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05.08.2025. Die SZ erzählt eine Literaturgeschichte des Autounfalls. Die FAZ bringt ein dringendes Plädoyer für TimEllrichs Debütfilm "Im Haus meiner Eltern", der in der Mediathek des ZDF zu sehen ist. In Kiel betrachtet die taz Philip-Lorca diCorcias Porträts männlicher Prostituierter aus derr Reagan-Ära porträtierte. Die Theaterkritiker feiern Oliver Mommsen, der an der Komödie am Kurfürstendamm alle Charaktere von Tschechows "Onkel Wanja" verkörpert. Die SZ denkt mit Musik der Spice Girls darüber nach, wo die Neunziger feministisch so standen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Felix Stephan blickt für die SZ auf die Technik- und Mobilitätsgeschichte der Literatur aus Perspektive des Autounfalls: Camus, Sebald, Brinkmann, Fauser - sie und weitere kamen im Straßenverkehr ums Leben, kaum zu beziffern, was der Literaturgeschichte durch das Automobil verloren gegangen ist. Aber Unfälle haben auch befruchtend gewirkt, im Fall der Schriftstellerin Anna Seghers etwa, die einen Unfall in Mexiko schwerstverletzt dann doch überlebte: "Als sie Monate später wieder einigermaßen auf den Beinen war, schrieb sie die vielleicht schönste Erzählung, die in jenem Jahrzehnt überhaupt in deutscher Sprache verfasst wurde: 'Der Ausflug der toten Mädchen'. Der Abschied vom Leben, den sie gedanklich offenbar schon vollzogen hatte, ist in die Faserstruktur des Textes auf eine Weise eingewoben, deren seidige Feierlichkeit geradezu Sehnsucht nach der anderen Seite weckt. Nicht allzu lange vor dem Unfall hatte sie erfahren, dass ihre Mutter in einem KZ gestorben war, und danach kamen ihr nun all die Freundinnen aus ihrer Mainzer Schulzeit in den Sinn, die im achten Jahr der Nazi-Herrschaft ebenfalls schon nicht mehr lebten."
Außerdem: Yelizaveta Landenberger erzählt in der taz von ihrem Besuch im Museum der Schriftstellerin OlhaKobyljanska in Czernowitz. In den "Actionszenen der Weltliteratur erinnert Thomas Wegmann daran, als MaxFrisch einmal ein Schwimmbad baute. Besprochen werden unter anderem GuyDelisles biografischer "Für den Bruchteil einer Sekunde" über EadweardMuybridge (taz), GaeaSchoeters' "Das Geschenk" (NZZ) und IsabelAllendes "Mein Name ist Emilia del Valle" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bedeutend zurückgenommener als die zeitgleich im Pariser Centre Pompidou stattfindende Wolfgang-Tillmans-Ausstellung (unser Resümee) erscheint die Schau, die das Haus Cleff dem Fotografen derzeit in seiner Heimatstadt Remscheid ausrichtet, bemerkt Lars Fleischmann (taz), der hier von Tillmans die Geschichte der Stadt Remscheid erzählt bekommt: "Er zeigt ihre Industrie, ihre Maschinen, ihre Arbeiter. Sinnlich und stofflich inszeniert er Schutzkleidungen, glühende Metalle, meterhohe Sägeblätter der ortsansässigen Firma Lennartz. Nah, aber nicht menschelnd, geradezu beiläufig wirken seine farbsatten Aufnahmen aus einer Produktionshalle der Montanfabrik Dirostahl. Ein Arbeiter schaut mit zusammengekniffenden Lippen und müden Augen in die Kamera, hat sich scheinbar gerade erst zu ihr hingewandt, sein Gesichtsschutz ist nach hinten geklappt, sitzt wie die goldene Mitra eines Bischofs über seinem Kopf. Tillmans' Dokumentarismen werden beständig durch seine Werbeästhetik hopsgenommen, manchmal meint man, die Fotografien entstammten einer Image-Kampagne des Bundeswirtschaftsministeriums für die Industrienation Deutschland, hätten die Bilder nicht auch ihre Ambivalenz."
Philip-Lorca diCorcia: "Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30". Haus der Photographie/Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg.
Frank Keil atmet indes in der taz auf, die Kunst von Nan Goldin mal wieder jenseits von BDS-"Getöse" zu sehen - und zwar in der Stadtgalerie Kiel, die in der Ausstellung "High Noon" Fotografien von Goldin, ihren langjährigen Wegbegleitern David Armstrong und Mark Morrisroe sowie von Philip-Lorca diCorcia zeigt, "der mit der Goldin-Clique nie etwas zu tun haben wollte, weshalb er für die Mehrzahl seiner Bilder einen separaten Raum bekommen hat. Dass er am Ende auf eigene Weise doch dazu gehört, sieht man, schaut man seine Serie über männliche Prostituierte in Los Angeles an, für die er 1992 ein Stipendium bekam. Das wiederum war an eine Bedingung geknüpft: Er dürfe von dem Geld keine so genannten obszönen Bilder erschaffen - es war das Zeitalter des Ronald Reagan. Doch diCorcia wusste sich zu helfen: Vordergründig bekleidet, offenbaren seine Protagonisten sorgsam inszeniert ihr Innerstes, dazu nüchtern der Name, der Ort, der Preis pro sexuelle Dienstleistung. Schlicht ikonisch sein Bild 'Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30', weit mehr als ein visuelles Marilyn-Monroe-Zitat..."
