Efeu - Die Kulturrundschau
Mit endlos entspannter Hyperaktivität
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2025. Die Welt verfällt der verstörenden Sogkraft der kollektiven Alpträume von Kaari Upson, die in Humlebæk die Beine ihrer Mutter von der Decke baumeln lässt. Katrin Jaquet projiziert in ihrem Fotobuch "fam" indes ihre Mutter in die eigene Mundhöhle, staunt Peter Truschner im Perlentaucher-Fotolot. Mutig findet es die SZ, dass Mascha Schilinskis Mehr-Generationen-Porträt "In die Sonne schauen" als deutscher Beitrag ins Oscarrennen geht. Zeit Online und SZ feiern den Zuckerschock-Soul auf dem neuen Album von Dijon.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.08.2025
finden Sie hier
Kunst

In der Welt ist Gesine Borcherdt dankbar, dass das Louisiana Museum im dänischen Humlebæk der 2021 im Alter von nur 51 Jahren an Krebs gestorbenen kalifornischen Künstlerin Kaari Upson nun eine große Retrospektive widmet - auch wenn sich Borcherdt der "verstörenden Verführungskraft" und unerträglichen Angst von Upsons "kollektiven Alpträumen" nicht entziehen kann: "'Mother's Legs' heißt (...) die waldartige Installation aus Polyurethanformen, die wie abgetrennte Gliedmaßen von der Decke hängen. Gegossen aus termitenzerfressenem Holz von einem Baum vor Upsons Kindheitshaus, stammen die hervorstehenden Knieformen teils von der Künstlerin selbst, teils von ihrer Mutter: Der Wald wird zu einem traumartigen Geistertreffen, zart und unheimlich zugleich. Upsons Vater taucht dagegen nur ein einziges Mal in ihrem Werk auf - womöglich als letzte Arbeit vor ihrem Tod. Im Louisiana Museum liegt eine bunt bemalte Figur in Jeans und kariertem Cowboyhemd mit dem Gesicht nach unten; Hände und Füße sind abgetrennt, fünf ketchuprote Plastikflaschen stecken wie Messer in ihrem Rücken. Der Vater als gekillter amerikanischer Alptraum, erstickt an seinem eigenen Saft."

Im Perlentaucher-Fotolot bespricht Peter Truschner neben dem neuen Fotobuch "All Preconceptions Collapse" von Sabine Schründer auch Katrin Jaquets Fotobuch "fam", das als Quintessenz ihrer künstlerischen Versuchsanordnungen im Kontext ihrer Familiengeschichte gelten kann. Es enthält unter anderem die Serie "(m)other" von (1998). Hier "projiziert Jaquet Farbdias aus ihrer Kindheit in ihre Mundhöhle, und Porträts ihrer Mutter und Großmutter auf das eigene Gesicht. Eine ausdrucksstarke Variante jenes Ansatzes, bei dem Künstlerinnen von Annegret Soltau bis Elena Helfrecht eine genealogische Vergegenwärtigung und Evokation der weiblichen Mitglieder ihrer Familien betreiben. Indem diese Genealogien bis in die Zeit des Zweiten, manchmal sogar Ersten Weltkriegs zurückreichen, finden sich darin unweigerlich Momente des Verlustes, der Entbehrung, und eines nicht selten an die nachfolgende Generation vererbten Traumas. Jaquet entgeht dem Stereotyp, das sich aufgrund der Unmenge an Büchern, Filmen und Fotoarbeiten über die Jahrzehnte zu diesem Thema ausgebildet hat, durch eine explizit experimentelle, nicht-lineare und nicht-deskriptive Herangehensweise."
Hegel war fasziniert von Malerei, erinnert im FR-Gespräch der Philosoph Klaus Vieweg, der Hegels ästhetische Theorie kurz zusammenfasst: "Als Gestalt des Wissens ist die Kunst für Hegel neben Religion und Philosophie eine der entscheidenden Formen der Selbstvergewisserung und Selbstbestimmung des Menschen. Das Fundament ist der Begriff der Schönheit. Es handelt sich um die Behandlung der Werke der Kunst als Formen der zweiten Natur, des Geistes. Kunst fixiert die 'höchsten Momente der Naturerscheinungen', wie Goethe sagt, und kann nicht als bloße Nachahmung verstanden werden. Die Bedeutung wird sinnlich vergegenwärtigt, diese Position in der Mitte zwischen Natur und Freiheit wird von Hegel logisch wie historisch aufgewiesen."
