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01.09.2025. Die Filmfestspiele Venedig sind in vollem Gange: Guillermo del Toros "Frankenstein"spaltet die Gemüter: Die Welt staunt über den "großen Monstermacher", die SZ fragt sich, ob es wirklich noch mehr Adaptionen des Stoffs braucht. Olivier Assayas' "Der Magier im Kreml" sorgt hingegen für Enttäuschung. Der neu gestaltete Sainsbury-Flügel der Londoner National Gallery überzeugt die FAZ damit, dass er interessante Verbindungen zwischen Künstlern zeigt. Die nmz lauscht Ernst von Rezniceks Eulenspiegel-Oper in Hildesheim gebannt. Der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker ist rundum gelungen, lobt die FAZ.
Die Perücke sitzt: Jude Law als Putin in "The Wizard of the Kremlin" Der französische Autorenfilmer OlivierAssayas hat GiulianodaEmpolis Roman "Der Magier im Kreml" mit JudeLawals Putin und Paul Dano als dessen Berater Vadim Baranow verfilmt. Die Weltpremiere bei den FilmfestspielenVenedig verlassen die Kritiker allerdings mit langem Gesicht. Die Putin-Perücke sitzt zwar perfekt, "vermag aber nicht von Laws chargierender Putin-Darstellung abzulenken: grimmiges Gesicht, mahlender Kiefer, breitbeiniges Sitzen, entschlossenesAus-dem-Fenster-schauen", schreibt Katja Nicodemus auf Zeit Online. "Wenn dem Film der erzählerische Saft ausgeht, wird Archivmaterial eingeblendet: die Olympischen Winterspiele in Sotschi, die Maidan-Revolution, Explosionen in Moskauer Vororten." Assayas "will die Entstehung des russischen Machtapparates, seiner Weltsicht, seiner Mechanismen erzählen, versammelt aber nur Bekanntes, Eckdaten und Stereotypen, mit fast grotesker Überdeutlichkeit."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht sich vor der großen Leinwand ins Pantoffelkino strafversetzt: "Der Film wirkt wie aus halbstündigen Folgen zusammengeklebt." Auch Welt-Kritiker Jan Küveler ist ratlos: "Je länger der Film dauert, desto unklarer ist, was Assayas eigentlich erzählen will."
Opulenz wie im Herrn der Ringe: Guillermo del Toros "Frankenstein" Auch der mexikanische Oscarpreisträger Guillermo del Toro hat in Venedig einen neuen Film präsentiert, seine "Frankenstein"-Adaption - ein seit vielen Jahrzehnten gehegtes Herzensprojekt. "Del Toro ist der große Monstermacher des Gegenwartskinos, dem die auf den ersten Blick finsteren Gestalten immer schon als Zerrbilder des Menschen dienten - und im Zweifel, ihrem grotesken Äußeren zum Trotz, als seine geheimen Destillate: reiner, kindlicher, seelenvoller", schreibt Jan Küveler in der Welt. Und der Regisseur greift für dieses Horrordrama in die Vollen: "Biblische Gravität und barocke Bildfülle, kosmische Dimensionen, Engel, Dämonen, Gott und die ersten Menschen." Sowie "natürlich die zentrale Frage, ob vielleicht nicht der vermeintliche Teufel das größere Herz hat als ein unbarmherziger Gott". Kurz: "Dieser 'Frankenstein' hat die Größe, Pracht und Erhabenheit von Peter Jacksons 'Der Herr der Ringe'."
Filmdienst-Kritikerin Felicitas Kleiner sah "überbordendes Gothic-Horror-Spektakelkino, dessen ins Fantastische ragender Historismus ein bisschen an Francis Ford Coppolas 'Dracula'-Interpretation erinnert". Für Standard-Kritiker Marian Wilhelm ist dieser Film bislang der "beeindruckendste" Beitrag in einem bislang von zwar großen Namen dekorierten, doch insgesamt eher enttäuschenden Wettbewerb. Andere sind nicht ganz so überzeugt: "Man leidet kaum mit diesem allzu künstlich verunstalteten Geschöpf", bemängelt Tim Caspar Boehme in der taz. Der Film "wirkt wie eine missrateneDisney-Produktion", gähnt Susan Vahabzadeh in der SZ und weiß auch nach dem Abspann nicht, "warum die Welt dringend noch eine Frankenstein-Adaption braucht". Und Christiane Peitz vom Tagesspiegel hat "selten derart ruckelnde computergenerierteWölfe gesehen", auch habe der Regisseur es versäumt, "dem Mythos (...) neue Facetten" hinzuzufügen.