Weitere Artikel: Mit Blick auf Meditationsräume und Achtsamkeitsübungen in Museen geht Astrid Mania in der SZ äußerst skeptisch der Heilkraft von Kunst nach.
Jenny Schily in "Das Haus meiner Eltern" (ZDF) Heike Hupertz findet es in der FAZ (online nachgereicht) nur schwer verständlich, dass das ZDF "Im Haus meiner Eltern", TimEllrichs Debütfilm, "absurderweise zu nachtschlafender Zeit ins lineare Programm gesetzt hat". Zum Glück gibt es heutzutage ja Mediatheken, die zeitsouveränen Zugriff gestatten. Den braucht es auch, denn dieser "aufregende" und "in distanzierendem, oft statuesk wirkendem Schwarz-Weiß" gedrehte Film über eine Familie, in die sich ein Fall von Schizophrenie schleicht, "verlangt wacheKonzentration. Den reduzierten Zimmerschauplätzen, Kamerablicken, die nur starre Teilsichten erlauben, entspricht der Stillstand in der hier gezeigten Familie." Der Regisseur, "der auf eigene Familienerfahrungen zurückgreift und den Film, so heißt es, im eigenen Elternhaus gedreht hat, erzählt mit ungewöhnlichem Blick von der zwangsläufig großen Belastung und der meistens festgefahrenen Familiendynamik, wenn ein psychotisch erkranktes Familienmitglied Hilfe verweigert und sein Selbsterhaltungstrieb abgestorben scheint." Dieser Film "nimmt auf TV-'Sehgewohnheiten' keine Rücksicht und zeigt Schizophrenie wünschenswert neu".
Weiteres: Irene Genhart stimmt im Filmdienst auf das Filmfestival Locarno ein, das morgen beginnt. Besprochen werden der auf Netflix gezeigte, südafrikanische Heist-Sechsteiler "Marked" (in der taz verspricht Florian Schmid einen "streckenweise sehr unterhaltsamen Krimi") sowie Delphine und MurielCoulins vorerst nur in Österreich startendes Drama "Mit dem Feuer spielen" über einen Vater, dessen Sohn sich radikalisiert (Standard).
Das vorläufige Opernhaus auf dem früheren NS-Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das dem Staatstheater als Ersatzspielstätte dienen soll (unsere Resümees), solange das historische Opernhaus in der Innenstadt saniert wird, macht Fortschritte, meldet die FR mit dpa: "Bühne, Orchestergraben und Zuschauerraum sind in dem Rohbau nach gut acht Monaten Bauzeit schon erkennbar." In der FAZ skizziert Lennart Laberenz am Beispiel eines jahrelangen Baustopps in der Ossietzkystraße in Berlin-Pankow, wo Innenhöfe nachverdichtet werden sollen, weshalb es mit der Nachverdichtung in deutschen Städten nicht vorwärts geht: Bürokratie, verschobene Zuständigkeiten und aufeinanderprallende Interessen von Bewohnern und Politik verhindern den Bau. Im Tagesspiegel erzählt Nikolaus Bernau die Geschichte des Berliner Fernsehturms, dessen Grundstein vor sechzig Jahren gelegt wurde und der in der DDR als repräsentative "Höhendominante" gedacht war und im Westen zunächst weitgehend ignoriert wurde.
Szene aus "Vanya". Bild: Franziska Strauss Nachtkritikerin Esther Slevogt ist überrascht: Dass Tschechows "Onkel Wanja" so gut funktioniert, wenn alle Charaktere als Variationen derselben Figur von einem einzigen Schauspieler gespielt werden, liegt nicht nur an der Version "Vanya" des britischen Dramatikers Simon Stephens und der Inszenierung von Felix Bachmann, der das Stück für die Komödie am Kurfürstendamm inszenierte, sondern auch an Oliver Mommsen: "Mit spielerischer Leichtigkeit schaltet Mommsen zwischen den Figuren hin und her, schafft immer wieder - fast pantomimisch - intensive Szenen, etwa wenn Michael und Helena sich kurz näherkommen. Es gibt komische, tragische und dramatische Momente. Manchmal scheinen sich die Stimmen der Figuren fast vom Körper dieses Schauspielers zu lösen. Dann schweben sie einfach im Raum - wie die weißen dünnen Hemdchen, die anfangs noch geisterhaft an einer Leine auf der Bühne hängen." In der FAZ schwärmt auch Irene Bazinger: "Alles ist da, alles ist eins: Als wären die Zuschauer in Tschechows Kopf gelandet, der sich "Onkel Wanja" ausdenkt und vor seinem inneren Auge skizzenhaft ablaufen lässt." Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl die Inszenierung.