Weitere Artikel: In der taz würdigt Bettina Müller den "Life"-Fotografen Alfred Eisenstaedt zum 30. Todestag. In der Welt resümiert Susanna Petrin den Stand der Dinge zu Trumps Vorhaben, die Smithonian-Museen auf Regierungslinie zu trimmen. Auf Truth Social verkündete Trump zudem, er wolle sich nicht nur diese staatlich mitfinanzierten Museen vorknöpfen, sondern gleich alle anderen auch. Im taz-Gespräch mit Mirko Bozic erzählt der bosnische Dichter Mili Đukić, weshalb er jetzt auch malt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Licht und Landschaft. Impressionisten in der Normandie" im Augustinermuseum Freiburg (FAZ).
Architektur
Vor neun Jahren wurde die in der Edo-Zeit entstandene Burg von Kumamoto im Südwesten Japans bei einem Erdbeben schwer beschädigt, fast ebenso lange dauert die Reparatur - und könnte noch mindestens 27 weitere Jahre dauern, weiß Thomas Hahn in der SZ. Denn die Ingenieure stehen vor dem Problem, die Burg mit neuen Methoden erdbebensicher zu machen - dabei soll sie allerdings exakt aussehen wie früher: "Die Außenmauer bildeten 'Tsuki-ishi', große, aus Felsen gehauene Steine, die ineinanderpassten und deshalb auch ohne Zement zusammenhielten. (…) Die heruntergefallenen Tsuki-ishi werden gesammelt und sollen wieder genauso wie vorher zusammengesetzt werden. Alte Fotos und moderne Bildverarbeitungstechnik helfen bei diesem Mauerpuzzle, damit die rund 1700 großen alten Steine des Sockels wirklich wieder dahin kommen, wo sie schon vor 400 Jahren waren. Die Kiesschicht dahinter wird mit Gittern als Edelstahl und Polyethylen befestigt, damit das Geröll sich bei Erschütterungen nur in eine vorgegebene Richtung bewegt."
Film

Mascha Schilinskis Mehr-Generationen-Porträt "In die Sonne schauen" hat bereits in Cannes für sehr viel Aufsehen gesorgt (unser Resümee), jetzt soll der Film, der in einer Woche regulär in den hiesigen Kinos startet, als deutscher Beitrag ins Oscarrennen gehen. Durchaus "mutig" findet David Steinitz in der SZ die Wahl: Zwar hat der Film an der Croisette "eine umjubelte Premiere gefeiert, ist vermutlich aber die sperrigste Option unter den diesjährigen Kandidaten gewesen. Die Konkurrenten sind allesamt deutlich konventioneller und klassischer erzählt und inszeniert." Und "die Oscar-Academy hat in den vergangenen Jahrzehnten oft genug demonstriert, dass sie es nicht allzu experimentell mag."
In den Kinocharts stapeln sich derweil Remakes, Prequels, Sequels und Reboots und also die geballte Fülle des längst Bekannten. "Das gegenwärtige Wiederholungskino ist wohl weniger Symptom einer Kreativitätskrise als ein Gradmesser für die abnehmende Lust auf Neues und auf Herausforderungen beim Konsumieren von Filmen und Geschichten", vermutet Nadine A. Brügger in der NZZ, nachdem sie bei Filmwissenschaftlern und Psychologen um Expertisen gebeten hat. "Die Zukunftslust ist einer Vergangenheitssehnsucht gewichen. Man will nun lieber erinnert als inspiriert werden. Das hat Hollywood erkannt."
Besprochen werden Celine Songs "Materialists" (Standard, unsere Kritik), Elmar Imanovs "Der Kuss des Grashüpfers" (taz), J.J. Perrys Actionfilm "Afterburn" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (NZZ).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Hiromi Itos "Garstiger Morgen" (NZZ), Susanne Schädlichs "Kabarett der Namenlosen" (FR), Angela Steidels "Ins Dunkel" (FAZ) und Verena Keßlers "Gym" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne
In der Welt bedauert Manuel Brug zwar, dass sich die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato aus dem konventionellen Opernbetrieb weitgehend zurückgezogen hat, umso lieber hört er sie mit 24 Dickinson-Songs bei den Bregenzer Festspielen. Dorothea Walchshäusl besucht für die NZZ das Opernfestival in der Arena di Verona und erfährt von dessen Intendantin Cecilia Gasdia, wie sie das Festival nach Krisen durch Misswirtschaft und die Pandemie fit für die Zukunft machen will. Besprochen wird Miet Warlops Stück "Inhale Delirium Exhale" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ).
