Efeu - Die Kulturrundschau
Neue Formen der Wirklichkeitsauslegung
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29.09.2025. Georg Stefan Troller ist im Alter von 103 Jahren gestorben: Die NZZ verneigt sich vor dem "Grandseigneur des Fernsehens", die FAZ erinnert an die "völlig selbstgewisse Stimme", mit der Troller erzählt hat. SZ und FAZ loben das großartige Spiel der beiden Hauptfiguren in Barbara Freys Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater. Die Gemälde Georges de la Tours überzeugen Welt und Zeit in Paris durch ihre "virtuose Lichtregie."
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.09.2025
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Film

Georg Stefan Troller ist tot. 103 Jahre ist er geworden - und was für ein Leben der Autor, Journalist und Filmemacher geführt hat: Den Nazis ist er als in Wien geborener Jude über Marseille in die USA entkommen, als US-Soldat kehrte er zurück, war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt und blieb fortan in Paris. Mit seinem Magazin "Pariser Journale" und der Porträtreihe "Personenbeschreibung" schrieb er schließlich bundesrepublikanische TV-Geschichte mit sagenhaften Einschaltquoten. Gefühlt bis zuletzt empfing er in seiner Pariser Wohnung Journalisten aus Deutschland, die sich nach ihm erkundigten und an seinen Lippen hingen. Für seine großen TV-Sendereihen traf er nahezu alle, die im 20. Jahrhundert Rang und Namen hatten, und wurde so zu "einem der beliebtesten Reporter seiner Zeit", wie Uwe Ebbinghaus in der FAZ schreibt. "Wo kam die impressionistische Leichtigkeit her, mit der Troller von 1962 an in seinem 'Pariser Journal' Persönlichkeiten, Straßen und Orte der französischen Hauptstadt einfing?" Selbst noch in den Neunzigern war es "eine staunenswerte Erfahrung, zufällig in einen Troller-Film zu geraten und zum ersten Mal diese markante, offenbar völlig selbstgewisse Stimme zu hören. Eine Sprachmelodie, die wie ein Walzer zum Ende eines jeden Satzes immer wieder anhebt und in den nächsten hinübergleitet, als müsse man nicht viel Aufhebens um die Einzelheiten machen."
In seinen Filmen ging es Troller darum "immer wieder neue Formen der Wirklichkeitsauslegung zu entwickeln", schreibt Christian Hißnauer im Filmdienst in einer ursprünglich 2021 erschienenen Rezension einer DVD-Box mit einer Auswahl von Trollers TV-Arbeiten. Diese "sind ungezügelt. Sie zelebrieren die Lust am sprachlichen und visuellen Ausdruck - und an dokumentarischen Grenzgängen." Im TV unserer Gegenwart hätte Troller wohl "keinen Platz mehr. Insofern zeigen seine Filme auch, was Fernsehen einmal war, was Fernsehen sein könnte." Daniel Kothenschulte lobt in der FR die "Kunst der Annäherung" dieses "selbstbewussten Flaneuers". Dessen Beiträge lebten "von einer Kombination aus mobiler Handkamera und Kommentierung. Diese verfasste er in einem scheinbar spontanen Reportagestil im Nachhinein, wobei er das Bild nicht zu erklären, sondern zu erweitern suchte." Dieser "Wortgewalt stand dabei ein visueller Überschuss entgegen, das Finderglück von Kameraleuten wie dem großen Carl F. Hutterer. ... Blickt man heute auf Trollers immenses Filmwerk, betritt man die Schatzkammer eines untergegangenen Kulturfernsehens. Experimentierfreudig und doch stets auf Augenhöhe."
Bei diesem "Grandseigneur des Fernsehens wurden aus Heroen Menschen und aus Menschen Heroen", schreibt Paul Jandl in der NZZ über diesen "Jahrhundertmenschen". Nicht nur Stars traf Troller, sondern auch den gesellschaftlich Ausgegrenzten und an den Rand Gestellten hat er "jene Würde gegeben, die das Fernsehen seinen Opfern oft nimmt. Hier war die berühmte Glotze etwas anderes. Keine Schicksalsverwertungsgesellschaft, sondern ein Zeichen dafür, dass Journalismus nicht nur Zeitgenossenschaft ist, sondern auch eine Form der Mitmenschlichkeit. ... Troller-Interviews waren Seelenerkundungen, waren Literatur für sich." Mara Delius erinnert sich in der Welt an ihren Besuch bei Troller, als er seinen 100. Geburtstag feiern konnte: "Der alte Mann hatte nichts Abgeschlossenes oder Starres, obwohl er, wie er selbst mit blitzendem Blick sagte, 'eigentlich ein Fossil' sei." Auch Christoph Amend erinnert sich auf Zeit Online an persönliche Begegnungen.