Barbara Behrendt nutzt die Spielzeitpause in der taz, um bei dem Neuropsychologen Eugen Wassiliwizky nachzufragen, weshalb auf der Bühne, etwa bei Milo Rau oder Florentina Holzinger, so häufig mit Schockmomenten, Angst und Ekel, statt mit positiven Emotionen gearbeitet wird: "Erstens, so Eugen Wassiliwizky, machen wir gern intensive Erfahrungen. Ohne die Künste, ohne Geisterbahnen und Achterbahnen, die extreme Situationen im Safe Space simulieren, könnten wir selten so tiefgreifend erleben. Zweitens: 'Negative Erfahrungen werden intensiver verarbeitet.' Biologisch macht das Sinn, da das Lernen aus negativen Erfahrungen unser Überleben sichert."
Weitere Artikel: In der SZ kann Egbert Tholl das Jugendprogramm der Salzburger Festspiele, etwas David Böschs Inszenierung "Musketiere", nur dringend empfehlen. Besprochen werden außerdem die Wiederaufnahme von Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (FAZ) und Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" bei den Salzburger Festspielen mit Marionetten von Georg Baselitz, inszeniert von Matthias Bundschuh (FAZ).
Progressive Rock im Frankreich der Siebziger: Heldon (Bild: Bureau B / Heldon) RichardPinhas hat in den frühen Siebzigern bei Lyotard promoviert, ein Kumpel von Deleuze war er auch. Und mit seiner Band Heldon zeigte er den zeitgenössischen Krautrockern jenseits des Rheins mit seiner "total singulären" Musik, wie man in Frankreich die verschwurbelte Teutonen-Transzendenz auf den Boden der Tatsachen holt, freut sich Diedrich Diederichsen in der taz, nachdem das Label bureau b einen weiteren Schwung alter Heldon-Platten wiederveröffentlicht hat und damit an eine Wiederveröffentlichung vor ein paar Jahren (unser Resümee) anschließt. "Die flächigen oder extrem repetitiven Klangdome und Katarakte suggerieren hier eben nichts Geistiges, sich aus dem Körper herausverflüchtigende Transzendentalien, sondern sind eben gerade körperlich und materiell. Hier steppt der Cyborg. Ihre Dehnungen, Schwellungen und Zuckungen sind das Ergebnis des ständigen Mit- und Gegeneinanders von Programmierung und Empfindung - und schließlich deren Ineinanderübergehen. Pinhas' Projekt, an dem er nun schon so lange festhält, beschäftigt sich entlang all der rhizosphärischen, chronolytischen - und was da an Deleuze orientierten Neologismen in seinem Werk sonst noch flimmert - Affekte mit dem Projekt einer Körpermusik, wie das im Rest der Welt erst in den 1990ern denkbar wurde."
Sara Peschke hält in der SZ überhaupt nichts davon, wie die in den Neunzigern auf junge Frauen geradezu befreiende Wucht der Spice Girls heute insbesondere aus feministischer Perspektive zunehmend skeptisch als bloß eskapistischer Tand gesehen wird: "Popmusik soll ja auch unterhalten, erfreuen und zerstreuen", zudem helfe es, sich noch "einmal bewusst zu machen, wo die Neunziger feministisch sonst so standen - und weshalb 'Wannabe' aus späterer Sicht vielleicht nicht besonders progressiv ist, aber damals trotzdem einiges für junge Menschen getan hat. ... Bei allem Schimpfen über Stereotypisierung, Sexualisierung und Kommerzialisierung der Spice Girls: Sie fanden die richtige Ansprache, um eine neue Generation mit feministischem Rüstzeug auszustatten; mit einfachen Botschaften ermutigten sie junge Frauen dazu, sich nicht zu verstecken, sondern hör- undsichtbar zu sein. Etwas, das akademische Diskurse eher selten in dieser massentauglichen Unmittelbarkeit schaffen."
Außerdem: Corina Kolbe berichtet vom Menuhin-Festival in Gstaad, das sich in diesem Jahr dem Thema "Migration" widmet. Philipp Schröder resümiert in der FAZ das Bardentreffenin Nürnberg, dessen Titel kaschiert, dass es sich um ein Weltmusikfestival handelt und dass das Programm in diesem Jahr sehr weiblich ist: "Der Liedermacher ist, zumindest in diesem Jahr, nicht mehr nur der Mann mit Bart, UkuleleundMundharmonika, sondern vor allem eine Liedermacherin."
Besprochen werden MarkStewarts postum veröffentlichtes Album "The Fateful Symmetry" ("In teilweise atemberaubend schönen Songs zelebriert Stewart die Absurdität der Schicksalhaftigkeit des Lebens", schreibt Max Dax in der FR), ein Auftritt von DeeDeeBridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Rockmusik, darunter ein neues Album von PharaohOverlord ("klingt so, als ob deutsche Magic-Mushroom-Experten mit Synthies und Noisegitarre bewaffnet mit einem schweren Kater im Studio stehen und nach einer Tagesstruktur suchen würden", schreibt Christian Schachinger im Standard).
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