Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Autofiktion, nirgends

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14.10.2025. Der Deutsche Buchpreis ging an Dorothee Elmiger für "Die Holländerinnen": Die Literaturkritiker sind mehrheitlich zufrieden mit der Wahl dieses "literarischen Plädoyers für das Rätselhafte", wie die Welt anmerkt. Radu Judes neuen Film "Kontinental '25" findet die SZ "aufregend sarkastisch", die taz attestiert "große Eleganz". Die FR ergründet in einer Ausstellung in Bad Homburg die Geheimnisse der Nacht. Die taz entdeckt in einer Kölner Ausstellung die Freundschafts - und Liebesbeziehungen der Künstler John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2025 finden Sie hier

Literatur

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Fast durchweg sehr zufrieden sind die Kritiker damit, dass der Deutsche Buchpreis in diesem Jahr an Dorothee Elmiger für "Die Holländerinnen" gegangen ist. "Eine ganz ausgezeichnete Wahl", jubelt Adam Soboczynski in der Zeit, denn die Schweizer Schriftstellerin "ist dem Lebensgefühl unserer Gegenwart auf der Spur, dieser Ahnung, dass sich Selbstverständlichkeiten auflösen, dass wir nicht mehr sicher sind, ob die liberale Weltordnung, in der wir uns eingerichtet haben, noch eine Zukunft hat". Andreas Platthaus jubelt in der FAZ mit, da dieser Roman "souverän wie kein anderer in der Konkurrenz sein literarisches Spiel veranstaltet. ... Was da im Buch vorgeführt wird, ist ein Fest der indirekten Rede, weswegen sich Elmiger neben ihrem Lektor und ihrem Verleger auch ausdrücklich bei ihrer Korrektorin bedankte." Mara Delius atmet in der Welt auf: In diesem Roman "geht es nicht um Fragen der eigenen Identität. Keine Autofiktion, nirgends, auch kein Ich, das mehr oder weniger kaschiert durch den Roman spaziert". Der Autorin geht es in ihren Büchern um "die möglichst genaue poetische Durchdringung von Phänomenen, Ereignissen und Bildern." Einem auch in den Ansprachen zum Buchpreis wieder laut gewordenen "Verständnis von Literatur als Kuscheldecke für gestresste Gegenwartsseelen verweigert sich Dorothee Elmiger radikal mit ihrem literarischen Plädoyer zum Rätselhaften."

Gerrit Bartels hingegen hält im Tagesspiegel nicht allzu viel von dieser Jury-Entscheidung: Dieser Roman ist "vor allem eine schöne literarische Spielerei, eine Fingerübung. Elmiger demonstriert, was sie alles kann und kennt. Das Werk von Werner Herzog, das von Joseph Conrad, das von Annie Ernaux, das hier fiktionalisiert einigen Platz einnimmt, das von Thomas Bernhard, dessen Sprachsound Elmiger sich mit ihrer vielen indirekten Rede, 'angezogen/abgestoßen', einverleibt hat. ... Das größere Sprachkunstwerk auf dieser Shortlist ist Christine Wunnickes Roman 'Wachs' gewesen; und die größte erzählerische Leistung Thomas Melles Krankheits- und Todeserkundung 'Haus zur Sonne'."

Die Autorin hat gut feiern, die Verlage hingegen sind gerade etwas nervös, berichtet Marie Schmidt in der SZ: "Die Druckereien im Land haben Lieferschwierigkeiten und Verlage kalkulieren mit knappen Auflagen, die sie bei einer Gelegenheit wie so eines Buchpreisgewinns auch mal sehr kurzfristig nachbestellen. Der worst case wäre: Den einmaligen Turbo der Aufmerksamkeit, den der Deutsche Buchpreis bedeutet, zu verpassen, weil zumindest das physische Buch nicht zu kaufen ist." Weitere Würdigungen des Romans in FR und NZZ. Julia Hubernagel und Dirk Knipphals resümieren in der taz die Preisverleihung. Der Standard rezensiert den Roman. Dlf Kultur hat mit der Autorin gesprochen.

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Yasmine M'Barek spricht für Zeit Online mit Ocean Vuong über dessen neuen Roman "Der Kaiser der Freude", der von den ärmsten Schichten in den USA und deren Solidarität am Ende der Nullerjahre erzählt. Diese Solidaritär ist im Wandel, "unter schwierigen Bedingungen. Weil Amerika keine würdevolle Mythologie für die Armen hat. Hier gilt: Wenn man arm ist, ist man selbst schuld. Man ist ein schlechter Mensch, man verdient es, arm zu sein. Armut ist also eine Art gerechte Strafe. ... Wenn man in Armut aufwächst, wird man sehr jung zum existenziellen Denker. Meine Mutter setzte sich eines Tages zu mir und sagte: 'Du bist 16 Jahre alt, du musst jetzt bei McDonald's arbeiten, denn das ist unser amerikanischer Traum.' Reiche Eltern sagen ihrem Kind: 'Hey, werde Arzt!' Wir aber lebten in einer Sozialwohnung, und meine Mutter erklärte mir: 'Wenn unser gemeinsames Einkommen einen bestimmten Betrag übersteigt, werden wir rausgeworfen.'"

