Efeu - Die Kulturrundschau

Eine recht handliche Keule

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23.09.2025. Mariame Cléments Frankfurter "Così fan tutte"-Inszenierung wird dem Stoff mit klugen Aktualisierungen gerecht, lobt die FAZ. Zeit Online bewundert, wie energisch Spanien zum "Hollywood Europas" avancieren will. Die taz betrachtet in Oldenburg mit Begeisterung den melancholischen Herkules des Bildhauers Ludwig Münstermann. Die Musikkritiker staunen beim Musikfest Berlin über Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula". 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Così fan tutte" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. 

An Mozarts Oper "Così fan tutte" haben sich schon viele Regisseure die Zähne ausgebissen, meint FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner. Aber mit ihrer klugen Inszenierung, die einige "überkommene Details" des Librettos aktualisiert, hat die französische Regisseurin Mariame Clément an der Oper Frankfurt alles richtig gemacht: "Etienne Pluss hat ihr auf der Drehbühne zwei identische Räume mit einem schäbigen Zwischengang geschaffen, in denen eine von Bianca Deigner mit modischen Accessoires üppig ausgestattete Hochzeitsgesellschaft der Gegenwart im Grunde permanent gegenwärtig ist, als prächtiger Chor auch das Soldatenlied anstimmt, oder auch nur stumme Zeugenschaft des absurd-verwirrenden Spiels um Liebe, Treue, Ehe und Verrat ablegt." Außerdem wäre da noch Thomas Guggeis als "Dirigent mit einem nahezu somnambulen Verständnis aller Nuancen dieser vielschichtigen Partitur mit ihren unterschwelligen Stimmungen und Emotionen."

Auch Judith von Sternburg ist in der FR sehr angetan, wie man hier dem "Irrsinn der Liebe, der Anziehungskraft und der Lust, etwas zu erleben, zuschauen kann."

Weiteres: In der SZ fragt Dorion Weickmann, warum gerade die Welt des Balletts so anfällig für toxische Verhaltensweisen und Skandale ist. In der FAZ resümiert Hubert Schulz die Ruhrtriennale, mit der Abschluss-Inszenierung des Stücks "Guerinica, Guernica" durch das Theaterkollektiv FC Bergmann. In der taz bespricht Dorothea Marcus das Stück. Besprochen wird Matthias Schulz' Inszenierung der Strauss-Oper "Der Rosenkavalier" am Opernhaus Zürich (NZZ, SZ) und Laurent Pellys Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" am La Monnaie in Brüssel (VAN) und Antú Romero Nunes "Hamlet"-Inszenierung am Theater Basel (NZZ).
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Kunst

Ludwig Münstermann, Herkules, Tragefigur eines Kamins im Schloss Delmenhorst, um 1610, Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Foto: Martin Luther

"Wirklich eine Wucht" ist die Ausstellung "Münstermann" im  Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg, die Werke des Oldenburger "Herrgottsschnitzers" Ludwig Münstermann zeigt, staunt taz-Kritiker Benno Schirrmeister. Im 17. Jahrhundert schuf Münstermann unzählige Skulpturen für protestantische Kirchen in und um Oldenburg. Eine Sensation ist für den Kritiker zum Beispiel seine Herkules-Figur, die sehr untypisch für ihre Zeit ist: "Dieser Herkules ist eher ein nachdenklicher Schlacks mit Schnäuzer, fast melancholisch. Vielleicht guckt er so traurig, weil er als Heide keinen Anteil an Gottes Gnade haben kann. Einst hat diese Skulptur einen Kaminaufbau getragen, wie der Held im Mythos den ganzen Erdball. Sie muss ihre Stärke weder sich selbst noch irgendjemandem sonst beweisen. Also hängt die rechte Schulter etwas schräg nach unten, auf der linken ruht eine recht handliche Keule, ohne die Herkules kaum als Herkules erkennbar wäre: schmal der Brustkorb, langgestreckt die Oberschenkel, echte Tänzerbeine. Das rechte ist leicht vorgestellt, das linke angewinkelt. So bildet die Sandstein-Skulptur eine auch in sich noch einmal geschwungene Linie. Figura serpentinata nennt das die Kunstgeschichte."

Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der Bildhauerin Brigitte Meier-Denninghoff in der Berlinischen Galerie (FR) und die Ausstellung "William Kentridge: Listen to the Echo" im Museum Folkwang in Essen (SZ).
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Musik

Beim Musikfest Berlin wurde Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" vom Symphonieorchester der schwedischen Stadt Norrköping unter Karl-Heinz Steffens konzertant welturaufgeführt. Das Bauhaus und die Musik - das war bislang ein in der Forschung und Rezeption eher unterbelichtetes Kapitel, stellt Wolfgang Schreiber in der SZ fest. Diese Entdeckung nun ist dem Forschungsprojekt "Bauhaus Music" zu verdanken, dessen Ergebnisse man hier einsehen kann. Und wie war's? "Blitzsteins komplex beladene Partitur lässt Steffens in einen durchgehend robusten Klangfluss einmünden, angetrieben und manchmal beseelt von Vitalität und expressiver Willensstärke, ausbuchstabiert immer wieder in kantigen Gesten. Sieben stimmgewaltig und lebensnah erzählende Protagonisten ... lassen fast vergessen, dass das theatralische Narrativ der Oper von rein geometrischen Existenzen verkörpert wird. Die Figur der Parabel (Parabola) und der Kreis (Circula) sind die Eltern von Rechteck (Rectangula) und Punkt (Intersecta), die sich lieben, doch getrennt werden. Der Zweifel generiert den Konflikt. Prisma, Linie und Geodäsie sind Freunde, nur, es herrscht der Zweifel,am Ende wird der Kreis getötet. Unüberhörbar: Die abstrakte Oper eines jungen Komponisten will ein untergehendes Paradies ins Bewusstsein rufen."

