Ocean Vuong

Der Kaiser der Freude

Roman
Cover: Der Kaiser der Freude
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446282742
Gebunden, 528 Seiten, 27,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl. Der queere Hai, Sohn einer vietnamesischen Mutter, lebt in East Gladness, einem heruntergekommenen Kaff in New England. Auf den Straßen hängen noch die Schilder der Obama-Kampagne "Yes, we can", doch Hai schluckt Pillen und denkt an Selbstmord. Bis er Grazina aus Litauen kennenlernt, eine Überlebende des Zweiten Weltkriegs, in deren Kopf die unerlösten Geister ihres Lebens schwirren. Hai wird ihr Pfleger und fängt an, in einem Diner zu arbeiten, dessen Belegschaft alles Underdogs sind wie er, die "in dieser angeblich freien Welt aus Arbeit, Schlaf und beschissenen Kuchen gefangen sind."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2025

Ziemlich enttäuscht ist Rezensentin Sandra Kegel von Ocean Vuongs hochgelobtem neuem Roman. Dessen Hauptfiguren heißen Hai und Grazina, ersterer jung und queer, zweitere alt und mit beginnender Demenz, die beiden tun sich zusammen, um sich gegenseitig beizustehen. Weiter im Inhalt: Auch ein Fast-Food-Restaurant spielt eine Rolle, Hai heuert hier an und bildet bald mit seinen Kollegen eine solidarische Gemeinschaft, die freilich nicht gegen die Verhältnisse aufbegehrt, sondern höchstens ein bisschen über die Reichen witzelt. Allzu sehr verklärt der Roman die Armut und die Perspektivlosigkeit seiner Figuren, ärgert sich Kegel, alles ist hier beispielhaft gemeint, die pathetische Prosa verliert sich zeitweise in Kalenderspruchweisheiten, kritisiert sie. Man könne das alles in Beziehung setzen zur Realität der fremdenfeindlichen Trump-Politik, allein, Zeitbezug macht noch keine große Literatur, kritisiert die Rezensentin, und die Art, wie Vuong uns hier auf arg konventionelle Weise mit sozialer Düsternis umhülle, führt für sie nirgendwo hin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.06.2025

Ein bisschen rührselig findet Rezensent Sidney Kaufmann nicht nur  Ocean Vuongs gefühlsbetontes Auftreten, sondern auch dessen zweiten Roman, der sich dem 19-jährigen Protagonisten Hai widmet. Hai wird von der über 80-jährigen Grazina bei seinem Suizidversuch gerettet,  lebt daraufhin bei ihr und arbeitet in einem Fastfood-Restaurant,  Erfahrungen, die das Buch grundieren. Schon den ersten Roman fand Kaufmann ziemlich melancholisch, hier sind ihm die aufgerufenen Bilder wirklich zu viel, etwa wenn sich die "Waage der Welt schließlich doch zugunsten der Barmherzigkeit" neigt. Dass Vuong sich zum Ziel gesetzt  hat, die Leben der Imbiss-Mitarbeiter nicht als Aufstiegsgeschichte zu erzählen, sondern so, wie sie sind, findet der Kritiker zwar als Idee ehrenwert, aber insgesamt bleibt der Roman für ihn doch zu gefühlig  und zu wenig literarisch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.06.2025

Inhaltlich wow, sprachlich mau: So beurteilt Rezensentin Sylvia Staude Ocean Vuongs zweiten Roman. Der spielt im US-Proletariat, lesen wir: Konkret geht es um einen tablettenabhängigen, schwulen Jungen namens Hai, der seinen Eltern gegenüber vorgibt, Medizin zu studieren, aber tatsächlich lieber mit anderen prekär lebenden Menschen abhängt: Darunter sein Cousin Sony oder die schwarze Lesbe BJ. Vor allem aber vertreibt er sich die Zeit mit einer über 80-jährigen, dementen Frau namens Grazina, bei der er bald sogar einzieht, und mit der er gemeinsam imaginäre Reisen in die Vergangenheit unternimmt - insbesondere in die Kriegszeit, die ihr nicht aus dem Kopf will. Durchaus anrührend ist diese Geschichte, findet Staude, die gern über Menschen liest, die einander gleichzeitig belügen und helfen. Aber stilistisch? Oh je, stöhnt Staude, dass Vuong von der Lyrik kommt, mag man kaum glauben ob der vielen schiefen Sprachbilder, die sich in diesem Buch tummeln, in dem zum Beispiel ein Fernseher "so groß wie Menschentorsos" wird. Also insgesamt ein ambivalentes Leseerlebnis, schließt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.05.2025