Weitere Artikel: Die Literatur des Buchmessen-Gastlandes Philippinen ist sehr gegenwartsgesättigt, schreibt Katharina Borchardt in der NZZ. Vor allem Comics stehen dort hoch im Kurs, berichtet David Pfeifer in der SZ. Die Zahl der Romane über den Klimawandel steigt, beobachtet Lisa Kuner in der taz. Im Nachlass des New Yorker Mafiagangsters Paul Castellano wurde ein makelloses Manuskript einer im "On the Road"-Universum angesiedelten Kurzgeschichte von Jack Kerouac gefunden, meldet Roman Bucheli in der NZZ unter Rückgriff auf diese Meldung im Guardian, der die zwei Seiten in voller Länge präsentiert. Außerdem kürt die FAZ die besten Sachbücher im Herbst, darunter Eva Illouzs "Der 8. Oktober" und Ulrich Raulffs "Wie es Euch gefällt".

Besprochen werden unter anderem Thomas Pynchons "Schattennummer" (FR), Fiona Sironics "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" (Standard), Michael Angeles "Ein deutscher Platz" über den Stuttgarter Platz in Berlin (online nachgereicht von der Zeit), Harald Jähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 -1967" (online nachgereicht von der FAZ) und Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Großen Respekt hat Paul Ingendaay im FAZ-Kommentar vor Eva Demmelhuber, einer langjährigen BR-Mitarbeiterin aus München, die nicht hinnehmen wollte, dass der Bayerische Rundfunk sein 175.000 Einheiten umfassendes CD-Archiv beim Sperrmüll entsorgen wollte, und den Bestand kurzerhand übernommen hat, um sich auf die Suche nach einer übernahmewillige Institution zu begeben. Die Cloud ist eben nicht alles, meint Ingendaay: "Die Musik, die der Bayerische Rundfunk auf CD besitzt - ebenfalls ein zeitanfälliges Medium - , besteht ja nicht nur aus Daten. Das Trägermedium Scheibe ist von einer Plastikhülle umgeben, die oft ein Booklet enthält, das seinerseits genauere Angaben zu den Musikern und dem Aufnahmeort liefert sowie gegebenenfalls Texte, Essays und Fotos - wertvolles historisches Material, aus dem spätere Wesen einmal schließen könnten, wie wir Menschen so waren und was wir schön fanden. Zu schweigen von der CD als Konzeption, die im Unterschied zur Playlist als durchdachte Komposition von Musikern gelten darf. Auf den Müll damit?" Mehr zu der Geschichte im Münchner Merkur.

Außerdem: Angesichts der aktuellen Ereignisse in Nahost wurde die Abstimmung darüber, ob Israel beim nächsten ESC teilnehmen darf, nun abgesagt, melden die Agenturen. Besprochen werden ein Wiener Bruckner-Abend mit dem BR-Symphonieorchester unter Simon Rattle (Standard), ein von Markus Poschner dirigiertes Wiener Konzert des RSO Wien mit Kompositionen von Lili Boulanger (Standard), ein Konzert der O'Bros, die mit christlichem Rap die Charts gestürmt haben (taz), eine Netflix-Doku über Ex-Spice-Girl Victoria Beckham (NZZ), Marcus S. Kleiners Buch "Keine Macht für Niemand" über Protest im deutschsprachigen Pop (Jungle World) und Martin Kleins Album "A Musician's Life" (Standard). Wir hören rein:

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Film

Im Parcours der Gewissensbisse: Radu Judes "Kontinental 25" (Grandfilm)

Radu Jude ist der Vieldreher unter den rumänischen Autorenfilmern des Gegenwartskino, kein Jahr ohne nicht mindestens einen neuen Film von ihm. "Kontinental '25" ist denn auch schon wieder sein vorletzter Film, bei der Berlinale wurde dieser Versuch einer Korrespondenz mit Rossellinis "Europa '51" mit dem Silbernen Bären prämiert. Erzählt wird von einer Gerichtsvollzieherin, die Gewissensbisse (und ein Shitstorm) plagen, weil ein Obdachloser sich bei einem Räumungsversuch das Leben genommen hat. Rossellinis Film als Orientierungspunkt ist "eine bedrückende, fast gespenstische Lektion in Demut", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Judes Film ist dagegen aufregend sarkastisch." Tazler Fabian Tietke ist ebenfalls beeindruckt: "Mit großer Eleganz führt das Drehbuch die Protagonistin durch ihren Parcours der Gewissensbisse und arbeitet in ihren eigenen, hilflosen Versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen, und in den Reaktionen ihrer Umgebung ein menschlich ethisches Problem heraus: die Spannung zwischen individuellem Handeln, moralischer Schuld und systemischen Zwängen und dem oft etwas kindischen Versuch, dieser mit symbolischen Handlungen zu entkommen, einerseits und andererseits dem Unwillen, sich in kapitalistischen Konsumgesellschaften solche ethischen Fragen auch nur zu stellen."