Musik
"Auch wer viel hört, hat so etwas noch nicht gehört: ein R'n'B-Album, das so wahnsinnig cool ist, obwohl es sich so irrwitzig uncool aufführt", staunt Joachim Hentschel in der SZ über "Baby", das neue Album von Dijon, dem Hentschel bereits gute Chancen ausrechnet, demnächst absolut durch die Decke zu gehen. Zwar könnte "der Zuckerschock-Soul, den Dijon hier zwar nicht erfindet, aber zu einer atemberaubenden Schlüssigkeit führt, mehrfach verspiegelt, schlaflos gestottert und mit endlos entspannter Hyperaktivität durchtanzt (...) auch auf dem Friedhof der Konsensplatten landen. Bei der Musik, die alle in den Himmel loben, aber keiner hört, weil sie fürs normale Leben zu anstrengend ist. Hier, da wagen wir mal eine Prognose, wird das nicht passieren. Weil Dijon - mitten in seinem Rummelplatz des R'n'B-Pointillismus, dem Kabinett der verschiedenen Hallkammern, den lustigen Schlüsselreiz-Samples und Prince-Referenzen - mit so unfassbar viel Herz am Werk ist." Zu erleben ist hier eine "große Feier der Lebendigkeit, mitten im Auge der Dekonstruktion".
"Dijons Musik ist abstrakt und lautmalerisch", schreibt Mathis Raabe auf Zeit Online. "Sie klingt zwar collagiert - man soll die Übergänge ruhig bemerken, die Schnitt- und Klebestellen, an denen der Kitt hervorquillt -, aber sie klingt auch vertraut, nach Funk, Soul und R&B vergangener Jahrzehnte. Vor allem seine Verehrung für Prince kann Dijon kaum verbergen. (...) Wären Laptops und erschwingliche Schnittprogramme schon zu dessen Zeiten üblich gewesen, hätte er womöglich ähnliche Musik gemacht wie Dijon."
Weiteres: Bertram Job erzählt in der taz von seiner Reise durch Nordirland auf den Spuren von Van Morrison, der Ende des Monats 80 Jahre alt wird. Für die SZ spricht Andrian Kreye mit dem Jazzpianisten Jon Batiste, der mit "Big Money" gerade ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden Ulrike Haages und Eric Schaefers Album "Sternenhimmel" mit Musik zur Hörspielversion von Raoul Schrotts Buch "Sternenhimmel der Menschheit" (FR), eine Neuausgabe des Talking-Heads-Album "More Songs About Buildings and Food" (Standard) sowie Maxime Pascals und Le Balcons Auftakt der Boulez-Reihe bei den Salzburger Festspielen (Standard).
"Dijons Musik ist abstrakt und lautmalerisch", schreibt Mathis Raabe auf Zeit Online. "Sie klingt zwar collagiert - man soll die Übergänge ruhig bemerken, die Schnitt- und Klebestellen, an denen der Kitt hervorquillt -, aber sie klingt auch vertraut, nach Funk, Soul und R&B vergangener Jahrzehnte. Vor allem seine Verehrung für Prince kann Dijon kaum verbergen. (...) Wären Laptops und erschwingliche Schnittprogramme schon zu dessen Zeiten üblich gewesen, hätte er womöglich ähnliche Musik gemacht wie Dijon."
Weiteres: Bertram Job erzählt in der taz von seiner Reise durch Nordirland auf den Spuren von Van Morrison, der Ende des Monats 80 Jahre alt wird. Für die SZ spricht Andrian Kreye mit dem Jazzpianisten Jon Batiste, der mit "Big Money" gerade ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden Ulrike Haages und Eric Schaefers Album "Sternenhimmel" mit Musik zur Hörspielversion von Raoul Schrotts Buch "Sternenhimmel der Menschheit" (FR), eine Neuausgabe des Talking-Heads-Album "More Songs About Buildings and Food" (Standard) sowie Maxime Pascals und Le Balcons Auftakt der Boulez-Reihe bei den Salzburger Festspielen (Standard).
1 Kommentar