Efeu - Die Kulturrundschau
Enorm, luxuriös
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2025. Die Theaterkritiker applaudieren bei den Salzburger Festspielen: Birgit Kajtna-Wönigs Inszenierung des Mozart-Fragments "Zaide" ist finster, hoffnungslos und musikalisch brillant, jubeln FR und SZ. Die NZZ lauscht mit Julian Charrière im Tinguely-Museum in Basel in völliger Dunkelheit dem Gemurmel der Ozeane. Die SZ plaudert mit Denis Scheck über Franz Kafkas Ernährungsgewohnheiten. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Terence Stamp, der für den Neuanfang des britischen Kinos in den Sechzigerjahren stand.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
19.08.2025
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Bühne

© SF/Marco Borrelli
Einen "Cliffhanger für alle Zeiten" hat Mozart mit seinem Singspiel-Fragment "Zaide" geschaffen, erinnert Judith von Sternburg in der FR. Das Libretto ist verloren gegangen und so bricht die Handlung da ab, wo es am spannendsten wird: Werden Zaide und ihr Gebliebter Gomatz nach einer misslungenen Flucht aus dem Palast von Soliman hingerichtet oder nicht? Bei den Salzburger Festspielen gibt nun der libanesisch-französische Dramatiker Wajdi Mouawad eine Antwort, verrät die Kritikerin, und hat, inszeniert von Birgit Kajtna-Wönig, "eine typische Mouawad-Geschichte geschrieben, finster, auch durchaus pathetisch. Die Handlung wird hier übel enden. Aus dem Serail ist ganz blank ein Gefängnis geworden. Soliman und sein Handlanger Allazim lassen hier foltern und legen auch selbst Hand an." Sternburg schwärmt: "Musikalisch und darstellerisch ist das Niveau enorm, luxuriös. Sabine Devielhe und Lea Desandre sind als Sopran und Mezzo im extrabeweglichen, aber fundierten lyrischen Fach erste Klasse."
Einen "grandiosen Abend" verbringt auch SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck und würdigt die Leistung von Dirigent Raphaël Pichon, der das Stück musikalisch ergänzte. Er "verschärft die Todesatmosphäre durch andere Stücke Mozarts, vor allem durch Nummern aus der mit Moll gefluteten Kantate 'Davidde penitente'. Gerade die vier von den umjubelten 'Pygmalion'-Sängern exekutierten Chöre sind ganz Hoffnungslosigkeit, Düsternis, Eschatologie."
Besprochen wird Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Vladimir Sorokins "Der Schneesturm" bei den Salzburger Festspielen (NZZ, taz).
Kunst
In "eine einzige Dunkelkammer der Selbstauflösung" taucht Philipp Meier für die NZZ in einer Ausstellung des französisch-schweizerischen Künstlers Julian Charrière im Tinguely-Museum in Basel. In der Schau "Midnight Zone" rekreiert Charrière die Erfahrung der dunkelsten Tiefen des Ozeans, staunt der Kritiker. Wie es in "den dunkelsten Regionen der Ozeane, in sechstausend Metern Tiefe unter der Meeresoberfläche, tönt, vermittelt die Sound-Installation 'Black Smoker' (2025) in einem nachtschwarzen Raum der Ausstellung. Charrière konnte die Feldaufnahmen von Tiefsee-Hydrofonen der Forschung verwenden, aber auch Live-Daten seismischer Messstationen an einigen der bewegtesten Punkte am Meeresboden streamen: das knisternde Zischen von Ausdünstungen unterirdischer Gase aus hydrothermalen Schloten, das kehlige Brummen des Magmas von vulkanischen Ausbrüchen, das dumpfe Hämmern von Gestein bei tektonischen Prozessen. Charrière mischte diese Geräusche zu einer mehrdimensionalen Klangkomposition zusammen. ... Das Gerumpel in den Eingeweiden der Erde überträgt sich direkt auf das Bauchgefühl - ein Rave der anderen Art."
