Efeu - Die Kulturrundschau
Beim Blödsinnmachen an der Küste
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13.09.2025. Die FAS ist gleichzeitig berauscht und nüchtern, wenn sie in der Julia Stoschek Foundation in Berlin Mark Leckeys sprechende Kühlschränke trifft. Die nachtkritik erlebt, wie sich in Jan Philipp Glogers Einstands-Stück am Volkstheater Wien ein Komet in die Erde verliebt. SZ und FAZ diskutieren weiter über die Ausladung der Münchner Philharmoniker und ihres israelischen Dirigenten Lahav Shani vom Flandern Festival in Gent.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.09.2025
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Kunst

"Halluziniere ich, oder hat mir der Smiley-Sticker auf dem Subway-Plan gerade wirklich zugezwinkert?" fragt sich FAS-Kritiker Jonathan Guggenberger bei der Mark Leckey - Retrospektive in der Julia Stoschek Foundation in Berlin. Der britische Künstler, der in jungen Jahren leidenschaftlicher Raver war, spielt in seinen Arbeiten ein "präzises Verunsicherungsspiel mit Wahrnehmungszuständen", so Guggenberger: "Zum Beispiel GreenScreenRefrigeratorAction von 2015, einem sprechenden Kühlschrank, der monolithisch vor einem Green-Screen thront und über sein Dasein sinniert. Überhaupt denken die magisch belebten Dinge in dieser Ausstellung oft und laut über sich selbst nach. Geht man weiter ins Kellergeschoss, findet man in einem stockdunklen Lagerraum, zwischen Transportkisten sitzend, eine überlebensgroße Skulptur in Denkerpose, das Abbild des Künstlers, übersät mit offenen Wunden, wie ein Leprakranker oder ein Fixer."
Weiteres: In der FAZ erklärt Patrick Bahners Details zum von Mondrian-Erben angestrengten Verfahren gegen die Stadt Krefeld (unser Resümee). Im Tagesspiegel erzählt Michaela Nolte von ihrem Besuch der Messe Positions Berlin Art Fair, die im Flughafen Tempelhof stattfindet. Besprochen werden die Ausstellung "Von Renoir bis Warhol" im Osthaus Museum in Hagen (FAZ), die Ausstellung "Daniel Josefsohn. Unseen" in der Galerie Krone in Berlin (FAS), die Ausstellung "Pixelprojekt Ruhrgebiet. Neuaufnahmen 2024/2025" im Wissenschaftspark Gelsenkirchen (taz) und die Ausstellung "Issy Wood: Magic Bullet" im Schinkel Pavillon in Berlin (tsp).
Musik
Die deutsche Botschaft in Belgien hat die Zusammenarbeit mit dem Flandern Festival in Gent eingestellt, für die Münchner Philharmoniker und ihren Dirigenten Lahav Shani wurde spontan ein solidarisches Ausweichkonzert beim Musikfest Berlin organisiert. "Die Empörung über die Ausladung des israelischen Stardirigenten Lahav Shani und der Münchner Philharmoniker durch das belgische Flandern-Musikfestival nimmt kein Ende", schreibt dazu Sonja Zekri erstaunlich genervt in der SZ. Erstaunlich ist auch ihre Einschätzung, dass "das Flandern-Festival nur die letzte einer Reihe internationaler Kulturinstitutionen ist, die in die unerbittlichen Mühlen hochpolitischer Diskurse geraten sind" - als ob das Festival keine aktive Rolle in diesem Skandal spielen würde. Protest gegen Palästinaflaggen auf Opernbühnen, die Debatte um Netrebko oder die Ausladung Omri Böhms in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald und jetzt eben Lahav Shani: Für Zekri offenbar alles irgendwie eins. In Deutschland "werden Kulturschaffende gerade wegen ihrer kritischen Haltung zu Israel ausgeladen. Anders als die deutschen Reaktionen zum Fall Lahav Shani nahelegen, sind darunter viele jüdische Intellektuelle und Künstler."
SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck würdigt Shani als meisterlichen "Romantiker" am Dirigentenpult und verortet ihn in der Tradition Daniel Barenboims. Dieser "ist ihm aber nicht nur als Musiker ein Vorbild, sondern auch als Mahner zu Versöhnung und Frieden. Allerdings, so schrieb er in der SZ: 'Wenn ich meiner Regierung Vorschläge machen oder sie kritisieren möchte, werde ich das in Israel tun und nicht in Deutschland.' Genau das genügt den Genter Festival-Machern nicht. Zumal Belgien Palästina als Staat anerkennen will und Caroline Gennez, die Kulturministerin der Region Flamen, dazu aufgerufen hat, nicht mit Partnern zu arbeiten, die sich nicht klar von der israelischen Regierung distanzieren. Das Genter Festival ist diesem Wunsch nachgekommen, die Außenwirkung verheerend."
Das wird im übrigen auch in Belgien selbst so wahrgenommen: FAZ-Korrespondent Thomas Gutschker sammelt Reaktionen belgischer Politiker zu Shanis Ausladung: "Binnen weniger Stunden meldete sich die gesamte politische Elite des Landes zu Wort - vom Ministerpräsidenten über den Außenminister bis hin zum Regierungschef von Flandern. Mit einhelligem Tenor: Die Entscheidung ist unüberlegt und falsch, sie schadet dem Land. Am weitesten ging Georges-Louis Bouchez, der Vorsitzende der wallonischen Liberalen und zweitwichtigste Politiker des Landes. Er forderte noch am Donnerstagabend den Rücktritt der flämischen Kulturministerin Caroline Gennez."
Weiteres: Die Rundfunkanstalten immer mehr Länder drohen mit einer Nicht-Teilnahme am nächsten Eurovision Song Contest, sollte Israel daran teilnehmen, berichtet Peter-Philipp Schmitt in der FAZ. Das eher subkulturell als breitenwirksame österreichische Metalfestival Kaltenbach Open Air bietet auch Bands vom politisch rechten Rand eine Bühne, berichtet Peter Pichler im Standard. In der FAZ gratuliert Gerald Felber dem Pianisten Andreas Staier zum 70. Geburtstag. Fürs Zeit Magazin spricht Antonia Baum mit dem Musiker Blood Orange. Jürgen Osterhammel erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den Musikwissenschaftler Alfred Einstein, der vor den Nazis in die USA fliehen musste.
Besprochen werden die Aufführung einer Helmut-Lachenmann-Komposition beim Musikfest Berlin (Freitag), ein Pärt-Konzert des RIAS-Kammerchors beim Musikfest Berlin (FAZ), Irène Schweizers Album "Irènes Hot Four" (FR), das neue Album von Ed Sheeran (Standard, Zeit Online, SZ) und Ghostface Killahs neues Album "Supreme Clientele 2", bei dem man laut tazler Henrik von Holtum spüren kann, wie HipHop die Welt rettet".
SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck würdigt Shani als meisterlichen "Romantiker" am Dirigentenpult und verortet ihn in der Tradition Daniel Barenboims. Dieser "ist ihm aber nicht nur als Musiker ein Vorbild, sondern auch als Mahner zu Versöhnung und Frieden. Allerdings, so schrieb er in der SZ: 'Wenn ich meiner Regierung Vorschläge machen oder sie kritisieren möchte, werde ich das in Israel tun und nicht in Deutschland.' Genau das genügt den Genter Festival-Machern nicht. Zumal Belgien Palästina als Staat anerkennen will und Caroline Gennez, die Kulturministerin der Region Flamen, dazu aufgerufen hat, nicht mit Partnern zu arbeiten, die sich nicht klar von der israelischen Regierung distanzieren. Das Genter Festival ist diesem Wunsch nachgekommen, die Außenwirkung verheerend."
Das wird im übrigen auch in Belgien selbst so wahrgenommen: FAZ-Korrespondent Thomas Gutschker sammelt Reaktionen belgischer Politiker zu Shanis Ausladung: "Binnen weniger Stunden meldete sich die gesamte politische Elite des Landes zu Wort - vom Ministerpräsidenten über den Außenminister bis hin zum Regierungschef von Flandern. Mit einhelligem Tenor: Die Entscheidung ist unüberlegt und falsch, sie schadet dem Land. Am weitesten ging Georges-Louis Bouchez, der Vorsitzende der wallonischen Liberalen und zweitwichtigste Politiker des Landes. Er forderte noch am Donnerstagabend den Rücktritt der flämischen Kulturministerin Caroline Gennez."