In der taz staunt Katharina Granzin darüber, wie Blitzsteins Librettist George Whitsett "die gesamte Affektorganisation der Opernwelt in Frage stellt". Er entpuppt sich "mit der nachdrücklichen Vernichtung des Konzepts der romantischen Opernliebe als der eigentliche Avantgardist des Projekts. Die Musik, die Blitzstein dazu komponiert hat, ist ein Konglomerat zahlreicher musikalischer Stilrichtungen, dessen prinzipielle Bühnenwirksamkeit in der rein konzertanten Aufführung nicht voll zum Tragen kommt, da choreografische und visuelle Elemente fehlen. Eigentlich aber müsste 'Parabola et Circula', ganz im Bauhaus-Geist, als multimediales Gesamtkunstwerk erlebt werden."

Weitere Artikel: Manuel Brug verabschiedet sich in der Welt von Michael Haefliger, der nach 26 Jahren als Leiter des Lucerne Festivals den Stab weiterreicht. Matthias Heine spricht in der Welt mit dem Linguisten Roman Schneider, der anhand von deutschen Poptexten der Siebziger bis heute einen mehr als fünf Millionen Wörter umfassenden "Songkorpus" erstellt hat, anhand dessen er "sprachliche Entwicklungen, Muster und eben auch Besonderheiten empirisch fundiert" erforscht, zumal "Songtexte ein hervorragendes Beispiel für Umgangssprache sind, die sich ansonsten in den üblichen Korpora aus redigierten Pressetexten und Belletristik nicht findet".

Besprochen werden der von Tugan Sokhiev dirigierte Saisonauftakt der Wiener Philharmoniker mit Martha Argerich, die laut Standard-Kritiker Stefan Ender "grelle Drastik und bizarre Komik, lyrische Poesie und packende, anschauliche Theatralik ... par excellence demonstrierte", Ghostwomans Album "Welcome To the Civilized World" (FR) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Appear/Disappear" von The Young Gods ("Irgendwo in der Mitte zwischen röhrendem Hirsch, dem Pathos eines Jim Morrison, sperrigem Liedgut von Hausgott Kurt Weill sowie böllerndem Hau-drauf-und-Schluss", freut sich Christian Schachinger im Standard).

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Literatur

Jens Uthoff resümiert in der taz den Ukraine-Abend des PEN Berlin beim Internationalen Literaturfestival Berlin (mehr dazu bereits hier). Der Tages -Anzeiger hat Felix Stephans SZ-Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah (hier unser Resümee) online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem die ersten Bände der neuen Werkausgabe Elias Canetti (NZZ), Heinrich August Winklers Memoiren (Welt), Thomas Arzts "Das Unbehagen" (Standard), Dimitré Dinevs "Zeit der Mutigen" (Standard), Zoran Drvenkars Rachethriller "Asa" (Presse), Torrey Peters' "Stag Dance" (taz) und die Neuübersetzung von George Sands "Nanon" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Pen Berlin

Film

In einer Reportage für Zeit Online berichtet Christian Meier vom international ausgerichteten Film- und Serienboom in Spanien. Dort schickt man sich an, das "Hollywood Europas" zu werden - eine Losung, die nicht aus der Branche, sondern aus dem Mund des Ministerpräsidenten Pedro Sánchez stammt. "Die internationale Filmindustrie ... erhält hier hohe Steuernachlässe (rund 30 Prozent), die Studiokapazitäten steigen genauso wie der im Land ausgebildete Talentpool, die Arbeitskosten sind vergleichsweise niedrig, dazu kommen die staatliche Unterstützung und nicht zuletzt die vielen Sonnenstunden, die auch bei Außendrehs wichtig sind. Allein zwischen 2020 und 2023 sei die Zahl der in Spanien bei Film und Fernsehen Beschäftigten um 93 Prozent auf 62.000 Mitarbeiter gestiegen, verkündete das Ministerium für digitale Transformation im Sommer des vergangenen Jahres. Was gleichzeitig die größere Zahl der Produktionen belegt. In Deutschland hingegen ist von einer solchen Aufbruchstimmung nicht viel zu spüren. Eine Steuererleichterung für Produktionen, die bereits von der Ampelkoalition geplant war, wird erst einmal nicht umgesetzt." 

Weitere Artikel: Kais Harrabi schaut sich für die FAZ auf der Plattform Letterboxd um, wo sich die internationalen Cinephilen tummeln (mehr und etwas vertiefter zu diesem Phänomen siehe diese Diskussion in unserer Magazinrundschau). Maria Wiesner erinnnert in der FAZ (online nachgereicht) an den Monty-Python-Klassiker "Die Ritter der Kokosnuss". Mina Marschall schreibt ebenfalls in der FAZ über Christopher Nolans modernen Klassiker "The Prestige" von 2006. Clara Wutti und Isadora Wallnöfer sprechen im Standard mit der zwar in Österreich geborenen, lebenden und arbeitenden, rein formal aber serbischen Regisseurin Olga Kosanović, die darum kämpft, endlich die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Besprochen werden eine BluRay-Ausgabe von Carlos Sauras aufwändig restauriertem Debüt "Die Straßenjungen" von 1959 (FD), Emma Benestans "Animale" (critic.de), die Netflix-Serie "Black Rabbit" mit Jude Law (NZZ) und das Buch "Jetzt schon?" der Schauspielerin Naomi Watts über ihre Menopause (NZZ).
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Stichwörter: Filmproduktion, Spanien