Weitere Artikel: Leo Geisler denkt im Filmdienst über Kelly Reichardts aktuellen Film "The Mastermind" und dessen Position im Genre des Heist-Movies nach. In der FAZ rät Marc Zitzmann zu einem Ausflug nach Paris, wo die Cinémathèque Orson Welles mit einer Ausstellung und Retrospektive ehrt. Ulrich Kriest führt im Filmdienst durch die Arbeiten von Hark Bohm, dessen "Amrum" von Fatih Akin fürs Kino adaptiert wurde. Esther Buss empfiehlt im Standard die zwei auf der Viennale gezeigten Filme der portugiesischen Regisseurin Maureen FazendeiroZeit Online verabschiedet sich mit einer Bilderstrecke von Diane Keaton (hier unser Resümee zu den Nachrufen auf sie).

Besprochen werden die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (taz) und Knut Elstermans Buch über Bach im Film (FD).
Archiv: Film
Stichwörter: Jude, Radu, Rumänisches Kino

Bühne

Besprochen werden Barbara Englerts Performance "Die Ilias. Jetzt erzähle ich" in der Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter in Frankfurt (FR), zwei Inszenierungen von Verdis Oper "Falstaff", einmal von Marlene Hahn an der Oper Leipzig und von Damiano Michieletto an der Semperoper in Dresden (FAZ), Mats Eks Ballett "Carmen", das die Oper Zürich zum Achtzigsten des Choreografen zeigt (NZZ), und die Märchenoper "Die drei Rätsel" an der Oper Berlin (taz, tsp).
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Kunst

Aus "dem Vollen" schöpft die Ausstellung "Fünf Freunde" im Kölner Museum Ludwig, die sich dem "Beziehungsnetzwerk" der Künstler John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly widmet, freut sich taz-Kritikerin Regine Müller. Die fünf Künstler verband tiefe Freundschaft, ihre Kunst und auch gegenseitige Liebe: "Hoch anzurechnen ist der Ausstellung, dass sie die 'Queerness' der Künstler und ihre Liebesbeziehungen zwar als Erzählfaden definiert, aber gar nichts Reißerisches hat. Die Schau guckt nicht durchs Schlüsselloch, sondern versucht, die Codes und Hinweise auf das Private in den Werken zu finden. Am offensichtlichsten gelingt das in einem offenen Rondell, das mit Rauschenbergs 'Bett' von 1955 die prominenteste Leihgabe der Schau zeigt. Für diese Arbeit aus der Reihe der 'Combines' klebte Rauschenberg sein eigenes Bett mit Laken und inzwischen ausgebleichter Steppdecke auf eine Holzunterlage und besprenkelte und bekritzelte den Kopfteil mit Farbe und Grafit. Wenn man will, kann man in den Kritzeleien im Kopfteil Reminiszenzen an die typische Arbeitsweise von Cy Twombly erkennen. Gegenüber steht in der Schau eine 'Odalisk'-Skulptur, die Rauschenberg mit einem ausgestopften Hahn bekrönte, dessen englischer Name 'cock' bekanntlich doppeldeutig ist."

Sarah Gillespie, Peppered Moth, 2021, Mezzotinto, aus der Serie A Litany of Moths, © Sarah Gillespie 

Die Geheimnisse der Nacht kann FR-Kritikerin Sylvia Staude im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg ergründen. Dort widmet sich die Ausstellung "Nachtleben" verschiedenen Facetten der Dunkelheit. Zum Beispiel mit Thierry Cohens "'Darkened Cities' von denen im Sinclair-Haus Tokio, Warschau, Rio de Janeiro in Umrissen und mit Sternenhimmel zu sehen sind. Mit Sternenhimmel? In der Realität sind diese Städte viel zu hell. Cohen fotografiert sie darum sogar tagsüber, dann den Himmel an einem lichtfernen Ort desselben Breitengrades, fügt beides digital zusammen. So dass sich nun ein zaubrisch funkelnder Himmel über grau-schwarzen Gebäuden wölbt. Noch ein Stück weiter geht Yann Mingard in seiner Serie 'Repaires' (franz. Versteck, Unterschlupf), die als Fotobuch erschienen ist, das von Seite zu Seite dunkler, schwärzer wird. Eines der letzten Bilder aus dieser Reihe hängt im Sinclair-Haus - und wenn man lange genug schaut, die Augen gewöhnt, wenn die fast schwarze Fläche nicht zu sehr spiegelt, erkennt man im feinen Umriss eine fliegende Eule."
Archiv: Kunst