Weiteres: Marian Wilhelm spricht für den Standard mit dem Regisseur FrançoisOzon über dessen neuen Film "Wenn der Herbst naht". Dietmar Dath erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an JangJoon-hwans koreanischen Genrefilm "Save the Green Planet" von 2003, von dem der griechische Regisseur YorgosLanthimos ein mit EmmaStone besetztes Remake eben bei den Filmfestspielen von Venedig präsentiert hat (unser Resümee). Angesichts aktueller Rentendebatten zieht Marc Reichwein für die Welt nochmal Loriots Rentner-Komödie "Pappa Ante Portas" aus dem DVD-Regal hervor. Besprochen wird JesseArmstrongs auf Sky gezeigte TechMilliardäre-Satire "Mountainhead" (Standard).
Der Sainsbury-Flügel der National Gallery in London konnte nach zwei Jahren Renovierung und Umbau durch die Architektin Annabelle Selldorf "triumphal" wiedereröffnet werden, freut sich Gina Thomas in der FAZ: "In den Seitenräumen hängen die für private Auftraggeber bestimmten Werke, darunter in einem der venezianischen Malerei gewidmeten Saal Albrecht Dürers kleine Tafel mit dem heiligen Hieronymus. Beispielhaft für die vielen aufschlussreichen Querverbindungen des neuen Arrangements veranschaulicht diese Nebeneinanderstellung den Einfluss Bellinis auf den Nürnberger Maler, wie denn überhaupt die Wechselwirkung zwischen nordalpiner und italienischer Malerei eindrucksvoll dargeboten wird. Zu den größten Höhepunkten gehört im Hauptgebäude der prachtvolle Raum, der Tizians Gemälden gewidmet ist. Durch die Tür fällt in einer suggestiven Sichtachse der Blick auf Bronzinos Allegorie mit Venus und Amor, die erst mehrere Säle weiter im Parcours folgt."
Leiko Ikemura: Reclining Face Orange. Copyright: Leiko Ikemura und Miettinen Collection.
Der finnische Unternehmer Timo Miettinen zeigt seine Kunstsammlung normalerweise in Charlottenburg, jetzt hat er sie nach Düsseldorf ausgeliehen, weiß Alexandra Wach für Monopol: "Where are we now" wird in der Sammlung Philara gezeigt. Für Wach entspannt sich ein anregender "divergenter Parcours": "In einem Kabinett, das sich dem Thema Krieg und Protest widmet, sorgt ein androgyner Clown neben einem Polizeipferd auf einem Foto der Finnin Nora Geagea für Verwirrung, während einige Schritte weiter ein ganzer Saal dem spanischen Künstler Secundino Hernández gewidmet ist. Seine Serie 'Lupis Ipsum' besticht durch gestische Malerei, die auf El Grecos 'Apostel' zu antworten scheint. Miettinens Kunstgeschmack ist nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt, er reicht vom gruselig in der Dunkelheit schwebenden Kopf von Filip Henin über Lichtkunst von Tracey Emin und expliziten Illustrationen von Tom of Finland."
Weiteres: Die hohen Besucherzahlen im Amsterdamer Van Gogh-Museum haben ihren Preis, vermeldet die FAZ: Rund 100 Millionen Euro müssten in den nächsten Jahren für Sanierungsmaßnahmen berappt werden, um den Museumsbetrieb aufrechterhalten zu können. Die niederländische Regierung habe diesbezüglich zugenähte Taschen. Ingo Arend reist für die taz nach Cluj-Napoca, um sich die rumänische Kulturszene und insbesondere das Muzeul Farmaciei näher anzusehen.
Jan Grossarth ist für die Welt in den Musterstädtchen unterwegs, die Elon Musk in Texas für seine Mitarbeiter und Anhänger bauen lässt. Grossarth findet die minimalistischen Tiny Houses doch reichlich futuristisch, aber auf gruselige Weise: "Lässt sich schon von einer eigenen Musk-Architektur sprechen? Oder einer Nicht-Architektur? Die erste Bauphase lässt keinerlei Ambitionen erkennen, die auf ästhetische Qualitäten, Dauerhaftigkeit, Bürgerlichkeit ausgerichtet wären. (…) In Musk Town kreist die bauliche Gestaltung um Musk, und die Ansiedlungen dienen anscheinend dem Zweck, die Mission möglichst schnell verwirklichen zu können. Die resignierte Kleinbürgerlichkeit der Wohnhütten steht ironischerweise in maximalem Kontrast zu Musks menschheitsbewegenden Zukunftsvisionen. Einzelne Prestigebauten (oder ihre Entwürfe) setzten hingegen Zeichen. Sie nehmen symbolischen Anklang an Raumschiffen, UFOs, Batman und verströmen einen Hauch der Grease-Nostalgie der 1950er-Jahre."