Die Archive sind reichgefüllt: Zur Literarischen Welt hatte Troller bis zuletzt Kolumnen über seine zahlreiche Begegnungen mit Künstlern und Prominenten beigesteuert - hier seine letzte Lieferung über einen Besuch im Globe Theatre in London. Das ZDF hat ein fast dreistündiges Gespräch mit Troller im Angebot. Auch SWR und Dlf Kultur haben große Gespräche mit Troller in ihren Archiven. Die ARD-Mediathek hat hier, dort und hier Porträts. Auf Youtube gibt es zahlreiche seiner Reportagen, Porträts und Gespräche - wir empfehlen diese sorgfältig zusammengestellte und aus Anlass von Trollers Tod nochmals aktualisierte Playlist. Bücher von und über Troller finden Sie in unserem Online-Buchladen Eichendorff21.
Weiteres: Thomas Abeltshauser resümiert für die taz das Filmfestival in San Sebastián. Dass AppleTV die Serie "The Savant", in der Jessica Chastain im Netz nach rechten Amokläufern fahndet, fürs Erste doch noch nicht online gestellt hat, dürfte wohl an dem Anschlag auf Charlie Kirk liegen, vermutet Florian Schmid in der taz. Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ von einer Veranstaltung mit Russell Crowe beim Zurich Film Festival. Markus Ströhlein erzählt in der Jungle World von seiner Reise nach Birmingham, wo die Erfolgsserie "Peaky Binders" angesiedelt ist. Marie-Luise Goldmann spricht für die Welt mit dem Team der ARD-Serie "Naked", in der es um die Folgen von Sexsucht geht. Besprochen werden Gabriel Mascaros auf der Berlinale preisgekrönter Film "Das tiefste Blau" (Zeit Online) und Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (vom TA für die SZ online nachgereicht, unsere Kritik).
Bühne

Simon Strauss feiert in der FAZ vor allem die weibliche Hauptrolle: "So wie Anna Drexler die Karoline spielt, ist sie eine Schicksalsschaumschlägerin, die unbedingt erfahren will, was es heißt, das Spiel noch einmal ganz anders anzufangen. Nie, auch nicht in den Momenten größtmöglicher Demütigung, wenn sie, von lüsternen Männerblicken bedrängt, einen Schnaps nach dem nächsten trinkt, umgibt sie auch nur der Hauch einer Unsicherheit. Sie kippt die Shots mit großer Genugtuung, sie wechselt die Männer mit lustvoller Härte, sie schaut herablassend auf alle Melancholie - ihr Gemüt ist zum eigenständigen Erleben entschlossen."
Besprochen werden: "Imagine" von Kay Voges am Schauspiel Köln (taz), Tobias Kratzers Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper beginnt mit dessen Inszenierung von Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" und, gemeinsam mit Matthias Piro inszeniert, die Kinderoper "Die Gänsemagd" von Iris ter Shiphorst, Libretto von Helga Utz (FR), Ayad Akhtars KI-Stück "Der Fall McNeal" am Deutschen Theater Berlin, Regie führt András Dömötör (SZ), Barrie Koskys "K." mit Texten von Franz Kafka am Berliner Ensemble (Nachtkritik, Tagesspiegel), "Glaube Liebe Hoffnung oder Leistung muss sich leider lohnen" von Gerlinde Steinbuch auf Basis von Ödön von Horvath am Theater Konstanz, inszeniert von Nina Mattenklotz (Nachtkritik) und Dostojewskis "Spieler" in einer Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik).
Literatur
Für die "Seite Drei" der SZ porträtiert Constanze von Bullion die Schriftstellerin Anne Rabe. Julia Rothhaas spricht für die SZ mit der Krimiautorin Ingrid Noll. Lars von Törne blickt für den Tagesspiegel auf 75 Jahre "Peanuts" zurück.