Weitere Artikel: Rosa Lange schaut sich für die taz das Herbarium der Revolutionärin und Politikerin Rosa Luxemburg an. Besprochen wird die Ausstellung "Titanic - eine immersive Reise" in der Hamburger Expo (taz).
Weitere Artikel: Rosa Lange schaut sich für die taz das Herbarium der Revolutionärin und Politikerin Rosa Luxemburg an. Besprochen wird die Ausstellung "Titanic - eine immersive Reise" in der Hamburger Expo (taz).
Literatur

Besprochen werden unter anderem Dorothee Elmigers "Die Holländerinnen" (NZZ), Thomas Melles "Haus zur Sonne" (taz), Max Goldts "Aber?" (Welt), Angela Steideles "Ins Dunkel" (FR), Michael Maars "Das violette Hündchen" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Patrick Olivelles "Ashoka. Indiens philosophischer Kaiser" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem präsentieren wir die vierte Folge unseres "Bücherbrief Live"-Podcasts. Benita Berthmann und Lukas Pazzini stellen wieder Bücher vor, die sie im Bücherbrief des Monats besonders interessant fanden: Angela Carters feministischen Horror-Klassiker "Die blutige Kammer" und Viktor Remizovs monumentalen Roman über den Bau der Stalin-Bahn in Sibirien, den Interview-Gast Franziska Zwerg ins Deutsche übertragen hat.Musik
Gerald Felber resümiert in der FAZ mit sehr langen, am frühen Morgen nicht immer gleich auf Anhieb durchdringbaren Schachtelsätzen die ersten Tage des Lucerne Festivals in der Schweiz. Den Auftakt bestritt das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly mit Musik von Pierre Boulez und Gustav Mahler. Bei Letzterem und seiner unvollendeten, von Deryck Cooke fertiggestellten Zehnten Sinfonie traten die "über das Klangliche hinaustretenden, tief Innermenschliches zum Reden bringenden Seiten" der Musik zum Vorschein. "Was die Musiker und Chailly hier in erschütternder, sich von Satz zu Satz neu hingebender Weise ausspielten, war die gähnende Kluft zwischen der völligen Entleerung und dem aschigen Zerfall einstiger Bindekräfte und der dennoch verzehrenden Sehnsucht nach endgültiger Geborgenheit; nicht mehr Visionen und Sehnsüchte, sondern nur noch Visionen von Visionen und Sehnsüchte nach Sehnsüchten, Gesänge des unmöglich Gewordenen, in deren Trance man als Hörer förmlich hineingezwungen wurde, so dass das Ende des langen Abends nach Mahlers finaler, ins Endlose ragender Resignation trotzdem gleichsam zu früh kam, weil nicht nur Lust, sondern manchmal auch Schmerz nach Ewigkeit verlangen kann."
Weiteres: Nadine Conti berichtet in der taz von den Problemen mit den Behörden, die sich in diesem Jahr dem Festival "Jamel rockt den Förster" stellten, mit dem das Künstlerehepaar Horst und Birgit Lohmeyer dem fest in rechtsextremer Hand befindlichen Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern etwas entgegen setzen wollen. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Deep-Purple-Sänger Ian Gillan zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Tylers Album "Don't Tap the Glass" (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter Dino Saluzzis gemeinsam mit José Saluzzi und Jacob Young aufgenommenes Tango-Album "El Viejo Caminante" (Standard).
Weiteres: Nadine Conti berichtet in der taz von den Problemen mit den Behörden, die sich in diesem Jahr dem Festival "Jamel rockt den Förster" stellten, mit dem das Künstlerehepaar Horst und Birgit Lohmeyer dem fest in rechtsextremer Hand befindlichen Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern etwas entgegen setzen wollen. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Deep-Purple-Sänger Ian Gillan zum 80. Geburtstag.
