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01.10.2025. Michel Friedman kommt, nach seiner Ausladung durch den örtlichen Bürgermeister, auf eigene Faust mit dem PEN Berlin nach Klütz - und löst eine zivilisierte Debatte auf dem Marktplatz aus, freut sich die taz. Die SZ huldigt Kathrin Wehlischs brillantem Spiel als Kafkas Josef K. auf der Bochumer Bühne. Die FR verliert sich in den tänzerischen Schattenspielen einer Frankfurter Fotoausstellung von Péter Nádas. Der Standard feiert das zärtlich melancholische neue Album des Indierockers Jeff Tweedy. Mit Ben Safdies Sportfilm "The Smashing Machine" blickt die FAZ hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit.
Nachdem MichelFriedman - mutmaßlich auf Anweisung des (nach 30 Jahren im Amt nun zurückgetretenen) Bürgermeisters - vom Literaturhaus Uwe Johnson in Klütz ausgeladen worden war, kamen er und der PENBerlin einfach auf eigene Faust für eine Kundgebung in die kleine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Die Bevölkerung war derweil sehr angefasst von dem Medienrummel. Friedman selbst schlug versöhnliche Worte an: "'Es hat mich irritiert, dass es geheißen hat, ich passe nicht zu Klütz. Ich bin jetzt hier und finde, wir passen gut zueinander', sagt er und breitet die Arme aus", wie Ulrike Nimz in der SZ berichtet.
"Wie schon vergangene Woche werden die Gründe" für den Eklat "auch an diesem Abend nicht ganz klar", berichtet Jan Kahlcke in der taz, es könnte an den befürchteten hohen Security-Kosten gelegen haben. Dafür aber "gelingt etwas Erstaunliches": Der Markt wurde "zu einem Debattenforum auf Kopfsteinpflaster, bei dem jeder die Chance hat, zu Wort zu kommen. ... Es werden zwei Stunden konzentrierter und fast immer zivilisierter Debatte. ... Was sich in Klütz abspielt, ist auch ein Symptom zerrütteter Kommunalfinanzen. Die winzige Stadt mache jedes Jahr Millionenschulden, brauche Sanierungshilfen vom Land, sagt einer. Dass die Stadt sich das Literaturhaus leisten könne, sei eigentlich ein Wunder, meint ein anderer. Da kommt nicht so gut an, was die eigens angereiste Kulturministerin BettinaMartin (SPD) zu sagen hat, die die Ausladung von Friedman umgehend per Pressemitteilung kritisiert hatte. Jetzt sagt sie: 'Es geht nicht, dass Politik sich einmischt, wenn eine Kulturinstitution jemanden einlädt.' Dann müsse sie die Kultur eben auch auskömmlichfinanzieren, entgegnet jemand." (Die Kosten für Friedman waren allerdings von privaten Initiativen übernommen worden, hatte der Chef des Literaturhauses Hintz im Stern erklärt.) In der Welt sammeln Friedrich Steffes-Lay und Jens Ulrich Eckhard Stimmen aus den Diskussionen in Klütz.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FAZ-Gespräch mit Katrin Hillgruber gibt die SchriftstellerinMiekoKawakami Einblick in die japanische Gesellschaft der letzten 30 Jahre und damit in den historischen Hintergrund ihres aktuellen Romans "Das gelbe Haus": "1995 gab es ein großes Erdbeben in Kobe. Gleichzeitig verübte die Aum-Sekte Giftgasanschläge in der Tokioter U-Bahn. Für meine Generation war das der Anfangspunkt einer sehr dunklen Zeit, der sogenannten verlorenen dreißig Jahre. Alles Mögliche hat sich in dieser Zeit verändert. Von außen betrachtet, sieht Japan immer so aus, als wäre es ein sehr sicheres und reiches Land, aber die Armut nahm von diesem Zeitpunkt an zu. Damals ist das gesellschaftliche Sicherheitsnetz weggefallen. Das hat sich sogar bei der japanischen Mafia, der Yakuza, bemerkbar gemacht. ... Sie haben sich aufgesplittert, mussten sich digitalisieren, und es war für sie der Anfang des Abstiegs. All die Leute aus dem Milieu der Verbrecher und Kleinkriminellen, die ich im Roman beschrieben habe, sind letztendlich Übriggebliebene."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Alex Rühle porträtiert in der SZ den KinderbuchautorJakobMartinStrid, der 15 Jahre an den hochgradig detaillierten Wusel-Zeichnungen seines neuen ziegelsteinschweren Buchs "Der fantastische Bus" gearbeitet hat. Nina Mueller erinnert in der JungleWorld an JeanRhys' 1966 veröffentlichten, feministischen Roman "Die weite Sargassosee". Tillmann Neuscheler meldet in der FAZ, dass der Verleger SebastianGuggolz künftig den Börsenverein des Deutschen Buchhandels leitet.
