Im Kino
Der Schrecken in den Augen
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
03.12.2025. Ein Lav-Diaz-Film, der gerade einmal 163 Minuten lang ist, kann das gutgehen? Es kann, beweist "Magellan", der neue Streich des entschiedensten Regisseur des epischen Kinos im derzeitigen Weltkino. Ein klassisches Biopic über den portugiesischen Weltumsegler sollte man freilich nicht erwarten.
Den portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan kennen wir wahrscheinlich alle noch aus dem Schulunterricht - als heroischen Weltumsegler, der im Jahr 1520 die nach ihm benannte Magellanstraße, eine Meerenge zwischen dem südamerikanischen Festland und Feuerland und ein Handelsweg von seinerzeit überragender Bedeutung, entdeckte und als erster Weltumsegler endgültig die Kugelgestalt der Erde bestätigte. Ein großer Mann, jedenfalls in den westlichen Geschichtsbüchern. Aus Filipino-Perspektive stellt sich alles freilich ganz anders dar, daran lässt Lav Diaz' Film über den Entdecker und Kolonialherren von den allerersten Bildern an keinerlei Zweifel.
Nicht die portugiesischen Eroberer sehen wir da zunächst, sondern den Schrecken in den Augen der Indigenen. Schreiend läuft eine nackte Frau durch das Dorf, und ebenso unbekleidete Bewohner schließen sich ihr an. Einen weißen Mann habe sie gesehen, brüllt sie immer wieder. Schnitt. Überall liegen Leichen. Das Massaker, das sich zwischendurch ereignet hat, müssen wir nicht sehen, das blutgetränkte Schlachtfeld spricht für sich.
"Magellan" ist kein Biopic. Es ist ein Film von Lav Diaz, jenem großen, mit seinen vielstündigen Filmen alle Formate des etablierten Autoren- und Festivalkinos herausfordernden philippinischen Filmemacher, und den dürfte nichts weniger interessieren, als das Leben einer historischen Persönlichkeit schön der Reihe nach herunterzuerzählen. Dabei tut "Magellan", oberflächlich betrachtet, zunächst so, als nähere er sich einem konventionelleren Format des Arthousekinos an. In der Titelrolle besetzt Diaz mit Gael García Bernal einen international etablierten Schauspieler, und mit gerade einmal 163 Minuten fasst er sich - jedenfalls für die eigenen, monumentalen Verhältnisse - betont kurz.

Dabei war gerade letzteres bisher meist eine eher schlechte Nachricht bei Diaz. Der letzte Film, der die drei Stunden deutlich unterschritt - "Genus Pan" von 2020 - wirkte noch wie eine Sammlung von Outtakes, nicht fertig geworden und doch irgendwie zu einem Film zusammengeschnitten. Man glaubte danach, ein wenig besser zu verstehen, warum Diaz' Filme tatsächlich vier, sechs, acht, elf Stunden lang sein müssen. Eine kürzere Laufzeit würde ihnen nicht gerecht, wirkte übereilt, holprig, nicht zu Ende gedacht.
Auch von "Magellan", hört man, soll irgendwo in Diaz' eigenem Archiv eine neunstündige Schnittfassung existieren, und man kann sich das ganz hervorragend vorstellen. Aber auch die Version, die wir nun zu sehen bekommen, wirkt keineswegs wie ein verstümmelter Torso, sondern wie ein vollendeter, runder Film. Der etwas weniger Raumzeit für sich in Anspruch nimmt als Diaz' große, epische Filme - von "Evolution of a Filipino Family" (2004) bis "Phantosmia" (2024) -, aber gleichwohl auf den allerersten Blick als ein Film von Lav Diaz erkennbar ist.
Das liegt schon an der Bildgestaltung, denn niemand, wirklich niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen wie Diaz. Und verharrt dann in ihnen, bis es kaum noch aushaltbar ist. Man ist immer geneigt, Diaz' Film allein aufgrund ihrer monumentalen Lauflängen dem "Slow Cinema" zuzurechnen, aber obgleich es mitunter tatsächlich ungeheuer lange, unbewegte Einstellungen in ihnen gibt, führt dieses Schlagwort in die Irre. Denn es passiert ungemein viel in diesen Filmen, in diesen Einstellungen - tatsächlich ist Lav Diaz der entschiedenste Regisseur des epischen Kinos, den es derzeit im Weltkino gibt. Oft über viele Jahre und Generationen hinweg erzählen seine Filme von der Gewalt und dem Wahnsinn, von den Schrecken der Geschichte und von denjenigen, die ihnen zum Opfer fallen.
Auch "Magellan" ist in einer Folge solcher Einstellungen erzählt, bewegter Stilleben, unter denen sich nicht ein einziges befindet, das sich nicht tief in die Erinnerung einbrennen möchte. Es gibt Sequenzen in "Magellan", von denen man sich vorstellen kann, dass Diaz sie ohne Weiteres über drei, vier Kinostunden ausbreiten könnte. An die zweite Hälfte seines meisterlichen "A Lullaby to the Sorrowful Mystery", die vom Verlorengehen am Ende eines Gangs tief in den Dschungel erzählen und darüber das Erzählen selbst zum Stillstand bringen, denkt man angesichts jener Szenenfolge im Herzen von "Magellan", die die jahrelange Seereise des Eroberers als Expedition in die Grausamkeit und den Wahnsinn kaum zu vergessender Bilder fasst.
Der größte und verblüffendste Kunstgriff dieses wahrlich meisterlichen Films besteht darin, dass man einen anderen, ausufernderen Diaz-Film darin zu erkennen meint - und trotzdem an dem Film, den man vor Augen hat, rein gar nichts vermisst.
Jochen Werner
Magellan - Philippinen 2025 - OT: Magalhães - Regie: Lav Diaz - Darsteller: Gael Garcia Bernal, Amado Arjay Babon, Dario Yazbek Bernal, Ângela Ramos, Hazel Orencio u.a. - Laufzeit: 163 Minuten.
"Magellan" war im Rahmen der diesjährigen Ausgabe des Festivals "Around the World in 14 Films" zu sehen. Noch hat der Film keinen deutschen Verleih, es bleibt sehr zu hoffen, dass sich das noch ändert.
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