Besprochen werden unter anderem Ulrike Draesners Versepos "penelopes sch()iff" (online nachgereicht von der FAZ), Kathrin Rögglas Essaysammlung "Nichts sagen. Nichts sehen. Nichts hören" (online nachgereicht von der FAZ), Helle Helles "Hafni sagt" (NZZ), Ann Schlees "Die Rheinreise" (Standard), George Sands "Nanon" (online nachgereicht von der FAZ), Dieter Kühns "Ausblicke vom Fesselballon" (online nachgereicht von der FAZ), Sara Paretskys Krimi "Wunder Punkt" (FR), Ali Sadrzadehs Biografie über Ali Khamenei (NZZ) und Elizabeth Gilberts "All the Way to the River" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Ulrike Draesners Versepos "penelopes sch()iff" (online nachgereicht von der FAZ), Kathrin Rögglas Essaysammlung "Nichts sagen. Nichts sehen. Nichts hören" (online nachgereicht von der FAZ), Helle Helles "Hafni sagt" (NZZ), Ann Schlees "Die Rheinreise" (Standard), George Sands "Nanon" (online nachgereicht von der FAZ), Dieter Kühns "Ausblicke vom Fesselballon" (online nachgereicht von der FAZ), Sara Paretskys Krimi "Wunder Punkt" (FR), Ali Sadrzadehs Biografie über Ali Khamenei (NZZ) und Elizabeth Gilberts "All the Way to the River" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Für Hanno Rauterberg in der Zeit entwickeln die Bilder einen "grundstürzenden" Sog: "Nie sieht man auf seinen Bildern ein Fenster, eine Tür, nichts öffnet sich dem Außen und lässt den Tag herein. Es gibt da nur ein schwarz umhülltes Jetzt, einen oft rätselhaften Moment der Verhaltenheit. Und doch ist die Dunkelheit dieses Künstlers nie düster. Im Gegenteil, er malte sich immer weiter hinein ins Unmalbare, in jene Sphären, die sich dem Auge entziehen. Und hoffte innig darauf, dass sich im Unsichtbaren ein neuer Anfang zeige."
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Die Möglichkeit der Unvernunft" von Jan Böhmermann & Gruppe Royale im HKW Berlin (Welt, SZ, Tagesspiegel, Monopol interviewt Böhmermann), "John Singer Sargent - Éblouir Paris" im Pariser Musée d'Orsay (NZZ) und "Göttlich! Meisterwerke der italienischen Renaissance" im Diözesanmuseum Freising (FAZ).
Architektur
Hannes Hintermeier bestaunt für die FAZ das Werk der indischen Architektin Anupama Kundoo in der Ausstellung "Reichtum statt Schönheit" im Architekturzentrum Wien. Kundoo setzt dem westlichen Beton- und Expansionswahn Bauten wie ihr "Wall House" entgegen: "Das luftige, nach mehreren Seiten mittels Klappelementen zu öffnende Wall House ist nach seinen zweistöckigen unverputzten Ziegelmauern benannt. Diese Tonziegel werden vor Ort in temporären Öfen gebrannt, die nach dem Brennvorgang Backstein für Backstein zerlegt und verbaut werden, um dann wieder Feldern Platz zu machen. Die Ziegel sind dünn und unregelmäßig; mit Kennerschaft gefügt, tragen sie auch große Lasten. Gleiches gilt für die gewölbte Decke aus konischen, hohlen Tonkegeln, die ineinandergesteckt und auf der Außenseite von einer Schicht Ferrozement geschützt werden. Die Keramikdecke sorgt durch ihre Hohlräume für eine gute Klimatisierung."
Musik
Hans-Jürgen Linke (FR) und Wolfgang Sandner (FAZ) schreiben Nachrufe auf Jim McNeely, den langjährigen Leiter der hr-Bigband. Pamela Spitz erinnert in der Welt an die aufwändigsten Albumcover-Gestaltungen des legendären Hipgnosis-Studios. Im Standard gratuliert Karl Fluch Marianne Mendt zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden ein Konzert von Drangsal in Frankfurt (FR), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), das neue Album von Nina Chuba (Standard, mehr dazu bereits hier), eine neue Aufnahme von Francesco Bartolomeo Contis "Il trionfo della Fama" (FAZ), Trent Raznors Soundtrack zum Film "Tron: Ares" (FAZ) und ein neues Album von des Jazzpianisten Fred Hersch (FAZ).
Besprochen werden ein Konzert von Drangsal in Frankfurt (FR), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), das neue Album von Nina Chuba (Standard, mehr dazu bereits hier), eine neue Aufnahme von Francesco Bartolomeo Contis "Il trionfo della Fama" (FAZ), Trent Raznors Soundtrack zum Film "Tron: Ares" (FAZ) und ein neues Album von des Jazzpianisten Fred Hersch (FAZ).
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