiert in der taz die Hörspielautorin TiaMorgen, die für ihren Zweiteiler "Nixe" (ab morgen online beim WDR), in dem sie von Gewalt in queeren Beziehungen erzählt.
Besprochen werden neue Bücher von WilliWinkler und Matthias Bormuth über HannahArendt (FAZ) und Hans-PeterKunischs "Das Flimmern der Raubtierfelle" über Rilkes Verhältnis zum Faschismus (SZ).
Monströse Einstellungen: "Magellan" von Lav Diaz Ihr Filmverleiher dieses Landes, schnappt Euch LavDiaz' neuen Film "Magellan" und bringt ihn ins Kino, ruft Jochen Werner im Perlentaucher - zumal das neue Werk des philippinischen Autorenfilmers, dessen Arbeiten gerne auch mal zehn Stunden dauern, mit unter drei Stunden Laufzeit geradezu verblüffend kurz und kinotauglich geraten ist. Zu sehen war der Film vor kurzem beim "Around the World in 14 Films"-Festival, das Ende des Jahres in Berlin ausgesuchte Kostbarkeiten der internationalen Filmfestivals präsentiert. Diaz erzählt die Geschichte des portugiesischen Seefahrers FerdinandMagellan (gespielt von Arthaus-Liebling Gael García Bernal), im Westen ein heroischer Held auf hoher See aus philippinischer Perspektive und er betont dabei den Schrecken der Kolonialisierung. "Niemand, wirklich niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen wie Diaz. Und verharrt dann in ihnen, bis es kaum noch aushaltbar ist." Doch "es passiert ungemein viel in diesen Filmen, in diesen Einstellungen - tatsächlich ist Lav Diaz der entschiedenste Regisseur des epischen Kinos, den es derzeit im Weltkino gibt. Oft über viele Jahre und Generationen hinweg erzählen seine Filme von der Gewalt und dem Wahnsinn, von den Schrecken der Geschichte und von denjenigen, die ihnen zum Opfer fallen." Und so auch hier, wenn Diaz "die jahrelange Seereise des Eroberers als Expedition in die Grausamkeit und den Wahnsinn kaum zu vergessender Bilder fasst".
Außerdem: Joachim Heinz spricht im Filmdienst mit Christoph Maria Herbst, der fürs Kino erneut in seine "Stromberg"-Rolle schlüpft (hier Kamil Molls unterwältigte Kritik im Filmdienst). Besprochen werden AliceDouards Debütfilm "15 Liebesbeweise" über ein lesbisches Paar, das in Frankreich ein Kind adoptieren möchte (Perlentaucherin Stefanie Diekmann lobt vor allem die Hauptdarstellerin: "Man möchte sich das Kino nicht mehr ohne EllaRumpf vorstellen", Tsp), Joachim Triers an Bergman orientiertes Familien- und Künstlerdrama "Sentimental Value" (FR, SZ), FelixMoellers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge" über die gefälschten "Prokolle von Zion", einem Kerndokument für den Antisemitismus rechter, linker und muslimischer Ausprägung (FAZ), DavidFreynes origineller Liebesfilm "Eternity", der für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte in der Tradition von "Und täglich grüßt das Murmeltier oder "Being John Malkovich" steht (FR), AimeeKuges auf BluRay erschienene feministische Horrorkomödie "Cannibal Mukbang", die den begeisterten taz-Kritiker Ekkehard Knörer nach mehr rufen lässt, DiegoCéspedes' "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" (taz), ChrisNiemeyers "Love Roulette" (NZZ), LarsJessens Dokumentarfilm "Jetzt. Wohin. - Meine Reise mit Robert Habeck" (SZ)und die auf MagentaTV gezeigte Serienadaption von PeterHøegs Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (Welt).
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