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Film
Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Terence Stamp. Ende der Sechziger prägte Stamp mit seinem Gesicht den europäischen Film zwischen Autorenkino und Pop-Art-Entertainment: 1968 spielte er den Namenlosen, der in Pasolinis "Teorema" eine ganze bürgerliche Familie verführt. "Gerade hatte er mit Federico Fellini einen Kurzfilm nach Edgar Allan Poe ('Toby Damnit') gedreht, und im Jahr zuvor hatte er mit Julie Christie in der opulenten Thomas-Hardy-Verfilmung 'Die Herrin von Thornhill' und in Ken Loachs erstem Spielfilm 'Poor Cow' vor der Kamera gestanden. Stamp, 1938 geboren, gehörte wie Christie, David Hemmings und Malcolm McDowell zu jener Schauspielergeneration, die für den Neuanfang des britischen Kinos in den Sechzigerjahren stand. Sie alle hatten erlebt - genauso wie viele der Regisseure, mit denen sie drehten -, wie ihre Väter als psychische Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen. Sie suchten nach einem neuen Ausdruck für ein neues Lebensgefühl, und das Kino bot ihnen dafür die ideale Bühne."
"Die 'Swinging Sixties' haben viele Gesichter", schreibt Jenni Zylka in der taz, doch "in seins schaute man besonders gern". Er war "einer der energetischsten britischen Schauspielrebellen jener Zeit. Der im Londoner East End aufgewachsene 'Cockney' Stamp, ein 'Blitz'-Überlebender mit verträumten Katzenaugen, zeigte früh sein enormes Schauspieltalent. Mit 24 wurde er für Peter Ustinovs 'Billy Budd' für einen Oscar nominiert, 1965 spielte er im vielleicht ersten echten Incel-Film 'The Collector' von William Wyler derartig verstörend einen pedantischen, isolierten Mann, der eine Frau entführt und sie schließlich sterben lässt, dass es einen schaudern lässt."
An der Seite der großen Monica Vitti sang er im Pop-Art-Eurospy-Fluff "Modesty Blaise" beim Verzehr einer riesigen Menge Eiscreme:
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival Locarno (mehr dazu bereits hier). Der Filmemacher Samir Jamal Aldin kritisiert in der NZZ die Schweizer Filmförderung. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Filmplakatgestalters Joe Caroff, der unter anderem das ikonische 007-Logo geschaffen hatte. Besprochen werden Celine Songs RomCom "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal (Tsp), die Arte-Doku "Wim Wenders: Der ewig Suchende" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (Welt).
"Die 'Swinging Sixties' haben viele Gesichter", schreibt Jenni Zylka in der taz, doch "in seins schaute man besonders gern". Er war "einer der energetischsten britischen Schauspielrebellen jener Zeit. Der im Londoner East End aufgewachsene 'Cockney' Stamp, ein 'Blitz'-Überlebender mit verträumten Katzenaugen, zeigte früh sein enormes Schauspieltalent. Mit 24 wurde er für Peter Ustinovs 'Billy Budd' für einen Oscar nominiert, 1965 spielte er im vielleicht ersten echten Incel-Film 'The Collector' von William Wyler derartig verstörend einen pedantischen, isolierten Mann, der eine Frau entführt und sie schließlich sterben lässt, dass es einen schaudern lässt."
An der Seite der großen Monica Vitti sang er im Pop-Art-Eurospy-Fluff "Modesty Blaise" beim Verzehr einer riesigen Menge Eiscreme:
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival Locarno (mehr dazu bereits hier). Der Filmemacher Samir Jamal Aldin kritisiert in der NZZ die Schweizer Filmförderung. In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Filmplakatgestalters Joe Caroff, der unter anderem das ikonische 007-Logo geschaffen hatte. Besprochen werden Celine Songs RomCom "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal (Tsp), die Arte-Doku "Wim Wenders: Der ewig Suchende" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "The Twisted Tale of Amanda Knox" (Welt).
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