Rezensentin Michelle Schleimer freut sich, einen neuen Roman von Ocean Vuong entdecken zu können, auch wenn es hier wieder viele Traumata aufzulösen gibt: Der 19-jährige Protagonist Hai ist drogenabhängig, hat sein Studium abgebrochen und erfährt im Jahr 2009 die volle Härte der wirtschaftlich in der Krise steckenden US-amerikanischen Gesellschaft. Grazina Vitkus, eine demente Frau aus Litauen, hält ihn von seinem Suizidversuch ab und nimmt ihn bei sich auf, er nimmt einen Job in einem Fast-Food-Restaurant an, um über die Runden zu kommen, erfahren wir. Von da an lässt sich Schleimer in den "hinreißenden Sog" des äußerst lyrischen Romans einziehen, in dem die Mitarbeiter solidarisch sind, in dem der Krieg Hais Leben ebenso wie Grazinas durchzieht, in dem Hai sich auf kleinere homosexuelle Liebesabenteuer einlässt, in dem aber auch die Traumata immer wieder eine große Rolle spielen. Vieles davon ist so oder so ähnlich auch im Leben des Autors passiert, weiß die Kritikerin, dennoch ist dieser zarte Roman ohne klaren Handlungsbogen, aber mit vielen Sinneseindrücken keine Autobiografie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.05.2025

Rezensentin Juliane Liebert ist erkennbar kein Fan von Ocean Vuong. Wobei: Vor allem ist sie kein Fan von dessen Metaphern und Adjektiv-Explosionen, wie sie an zahlreichen Beispielen darlegt. Phrasen wie "Augenhöhlen" einer "Abwrackkarre", "gefüllt mit warmem Coca-Cola" sind für die Kritikerin an "Schwülstigkeit" kaum noch zu überbieten - und dergestalt sind so viele Sätze, dass Liebert vermutet: Vuong möchte für jedes einzelne Adjektiv einen eigenen Preis. Es gibt durchaus starke Szenen, räumt die Kritikerin ein, aber insgesamt scheint ihr auch der Plot nicht ganz konsistent. Schließlich mutmaßt Liebert ein bisschen böse, ob Vuong emotional in jenem Alter stecken blieb, in dem er berühmt wurde: In der "literarischen Pubertät des Wunderkinds".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.05.2025

Sehr ausführlich bespricht Maike Albath den neuen Roman von Ocean Vuong, den sie mit nur winzigen Einschränkungen empfiehlt: Einmal mehr erkennt sie den Autor hinter seinem Helden, den 19-jährigen vietnamesischen Studienabbrecher Hai, der seine Mutter weiterhin glauben lässt, er studiere Medizin in Boston. Es ist aber nicht nur die Geschichte um Hai, der hochverschuldet ist, eine Medikamentenabhängigkeit und den Tod seines besten Freundes hinter sich hat, die Albath in den Bann zieht. Mitunter wird sie von den vielen "Mini-Roadmovies" im Roman mitgerissen, trifft auf eine Menge kurioser Gestalten, blickt vor allem aber auf die "dunkel schimmernden" Schattenseiten des modernen Amerikas: Die Kritikerin begegnet etwa einer dementen alten Frau, Schlachtern, die Death-Metal-Musik laufen lassen, um die Schreie der Schweine nicht zu hören, überhaupt Underdogs in Fabriken und Fastfoodketten. Mitunter fühlt sich Albath an Upton Sinclairs Roman "Der Dschungeln", aber auch an Dostojewskis "Brüder Karamasow" oder Corman McCarthys Roman "Verlorene" erinnert. Auch sprachlich überzeugt der Roman, mit Sinnlichkeit und Bildgewalt, und nicht zuletzt mit Vuongs lyrischem Verhältnis zur amerikanischen Sprache. Einige Wiederholungen oder sprachliche Dopplungen nerven die Rezensentin zwar, die sind aber weder den exzellten Übersetzern noch dem Lektorat anzukreiden, sondern dem Druck, den Roman zeitgleich in den USA und in Deutschland zu veröffentlichen, meint Albath.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.05.2025

Rezensentin Lynn Hruschka trennt zwischen dem Buch und seinem Autor: Damit, dass Ocean Vuong den Boykott Israels fordert, kann die Kritikerin nichts anfangen, das Buch indes bespricht sie hymnisch. Wenn Vuong in seinem zweiten Roman autobiografisch grundiert von dem 19-jährigen queeren Hai erzählt, der kurz vor dem Selbstmord von der dementen Grazina gerettet wird, sieht Hruschka das in die Jahre gekommene Genre der Autofiktion auf ein neues Level gehoben: Vuongs Mix aus "litterature engagée und feiner Lyrik", der nicht nur zahlreiche kuriose Gestalten auftreten lässt, die wie der Held zwischen "Hoffnung und Sterben, Sucht und Wahnsinn" mäandern, besticht durch Flüssigkeit und "Prägnanz", lobt die Kritikerin.

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…