Weiteres: Die Rundfunkanstalten immer mehr Länder drohen mit einer Nicht-Teilnahme am nächsten Eurovision Song Contest, sollte Israel daran teilnehmen, berichtet Peter-Philipp Schmitt in der FAZ. Das eher subkulturell als breitenwirksame österreichische Metalfestival Kaltenbach Open Air bietet auch Bands vom politisch rechten Rand eine Bühne, berichtet Peter Pichler im Standard. In der FAZ gratuliert Gerald Felber dem Pianisten Andreas Staier zum 70. Geburtstag. Fürs Zeit Magazin spricht Antonia Baum mit dem Musiker Blood Orange. Jürgen Osterhammel erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den Musikwissenschaftler Alfred Einstein, der vor den Nazis in die USA fliehen musste.
Besprochen werden die Aufführung einer Helmut-Lachenmann-Komposition beim Musikfest Berlin (Freitag), ein Pärt-Konzert des RIAS-Kammerchors beim Musikfest Berlin (FAZ), Irène Schweizers Album "Irènes Hot Four" (FR), das neue Album von Ed Sheeran (Standard, Zeit Online, SZ) und Ghostface Killahs neues Album "Supreme Clientele 2", bei dem man laut tazler Henrik von Holtum spüren kann, wie HipHop die Welt rettet".
Literatur

Besprochen werden unter anderem Anthologien zur ukrainischen Literatur (NZZ), der von Ulrich Schmid herausgegebene Band "Ukrainische Literaturgeschichte" (NZZ), Anja Kampmanns "Die Wut ist ein heller Stern" (taz), Sylvain Prudhommes "Der Junge im Taxi" (Freitag), Caroline Wahls "Die Assistentin" (FR), Percival Everetts "Dr. No" (TA), Dan Browns neuer Roman "The Secret of Secrets" (Welt) und José Rizals "Noli me tangere" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Böhmer über Albert Vigoleis Thelens "Wanderer ohne Ziel":
"Wie bin ich Wanderer ohne Ziel
und ohne Zuversicht -
Kein Licht ..."
Design
Julia Werner macht sich in der SZ nach Armanis Tod Sorgen um die Stilkultur Italiens. Das einst elegante Stilbewusstsein drohe nämlich auszusterben. "Man kann nirgends den geschmacklichen Zustand eines Volkes besser beurteilen als beim Blödsinnmachen an der Küste. ... Der leicht überkandidelte Italiener, der sich bonbonfarbene Pullis um die Schultern bindet, mit einer Hand den Kragen des Leinenhemds zuhält, wenn eine leichte Brise weht, und mit der anderen die Spaghetti vongole aufdreht, ist längst in Gefahr. In Forte dei Marmi sieht man immer weniger Leute auf dem Fahrrad, wie es selbst für den einstigen Fiat-Chef Gianni Agnelli Tradition war, dafür immer mehr röhrende Lamborghinis und Ferraris, aus denen Leute in schrecklicher Luxuskonglomeratsware steigen. Also all das, was man in der legendären Capannina dei Franceschi niemals wollte."
Außerdem schreibt der Schriftsteller Aron Boks in der SZ ausführlich über die Liebhaberkultur rund um das alte DDR-Moped Simson.
Außerdem schreibt der Schriftsteller Aron Boks in der SZ ausführlich über die Liebhaberkultur rund um das alte DDR-Moped Simson.
Film

Kommenden Donnerstag startet Edgar Reitz' "Leibniz - Chronik eines verschollenen Bildes". Er "wollte nicht über Leibniz erzählen, sondern aus ihm heraus", sagt der 92-jährige deutsche Autorenfilmer im taz-Gespräch gegenüber Chris Schinke und spricht im Weiteren über die Herausforderungen beim Dreh: Historische Motive in der Wirklichkeit waren ihm zu "museal, steril", er suchte nach Authentizität. Aber "im Studio ist alles so, wie man es sich ausgedacht hat. Alles ist Wille. Und das genügt mir nicht. Ich brauche Widerstände, Zufälle. ... Das Licht muss glaubwürdig sein", denn "in der Zeit von Leibniz gab es nur Tageslicht. ... Intimität entsteht auch durch die Wahl des Objektivs. Ich wählte ein 40-mm-Objektiv, denn das entspricht ziemlich genau den Abbildungsproportionen des menschlichen Auges. Ein weiteres Mittel war die Wahl der Farben. Unsere Wände sind in einem grün-blauen Farbton gehalten, der mehrfach übermalt wurde, bis er eine eigene Haptik hatte. Die Farbigkeit musste aus der Zeit von Leibniz stammen oder zumindest so wirken."