Besprochen werden unter anderem PeterWaterhouses "Z Ypsilon X" (Standard), KatieKitamuras "Die Probe" (FR), TilmanLahmes Biografie über ThomasMann (Welt) und MartinaClavadetschers "Die Schrecken der anderen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Über Barrie Koskys Kafka-Collage "K.", die am Berliner Ensemble zu sehen ist, war an dieser Stelle bereits gestern jede Menge zu lesen. Noch nicht allzu viel allerdings über die Darstellerin der Titelrolle: Kathrin Wehlisch brilliert als Josef K., jubelt heute in der SZ Peter Laudenbach: "Das Tolle an Wehlischs Spiel ist, wie sie gleichzeitig wie Chaplin und mit dessen Tempo, Melancholie und Charme als ein von den Zahnrädern der Macht zerquetschtes, wehrloses Wesen um ihr Leben zappelt und kämpft. Über das, was ihrer Figur zustößt, staunt sie fassungslos - und grundiert das alles mit trockener Komik. Dabei behält ihr Spiel eine atemberaubende Leichtigkeit, als wäre das alles ein Tanz, auch wenn es ein Tanz über dem Abgrund ist."
Weitere Artikel: Sebastian Frenzel unterhält sich auf monopol mit Shermin Langhoff, die nach der laufenden Saison als Indendantin des Maxim Gorki Theaters abtritt. Dominik Straub berichtet in der FR über Proteste gegen die Ernennung Beatrice Venezis zur Leiterin des venezianischen Theaters La Fenice (siehe auch hier): Venezi gilt als Vertraute Giorgia Melonis mit entsprechendem Rechtsdrall.
Besprochen werden Ludger Vollmers "Rummelplatz"-Inszenierung an der Oper Chemnitz (nmz; "ein fabelhaftes ... Ensemble, ... allesamt in Hochform und sozusagen mit dem Herzen dabei"), Susan Kennedys "Parsifal" an der Oper Gent (van; "wunderbar hemmungsloser religiöser Kitsch"), Volker Schmidts "Brand" am Theater Braunschweig (taz; "nett gemeint, aber auch etwas anbiedernd"), Smetanas "Die verkaufte Braut" in der Inszenierung Dirk Schemdings an der Wiener Staatsoper (FAZ; "auf die Dauer etwas eintönig") und Kay Voges "Imagine" am Schauspiel Köln (SZ; "mäandert ein wenig bedrückend vor sich hin").
Faszinierende Licht-und-Schatten-Reflexionen bemerktFR-Autorin Hannah Čada in der Frankfurter Galerie Peter Sillem. Dort sind Fotografien des ungarischen SchriftstellersPéter Nádas' ausgestellt. Sie bestechen vor allem durch ihre Gegenwärtigkeit: "Es sind die Fragmente eines Moments, die erfasst werden, wo hauptsächlich die Begegnung des Lichts mit dem Raum beschrieben wird. Bei längerer Betrachtung sieht man fast, wie die Schatten, die die Blätter werfen, zu tanzen beginnen. So ruhig - oder beruhigend - die Fotografien wirken können, zeigen sie auch auf, dass nichts jemals ruht." Čada zufolge sind die Arbeiten außerdem von einer Nahtoderfahrung des Künstlers geprägt: "Er kann dadurch aus einer ganz anderen Perspektive erzählen, dass alles immer in Bewegung ist und ein Moment stets den nächsten jagt."
Außerdem: Katharina Rustler beschreibt im Standard die aktuelle Verkleidung des Eisernen Vorhangs der Wiener Staatsoper, die dieses Jahr von dem ghanaischen Künstler El Anatsui gestaltet wird. Besprochen werden die Schau "Show yourDarling" im Berliner ep.contemporary (taz) und Isabel Kittlers Fotoausstellung "Vergiss mein nicht! - Die letzten Ostfrauen" im ebenfalls Berliner Dock 11 (BlZ).