Ernst Nikolaus von Rezniceks Oper "Till Eulenspiegel", inszeniert von Jan Langenheim, kommt im Theater für Niedersachsen in Hildesheim auf die Bühne, worüber sich Roland Dippel in der Neuen Musikzeitung sehr freut, sieht man das Stück doch außerordentlich selten. Dippel hört in der Oper vom Leben des ulkigen Hochstaplers, der im Bauernkrieg unterwegs war, auch viele Komponisten-Kollegen Rezniceks und ihre Einflüsse heraus: "Auf Bläserakkorde beginnt Reznicek mit einem Vogelkonzert aus Instrumentalsoli. Er wagte für Tills Mutter (Neele Kramer) einen Beginn mit gesprochenem Text. Später meistersingert, rheingoldet, tannhäusert und götterdämmert es zwar, mit definitiv Wagner-ferner, verfremdender Fliegengewichtigkeit. (…) Lyrik aus den Zeiten vor der Reformation finden sich in Rezniceks Sprache und betörenden Lied-Inseln - nicht streng wie in Pfitzners 'Palestrina' oder Braunfels' 'Ulenspiegel', sondern Schubert-haft mit sanft Mahlernden Melancholiepolstern. Weil alle so beherzt, stimmsicher und empathisch dabei sind, wäre die Hervorhebung aus der langen Reihe mittlerer Partien und Chorsoli ungerecht. Es gelang eine optimale Spielzeiteröffnung."
Weiteres: Rüdiger Schaper gibt im Tagesspiegel einen Ausblick auf die kommende Theatersaison in Berlin. Rico Bandle interviewt für die NZZ den Schweizer Schauspieler Walter Andreas Müller, der seinen 80. Geburtstag feiert
Besprochen werden: Ivo von Hoves "I Did It My Way" und "Oracle" von Łukasz Twarkowski und Anka Herbut auf der Ruhrtriennale, letzteres Stück ist für Welt-Kritiker Jakob Hayner gar Kanditat für den "Theaterflop des Jahres" (Welt), Jenny Erpenbecks "Heimsuchung" am Jungen Theater Göttingen in einer Inszenierung von Nico Dietrich und Tobias Sosinka (Nachtkritik), und Kathrin Bettina Müller gibt sich für die taz direkt das volle Programm auf dem Berliner Festival Tanz im August: Lia Rodrigues' Stück "Borda", Ligia Lewis' "Some Thing Folk" und "Trailer Park" von Moritz Ostruschnjak, getanzt von dem Ensemble tanzmainz.
Petra Schellen spricht für die taz mit der SchriftstellerinInger-Maria Mahlke. Sylvia Staude porträtiert in der FR den Bergen-Enkheimer StadtschreiberJoséF. A. Oliver. Manfred Rebhandl spricht für den Standard mit der Schriftstellerin JacquelineKornmüller über deren Roman "6 aus 49". Besprochen werden unter anderem LeifRandts "Let's Talk About Feelings" (online nachgereicht von der FAS), NelioBiedermanns "Lázár" (NZZ), FerdinandvonSchirachs "Der stille Freund" (Welt), KarstenKrampitz' "Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung" (online nachgereicht von der FAS), neue Krimis, darunter JonathanCoes "Der Beweis meiner Unschuld" (FAZ), und AnnieErnauxs "Die Besessenheit" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bei ihrem Saisonauftakt mit KirilPetrenko stellten die Berliner Philharmoniker unter Beweis, dass sie haben, was den WienerPhilharmonikern aus strukturellen Gründen fehlt, schreibt Jan Brachmann in der FAZ - nämlich einen klaren Fokus auf die Gestaltung unter künstlerisch konzentrierter Leitung. Fest macht er dies an den ersten Akkorden aus RobertSchumanns Ouvertüre zu LordByrons dramatischem Gedicht "Manfred": Diese "spielen die Berliner Philharmoniker mit ungestümer Haltlosigkeit, die gezielt in eine Pause stürzt. (...) Harmonisch steht hier alles auf so wackeligen Füßen wie Manfred an der Klippe. (...) Die Musik taumelt metrisch. Petrenko entwickelt daraus einen Gestaltungsauftrag: Man kann diesen Taumel, weil das Bezugssystem nicht definiert ist, am Anfang gar nicht hören. Man hört ihn nachträglich, wenn nach der Schockpause die Elegie der Oboe einsetzt. Der Schock entsteht rückwirkend durch Erinnerung, die zwischen Ausnahme und Normalität erst Bezüge herstellt. Auch im weiteren Verlauf arbeitet Petrenko mit seinem Orchester minutiös heraus, dass Schumann Akzente zwischen Bläsern und Streichern häufig phasenverschoben setzt. So wie die Harmonik und Metrik der Anfangsakkorde wackeln, ist auch die Tektonik der Phrasen in dieser Ouvertüre buchstäblich verrückt."
Weitere Artikel: Thomas Lindemann porträtiert für Frankfurter Allgemeine Quarterly die Organistin AnnaLapwood, der auf Social Media die Herzen der Welt und dies nicht nur aus der Klassikszene zufliegen. Marco Frei berichtet in der NZZ vom ComposerSeminar in Luzern. Andreas Busche hört für den Tagesspiegel das neue Album von BloodOrange. Merle Zils stellt in der taz das Berliner Rap-Duo 6euroneunzig vor, das auf die Krisen der Gegenwart mit rotzigem Hedonismus reagiert.