Für die FAS hat Bert Rebhandl mit dem Regisseur gesprochen, dem es mit diesem Film ein Anliegen war, auch auf den Unterschied zwischen Kunst und Philosophie hinzuweisen. "Es gibt eine Wahrheit, die gibt es nur in der Wissenschaft, und dann gibt es eine andere, nämlich eine künstlerische Wahrheit. Ob eine Person in ihrer ganzen inneren Wahrhaftigkeit und Tiefe in einem Gemälde dargestellt werden kann, ist eine enorm wichtige Frage. Wir werden heute ja überflutet von Bildern. Alle behaupten mehr oder weniger, wahr zu sein. Umso größer werden unsere Zweifel. Für mich als Filmemacher gilt es, diese letzte Bastion zu verteidigen: die Wahrheit in der Kunst jenseits aller Manipulierbarkeit."
Weiteres: Mariam Schaghaghi spricht in der FAS mit Kaouther Ben Hania, der Regisseurin des beim Filmfestival Venedig heftig diskutierten Gazakrieg-Films "The Voice of Hind Rajab". Besprochen werden Ethan Coens "Honey Don't" (FAZ, Welt, mehr dazu bereits hier und dort), Isabella Brunäckers in Österreich startender Debütfilm "Sugarland" (Standard), Luis Ortegas argentinischer Film "Kill the Jockey" (FAS), der dritte "Downtown Abbey"-Film (SZ), eine Netflix-Doku über den Schauspieler Charlie Sheen (NZZ) und die auf Disney+ gezeigte, deutsche Variante der französischen Erfolgsserie "Call My Agent" (FAS).
Bühne

Einen schlafwandlerisch schönen Abend" erlebt nachtkritikerin Andrea Heinz mit Jan Philipp Glogers Einstands-Inszenierung "Ich möchte zur Milchstraße wandern" am Volkstheater Wien, der auf Texten des jüdischen Schriftstellers Jura Soyfer beruht, der 1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde. Soyfer sah die Katastrophe heraufziehen: "In 'Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang' aus 1936 haben die Sterne des Sonnensystems beschlossen, die Erde mittels Kometen von einer Krankheit namens 'Menschheit' zu befreien." Am Anfang geht es der Kritikerin an diesem Abend zuweilen ein bisschen zu slapstickartig zu, aber dann "wird der Abend plötzlich ernsthaft. Wie Schlafwandler taumeln die Menschen über die Drehbühne, wollen nichts mehr, wissen nichts mehr, richten sich häuslich ein im Glauben, dass man ja eh nichts mehr ausrichten kann. Hier ist etwas zu spüren, eine Schwere. Trauer. Um das, was verloren scheint. (...) Am Ende steht Samouil Stoyanov in einer Kugel aus Alufolie, die ihn als Kometen ausweist, auf der Bühne und singt unter dem Glitzerlicht der Discokugel sein Liebeslied an die Erde. Er hat sie am Ende doch verschont, denn er hat sich verliebt in sie. Ob die Menschen diese rührende, arglose Liebe verdient haben? Man weiß es nicht."
In der FR berichtet Stefan Scholl, wie russische Regisseure versuchen, trotz Repression kritisches Theater zu machen: "Auch staatlich gefeierte 'Volkskünstler der Russischen Föderation' wie Konstantin Raikin oder Jewgenij Mironow winden sich jetzt bei Interviewfragen, warum sie noch kein Stück über die Spezialoperationskrieger inszeniert haben. Noch entziehen sie sich. 'Viele künstlerische Leiter heucheln verbal Ergebenheit', sagt eine Theaterjournalistin, die selbst nach Australien emigrieren möchte. 'Aber sie demütigen sich nur, um die schöpferischen Freiräume ihrer Truppen zu retten.'"
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