Matter Fleischberg: Dwayne Johnson, kaum wiederzuerkennen, in "The Smashing Machine" "The Smashing Machine" ist das Solodebüt des sonst mit seinem Bruder Josh im Kino für ekstatisch-exzessive Inszenierungen generalzuständigen Regisseurs BenSafdie. Für sein Sport-Biopic über den Wrestler MarkKerr konnte er den normalerweise auf hochbudgetierte Actionsausen abonnierten Ex-Wrestler Dwayne "TheRock" Johnson gewinnen, der hier erstmals ins oscarverdächtige Charakterfach wechselt. Safdie "blickt hinter die Fassade fleischbergiger Männlichkeit", schreibt Jens Balkenborg in der FAZ, der sich in mancher Ringszene vor Schmerz im Kinosessel windet. Das setzt den Modus dieses Films, der "in den Kampfszenen und ganz generell nicht durch Stilisierung oder Dramatisierung überzeugt, sondern durch einen so ungeschönten wie zurückhaltenden Realismus." Aber Sadie "sucht keinen kinematographischen Sensationalismus", er "entwirft (ohne zu werten) mit empathischem Blick ein zartes Porträt seines Protagonisten und des nicht eben zarten Sports."
Dieser Film versucht die Dramaturgie des Sportfilms zu unterlaufen, hält auch Tobias Sedlmaier in der NZZ fest: "Meist muss sich der Underdog in seiner jeweiligen Disziplin nach oben ackern. ... 'The Smashing Machine' hingegen steigt auf dem Höhepunkt des noch unbezwungenen Kämpfers ein und arbeitet sich von dort aus weiter. Eine leicht nach unten drängende Sinuskurve statt eines blutigen Märchens." Doch das "fluide,zielloseErzählen hat seinen Preis: Am Ende erschlaffen die um sich selbst kreisenden Bewegungen, die ewige Sucht von Kerr, jeder weitere Kampf, der abläuft wie der vorherige. ... Unter dem wankelmütigen Drehbuch leidet vor allem die von EmilyBlunt gespielte Dawn Staples, die Freundin von Kerr. Auch ihre Metamorphose zur White-Trash-Lady mit Leopardenlook ist gelungen. Doch ihre Figur ist undankbar angelegt." Für den Standardbespricht Stefan Weiss den Film.
Weitere Artikel: Tobias Obermeier spricht für die taz mit ChristinaTournatzes über ihren Film "Karla", in dem sie von einem realen Fall von Kindesmissbrauch erzählt. Wolfgang Hamdorf resümiert im Filmdienst das Filmfestival San Sebastián. In der FAZgratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin JulieAndrews zum 90. Geburtstag. Besprochen werden ChristianDitters Neuverfilmung von MichaelEndesFantasyklassiker "Momo" (Welt), die ARD-Serie "Naked" über Sexsucht(Tsp), PaulGreengrass' auf Apple gezeigter Katastrophenfilm "The Lost Bus" (SZ) und WilliamBridges' auf Apple gezeigte Online-Dating-Komödie "All of You" (SZ).
Und WernerHerzog hat mal wieder ConanO'Brien im Podcast-Studio besucht:
Der Titel des neuen Albums des Wilco-Musikers JeffTweedy sollte ursprünglich wohl "Tons of Time" lauten und die braucht man auch, um sich durch diesen Zweistünder durchzuhören, schreibt Karl Fluch im Standard. Aber auf diese musikalische Reise durch die Welt eines bald 60-jährigen Indierock-Heroen lässt er sich gerne mitnehmen. Es geht lose um "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" und "Tweedys Idiom transportiert dazu jene Zärtlichkeit und jene Melancholie, die man ab einem gewissen Alter sogar der Zukunft gegenüber empfinden kann. ... Wilco, und damit Tweedy, leben Indierock nicht bloß als (vielfältige) musikalische Schublade, es ist eine Denkungsart, die sich in der Musik spiegelt."
Weitere Artikel: Christian Schachinger erinnert im Standard daran, wie DrafiDeutscher 1965 mit "Marmor, Stein und Eisen bricht" den Rock'n'RollindendeutschenSchlager brachte. Marlon Rusch spricht für die Zeit mit dem Schweizer Liedermacher WalterLietha.
Besprochen werden ein Konzert des ORF-Radio-Symphonieorchesters in Graz (Standard), ein Konzert von ElliottSharp in Frankfurt (FR) und und der Soundtrack von NineInchNails zu "Tron: Ares" ("da eiert da ein stattlich hässlicher Cybertruck die komplett ausreichende Frist von ungefähr achtundsechzig Minuten düster und munter voran", schreibt Dietmar Dath online nachgereicht in der FAZ).
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